Für Ruhm und Ehre liessen Zuger im 17. Jahrhundert Dutzende Hexen töten
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Im 17. Jahrhundert kämpften der Politiker Georg Sidler und Beat Zurlauben jahrelange um den Sitz im Rathaus. (Bild: Montage wia /Wikipedia)

Zuger nutzten die Hexenverfolgung für ihre Zwecke Für Ruhm und Ehre liessen Zuger im 17. Jahrhundert Dutzende Hexen töten

5 min Lesezeit 1 Kommentar 26.01.2020, 11:45 Uhr

Wie fast überall in der Schweiz waren auch in Zug vor wenigen Hundert Jahren Hexenverbrennungen an der Tagesordnung. Nicht nur das: Besonders dreiste Politiker nutzten die Hinrichtung unschuldiger Menschen gar zur Verbesserung ihrer Reputation. Und das durchaus erfolgreich.

Es lässt sich nicht schönreden. Der Kanton Zug war euphorisch mit dabei bei den Hexenverfolgungen, welche Europa in der Frühen Neuzeit, also vorwiegend zwischen 1450 und 1750, heimsuchten (zentralplus berichtete).

Rund 200 Frauen und Männer wurden in Zug allein im 17. Jahrhundert hingerichtet, wie damalige Dokumente belegen.

Die Gründe waren mannigfaltig. So wurden Menschen etwa bezichtigt, am Hexensabbat, dem nächtlichen Teufelstanz, dabei gewesen zu sein oder böse Wetter heraufbeschworen zu haben, etwa nach einem Hagelsturm. Doch auch geringere «Vergehen» reichten schon für eine Anschuldigung. So wurden im Jahr 1660 20 Prozent der «Hexen» wegen Geschlechtsverkehr angeklagt.

Luis Ricardo Faleros Gemälde «Hexen auf dem Weg zum Sabbat»

Einmal angeschuldigt, war die Chance gross, dass «Hexen» auf dem Scheiterhaufen oder der Richtstätte landeten, wo sie entweder geköpft oder gehängt wurden.

Betrachtet man die damaligen Zahlen genauer – wie es etwa die Zuger Historikerin Miriam Wismer-de Sepibus in ihrer Masterarbeit 2012 getan hat – fällt eine Zahl besonders auf.

Der Graben zwischen Stadt und Land war gross

Um die damalige Sachlage zu verstehen, lohnt es sich, sich die Begebenheiten zu vergegenwärtigen: Der Stand Zug war nämlich ein schwieriger, insbesondere da es in der Neuzeit zu Kämpfen zwischen Stadt und Land kam. 

Zwar gab es Familien von hohem Rang, die gebildet und auch international tätig waren, wie etwa die Zuger Familie Zurlauben. Diese war etwa auch am französischen Hof präsent. Gleichzeitig fehlte es, so schreibt Wismer-de Sepibus, im restlichen Stand Zug gänzlich an Humanismus, Aufklärung und einer Auseinandersetzung mit dem herrschenden Zeitgeist sowie der Rezeption im juristischen Bereich. Traditionen und Bräuche wurden nicht in Frage gestellt.

Die Beziehung zwischen dem Inneren (Zug und Ennetsee) und Äusseren Amt (Baar, Ägeri, Neuheim und Menzingen) war entsprechend angespannt.

«Um die Stimmung zu heben, organisierte Zurlauben Hexenprozesse.»

Miriam Wismer-de Sepibus, Zuger Historikerin

So verrückt es klingt: Konsequente Hexenjagd konnte einem Amtsträger da die nötige Hebelwirkung verschaffen, wie an verschiedenen Beispielen erkennbar wird.

Beat II. Zurlauben fungierte zwischen 1633 und 1635 zum ersten Mal als Ammann. In dieser Zeit liess er 24 Hexen hinrichten. Der Ruf seiner Familie hatte anfangs der 1630er-Jahre gelitten, als nur noch wenige Gelder aus Frankreich nach Zug flossen. Was tat der damalige Ammann dagegen? «Um die Stimmung zu heben, organisierte Zurlauben Hexenprozesse», stellt Wismer-de Sepibus lakonisch fest. Denn tatsächlich schienen Hinrichtungen nahezu wie Feste gefeiert zu werden.

Fünf Jahre später hatte sich die Familie wieder in der Elite des Standes etabliert. Dasselbe Spiel wiederholte Zurlauben wenige Jahre später in seiner zweiten Amtszeit.

