Gabor Kantor: «Luzern braucht ein selbstverwaltetes Kulturzentrum»
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Gabor Kantor, Kulturförderer und Musikliebhaber, in seinem Musik-Forum. (Bild: Marc Benedetti)

Besitzer des Musik-Forums tritt ab Gabor Kantor: «Luzern braucht ein selbstverwaltetes Kulturzentrum»

5 min Lesezeit 26.09.2013, 05:59 Uhr

Gabor Kantor schliesst sein Musik-Forum am Mühleplatz in Luzern. Damit geht Ende Februar nicht nur eine Fundgrube für Ethno-Musik und modernen Jazz verloren, sondern eine kulturelle Institution. Der Laden war immer auch Konzertlokal und Treffpunkt, sein Besitzer galt weitherum als Vaterfigur der lokalen Musikszene. Ein Porträt.

Wer zu Gabor Kantor will, muss zuerst einmal eine steile Treppe hinauf. Sein CD-Laden befindet sich im ersten Stock der Liegenschaft Mühleplatz 5, über dem Goldschmied Langenbacher. Das hat einen bestimmten Grund: «Meine Geschäfte waren immer im ersten Stock, das ist günstiger als das Erdgeschoss», erklärt Kantor.

Der Mühleplatz ist der vierte Standort des Musik-Forums innert 37 Jahren, nach der Buobenmatt, der Furrengasse und der Weggisgasse. Und es wird der Letzte sein. «Ich habe schon fünf Jahre überzogen und werde im nächsten Jahr 70», sagt Kantor. Mit zunehmenden Alter und abnehmendem Umsatz sei es langsam Zeit aufzuhören, fügt der gebürtige Ungar verschmitzt lächelnd hinzu.

Damit verliert Luzern auch eine Institution. Bei Musikliebhabern ist Kantor nicht nur für sein Fachwissen bekannt. Im Musik-Forum treten auch regelmässig Musiker auf. Die Gigs mit improvisierter Jazzmusik heissen «Donnerstags-Konzerte». Nach seiner öffentlichen Ankündigung vor einigen Wochen, den Laden schliessen zu wollen, erhielt er rund 100 bedauernde Reaktionen. «Ich bin ein sozialer Mensch, der sich für Kultur interessiert», beschreibt er sich bescheiden. Er steht nicht gerne im Mittelpunkt.  Ein freundlicher, gelassener Musikliebhaber, der nach wenigen Minuten das Du anbietet.

2010 den Gast-Kulturpreis erhalten

Wer ist der Mensch, der in den letzten 40 Jahren viel bewegt hat in der Luzerner Kulturszene? 2010 erhielt Gabor Kantor den Gast-Kulturpreis von Kanton und Stadt Luzern. Daniel Huber, damals Präsident der Wettbewerbskommission beim Bildungs- und Kulturdepartement, habe zuvor ein Donnerstags-Konzert besucht. «Das hat mich wahnsinnig gefreut. Ich war bewegt, in meinem Alter eine solche Auszeichnung zu erhalten», erinnert sich der Preisträger. Mit dem Preisgeld, 15’000 Franken, gönnte er sich unter anderem eine Bali-Reise.

Reisen, den Horizont erweitern, das Interesse für fremde Kulturen und Menschen, ist neben der Musik ein wichtiger Fixpunkt in seinem Leben. Das hat schon früh begonnen – wenn auch unfreiwillig. Die Flucht mit seinen Eltern aus Ungarn war 1956 Gabor Kantors zweite, grosse Reise und bescherte ihm gleich eine neue Heimat.

Geboren wurde Gabor Kantor mitten im Krieg, 1944, in der ehemaligen Tschechoslowakei. Mit drei Jahren zog die Familie nach Ungarn, in die Stadt Sopron (Ödenburg). Die Stadt ragt wie ein Sporn in österreichisches Staatsgebiet und ist zweisprachig. «Ich hörte die für mich fremde deutsche Sprache und war fasziniert», erinnert sich Kantor. Aus Interesse lernte er mit zehn Jahren bereits in Ungarn Deutsch. So konnte er seinen Eltern anfangs in der Schweiz  beim Einkaufen oder auf Ämtern helfen.

Eigentlich wollte die Familie nach Australien statt in die Schweiz. «Wir hatten keine Ahnung von beiden Ländern, machten aber einen Riesenterror, als mein Vater uns erklärte, er habe uns in der Schweiz angemeldet.» Heute sei er «gottenfroh», hier zu leben. Die Ungarn seien damals in Luzern gut empfangen und behandelt worden. «Die Rolle der bösen Ausländer hatten damals die Italiener.»

