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«Für einmal fehlt die SVP»
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Die Diskussionsteilnehmer (v.l.): Irène Wyss (Soziale Dienste Asyl), Manuela Weichelt (Regierungsrätin), Röbi Koller (Moderator), Monika Mathers (Gemeinderätin) und Barbara Beck (Gemeinderätin). (Bild: pbu)

Flüchtlings-Diskussion in Menzingen «Für einmal fehlt die SVP»

5 min Lesezeit 15.04.2016, 05:00 Uhr

Schüler der Kantonsschule Menzingen haben sich während einer Woche intensiv mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt. Zum Abschluss gab’s eine Gesprächsrunde mit Zuger Politikern. Der Disput wollte dabei aber nicht so recht in die Gänge kommen, denn für einmal mangelte es an «Störenfrieden».

Er würde die Diskussionsrunde gerne in Schweizerdeutsch abhalten, sagte Moderator Röbi Koller gleich zu Beginn der Runde. Erfahrungsgemäss mache dies die Gespräche emotionaler und die Teilnehmer trauten sich eher, ihre kritischen Standpunkte zu vertreten, so der gestandene Radio- und TV-Moderator. Gesagt, getan. So wirklich emotional wurde die «Club-Runde» im Theatersaal «Maria vom Berg» in Menzingen am Donnerstagmorgen aber trotzdem nicht. Weder wurde hitzig debattiert noch kamen viele kritische Stimmen zu Wort.

Vielleicht war dies aber auch gar nicht beabsichtigt. Denn das Teilnehmerfeld liess bereits im Vorfeld erahnen, dass eine ausgeprägte Streitkultur nicht wirklich zu erwarten war. Die Kantonsschüler hatten zum Abschluss einer Woche, in der sie sich intensiv mit der Flüchtlingsthematik auseinandergesetzt hatten, zu einer Podiumsrunde eingeladen. Mit an Bord waren ALG-Regierungsrätin Manuela Weichelt, ALG-Gemeinderätin Barbara Beck, Irène Wyss vom kantonalen Sozialamt sowie CSP-Gemeinderätin Monika Mathers, die bei sich zu Hause anerkannte Flüchtlinge beherbergt.

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Projektwoche Kantonsschule Menzingen

Im Rahmen der diesjährigen staatsbürgerlichen Studienwoche «Polis» an der Kantonsschule Menzingen (KSM) fand am Donnerstag, 14. April 2016, um 9 Uhr, im Theatersaal «Maria vom Berg» eine «Club-Runde» zur aktuellen Flüchtlings- und Migrationsthematik, bezogen auf die Region Zug, statt. Der Anlass bildete einen Höhepunkt der traditionell durchgeführten Projektwoche für die dritte Klasse des Kurzzeitgymnasiums.

Vorab haben sich die Gymnasiasten während einer Woche intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Sie interviewten Zuger Politiker, drehten Werbespots, gestalteten Plakate und waren in der Asylunterkunft in Steinhausen zu Besuch.

Störenfriede willkommen

«Für einmal wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ein konservativer SVP-Politiker mit von der Partie wäre», meinte denn auch Röbi Koller inmitten des Gesprächsverlaufs. Kollektives Gelächter. Dabei hatte der Medienprofi das nicht ironisch gemeint. Ein «Störenfried» innerhalb der homogenen Gruppe hätte durchaus für etwas Pep sorgen können.

So blieb diese Aufgabe letztlich am Moderator hängen. Immer wieder versuchte Koller, die Gesprächsteilnehmer mit angriffigen Einwänden und Fragestellungen aus der Reserve zu locken. Mässig blieb dabei allerdings sein Erfolg. Dabei hätte die Thematik grundsätzlich einiges an Zündstoff geboten. Schliesslich ging es um die aktuelle Flüchtlings- und Migrationspolitik mit Fokus auf die Region Zug (siehe Box).

Keine Probleme in Zug?

Erste Diskussionspunkte: die konkrete Umsetzung der Asylgesetzgebung und die Integration der Asylsuchenden. Manuela Weichelt war diesbezüglich voll des Lobes: «Die Gemeinden leisten eine gute Arbeit. Alle helfen mit und zeigen sich kooperativ. Das trifft auch auf die Bevölkerung und insbesondere auf Vereinigungen wie die IG Menzingen zu.» Keine Probleme also? Moderator Koller hakte nach: «Müssen in Zug denn nicht auch die Daumenschrauben angezogen werden, damit die Flüchtlinge gerecht auf die Gemeinden verteilt werden?»

