Fünf Luzerner Jungjuristen buhlen um den Mittelstand
  • Wirtschaft
An der Universität Luzern haben die Studenten während ihres Bachelorstudiums die Idee eines eigenen Unternehmens entwickelt – und im September 2017 realisiert. (Bild: ens)

Rechtsberatung zum Tiefpreis Fünf Luzerner Jungjuristen buhlen um den Mittelstand

6 min Lesezeit 27.03.2018, 11:27 Uhr

Hohe Kosten schrecken viele davon ab, sich in rechtlichen Fragen Unterstützung einzuholen. Fünf Luzerner Jus-Studenten wollen dem Abhilfe schaffen. Zwar liegen ihre Stundenansätze weit unter jenen von Anwälten, doch auch die Möglichkeiten sind beschränkt. Was aus einem bestimmten Grund aber meistens ausreicht.

Auf die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen, kamen Linus Fessler (23), Loris Baumgartner (23), Niels Röthlin (23), Dominik Keller (24) und Karim Steiner (20) während ihres Bachelorstudiums an der Universität Luzern. Während der studienfreien Zeit absolvierten die fünf heutigen Masterstudenten unterschiedliche Praktika und begegneten verschiedenen Rechtsfällen.

Als die fünf Jungjuristen später im Studium wieder aufeinandertrafen, wurden die Rechtsfälle hitzig diskutiert. Es entstanden Gespräche, die letztlich in einer Geschäftsidee mündeten. Linus Fessler erinnert sich zurück: «Wir haben festgestellt, dass der normale Bürger bezüglich der eigenen Rechtslage ein Laie ist, aber aus Kostengründen davor zurückschreckt, einen Anwalt zu kontaktieren.» Das galt auch für Personen aus ihrem Umfeld.

Wer sind die fünf Studenten:

Linus Fessler (23), Loris Baumgartner (23), Niels Röthlin (23), Dominik Keller (24) und Karim Steiner (20) stecken zwar noch in der Ausbildung – sie studieren an der Universität Luzern im Master Jurisprudenz. Das hinderte sie aber nicht daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Seit September 2017 leiten sie die «Solvex Rechtsberatung GmbH».

Die fünf Jungjuristen bieten drei Dienstleistungen an: Rechtsberatung, Mediation und die Begleitung in Schlichtungsverfahren. Für eine einstündige Rechtsberatung berechnen die Jura-Studenten – je nach Komplexität des Falles – 60 Franken pro Beratungsstunde oder etwas mehr.

Noch während ihres Bachelorstudiums wurden sie hinsichtlich verschiedener Rechtsfragen angegangen. Daraus sei letztlich auch die Idee entstanden, ein Unternehmen zu gründen, das breiten Schichten ermöglichen soll, Informationen zu rechtlichen Fragen zu erhalten. zentralplus hat die fünf jungen Studenten an der Universität Luzern getroffen.

zentralplus: Wieso haben Sie das Unternehmen gerade jetzt inmitten Ihrer beruflichen Ausbildung aufgebaut? Reicht das Bachelorgrundstudium, Menschen in Rechtsfällen genügend fachkompetent zu beraten?

Karim Steiner: Das abgeschlossene Bachelorstudium ist eine erste gute Grundlage und ermöglicht uns, unser theoretisches Wissen in praktischen Fällen anzuwenden und zu verknüpfen. Aber klar ist natürlich: Sollte sich herausstellen, dass ein Fall entweder zu komplex für uns ist oder vor Gericht muss, verweisen wir an einen Anwalt. Wir fungieren somit als eine Art «Filter».

«Wir wollen verhindern, dass sich Unrecht aus Kostengründen durchsetzt.»

Dominik Keller

zentralplus: Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Unternehmen? 