Popkonzerte mit dem bekanntesten Luzerner Jazzmusiker

Gabor Kantor lernte Hochbauzeichner und arbeitete kurz in diesem Beruf, bevor er anfing mit seinem Musikladen. Musik hat ihn sein ganzes Leben begleitet. «In Ungarn spielte ich Waldhorn und Klavier.» Von seinem ersten Lohn habe er sich dann eine elektrische Gitarre gekauft und später einen Bass. Eine Zeitlang machte Kantor selber Popmusik, unter anderem mit Christy Doran. Der irisch-schweizerische Gitarrist gilt als einer der bekanntesten Luzerner Jazzmusiker.

Jahrzehnte hat sich Kantor vor und hinter den Kulissen des Musik-Forums für die Luzerner Kulturszene eingesetzt. Er war im Vorstand des ersten alternativen Luzerner Kulturzentrums Rägäbogä an der Zürichstrasse, Präsident des Sedels («unsere legendäre illegale Bar hat der Stadtrat später legalisiert»), war im Vorstand der «Schüür», und Revisor des Kulturzentrums Boa. Von 1995 bis 1999 präsidierte Kantor die IG Kultur.

Gegen Stadt-Land-Graben gekämpft

Was hat sich in der Zwischenzeit alles kulturell verändert? «Die grösseren Orte im Kanton Luzern haben kulturell enorm aufgeholt. Es gibt heute überall viele kleine Theater und Kulturorte, die einen Besuch wert sind, beispielsweise den Kulturkeller Schtei in Sempach», sagt Kantor. Damit sieht er ein wichtiges Anliegen von ihm erfüllt. Nämlich dass nicht nur die städtische Kultur allein, sondern auch Kulturschaffende aus der Region gefördert werden.

Die heutige Kulturszene bezeichnet er als «bunt und lebendig», als Ort der Veränderung und Entwicklung. Als Beispiele dafür nennt er die Industriestrasse, das Gelbe Haus für Künstler und Kulturschaffende am Reussport, die Stiftung Akku in Emmen oder kleinere Kunstgalerien.

Wunschlos glücklich also? Keineswegs. Es fehle ein selbstverwalteter, eigenständiger Kulturbetrieb. «Es müsste doch möglich sein, wie früher in der Boa eine alte Fabrikliegenschaft zur Verfügung zu stellen. Ich habe das Chaotische dort geschätzt.»

Totalausverkauf beginnt

Bergtöne-Label bleibt

Weiterführen wird Gabor Kantor sein Label Bergtöne. Unter diesem Label sind Musiker aus verschiedenen Alpenländern von der Schweiz bis nach Slowenien, die einheimische und moderne Musik kombinieren. Unter dem Label läuft zum Beispiel die Musik des Luzerners Albin Brun mit seinem «Alpin Ensemble».

Oder die Gruppe «firau» mit ihrer «Latin-Ländler-Musik»: Die Zutaten sind Schottisch, Walzer, Mazurka und Polkamelodien, unterlegt mit Rhythmen aus Brasilien und Kuba, und ergänzt durch eine grosse Portion Improvisation. Auf der Homepage sind Proben zu hören.

Im Februar nächsten Jahres wird Kantor seinen Laden schliessen. Im Oktober startet der Ausverkauf. Fünf Monate bleiben noch, am Mühleplatz vorbei zu schauen und in seiner CD-Sammlung zu forschen. Vom Pop hat sich Kantor schon lange verabschiedet, den modernen Jazz ab den 1950-er-Jahren hat er behalten. Dazu gekommen ist später die Ethno-Musik, für die Kantor heute vor allem bekannt ist. In alphabetisch angeschriebenen Kartonschachteln von A bis Z oder Afghanistan bis Zypern, findet man Musik, die es kaum noch sonst zu kaufen gibt. Albanische Chorgesänge, traditionelle französische «Fidlermusik» vom Lande oder Rai aus verschiedenen arabischen Ländern, um nur einige Beispiele zu nennen.

Seine Stammkunden wird Kantor von zuhause aus weiter betreuen, die Konzertverkäufe fortsetzen und die Donnerstags-Konzerte will er ebenfalls nicht aufgeben. Sie werden einfach an einem anderen Ort stattfinden. «Angebote habe ich einige», sagt der Kulturorganisator, «das Interesse der Musiker ist ebenfalls vorhanden.»

Er selbst will künftig mehr Zeit für sich selber haben, ab und zu ein Konzert besuchen und viel, viel lesen. Denn neben Musik fasziniert ihn «Ethno-Literatur». Zum Beispiel alle Bücher des Algerier-Franzosen Albert Camus. Sein Lieblingsschriftsteller ist aber der im Juli verstorbene ägyptische Nobelpreisträger Nagib Mahfuz. «Die Figuren aus dem Leben, die er beschreibt, faszinieren mich.» Generell interessiert er sich für das Unspektakuläre und Authentische. «Das Leben einer einfachen Frau aus Mazedonien finde ich viel spannender als jeden Hollywoodblockbuster.»

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