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Für Cham ist die Pavatex-Schliessung ein Schlag ins Gesicht
  • Wirtschaft
Das Pavatex-Werk in Cham. (Bild: wikipedia / Frank Schramm)

Gemeindepräsi Georges Helfenstein tief enttäuscht Für Cham ist die Pavatex-Schliessung ein Schlag ins Gesicht

5 min Lesezeit 08.01.2019, 19:18 Uhr

Vom Schliessungentscheid des Pavatex-Werkes wurden die Chamer Behörden böse überrascht. Georges Helfenstein (CVP) sagt, er sei davon ausgegangen, dass die Produktion im Traditionsunternehmen wieder zum Laufen käme. An die Besitzer von Pavatex hat er nun klare Forderungen.

«Das ist keine gute Botschaft, um ein neues Jahr zu beginnen», sagt Georges Helfenstein zum Entscheid des französischen Konzerns Soprema, in Kürze das Pavatex-Werk in Cham stillzulegen (zentralplus berichtete).

Er sei «tief enttäuscht» über den Entscheid und davon auch überrascht worden, so Helfenstein. Zumal Soprema noch in jüngster Zeit in die Fabrik investiert hatte – eine neue Lüftungsanlage einbaute und das Filtersystem ersetzte. «Wir sind in Cham davon ausgegangen, dass die Pavatex-Produktion wieder voll zum Laufen kommt.»

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Ertrag fällt, Aufwand steigt

Dem ist nicht so. Noch im ersten Vierteljahr 2019 soll das Werk seine Produktion schliessen. 50 Stellen verschwinden, wie am Dienstag bekannt wurde. Dies war am Konzernsitz von Soprema in Strassburg entschieden worden, der Pavatex-Direktor Herbert Christen hatte Helfenstein am Morgen davon in Kenntnis gesetzt.

«Das Schlimme ist, dass es sich um Produktionsarbeitsplätze handelt.»

Georges Helfenstein, Chamer Gemeindepräsident

Soprema, welche die Pavatex-Gruppe 2016 übernommen hatte, gibt als Grund für die Stilllegung den Preiszerfall im Markt der Holzfaserdämmstoffe an. Zudem die gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise und der einbrechende Absatz in den europäischen Nachbarländern.

Pavatex versuchte es nochmal

Wie der Schweizer Soprema-Chef Christophe Feist ausführte, habe man viel in den Pavatex-Standort Cham investiert. Man habe sich primär wieder auf Schweizer Produkte konzentriert, und hierzulande den Absatz stark steigern können. Zeitgleich konnte man eine Reduktion der Fixkosten in Millionenhöhe umsetzen. «Leider konnte trotz all der Massnahmen das negative Ergebnis nicht ins Positive gewendet werden», so Feist.

«Ich wurde durch ein anonymes Telefonat über die Schliessung informiert.»

Giuseppe Reo, Gewerkschaftssekretär Unia

Der Chamer Gemeindepräsident will Soprema keine Vorwürfe machen. «Der Entscheid zeigt einfach, wie brutal hart das wirtschaftliche Umfeld derzeit ist.» Dennoch erwartet er drei Dinge: «Erstens hoffen wir stark, dass alle Mitarbeiter wieder einen Job finden», so Helfenstein. «Zweitens erwarten wir einen Sozialplan, der den Mitarbeitern nachhaltig hilft, sich neu zu orientieren.» Und drittens, so Helfenstein, «erwarten wir als Gemeinde, dass wir von der Firma und von Betroffenen um Hilfe angefragt werden, wenn wir diese irgendwie gewähren können.»

Gewerkschaft ist nicht im Bild

Einen Sozialplan hat auch Feist den Pavatex-Mitarbeitern in Aussicht gestellt. Ausserdem hat der Soprema-Chef aus Spreitenbach dankende Worte für sie parat: «Sie leisteten trotz jahrelanger Unsicherheiten stets einen sehr hohen Einsatz für den Produktionsstandort Schweiz», lässt er sich zitieren.

Nicht beteiligt am Prozedere scheint die Gewerkschaft Unia zu sein. Wie Regionalsekretär Giuseppe Reo auf Anfrage von zentralplus sagte, habe er erst «durch ein anonymes Telefonat» von der Schliessung des Werks erfahren.

