Frühling in Luzern: «E-Bike-Temperaturen» geben Sicherheitsfragen Aufwind
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So bald nicht mehr möglich? Der Bundesrat wünscht sich eine Helmpflicht für alle E-Bike-Fahrerinnen. (Bild: Symbolbild/flicker)

Kommt die Helmpflicht für alle? Frühling in Luzern: «E-Bike-Temperaturen» geben Sicherheitsfragen Aufwind

4 min Lesezeit 2 Kommentare 01.05.2021, 05:00 Uhr

Der E-Bike-Boom dürfte sich 2021 ungebrochen fortsetzen. Mit den milderen Temperaturen werden sich auch wieder mehr Menschen auf die motorisierten Zweiräder setzen. Eine neue Präventionskampagne warnt jedoch: Wer ein E-Bike fährt, muss sich bewusst sein, dass sein Unfallrisiko im Strassenverkehr höher ist als mit einem herkömmlichen Velo. Hintergrund ist eine Streitfrage um die Helmpflicht, die bis zum Bundesrat reicht.

Der wettergegerbte Velofahrer mag darüber frotzeln. Tatsache ist aber, dass viele von uns erst durch die nun milderen Temperaturen in Betracht ziehen, wieder in die Pedale zu treten. Bekanntlich müssen immer weniger dabei wirklich kräftig treten. Dies, weil die E-Bikes (manche bevorzugen die Bezeichnung Pedelecs) gegenwärtig einen bemerkenswerten Boom erleben.

Über 170’000 Stück wurden 2020 in der Schweiz verkauft. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Zunahme von fast 30 Prozent. Mehr E-Bikes auf den Strassen bedeutet selbstredend auch mehr Strassenunfälle mit E-Bikes. Diese haben vergangenes Jahr auch in Luzern markant zugenommen, wie die Luzerner Polizei feststellen musste. Die Zahl der E-Bike-Unfälle lag 2020 bei 147, im Vorjahr waren es 88. Das entspricht einer Zunahme von fast 70 Prozent. 46 E-Bike-Fahrer wurden schwer verletzt, das sind 27 mehr als noch 2019. Eine Person verlor ihr Leben (zentralplus berichtete).

Schweizweit sind im letzten Jahr 536 Personen mit einem E-Bike schwer verunfallt. Das bedeutet durchschnittlich fast zehn schwerverletzte E-Bike-Fahrer pro Woche. Die nationale Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) hat aus diesem Grund eine neue Kampagne lanciert. Das Ziel der Kampagne: Wer ein E-Bike fährt, soll sich in jedem Moment bewusst sein, dass sein Unfallrisiko im Strassenverkehr höher ist als mit einem herkömmlichen Velo.

Geschwindigkeit wird oftmals unterschätzt

Die Gefahren des E-Bike-Fahrens sind für die BFU klar: Mit dem E-Bike werden im Durchschnitt höhere Geschwindigkeiten erreicht, sodass man unter Umständen nicht mehr auf Unerwartetes reagieren kann. Bei höherem Tempo drohen zudem schwerere Verletzungen. Hinzu komme, dass andere Verkehrsteilnehmende herannahende E-Bikes oft zu spät erkennen oder deren Geschwindigkeit unterschätzen.

Teil der Kampagne ist eine Reihe von Clips mit dem Titel «Nach einem E-Bike-Unfall steht deine Welt Kopf». Diese sollen aufrütteln und dazu aufrufen, sich besser sichtbar zu machen. Hier einer der Clips:

Beratungsstelle ist für Helmpflicht

Die Empfehlungen der BFU sind an sich nicht besonders neu: Licht einschalten, Leuchtweste, Leuchtbänder und helle Kleider tragen. Dazu jederzeit bremsbereit sein und möglichst ein E-Bike mit ABS wählen. Hinzu kommt noch eine weitere Empfehlung: Helm tragen.

Letzteres ist kontroverser, als es den Anschein haben mag. Für schnelle E-Bikes, also jene die bis 45 Kilometer pro Stunde fahren können, gilt schon heute eine Helmpflicht. Der Bundesrat erwägt jedoch, die Helmpflicht auf die sogenannt «langsamen E-Bikes» auszuweiten, also solche mit Tretunterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde. (zentralplus berichtete).

