Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Gabriela Acquaviva Gisler: «Frauen können eine Glatze tragen und sind trotzdem feminin!»
  • Gesellschaft
Weil Glatze auch feminin sein kann. Wir trafen Gabriela Acquaviva Gisler auf einen Latte Macchiato im «Mardi Gras». (Bild: ida)

Die Luzernerin ist «Switzerland's next Topmodel» Gabriela Acquaviva Gisler: «Frauen können eine Glatze tragen und sind trotzdem feminin!»

8 min Lesezeit 2 Kommentare 12.01.2020, 11:08 Uhr

Gabriela Acquaviva Gisler bezeichnet sich als ein Alien, mag «übertriebene» Kleider und setzt mit ihrer Glatze ein Statement. Dabei war die 23-jährige Gewinnerin von «Switzerland’s next Topmodel» nicht immer so selbstsicher, wie sie heute ist.

Obwohl die 1,75 Meter grosse Frau mit ihren knallroten Lippen und dem kahlgeschorenen Kopf aus der Masse sticht, sehen wir uns zu Beginn beim abgemachten Treffpunkt am Luzerner Bahnhof nicht. Aber nur, weil wir an zwei verschiedenen Ecken warten.

Nach zehn Minuten leuchtet eine WhatsApp-Nachricht von ihr auf meinem Handydisplay. Und da sehe ich Gabriela Acquaviva Gisler: Mit ihrem bodenlangen Diesel-Daunenmantel, den Buffalo-Plateau-Turnschuhen, dem knielangen weissen Hemd und der knallgelben Tasche. Dem schmalen, zarten Gesicht und dem Haar, das Gabriela Gisler im Millimeterschnitt trägt.

Wir laufen vorbei am Triumphbogen, ins «Mardi Gras» in der Kleinstadt. «Ich mag die Vibes hier, das Flair, das mich an Paris erinnert», sagt sie und bestellt sich einen Latte Macchiato mit laktosefreier Milch. Sie erzählt, wie sie im Bus sass, jemand das «Friday Magazine» in den Händen hielt, von der Frau auf der Titelseite zu ihr blickte und irritiert wieder aufs Cover. «Ja, ich bin’s, Leute!», sagt sie, lacht und zündet sich eine Zigarette der Marke Marlboro Gold an. Vor Kurzem gewann Gabriela Gisler die TV-Show «Switzerland’s next Topmodel».

Wenn sie spricht, zieht sie ihr Gegenüber in den Bann – der vorbereitete Fragenkatalog bleibt erstmals links liegen.

Sie versteckte, wer sie ist

Doch so selbstbewusst war die 23-Jährige nicht immer. In der Schule wurde sie von Anderen ausgelacht, weil sie sich «anders» anzog, ihre Haare «anders» stylte. Schon als sie zur Schule ging, experimentierte sie mit verschiedenen Kleidungsstilen. Sie zog die Kleider ihrer Mutter an, trug den Oversize-Blazer in der Schule.

Sie fand das cool – die anderen rundum guckten sie schief an. «Ich versteckte lange, wer ich wirklich bin», sagt Gabriela Gisler. Bis sie von Agenturen gefragt wurde, ob sie nicht Lust hätte, zu modeln.

– «Ich dachte so: Was – ich? Und dann: Stopp, Gaby, vielleicht ist das dein Weg. Es sind zu viele Signale.»
– «Was meinst du mit Signalen?»
– «Schon als ich 12 Jahre alt war, wurde ich auf das Modeln angesprochen. Und das in einem Einkaufszentrum in Brasilien.»

Gabriela Gisler reizte es, sie posierte das erste Mal vor einem Fotografen. Sie war aufgedreht, tanzte vor der Kamera, konnte so sein, wie sie wollte. Das kam gut an. Sie lernte, auf ihre Persönlichkeit stolz zu sein. «Und plötzlich fanden es auch die anderen cool, wenn jemand anders ist.»

Ihr Vater war zu Beginn skeptisch

Im Hintergrund des «Mardi Gras» läuft Jazzmusik, Gabriela Gisler spielt mit der Kordel ihrer Kapuzenjacke. Nachrichten poppen auf ihrem Handy auf – Likes auf Instagram. Whatsapp-Nachrichten. Doch sie schaut nur in den ersten zehn Minuten des insgesamt dreistündigen Gesprächs kurz abrupt aufs Handy. Immer näher beugt sie sich zu mir, erzählt mit klarer Stimme aus ihrem Leben.

Ihre Mutter, gebürtige Brasilianerin, pushte sie immer bei ihrer Modelkarriere. Der Vater war zu Beginn skeptisch. Gabriela Gisler hatte aber ihren eigenen Kopf. Nachdem sie die Berufsschule als gelernte Detailhandelsfachfrau abgeschlossen hatte, sagte sie zu ihrem Vater: «Schau, ich bin alt genug, habe alles gemacht, was ich musste. Jetzt möchte ich das machen, was ich will. Wenn es nicht klappt, weiss ich: ‹Gaby, das ist nicht dein Weg.›» Heute steht er voll und ganz hinter seiner Tochter, unterstützt sie.

