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Rückwärts inszeniert mit viel schwarzem Humor
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Die alte Dame, gespielt von Delia Meyer. (Bild: Luzerner Theater)

Rezension Luzerner Theater: «Der Besuch der alten Dame» Rückwärts inszeniert mit viel schwarzem Humor

3 min Lesezeit 08.09.2019, 11:29 Uhr

Der Besuch der alten Dame. Nicht umsonst Pflichtlektüre in jedem Gymnasium. Das Werk von Dürrenmatt, am Luzerner Theater neu inszeniert von Angeliki Papoulia und Christos Passali, zeigt unbeschönigt, wie sehr das Thema Käuflichkeit nach wie vor Bedeutung hat.

Dass in dieser neuen und mit grosser Ungeduld und Neugierde erwarteten Luzerner Inszenierung von Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» die Geschichte auf der Bühne mit dem Ende beginnt, macht am Anfang alle ein wenig perplex: Die Leiche von Alfred Ill ist schon da, eben vorbereitet, um im Sarg weggetragen zu werden.

Gewiss fragt man sich, ob es auf diese Weise möglich sein wird, die starke Spannung zu erreichen, die in diesem nunmehr 60 Jahre alten Stück des Schweizer Autors so wichtig ist. Glücklicherweise merkt man aber sofort, dass auch in dieser Inszenierung die Spannung nicht nur da, sondern sogar immer im Crescendo ist; und dies obwohl alles ja schon passiert ist.

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Von zentraler Bedeutung für die zwei griechischen Regisseure Angeliki Papoulia und Christos Passali ist nicht so sehr die gnadenlose Suche nach Gerechtigkeit und Rache der Protagonistin Claire Zachanassian und auch nicht ihre Motivation, sondern die drastische Verwandlung der auf den ersten Blick so gütigen Leute, die langsam, aber überlegt und systematisch, zum kollektiven Mord kommen.

Wie konnte das passieren? Wie konnte es zu dieser geplanten, schrecklichen Tötung kommen? Ja, man kennt schon alles, man ist schon am Anfang mittendrin in diesem zynischen, ja brutalen Stück, und das Einzige, was man wissen will, ist, wie es möglich gewesen ist, dass man einen Menschen so schnell zum Sündenbock macht und sein Leben einfach für Geld opfert, sei es auch für den exorbitanten Betrag von einer Milliarde Euro.

Raus mit der Kultur – aber richtig!

Das Luzerner Theater inszeniert nicht nur Stücke, sondern setzt auch den öffentlichen Raum neu in Szene. Mit der «Café-Bar Güllen» macht die Kulturinstitution einen Schritt auf die Bevölkerung zu (zentralplus berichtete). Auch zentralplus macht dabei mit und lädt am Dienstag, 10. September, ab 19 Uhr zum geselligen Podium mit Diskussion. Gäste diskutieren mit dem Publikum darüber, wie die öffentlichen Orte die Stadt Luzern prägen: Sind es die grossen Events? Oder doch eher die überraschenden Nischen? Wie präsentiert sich Luzern an seinen öffentlichen Orten? Und wie könnte sie dies anders machen? Die Gäste: Mario Lütolf (Stadt Luzern), Catherine Huth (Kulturschaffende), Ronya Enzmann (B-Sides) sowie Benedikt von Peter (Luzerner Theater). Dienstag 10.9., ab 19 Uhr. Podium zwischen 19.30 und 21 Uhr, die Bar schliesst um 22 Uhr. Der Eintritt ist frei. Moderation: Jonas Wydler (zentralplus).

Und dies im ruhigen, abgelegenen «Güllen», wo einmal sogar Goethe übernachtet und Brahms ein Quartett komponiert hatte. Mit viel Humor entwickeln die Regisseure ihr Konzept (Bühne: Christos Passalis, Mitarbeit Bühne: Simon Sramek, Kostüme: Vasilia Rozana, Licht: David Hedinger-Wohnlich), und damit ihre Idee vom Noir, eigentlich vom Film noir (omnipräsentes Video: Julia Bodamer). Mit dem gleichen schwarzen Humor, den Dürrenmatt benutzt, um die Käuflichkeit der Leute zu zeigen, indem er einen grotesk/makabren, aber im Grunde auch logischen Wandel in der Gesellschaft einer kleinen Stadt beschreibt.

Ist Geld nicht alles für alle?

Ein allgemeingültiges, universelles Thema? Ist Geld nicht alles für alle? Dieses ist auch das international berühmteste Werk von Dürrenmatt, das Stück, das ihm merkwürdigerweise auch seine finanzielle Unabhängigkeit sicherte, indem es ihn zum Autor von Weltformat machte.

Nicht zuletzt die Leistung einer publikumswirksamen Schauspielerin wie Delia Mayer, bei uns bekannt als Kommissarin im Luzerner Tatort: mit einem Mix aus Härte und Melancholie, Entschlossenheit und Tristesse interpretiert sie die alte Dame des Titels.

Den Rachenengel, die Multimillionärin Claire Zachanassian, die nach vielen Jahren im fernen Ausland (am Anfang sogar im Hamburger Rotlichtviertel) in ihre kleine Heimatstadt zurückkehrt, um Rache – und was für eine grausame Rache – für eine sehr persönliche Verletzung zu nehmen.

Grosse Leistungen durch und durch

Eine grosse Leistung auch die von Fritz Fenne, der als Claires Jugendfreund Alfred Ill durch ihr Erscheinen wie vom Blitz getroffen zuerst, um sein Leben flehend nachher, dann seine Schuld zugebend und am Schluss sich mit unvermeidlicher Resignation seinem Schicksal ergebend.

Grossartig auch Lukas Darnstädt in der Rolle des Pfarrers (und von Roby), der der Faszination des grossen Geldes auch nicht widerstehen kann, sowie aller anderen Schauspieler: Nina Langensand als Telereporterin, Christian Baus als Bürgermeister, Julian-Nico Tzschentke als Lehrer, Wiebke Kayser als Polizistin, Antonia Meier als Ills Tochter/Koby, David Martinez Morente als Ills Sohn/Roby/Toby.

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