Dominik Keller: Viele Menschen haben aufgrund des Kostenrisikos eine gewisse Hemmschwelle, einen Anwalt zu kontaktieren – obwohl die Schweizer Bevölkerung zu 60 Prozent aus dem Mittelstand besteht. Diese Schwellenangst wollen wir herabsetzen, sodass sich Unrecht nicht aus Kostengründen durchsetzt. Wir versuchen, denjenigen Menschen zu helfen, die sich keinen Anwalt leisten können. Das führt zu einem Mehrwert auf beiden Seiten. Wodurch der jetzige Preis von 60 Franken pro Dienstleistungsstunde zustande kommt.

zentralplus: Kostenlose Rechtsberatungsfirmen gibt es heute viele. Wieso soll ich als Privatperson trotzdem zu Ihnen kommen?

Loris Baumgartner Das stimmt, kostenlose Rechtsberatung gibt es bereits. Meist bleibt diese jedoch bei einer abstrakten Darlegung der geltenden Rechtslage. Wir versuchen individuelle, konkrete Lösungen für unsere Klienten zu finden.

zentralplus: Und was passiert, wenn es vor das Bezirksgericht geht?

Niels Röthlin: Dann dürfen wir den Klienten nicht betreuen und verweisen diesen an einen Anwalt. Für das Prozessieren vor Gericht bedarf es eines Anwaltspatents, da dieser Bereich weitgehend ein staatliches Monopol darstellt. Erst wer das Patent erlangt, darf sich Anwalt nennen und ist befähigt, vor Gericht aufzutreten. Wir versuchen daher in erster Linie eine aussergerichtliche Lösung zu suchen.

zentralplus: Ist das nicht sehr utopisch?

Linus Fessler: Nein, dazu haben wir eine gegenteilige Erfahrung gemacht. Sicherlich gibt es Fälle, in denen man merkt: Eine Aussöhnung macht wenig Sinn. Dies ist allerdings nicht der Normalfall. Eine aussergerichtliche Einigung liegt sehr wohl im Bereich des Möglichen – sofern man den Klienten die rechtliche Situation näherbringt und Hinweise gibt, wie diese auf die Gegenpartei zugehen sollen.

Linus Fessler, Niels Röthlin, Loris Baumgartner, Dominik Keller und Karim Steiner: Die Jus-Masterstudenten wollen auf ein soziales Problem aufmerksam machen – und bieten eine Lösung an.

Linus Fessler, Niels Röthlin, Loris Baumgartner, Dominik Keller und Karim Steiner: Die Jus-Masterstudenten wollen auf ein soziales Problem aufmerksam machen – und bieten eine Lösung an.

(Bild: facebook/solvex rechtsberatung gmbh)

zentralplus: Was geschieht, wenn Sie merken: Jetzt stossen wir an unsere Grenzen?

Karim Steiner: Zuerst versuchen wir den Fall intern zu lösen. In einem solchen Fall ist es dienlich, dass wir uns im Masterstudium alle in unterschiedlichen Gebieten vertiefen, einen Fall zuerst gemeinsam besprechen und danach zuteilen. Dann nehmen wir Kontakt mit dem Kunden auf. Sollte sich am Ende aber herausstellen, dass ein Prozess nötig ist, verweisen wir den Klienten an einen Anwalt weiter. Mittlerweile kennen wir zwar einige Anwälte, aber der Klient soll immer die freie Anwaltswahl haben.

zentralplus: Würden Sie sagen, Studenten arbeiten anders als gestandene Anwälte?

Dominik Keller: Die Situation ist kaum vergleichbar. Bei uns geht es – wie bereits erwähnt – auch um einen Mehrwert für uns selbst. Wir können mit jedem Fall Erfahrungen sammeln und müssen unseren Lebensunterhalt (noch) nicht mit der Rechtsberatung verdienen. Wir stehen nicht unter einem derartigen Erfolgsdruck.

zentralplus: Inwiefern?

