«Für die Kreativität braucht man Drogen»
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Lorenz Schaffner zieht von Beiz zu Beiz und verkauft seine Gedichtbüchlein. (Bild: Yasmin Billeter)

Luzerner Stadtpoet «Für die Kreativität braucht man Drogen»

5 min Lesezeit 31.03.2015, 15:33 Uhr

Lorenz Schaffner ist Autor und weit gereist in seinem Leben. In Luzern war der Drogensüchtige schon totgeglaubt. Nun wieder aufgetaucht, verkauft er seine Texte an belebten Orten. Die bewegte und nicht wirklich jugendfreie Geschichte des wohl letzten Junkie-Schriftstellers der Stadt.

Vorbei an Geschäften und Bäckereien, vorbei an den Menschen in den Bars, die sich zum Feierabend ein Bier genehmigen, tourt er durch Luzerns Strassen – auf zur nächsten Beiz. «Hallo, häsch du gern Gedecht? 32 Siite, sälber baschtlet, wotsch luege?» Lorenz Schaffner ist immer auf Zack, seine Stimme rauchig, seine Wortwahl irgendwo zwischen Gassenslang und Journalistendeutsch. Wir befinden uns im Sopranos, einem Café am Mühleplatz, einem der Orte, wo Schaffner sonst von Tisch zu Tisch geht und seine selbstgemachten Gedichtbüchlein verkauft.

Die Menschen zum Lesen bringen

Mit seiner Grösse, dem schwarzen Ledermantel und den verstrubbelten Haaren fällt der 47-jährige sofort auf. Manchem Luzerner dürfte er seine «Reiseverse» oder «Publikumsverse» in den vergangenen Monaten unter die Nase gehalten haben. «Ich bringe Menschen zum Lesen, die sonst nie gelesen haben», sagt er nicht ohne Stolz. Ausserdem könne er so «das Feld der Poesie verbreitern und seine Meinung postulieren».

Gewinner von Literaturpreis

Aufgewachsen in Horw bei Adoptiveltern in gutbürgerlichem Mittelstand, wo es Minigolf und Freunde mit Villen in Kastanienbaum gab, war es schon früh sein Traum, Schriftsteller zu werden. Nach der Handelsschule arbeitete Schaffner auf dem Bau, in der Druckerei und bei der Gassenarbeit. Er schrieb für verschiedene regionale Medien, machte PR und widmete sich eigenen Texten.

Der Gewinn des Zentralschweizer Literaturförderpreises 2004 bestärkte ihn in seinem Plan. Die Enttäuschung darüber, dass sein Kurzroman «1/2 Leben. Ein Bericht für die Ausplatzierungsberaterin» als Einziges der prämierten Werke nicht gedruckt wurde, steht ihm noch heute ins Gesicht geschrieben.

«Wenn niemand meine Sachen verlegen will, dann mache ich es halt selber.»

Lorenz Schaffner

Der Text, eine thrillermässig aufgeladene Reflexion über die Leistungsgesellschaft, war dem Verlag «zu negativ und depressiv». «Wenn niemand meine Sachen verlegen will, dann mache ich es halt selber», sagt Schaffner. Diesen und einen weiteren Roman hat er deshalb im Eigenverlag herausgegeben und persönlich verkauft.

Schliesslich hat er aufgehört für die Zeitungen zu schreiben und nur noch für sich und das Publikum auf der Strasse in die Tasten gehauen. Entstanden ist dabei oft Satirisches und Gesellschaftskritisches. Bis dann vor drei Jahren das Sozialamt kam und ihn in ein Beschäftigungsprogramm für Junkies stecken wollte.

Auf 150 Franken Nothilfe gekürzt

Schaffner bezieht seit 2008 Sozialhilfe. «Ich bin Autor, ich schreibe Bücher, ich verkaufe meine Kunst», sagte er denen. «Dass ich einen Job hatte, dass ich etwas mache, war klar», stellt er fest. Ihm wurde trotzdem die Nothilfe auf 150 Franken gekürzt. «Wenn ich hier nur noch 150 ‹Fränkli› bekomme, dann kann ich auch gleich verreisen», sagte er sich und packte im Frühsommer 2012 Rucksack, Schlafsack und 30 Stück seiner Kunstdrucke ein, die ihn bis nach Indien bringen sollten. Die Kunstdrucke haben sich jedoch ausserhalb der Schweiz nicht verkauft und so führte ihn seine Route über Italien nach Kroatien, Serbien, Mazedonien und schliesslich nach Griechenland.

