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«Für uns interessiert sich sowieso niemand»
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Kaum ist man auf Zürcher Boden, schon beginnt die liederliche Wirtschaft. (Bild: wia)

Sihlbrugg, Zugs ungemütlicher Rockzipfel «Für uns interessiert sich sowieso niemand»

8 min Lesezeit 26.07.2016, 12:00 Uhr

Sihlbrugg ist Niemandsland. Kein richtiger Ort und erst recht kein Dorf. Hier verschmelzen vier Gemeinden, ein Zug hält schon lange nicht mehr am Bahnhof. Eine Velofahrt vom Schlachthof übers Motel bis zum Ex-Puff.

Sihlbrugg, das ist da, wo die Autobahn nicht mehr weiss, was sie soll, und darum einfach aufhört. Zerrissen von zwei Kantonen und vier Gemeinden. Baar, Neuheim, Hirzel und Hausen am Albis teilen sich den seltsamen Flecken Erde, der für die meisten Leute nur Durchfahrtstrasse ist. Lieblos reihen sich hier Industriebauten und Büros aneinander. Planlos, so scheint es. Und das kümmert auch niemanden. Wohnen tut hier sowieso kaum einer, abgesehen von den Bauern auf den umliegenden Hügeln.

Ich will mich vertraut machen mit der Gegend und folge der Devise, dass man etwas zu mögen beginnt, wenn man sich nur innig genug damit befasst. Darum rauf aufs Velo, von Baar aus gilt es erst, die fast hundert Höhenmeter zu bodigen, die Sihlbrugg von seiner vergleichsweise städtischen Nachbarin trennt. Nur schon geografisch hat es Sihlbrugg schwer, liegt es doch in der Talsenke, zu weiten Teilen umgeben von Wald. Und dort, wo kein solcher steht, wächst ein grosser Sperrgutberg aus der Erde.

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Nun denn. Walterswil, ich komme. Oder wo beginnt eigentlich dieses Walterswil? Und wo beginnt Sihlbrugg? Niemand scheint das so richtig zu wissen. Die International School lasse ich rechts liegen, derzeit ist Ferienzeit, alles ist still. Keine Mamas in dicken Autos, die ihre Kinder nach Hause bugsieren wollen, keine vollen blauen Schulbusse.

Da sitzt ein Metzger am Computer

Es ist fast 18 Uhr, die Industriebetriebe am Fuss der Baarburg stehen ziemlich verlassen da. So auch der Schlachthof. Kein Mensch, kein Licht, kein Quieken von Schweinen. Moment. Da sitzt ein Metzger am Computer. Ich klopfe, er öffnet das Fenster und grüsst. Sofort steigt mir Wurstduft in die Nase. Nein, geschlachtet werde seit dem frühen Nachmittag nicht mehr, erklärt der junge Mann, der sich später als Urs Meier vorstellt. Er ist hier Chefmetzger und willigt ein, mir den Betrieb zu zeigen. «Aber eben, es ist nichts mehr los», erklärt er entschuldigend. Und ich atme auf.

Fährt man im stockenden Kolonnenverkehr gen Sihlbrugg, fällt einem rechterhand der Schlachthof auf.

Fährt man im stockenden Kolonnenverkehr gen Sihlbrugg, fällt einem rechterhand der Schlachthof auf.

Alles ist sauber, die Lager- und Verarbeitungsräume sind angenehm kühl. Anders im Raum, in dem effektiv geschlachtet wird. Hier ist es schwül und warm, meine Brille läuft an. Es riecht nach Blut. «Wir beginnen normalerweise um fünf Uhr morgens mit der Arbeit», sagt Meier. «Heute war ich aber schon um drei Uhr hier.» Ob seine Tage immer so lange sind? «Nein, nein», erklärt er schnell, «der Chef ist in den Ferien, darum bleibt einiges an Arbeit liegen.» Und vor halb acht Uhr morgens werde man am wenigsten gestört. Meier geht, während er noch redet, zu einer Stahltür, öffnet diese. Dahinter hängen ganze, ausgenommene Schweine, und irgendetwas Blutiges, das ich mir nur aus dem Augenwinkel anzugucken traue.

Ein Foto machen darf ich nicht. «Bei solchen Dingen muss man vorsichtig sein», erklärt er. Überhaupt sei es wichtig, den Respekt vor den Tieren zu wahren, so Meier. Er wirkt nicht abgebrüht, nur sehr realistisch. Durchaus komme es vor, dass es den Bauern schwerfalle, die eigenen Tiere schlachten zu lassen. «Die sagen dann, sie könnten nie dabei sein, und gehen immer gleich wieder», so der Metzger. Für ihn ist das kein Thema. «Ich bin damit aufgewachsen, mein Vater war Metzger.»