Sidler versus Zurlauben – ein langer Machtkampf

Georg Sidler, der zwei Jahrzehnte später Ammann werden sollte, hatte es deutlich schwerer, sich Rang und Namen zu verschaffen. Die Macht war in Zug auf wenige Familien verteilt, die Sidlers gehörten offenbar nicht dazu, auch wenn sie wohlhabend gewesen sein dürften und geschickt in gute Familien (etwa die Trinklers) einheirateten.

Sidler und Zurlauben waren bekanntermassen verfeindet. Sidlers dezidiertes Ziel war es, in die herrschende politischen Elite aufzusteigen. Es dürfte kein Zufall sein, dass Sidler in den 1630ern, als Zurlauben in Verruf geraten war, seine ersten politischen Schritte unternahm.

Auch im Frühling 1650 – im Jahr seiner Amtszeit – scheint Sidler die damals vorherrschende Missstimmung gegenüber Zurlauben ausgenutzt zu haben. Erneut ging es um ausbleibende Gelder aus Frankreich.

Sidler erzwang den Sieg mit Gewalt

Siedlers Wahl verlief übrigens spektakulär. Denn sowohl Beat II. Zurlauben als auch Georg Sidler kandidierten für das Amt des Ammanns. Ein Wahlkampf mit fraglichen Methoden, versuchten die Kandidaten doch mit dem Verschenken von Geld und Gegenständen, die Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Bei der Wahl im Rahmen der Landsgemeinde erreichten beide Kandidaten gleich viele Stimmen. Jedenfalls, bis im Rathaus noch einmal genau nachgezählt wurde und dort festgestellt wurde, dass Zurlauben eine Stimme mehr hatte.

Es kam zu Tumulten und Schlägereien, Protestierende erklärten, nur Sidler als Ammann akzeptieren zu wollen. Wenig später versammelte sich ein Mob vor dem Rathaus und drohte, dieses zu stürmen. Darauf bat die Regierung Zurlauben, «dem Frieden zu liebe Sidler den Vorzug zu gewähren», so fasst Wismer-de Sepibus zusammen. Was denn auch geschah. Sidler wurde unrechtmässig zum Ammann erkoren.

Der Etablierte gegen den Hemdsärmligen

«Der tumultös verlaufende Machtwechsel vom politisch erfahrenen und weit über die Standesgrenzen hinaus bekannten Zurlauben zum hemdsärmligen Sidler im Jahr 1650 scheint die Verfolgungsbereitschaft noch einmal drastisch erhöht zu haben», schreibt Philippe Bart im Buch «Hexenverfolgungen in der Innerschweiz 1670-1754».

Dies zeigt der Fall Sidler eindrücklich. Einmal an der Macht, «versuchte Sidler seine Position und die seiner Familie weiter auszubauen und zu festigen. Das rigorose Durchgreifen gegenüber vermeintlichen Hexen zu Beginn seiner Amtszeit wird ihn im Amt weiter legitimiert sowie die Kapuziner befriedigt haben», schreibt Wismer-de Sepibus in ihrer Arbeit. Letztere nämlich unterstützten Sidler, ausserdem wünschten sie sich mehr Einfluss in Zug.

Während in anderen Jahren im 17. Jahrhundert schätzungsweise weniger als zehn Hexen verurteilt wurden, schlägt das Jahr 1660, in dem Sidler das Zepter in der Hand hielt, mit sage und schreibe 35 Hinrichtungen oben aus.

Die Idee der Hexenjagd musste fix auf der Liste des neugewählten Ammanns Sidler gestanden haben, schreibt Wismer-de Sepibus. Dies nicht zuletzt, da er umstritten gewesen sei und seine Position habe sichern und stärken müssen. Dafür starben während seiner Amtszeiten insgesamt 65 Menschen. Zum Vergleich: In Peter Trinklers zwei Amtszeiten (1644 bis 1646 und 1653 bis 1655) wurden «nur» gerade fünf Menschen als Hexen veruteilt.

Überhaupt flauten die Hexenverfolgungen Ende des 17. Jahrhunderts vorerst ab. Nach einer letzten Hexenjagd-Welle in den 1730ern nahm dieses finstere Kapitel Zuger Geschichte ein definitives Ende.

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1 Kommentare
  1. ram dass, 26.01.2020, 15:49 Uhr

    Die Macht schreckt vor blutigen Bauernopfern nicht zurück. Solange es der egozentrischen Machtsicherung oder der egomanischen Machterweiterung dient.Gestern nicht, heute nicht und auch in Zukunft nicht!

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