«Flüchtlinge in Villen, das geht einfach nicht.»

Manuela Weichelt, Regierungsrätin

Der Effort der einzelnen Gemeinden sei unterschiedlich, relativierte daraufhin Regierungsrätin Weichelt. «In der Gemeinde Walchwil zum Beispiel. Dort hat es viele Villen. Und Flüchtlinge in Villen, das geht einfach nicht.» Man wolle indessen am Verteilerschlüssel nach Einwohnerzahl festhalten. Auf keinen Fall solle den Gemeinden die Möglichkeit geboten werden, sich mit Zahlungen «freizukaufen», so die Regierungsrätin.

Die «Club-Runde» im Theatersaal «Maria vom Berg» in Menzingen.

Die «Club-Runde» im Theatersaal «Maria vom Berg» in Menzingen.

(Bild: pbu)

Fallbeispiel Gubel

Aus naheliegenden Gründen wurde der Fokus bald auf lokale Flüchtlingsunterkünfte gerichtet. Koller wollte von Barbara Beck wissen, ob es Probleme im Bundeszentrum Gubel gegeben habe. Diese verneinte: «Probleme hat es bisher keine gegeben. Höchstens ein paar Irritationen. Zum Beispiel wenn alkoholisierte Flüchtlinge junge Frauen angraben.» Für Beck ist klar: Kommunikation ist das A und O. Nicht nur mit den Asylsuchenden, sondern auch mit der hiesigen Bevölkerung.

Die Gemeinderätin machte ein Beispiel: «Ich habe im Vorfeld der Eröffnung des Gubels mit allen Bauern im Gebiet gesprochen. Ich sass bei ihnen zu Hause und redete über ihre Ängste und Befürchtungen.» Welche Ängste denn das waren, schaltete sich Koller ein. Beck: «Die Bauern hatten in erster Linie Angst davor, dass ihnen die Sachen aus den Scheunen geklaut werden. Bis jetzt ist aber kein einziges Stück abhanden gekommen.» Daraufhin Koller: «Das sind wahrscheinlich aber auch eher Sachen, die man nicht gebrauchen kann.» Gelächter im Saal.

Die «Club-Runde» im Theatersaal «Maria vom Berg» in Menzingen.

Die «Club-Runde» im Theatersaal «Maria vom Berg» in Menzingen.

(Bild: pbu)

Koordinierte Energie

So ging es weiter. Monika Mathers, die in ihrer Einlegerwohnung eine irakische Frau und deren Tochter beherbergt, erzählt aus ihrem Alltag. Der «speziellen» WG, die gar nicht speziell sei, wie Mathers betont, stattete zentralplus übrigens einen Besuch ab (hier geht’s zum Artikel). Die Kurzform: Mathers fand es eine gute Idee, die leer gewordenen Zimmer an Flüchtlinge zu vermieten, wandte sich an die entsprechende Behördenstelle, wäre auch bereit gewesen, einen Mann aufzunehmen, machte dann allerdings Bekanntschaft mit der Irakerin und ihrer Tochter.

«Es ist sehr einschneidend, wenn man seine eigenen vier Wände plötzlich mit traumatisierten Menschen teilen muss.»

Manuela Weichelt

Das sei natürlich ein Idealbild freiwilligen Engagements, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen sei allerdings nicht so einfach, wie es töne, meinte Regierungsrätin Weichelt. «Die Leute haben diesbezüglich eine idealisierte, romantische Vorstellung. Es ist aber schon sehr einschneidend, wenn man seine eigenen vier Wände plötzlich mit möglicherweise traumatisierten Menschen aus fremden Kulturen teilen muss.»

Und doch: Freiwilligenarbeit sei eine Energie, die man in Zug spüren könne. Es brauche aber Koordination, um diese Energie auch effektiv nutzen zu können, so das gemeinsame Fazit der Gesprächsteilnehmer. Der Kanton Zug sei gewappnet, auch für den Fall, wenn künftig wieder mehr Flüchtlinge in die Schweiz kommen sollten – dieses Bild wurde zumindest von den Anwesenden vermittelt. Ob Politiker anderer Couleur damit einhergehen, sei dahingestellt. Eine kritische Stimme zur aktuellen Zuger Flüchtlingspolitik hätte sicherlich für etwas mehr Belebung in der Runde gesorgt.

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