Echte Blumen im Mc Donalds

Ich entlasse Meier in den nahenden Feierabend und beschliesse, mich in den Mc Donalds zu setzen. Wer tummelt sich denn hier alles? Besonders aufregend ist das Publikum nicht, vielmehr entspricht es dem durchschnittlichen Fast-Food-Freund. Der Handwerker, der nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht mehr kochen mag. Eine ausländische Familie, ein Paar auf der Durchreise. Ein Mann, der zurück zur Theke geht und etwas scheu erklärt, dass bei seinem Cheeseburger der Brötchendeckel fehlt.

«Es wäre doch perfekt, wenn nun Asylbewerber hier herkommen könnten und ich stattdessen irgendwo ein neues Leben beginne.»

Ursula Röllin, Motelbetreiberin

Ich schlürfe Cola – «klein» heisst hier offenbar vier Deziliter – und staune, dass tatsächlich echte Nelken die Tische zieren. Zeit, weiterzuradeln. Ins «Motel Sihlbrugg» genaugenommen, das aus den 50er-Jahren stammt und bereits ziemlich in die Jahre gekommen ist.

Genug vom Motelbetrieb

Der Betrieb hat in letzter Zeit mehrmals lokale Aufmerksamkeit erreicht. Dies, weil deren Besitzer die Liegenschaft als Asylzentrum umnutzen wollen. Gerade liegt der Ball beim Kanton. «Und es dauert», erklärt Ursula Röllin, die Besitzerin des Motels. Es ist, als hätte das Betreiberpaar auf mich gewartet. Ich werde hineingebeten, wir setzen uns und Röllin erklärt: «Ich habe dieses Motel nun dreissig Jahre geführt. Darum dachte ich mir, es wäre doch perfekt, wenn nun Asylbewerber hier herkommen könnten und ich stattdessen irgendwo anders ein neues Leben beginne.» Ihr reiche es nämlich langsam mit dem Motelbetrieb, und von den Kindern wolle ihn auch niemand übernehmen.

Ursula Röllin und Roger Landtwing sind die Besitzer des Motel Sihlbrugg. Womöglich aber nicht mehr lange.

Ursula Röllin und Roger Landtwing sind die Besitzer des Motel Sihlbrugg. Womöglich aber nicht mehr lange.

(Bild: wia)

Heute wohnen vor allem Arbeiter wochenweise hier. Touristen kämen immer weniger. So wenige, dass der Betrieb seit einigen Jahren während der Wochenenden geschlossen bleibe. «Das Dorf hat sich verändert», wirft Röllins Lebenspartner Roger Landtwing ein. Er ist ursprünglich aus Walterswil. «Bis vor 20 Jahren gab es hier noch eine Post. Doch dann kam immer mehr Industrie, alles wurde in gewissem Sinne planlos aufgebaut.» Das klingt frustriert. «Naja», erklärt Röllin, «wir sind am äussersten Gemeindezipfel. Darum interessiert sich sowieso niemand für uns.» Das zeige sich auch jetzt wieder. So hätten die Motelbetreiber sich sofort auf den Aufruf des Kantons gemeldet, Asylplätze zur Verfügung zu stellen. «Die Gemeinde Baar scheint sich jedoch überhaupt nicht auf diese Möglichkeit einlassen zu wollen», wirft Röllin ein. «Das verstehe ich überhaupt nicht.»

Bordelle gibt’s sonst schon genug

Meine nächste Station liegt im Kanton Zürich und ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Station. Der Bahnhof Sihlbrugg ist seit geraumer Zeit nicht mehr in Betrieb, das Einzige, was hier floriert, ist der Kitcat-Club. Der Besitzer ist zwar nicht vor Ort, gibt mir aber am Telefon Auskunft. Und dort werde ich erst einmal aufgeklärt: «Die Leute haben das Gefühl, wir seien einfach ein Puff, das stimmt aber so gar nicht», erklärt der Betreiber, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Hübsch sieht es aus, das «Waldhüüsli» in Sihlbrugg Station, das heute Kitcat-Club heisst – «und kein Puff ist».

Hübsch sieht es aus, das «Waldhüüsli» in Sihlbrugg Station, das heute Kitcat-Club heisst – «und kein Puff ist».