Der Vorschlag wird politisch sehr kontrovers diskutiert. So befürchtet Pro Velo Schweiz etwa, dass ein solches Helmobligatorium «die Erfolgsgeschichte der Elektrovelos abwürgen» würde. Anders sieht es die BFU: «Das Tragen eines Schutzhelms ist eine einfache und wirksame Massnahme, um bei einem Unfall die Wahrscheinlichkeit von Kopfverletzungen deutlich zu reduzieren», heisst es in der Stellungnahme zur entsprechenden Vernehmlassung. Die BFU ist überzeugt, dass sich mit der Einführung einer Helmpflicht eine deutlich höhere Tragquote erreichen lässt. Dies zeige die Tragquote von knapp 90 Prozent bei den schnellen E-Bikes.

Die Idee einer Helmpflicht ist Teil eines Revisionspakets zum Strassenverkehrsrecht des Bundes. Die Vernehmlassung dazu ist mittlerweile abgeschlossen. Derzeit wird ein Bericht zuhanden des Bundesrates ausgearbeitet, wie der Mediendienst des Bundesamts für Strassen (Astra) auf Anfrage von zentralplus mitteilt. Die darin enthaltenen Massnahmen sollen noch vor Ende Jahr im Parlament behandelt werden. Ob die Helmpflicht für langsame E-Bikes dann noch Teil des Massnahmenpakets ist, wird sich zeigen.

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Bremswege verstehen und heikle Wege meistern

Die wachsende Beliebtheit des E-Bikes ist derweil auch bei Luzerner Verbänden und Vereinen wie Pro Velo Luzern ein Thema. Dort bietet man derzeit auch auf E-Bikes spezialisierte Kurse an. «Die Kurse für E-Bikes sind oft in zwei Blöcke unterteilt», erklärt Geschäftsstellenleiterin Barbara Irniger auf Anfrage. «Zum einen wird das E-Bike und dessen Eigenschaften beleuchtet, etwa mit Bezug auf Bremswege und Fahrverhalten. Im zweiten Teil werden die Routen analysiert, welche die Teilnehmer täglich absolvieren müssen oder bei denen sie Unsicherheiten haben.»

Die E-Bike-Kurse richten sich an Personen, die 14 Jahre oder älter sind. Es ist jedoch auch möglich, mit dem E-Bike an einem «regulären» Velokurs für Erwachsene von Pro Velo teilzunehmen. In der Stadt Luzern beginnen die ersten Kurse an diesem Wochenende. Kursdaten und das Anmeldeformular sind auf der Webseite von Pro Velo Luzern aufgeschaltet. Die Kosten für einen halbtägigen Kurs belaufen sich auf 40 Franken.

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2 Kommentare
  1. Paul Bründler, 01.05.2021, 09:36 Uhr

    Ich bin dafür, generell alles zu verbieten.
    Das Haus soll nur noch verlassen dürfen, wer einen feuerfesten Raumanzug mit stosssicherem Helm und eingebautem Airbag tragt.
    Dieser muss muss stets mit der Mission Control bei der Polizei verbunden sein.
    Mission Control muss in Echtzeit sämtliche Gesundheitsdaten der Hausverlassenden überwachen können.
    Mehrere Sanitätshelikopter sind startbereit zu halten Sollte der Hausverlassende unter dem Gewicht des Anzugs zusammenbrechen, kann er dadurch schnell gerettet werden.
    Natürlich können so nur noch wenige Menschen gleichzeitig ihr Haus verlassen, da die Rettungskapazitäten sonst nicht ausreichen, aber das sollte uns unsere Sicherheit doch wert sein?
    Wer etwas anderes denkt, ist zynisch, menschenverachtend und rechtsextrem.

    1. Kark-Heinz Rubin, 01.05.2021, 11:18 Uhr

      Viele Kommentareabgebende sind evtl. schon mal auf den Kopf gefallen ohne sich zu schützen.
      Manche Beiträge zeugen davon.

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