Wie ein Schlag ins Gesicht

Auch Georges Helfenstein kann seinen Frust nicht ganz verbergen: «Weil wir in Cham dauernd versuchen, neue Unternehmen anzusiedeln und den Wirtschaftsstandort zu stärken.» Für den Gemeinderat muss sich dies anfühlen wie ein Schlag ins Gesicht.

Chams Gemeindepräsident Georges Helfenstein (CVP).

Derzeit wenig Grund zum Lachen: Chams Gemeindepräsident Georges Helfenstein (CVP) auf einem offiziellen Foto.

(Bild: zvg)

Denn von der ruhmreichen industriellen Vergangenheit Chams ist nun nichts mehr übrig. Klar: Die Milchsüdi, also die Kondensmilchfabrik, stellte schon vor über 80 Jahren den Betrieb ein, aber die Papierfabrik Cham, die mehrere hundert Leute beschäftigte und auf eine über 350-jährige Geschichte zurückblicken konnte, funktionierte immerhin bis 2015 als industrielles Flaggschiff der Gemeinde. Seit drei Jahren ruht die Produktion und nun kommt mit dem Dämmstoffhersteller Pavatex ein weitere traditionsreiche Fabrik hinzu, welche ihre Tore schliesst.

Arbeitsplätze in der Fertigung sind rar

«Das Schlimme ist, dass es sich um Produktionsarbeitsplätze handelt», sagt Helfenstein. «Die sind wichtig für uns.» Er weiss: Jeder Fabrikarbeitsplatz, der in der Schweiz verschwindet, bleibt mit grosser Wahrscheinlichkeit für immer verschwunden. Und nicht alle Fabrikarbeiter lassen sich leicht zu Dienstleistern umschulen.

Wohnungen und Gewerbe statt Industrie: das Papieri-Areal in Cham aus der Luft.

Das Papieri-Areal in Cham aus der Luft: Am oberen Bildrand die Fertigung von Pavatex.

(Bild: Screenshot Google Earth)

Von Interesse wird neben dem Schicksal der Mitarbeiter auch die Zukunft des Areals sein. Das gehört zum Teil – wie auch das Papieri-Areal – den Cham Immobilien, zu einem anderen Teil den CHH Immobilien. Hinter beiden Gesellschaften steht die Zuger Unternehmerfamilie Buhofer.

Zuversicht trotz allem

Soprenas Pavatex hatte sich bei den Buhofers eingemietet und über einen befristeten Vertrag verfügt. Dennoch waren in Cham alle davon ausgegangen, dass die Dämmplatten aus Holzfasern, die einst in der nahen Papieri erfunden worden waren, noch länger in Cham hergestellt werden.

Helfenstein übt sich derweil trotz industriellem Niedergang in Optimismus: «Dass die Papierfabrik Arbeitsplätze kostete, stimmt zwar», meint er, «aber wir erwarten in Zukunft rund dreimal mehr Arbeitsplätze auf dem Papieri-Areal.» Bereits heute gäbe dort schon wieder rund 250 Arbeitsplätze, so Helfenstein. «Das muss man auch erwähnen.»

Chamer Erfindung: Dämmplatten aus Papierverpackung

Eine Dämmplatte aus Hartfasern herzustellen, begann einst die Papierfabrik in Cham. Pavatex war der Markenname, der sich etablierte, wobei Pava für «Papierverpackung» stand. Dieser Markenname hielt sich, als 1936 die Pavatex AG in Cham als eigenständiges Unternehmen gegründet wurde. Mit der Zeit wurden die Dämmplatten nur noch aus Weichfasern hergestellt.

Pavatex gehörte lange Jahre der Papierfabrik Cham, ging dann an den Holzhändler Hiag, anschliessend in die Hände von Beteiligungsgesellschaften und das Management über, welche die Gruppe  an Soprema aus Strassburg verkaufte.

In Cham wurde 2011 ein neue Fertigungsanlage installiert, allerdings machte das Unternehmen damals auch wegen Lohnkürzungen und einigen Entlassungen Schlagzeilen.

Pavatex produziert neben Cham seit einigen Jahren in einem neuen Werk in Frankreich, das 2013 in den Vogesen errichtet wurde. Der zweite Schweizer Produktionsbetrieb im Kanton Freiburg war 2014 geschlossen worden, also bevor Pavatex an Soprema ging. Damals gabs keinen Sozialplan für die 47 Beschäftigten. Die Gewerkschaft Unia, die nun aussen vor bleibt, ging darauf gegen die früheren Besitzer vor.

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