Sie spricht in der dritten Person über sich

Gabriela Gisler meditiert, sie sei ein spiritueller Mensch. Mit ihrer besten Freundin Stella redet sie über Numerologie. Sie legen Tarotkarten, beschäftigen sich mit «Dingen aus anderen Dimensionen». Sie zeigt ihr Tattoo: japanische Schriftzeichen. Das ist ihr «Ikigai». Zu Deutsch heisst das etwa: «Der Sinn des Da-Seins.»

Als Model war sie 2017 und 2018 in Shanghai, Seoul und Mailand unterwegs. Japan wäre eine ihrer Wunschdestinationen, die japanischen Denkweisen gefallen ihr. «Ikigai» bedeutet, herauszufinden, was das Leben für einen wertvoll macht. «Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, sehe ich mein Ikigai und denke: ‹Wir wissen, was wir machen›.»

– «Ich rede manchmal in der dritten Person zu mir. Gaby ist mein Inneres und ich bin ich als Mensch.»
– «Und was unterscheidet dich von Gaby?»
– «Wir müssen zusammenarbeiten. Ich bin meine Seele und mein Körper. Es ist mir wichtig, mit mir und Gaby zu kooperieren. Wir machen uns kaputt, wenn wir uns nicht absprechen.
– «Wann würdest du dich kaputtmachen?»
– «Viele fragen mich zum Beispiel, wie ich mich fit halte. Im Moment mache ich gar nichts. Und das ist okay. Weil ich spüre: Gaby und ich haben gesagt, wir mögen gerade nicht.»

«Zu fett»

In China hat sie das Modelleben kennengelernt – auf die harte Weise. Am ersten Tag wurde sie an neun Castings geschickt, sie ergatterte sich keinen einzigen Job.

«Wir waren 20 Mädchen, mussten uns alle in eine Reihe stehen. Alle reden nur Chinesisch. Die Kunden zeigen mit dem Finger auf dich und gucken dich schief an.»

Wegen einer chronischen Darmkrankheit nahm sie ein paar Kilos zu, wog etwa 56 Kilo. Bei ihrer Körpergrösse völlig im normalen Bereich. Sie musste fünf Kilo in einer Woche abnehmen, hiess es. «Und die Asiaten sagen dir das nicht auf eine nette Art. Sie zeigen auf dich und sagen: ‹Du bist fett, nimm ab.› Ich weinte, fühlte mich wie der unschönste Mensch auf Erden.»

Taffes Business

Gabriela Gisler wurde unsicher. War es das Richtige? Sie begann zu realisieren, wie das Modelbusiness läuft. Dass sie solche Aussagen noch dutzende Male hören wird. Dutzende Absagen von Kunden bei Castings erhalten wird. Dass sie immer auf ihr Äusseres achten muss. «Als Model bist du austauschbar», sagt sie.

Doch ist sie nicht selbst Teil dieses oberflächlichen Systems? Gabriela Gisler nickt. Das müsse man verstehen – weil die Modewelt eben so tickt. Auch wenn heute auf dem Catwalk mehr Diversität akzeptiert wird, bestehen die Ideale 90-60-90 nach wie vor. «Man soll sich aber nicht verbiegen und in diese Ideale einzwängen.»

Die Modewelt ist längst mehr keine Welt voller Glitzer, Pailletten und Glamour. «Viele Asiaten denken, dass du als Model nichts wert bist.» Models werden mit Escorts verwechselt, erhalten Anfragen von Businessmännern, die Models als eine Begleitung für einen Abend, eine Nacht buchen wollen.

Gabriela Gisler schüttelt bestimmt den Kopf. Sie erzählt von Fotografen, die aufdringlich werden, den Models das Blaue vom Himmel versprechen – wenn man mit ihnen intim werde. Sie erzählt von Designern, Fotografen und Models, die vor ihren Augen eine Linie Kokain zogen.

Die Mutter rief um halb drei Morgens an

Die Kunden in Asien seien nicht darauf eingegangen, ob man hungrig oder müde ist. «Ich arbeitete 17 Stunden am Tag. Du musst einfach abliefern.» Ist das nicht krank? Doch, sagt Gabriela Gisler. Aber sie kannte nichts anderes. Rund acht Monate war sie unterwegs. Bis sie völlig ausgelaugt war. Anfang 2018 machte sie eine Pause, buchte sich einen Flug nach Brasilien, um ihrer Mutter nachzureisen.

– «Zu Beginn stellte ich mich bei den Castings unsicher in die Reihe. Mit der Zeit bin ich in die Reihe gestanden und dachte: ‹Hey, ihr bucht mich, weil ich so bin, wie ich bin.›»

Während des Gesprächs leuchtet ihr Handy auf: Ein Anruf ihrer Mutter. Gabriela Gisler sieht das zwar erst, als wir vom «Mardi Gras» aufbrechen, um draussen ein paar Fotos zu machen. Sie hat eine enge Beziehung zu ihren Eltern, sagt sie. Sie leben getrennt, seit sie etwa fünf Jahre alt ist. «Meine Mutter rief mich um halb drei Uhr morgens an, als ich in Asien war. Nur um zu sagen, dass wir uns heute noch nicht gehört haben und ob alles okay ist.»