Loris Baumgartner: Als Anwalt hat man deutlich höhere Fixkosten, eine höhere Spezialisierung, Ausbildung und kann vor Gericht prozessieren. Das alles beeinflusst den Preis. Wir beschränken uns auf das Nötigste, bieten unser bisheriges Wissen an, können aber nicht vor Gericht und müssen keinen Gewinn erwirtschaften. Nur deshalb können wir ein solches Angebot offerieren.

«Wir müssen uns auch mehr beweisen, damit unser Image eine weisse Weste behält.»

Linus Fessler

zentralplus: Was macht das Unternehmen einzigartig?

Niels Röthlin: Wir sind nicht nur jung und dynamisch, als Studenten sind wir auch nicht an Fixkosten wie beispielsweise hohe Mietzinsen gebunden. Wir beschränken uns auf das Nötigste. Die Beratung ist der Kern. So besuchen wir die Kunden beispielsweise bei ihnen zu Hause. Diese zeitliche Flexibilität und Standortunabhängigkeit ist vor allem aufgrund der Digitalisierung wichtiger geworden. Kunden schätzen es, wenn wir sie nicht nur als Rechtsfall betrachten, sondern vor allem als Menschen behandeln.

zentralplus: Welche Reaktionen kamen von der Bevölkerung seit der Einführung im September 2017?

Linus Fessler: Die Resonanz der Leute war durchwegs positiv. Sie schätzen es, dass wir so mutig sind und etwas Eigenes auf die Beine stellen. Sicherlich haben wir etwas länger, bis wir uns in einen Fall eingelesen haben, aber wir müssen uns auch mehr beweisen, damit unser Image eine weisse Weste behält.

Ausserdem sind alle mit 4’000 Franken an der GmbH beteiligt. Das ist viel Geld für einen Studenten und ein zusätzlicher Ansporn, gute Arbeit zu leisen – persönlich steht für alle etwas auf dem Spiel.

zentralplus: Apropos Risiko: Wie sieht es bezüglich Haftung aus?

Karim Steiner: Jeder von uns hat einen Betrag von je 4’000 Franken an die GmbH beigesteuert. So ist das finanzielle Haftungsrisiko von jedem beschränkt. Das heisst aber nicht, dass wir machen können, was wir wollen. Bei Haftungsfällen sind wir wie andere Unternehmen mit einer Haftpflichtversicherung abgesichert.

«Unsere Idee liegt einem Ausbildungs- und sozialen Gedanken zugrunde, der weiter Bestand haben soll.»

Loris Baumgartner

zentralplus: Wie viel Prozent arbeiten Sie für die GmbH?

Dominik Keller: Jeder arbeitet ungefähr 20 Prozent – Tendenz steigend. Mittlerweile haben wir auch Personen, die bereits das zweite Mal kommen. Das Echo in der Bevölkerung ist gross, wodurch wir den Kundenstamm in den letzten Wochen vergrössern konnten.

zentralplus: Was passiert, nachdem Ihr das Anwaltspatent erworben habt?

Loris Baumgartner: Die rechtlichen Rahmenbedingungen in diesem Bereich sind komplex und daher können wir zum jetzigen Zeitpunkt auch noch keine konkreten Aussagen machen. Sicher ist, dass das Unternehmen personenunabhängig weitergeführt werden soll. Unsere Idee liegt einem Ausbildungs- und sozialen Gedanken zugrunde, der weiter Bestand haben soll. Konkret hiesse das zum Beispiel: Studenten einzustellen, die dem Bürger weiterhin einen preiswerten Zugang zum Recht ermöglichen. Aber das ist alles noch Zukunftsgeplänkel.

zentralplus: Was bedeutet eigentlich der Name solvex?

Linus Fessler: Es ist ein Wortspiel aus den lateinischen Begriffen «solvere» – lösen – und lex, was «Gesetz» bedeutet. Wichtig war für uns, einen Namen zu wählen, der nicht nur eingängig sein, sondern auch eine Bedeutung haben soll.

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