(Bild: wia)

Vielmehr kämen Leute in den Club, die einfach einen guten Abend verbringen möchten mit Musik, Drinks und Unterhaltung. «Einige kommen einfach nur, um ein paar Stunden Rock’n’Roll zu tanzen. Klar, wir haben zwar Girls, aber die meisten von denen lassen sich gar nicht auf Sex ein. Und die, die es tun, machen das auf eigene Rechnung und haben Freude an ihrem Job. Die haben also niemanden im Hintergrund, der Geld abzwackt.»

«Wir sind kein Puff. Zu uns kommen eher ältere Leute, die den Abend geniessen und einmal abschalten wollen.»

Betreiber des Kitcat-Clubs

Und, läuft der Laden? «Entgegen der Wirtschaftslage läuft es eigentlich ganz gut. Wir sind aber auch eher ein gehobeneres Lokal, das nicht auf Hunderte Kunden pro Abend angewiesen sind. Zu uns kommen eher ältere Leute, die den Abend geniessen und einmal abschalten wollen.» Richtige Bordelle, so der Clubbetreiber, gäbe es bereits zuhauf. Darum decke man im Kitcat-Club bewusst eine Nische ab.

Auf der Seite sexdrive.ch findet der Kitcat-Club jedenfalls Anklang.

Auf der Seite sexdrive.ch findet der Kitcat-Club jedenfalls Anklang.

(Bild: Screenshot www.sexdrive.ch)

Der Betreiber verabschiedet sich mit dem Hinweis, ich solle doch mal vorbeikommen und mir das anschauen. Das wäre nur schon architektonisch interessant. Denn der Architekt dieses «Waldhüüslis» ist niemand Geringeres als Jacques Gros, der Erbauer des Grand Hotel Dolder in Zürich.

Spielt heute noch jemand Bowling?

Zurück geht’s nach «Sihlbrugg Dorf», wie dieses etwas ironisch wohl genannt wird. Noch ein Lokal möchte ich abklappern. Den Nachtclub «Dukes», wo manch einer seine halbe Jugend verbrachte, lasse ich aussen vor, ebenso das Hotel Krone, das zwar hübsch gelegen ist, von dem man sich aber dennoch wundert, wer denn hier in den angepriesenen «Verwöhnzimmern» nächtigen will.

Nein, meine letzte Station ist das «Cherry Bowl». Das zwar genauso verdorben klingt wie der «Kitcat-Club», in der jedoch nur züchtig Bowling gespielt wird. Und das schon seit 34 Jahren. Denn ich will es wissen: Gehen die Menschen selbst in der Pokemon-Go-Zeit noch Bowling spielen? Ich trete in die ewige Schummrigkeit des Lokals ein, es riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch. Tatsächlich. Der eine oder andere tummelt sich hier. Eine gutgelaunte Familie retourniert gerade vier paar Mietschuhe, drei Teenager spielen sich den Donnerstagabend tot. Sie seien bloss alle paar Monate hier, lasse ich mir sagen. Ein Jugendlicher setzt zum Strike an, die Kugel rollt, naja. Fast. Zwei Pins bleiben stehen. Aber nicht sehr lange. Der Junge hat Talent.

Die meisten Bowlingbahnen bleiben heute zu, in der Halle ist es ziemlich ruhig. Den drei Teenagern, die hier den Abend verbringen, scheint das nichts auszumachen.

Die meisten Bowlingbahnen bleiben heute zu, in der Halle ist es ziemlich ruhig. Den drei Teenagern, die hier den Abend verbringen, scheint das nichts auszumachen.

(Bild: wia)

Eine weitere Bahn ist besetzt, sieht nach Kleinfirmenausflug aus. Der Rest der Halle ist leer. So auch die vielen Billardtische, die gänzlich verlassen sind. Wie ich mir von einer Mitarbeiterin sagen lasse, spüre man die neue Autobahn durchs Säuliamt. Dadurch käme etwas weniger spontane Kundschaft vorbei.

Ich gebe Fersengeld. Und finde Sihlbrugg nach wie vor seltsam. Dieser Ort, an dem es zwar einen Bahnhof gibt, an dem jedoch schon lange kein Zug mehr gehalten hat. Es scheint, als habe es dieses vermeintliche Dorf schon lange aufgegeben, überhaupt jemandem gefallen zu wollen. Ich beschliesse, das so zu akzeptieren, und fahre nach Hause.

 

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