Mehr als ein hübsches Gesicht

Heute will sich Gabriela Gisler für die Akzeptanz und Anerkennung von Models einsetzen. Models würden schnell abgestuft werden. Immer wieder werde sie mit Fragen konfrontiert, was sie denn hauptberuflich macht, womit sie ihr Geld verdient, von anderen von oben nach unten gescannt werden. «Als Model ist man mehr als nur ein hübsches Gesicht» sagt Gabriela Gisler. «Jeder Mensch ist sein eigener Brand.»

Sie pendelt zwischen Luzern und Zürich – dem Wohnort ihrer Mutter und ihres Vaters. «Ich mag dieses Patchwork-Ding.» Sie sei dadurch viel reifer geworden. Und hat dadurch wohl auch ihren eigenen Kopf.

– «Ich wollte mir immer meine Haare schneiden! Aber das durfte ich nicht.»
– «Weswegen nicht?»
– «Als Model hast du deine Modelmappe, gefüllt mit deinen Fotos. Du kannst nicht einfach deinen Look ändern, weil, dann brauchst du eine komplett neue Mappe. Die Kunden wollen vielleicht nicht mehr mit dir arbeiten, weil ihnen dein neuer Look nicht gefällt.»

Ihre Haare wurden immer kürzer

Als sie vor mehr als einem Jahr den Vertrag mit ihrer Agentur kündete, schnitt sie sich tags darauf ihre Haare. Zuvor noch schulterlang, waren sie nur noch wenige Zentimeter lang.

«Ich war so glücklich», sagt Gabriela Gisler. «Wenn du beginnst, dich nicht mehr mit anderen zu vergleichen, tun das auch andere nicht mehr.»

Sie wurde ans Casting von «Germany’s Next Topmodel» eingeladen – ein Jahr später an dasjenige der Schweiz. Gabriela Gisler lehnte ab. Sie dachte, dass sie mit solchen TV-Shows nichts am Hut hat. Ihrer Mutter ging’s gesundheitlich nicht gut, sie wollte für sie da sein. «Deine Familie hast du nicht zweimal.» Bis ein Jahr später ihre beste Freundin Stella sie zur Teilnahme ermutigte.

Sie ist ein «Alien mit Glatze»

Gabriela Gisler zündet sich eine neue Marlboro an. Bläst den Rauch in Richtung Decke, führt die Zigarette mit der flachen Hand erneut an ihren roten Mund. Erzählt, wie sie dieses Jahr alles auf «Switzerland’s next Topmodel» gesetzt hat.

Vor dem Finale schnitt sie sich einen Millimeterschnitt – obwohl das eigentlich nicht geplant war. Ob es den anderen gefällt, war ihr egal. «Schlussendlich muss ich mir selbst gefallen.»

– «Viele verbinden kurze Haare mit Krankheiten oder einem Break-Up.»
– «So wie Britney Spears damals?»
– «Ja, weisst du, wie viele mich gefragt haben, ob ich jetzt auf Frauen stehe? Dabei ist das nur mein Erscheinungsbild, mein Display.»
– «Hat die Glatze eine Bedeutung für dich?»
-«Ja. Es ist ein Statement. Ich will zeigen, dass Frauen eine Glatze tragen können und trotzdem feminin sind.»

Gabriela Gisler bezeichnet sich selbst als «Glatze mit Alien». In Asien sei sie wegen ihrer aufgedrehten Art von vielen aufgezogen worden, sie sei «so weird wie ein Alien». Gabriela Gisler streckt ihren Hals, zeigt das tätowierte Alien darauf. Heute ist es ihr Markenzeichen.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 820 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

2 Kommentare
  1. Noli77, 27.03.2020, 14:41 Uhr

    Sieht toll aus! Habe ich auch mal gemacht und gleich den Kopf mit einem Watercolor Tattoo schmücken lassen. 😉

  2. martin ulrich, 12.01.2020, 19:24 Uhr

    Um den Film zu kennen, ist Acquaviva Gisler vielleicht zu jung, aber: diese Frisur bei Frauen gefällt mir vermutlicherweise und lustigerweise genau wegen dem Film, der auch Alien heisst, und wo Sigourney Weaver sie trug. Was mir weniger gefällt sind Dinge wie Daunen und Milch. in dem Alter schon ein Bewusstsein dafür zu haben, ist evtl bisschen viel verlangt, aber : Die meiste Schönheit kommt meines Erachtens von innen heraus, vom Wesen, und ich fänd sie grad noch sympathischer, wenn sie ihre wachsende Prominenz für eine nachhaltigere und ethischere Welt nutzen würde.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.