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Funker mit Hut und Souler mit Brille gingen unter die Haut
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  • Rezension
Souler und Stilikone: der Amerikaner Curtis Harding. (Bild: Marco Masiello)

Blue Balls: Seelenkraft von Jones und Harding Funker mit Hut und Souler mit Brille gingen unter die Haut

4 min Lesezeit 23.07.2019, 11:18 Uhr

Zwei leidenschaftliche Sänger, ein berührender Abend: Keziah Jones, der Mann aus Nigeria, führte im Trio lautstark vor, dass sein «Blufunk» immer noch zieht. Und dann kam erst Curtis Harding, der neue coole Soulman aus Amerika.

«I say it loud: I’m black. And I’m proud.» James Brown sagte das 1968 laut, dass er schwarz und stolz war. Das Bekenntnis zur Soul-Power ist lange her, und damals musste der Afroamerikaner mit gereckter Faust hinstehen und sich für seine Schwarzenmusik stark machen, die ihm Weisse wie Elvis und die Stones erfolgreich abgekupfert hatten. 

Dass sie schwarz und stolz sind, müssen die beiden Musiker des Montagabends am Blue Balls Festival zum Glück nicht mehr singen. Denn Brown, Ray Charles, Marvin Gaye oder Prince haben ihnen lange schon den Weg bereitet. Und die beiden unterschiedlichen Sänger können locker auftreten, mit knackigem Hüftschwung das Publikum betanzen und vor allem: eine funkige und soulige Musik machen, die unter die Haut geht.

Und wie das fägte, diese Seelenkraft von Jones und Harding! Da war zuerst Keziah Jones, der vor acht Jahren das letzte Mal am Blue Balls sang. Ein schmächtiger Afrikaner aus Nigeria, einem Land, das mit 190 Millionen Menschen das siebtgrösste der Welt und reich an Bodenschätzen ist, aber immer noch gegen Korruption, Spekulanten und Ausbeutung ankämpft. 

Sohn eines Stammeshäuptlings

Sade und Fela Kuti sind grosse nigerianische Musiker, und eben: Keziah Jones. Sein Vater war ein Stammeshäuptling, der junge Keziah lebte in einer anderen Welt: Er hat sich in die Welt des Comic-Superhelden Captain Rugged (wild) geflüchtet, um daraus in einer rohen Welt Kraft zu schöpfen. Aussenseitertrauma, Ghettoerfahrung. Auf seinem letzten Album mit diesem Titel «Captain Rugged» hat Jones sich an die düstere Jugend erinnert. Und nach einer stagnierenden Karriere endlich wieder seine Stimme erhoben. 

Kleiner Jimi Hendrix: der Nigerianer Keziah Jones. (Bild: Marco Masiello)

Die war am Montag auf der Bühne laut und mächtig. Dazu zeigte der Mann mit Hut, dass er topfit ist: Keziah Jones’ Sixpack schimmerte in der offenen Jacke immer verschwitzt durch. Und seinen Blufunk genannten Stil – ein Mix aus Blues, Funk, Rock und Afrobeat – hat er immer noch gut drauf, auch wenn er seit sechs Jahren kein Album mehr gemacht hat. 

Liebe zum Rhythmus

Und der 51-Jährige zeigte stolz, was er seit 1992 mit seinem perkussiven und kernigen Gitarrenspiel tut: zum Tanzen animieren. Und das mit einer knackigen Rohheit an den Instrumenten, die aber doch einen grossen Sound erzeugt. «Rhythm is Love» hiess sein Abschiedssong, und bei seiner Liebe zum Rhythmus hätte man sich noch gerne lange mit ihm bewegt.

Klassisches Rocktrio: Keziah Jones ganz links. (Bild: Marco Masiello)

Denn sein klassisches Rocktrio – Gitarre, Bass, Drums – entwickelte einen unglaublichen Sog: Ein Sound zwischen Jimi Hendrix und Fela Kuti, bei dessen Mix auch ein hektisch geslapptes «All along the Watchtower» von Meister Dylan bestens Platz fand. Der Funker mit Hut ist zurück, gut gealtert. Er möge bald wiederkommen.

Erinnerung an jungen Kravitz

Ein Newcomer ist endlich einmal bei uns in der Schweiz: Curtis Harding, zwar auch schon 40, aber mit einem musikalischen Spätstart: Er hat zwei äusserst respektable Platten abgeliefert: «Soul Power» (2014) und «Face your Fear» (2017). Auch er singt vorwiegend von Liebe, aber überdies von seinen Ängsten. Die versteckt er allerdings hinter einer hippen Sonnenbrille mit Steinchen-Blingbling. 

Singt von Liebe und Ängsten: Curtis Harding. (Bild: Marco Masiello)

Man möchte Harding mit dem jungen Lenny Kravitz vergleichen: Als der mit seinem «Let Love Rule»-Album vor genau 30 Jahren plötzlich aus dem Nichts auftauchte und zur Welteroberung ansetzte, war der ähnlich cool und leidenschaftlich.

«Meine Musik ist wie mein Kleiderstil: querbeet.»

Curtis Harding, Musiker und Stilikone

Curtis Harding aus Michigan war schon früh von der Musik inspiriert: Schon als Kind sang er im Gospelchor und spielte Schlagzeug. Aussenseitertrauma, Ghettoerfahrung. Später zieht er nach Atlanta und gründet eine Rap-Gruppe. Dort lernt er das Hip-Hop-Duo Outkast kennen, deren Songs er remixt. Für Sänger Cee-Lo Green arbeitet er als Background-Sänger und Songwriter. 

Trotz Soundproblemen: Dieser Band könnte die Zukunft gehören. (Bild: Marco Masiello)

Ursprünglich wollte Harding Meeresforscher werden, aber er war nicht besonders fleissig und hat lieber Basketball gespielt und Lieder geschrieben. Gut so, ihm könnte die Zukunft gehören, auch wenn sein Bassist den ganzen Abend mit Soundproblemen kämpfte und Harding nie den direkten Blick in die Augen gönnte.

Aber der Souler mit Brille zeigte: Er ist sehr gut bei Stimme, äusserst charismatisch. Und zudem eine Stilikone, die schon für Saint-Laurent-Kampagnen Model stand. «Meine Musik ist wie mein Kleiderstil: querbeet», sagt Harding. Das macht ihn interessant.

Schwarz und stolz ist er obendrein. 

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