Angst vor Suizid

Hier glaubte man derweil, Schaffner sei abgetaucht oder habe sich umgebracht. Von einigen Leuten und Medien verabschiedete er sich vor der Reise mit dem Gedicht «Adieu», das sich liest wie ein Abschiedsbrief eines leidenden Unverstandenen. Schaffner war zuletzt in Glyfada, einem luxuriösen Vorort Athens, mit Marmor, internationalen Marken und reichen Menschen. In einer Stunde konnte er sich dort 15 Euro «zusammenmischeln», was für Zigaretten, Kaffee und etwas zu Essen reichte. Geschlafen hat er am Strand.

Unerwartete Rückkehr

Die Erfahrung, «nicht mehr in der Bürgerlichkeit aufgehoben zu sein», war kein negatives Erlebnis, sondern «etwas total ‹Abgespacedes› und Anderes». Dauerhaft könne man so aber nicht leben und so hat er sich nach zwei Jahren bei der Schweizer Botschaft in Athen gemeldet, die ihm zurück nach Luzern verhalf. Das war letzten Herbst. In Luzern staunte man nicht schlecht, als Schaffner mit langen Haaren und Bart plötzlich wieder in der Stadt anzuteffen war. Seither düst er wieder mit Velo oder Kickboard von der Gassenküche zum Kopierapparat in der Zentralbibliothek, zu den belebten Plätzen und Orten wo er durch seine Gedichte – «die Ernte meiner Reise» – einen «Zustupf zur Sozialhilfe» erhält. Der Preis von neun Franken für ein Büchlein ist geschickt gewählt und so kommt’s, dass er seine Mails auf einem iPad checken kann.

Schaffner schreibt nicht etwa aus psychoanalytischen Gründen, sondern für das Publikum: «Es ist schön, dass die Leute etwas anderes zu sich nehmen als Campari, Café oder Zigaretten», sagt er und schaut etwas belustigt auf seine Getränke und den selbstgedrehten, filterlosen Stumpen. Er selbst habe ein entspanntes Verhältnis zum Konsum von Genuss- und Rauschmitteln und verweist bei der Frage auf das Gedicht «Götterpflanzen» in seinem aktuellen Büchlein:

Aus Schaffners neuer Gedicht-Serie «Publikumsverse»

Aus Schaffners neuer Gedicht-Serie «Publikumsverse»

«Kiffen und LSD-Konsumieren war normal»
Lorenz Schaffner, Stadtpoet

«Für die Kreativität braucht man Drogen», sagt Schaffner, der als «einer der letzten Hippies» aufgewachsen ist. Mit 15 Jahren fing er an mit Rauschmitteln zu experimentieren: «Kiffen und LSD konsumieren war normal», erinnert er sich. Seit da «nehme er alle Drogen, auch die Harten», sagt er. Ein Problem sei die Sucht nicht. «Das Problem haben die anderen», kontert er. Drogen seien in unserer Gesellschaft gleichbedeutend mit Schuldgefühlen. Dies vermittelten ihm auch seine Adoptiveltern, mit denen er heute keinen Kontakt mehr pflegt. Irgendwann habe er realisiert, dass er ohne Schuldgefühle auch keine Problem habe.

Es sei aber auch schon vorgekommen, dass die Dosis zu hoch war und er eine Pause brauchte. Diese verordnete er sich dann selbst in der geschlossenen Psychiatrie. Eine Zeit lang hat Schaffner dies jährlich so gemacht. Im Moment sei es nicht nötig. Für die Zukunft wünscht er sich, dass er endlich einen Verlag findet, der sein drittes Buch «Der Löwendenkmalpfleger», eine 300-seitige Satire über Luzern, herausgibt.

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