Früherer TV-Chef sucht die Karriere vor der Kamera
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Weder grün, noch rot, noch braun; nein, gelb und parteilos: Oliver Kuhn in seinem Garten. (Bild: hae)

Was macht eigentlich … Oliver Kuhn? Früherer TV-Chef sucht die Karriere vor der Kamera

6 min Lesezeit 08.03.2020, 20:02 Uhr

Vor fünf Jahren gab Oliver Kuhn seinen Posten als Chefredaktor beim Luzerner Lokalsender Tele 1 auf. Seither hat der vierfache Familienvater bewegte Jahre hinter sich: Aufbau einer eigenen Firma, ein Gleitschirm-Absturz und als Querschnittgelähmter Monate in der Rehabilitation. Jetzt will Kuhn seine politische Karriere anschieben. 

Politik ist nicht über alle Zweifel erhaben, das weiss Oliver Kuhn als ehemaliger TV-Mann. Der Luzerner war Mitbegründer, sechs Jahre Chefredaktor und auch gleich Chefmoderator beim Lokal-Sender Tele 1. Als dieser interviewte er sämtliche lokalen Wirtschaftsbosse, Politgrössen und Prominente. Rückblickend sagt er über Politiker: «Vielen geht es nur um den Machterhalt – die Realpolitik muss da leider sehr oft zurückstehen.» Zumindest in der überregionalen Politik. 

Und jetzt will Oliver Kuhn selber in die Politik einsteigen, in dieses Geschäft so manchen Profilneurotikers? Kuhn schüttelt den Kopf: «Wer es auf kommunaler Politikebene darauf anlegt, sich nur um seine eigene Wiederwahl zu kümmern, der schiesst sich so schnell selber ins Bein.» Und das wolle er schliesslich nicht.

Gute Menschenkenntnis 

Dieser Mann hat keine Illusionen mehr: Oliver Kuhn kennt die Promis aus der Innerschweiz, hat sie vor die Mikrofone und Kameras gezerrt und mit Fragen gelöchert. Kuhn ist bestens vernetzt – jetzt will er sich anderswo einbringen. Und zwar in seiner Gemeinde, in der der Mann aus Emmen seit 15 Jahren lebt: in Rickenbach im Amt Sursee mit seinen knapp 4’000 Einwohnern. 

Beim Lokal-TV interviewte Oliver Kuhn auch Schwingerkönig Matthias Sempach. (Bild: zvg)

Oliver Kuhn kandidiert Ende März als Gemeindepräsident, sein Gegenspieler ist ein Liberaler, Adrian Häfeli, der Cousin des aktuellen Gemeindepräsidenten Roland Häfeli. Dieser tritt zurück und Kuhn rechnet sich gute Chancen aus, seinen Posten zu bekleiden. Es ist nicht das erste Mal, dass der bald 50-Jährige sich an den Geschäften in der Gemeinde beteiligt: «Ich war in der Schulpflege aktiv, habe an einem Buch über Rickenbach sowie im Ortsmarketing mitgemacht, neu bin ich im Organisationskomitee für ein grosses Musikfest.»

Er versteht sich als Sachpolitiker

Als Gemeindepräsident könne er viel Erfahrung einbringen: «Ich bin Sachpolitiker, entscheide mich erst, wenn ich Pro und Contra richtig abgewägt habe.» So etwa bei den drei stark umstrittenen Windkraftwerken auf dem Stierenberg, derzeit das emotional geführte Hauptthema in Rickenbach. Kuhns Ziel: «Wir sind der Nachhaltigkeit verpflichtet, ökologisch, aber auch sozial und ökonomisch.»

Oliver Kuhn bleibt parteilos, denn er will keine Parteipolitik machen, sondern pragmatisch entscheiden. Und zwar dort, wo er viel bewirken könne. Kuhn weiss, dass in besagter Kommunalpolitik die Resultate viel schneller sichtbar sind als in der «grossen» Politik: «Nationalräte werden für ihre allfälligen Fehlentscheide meist kaum zur Rechenschaft gezogen, wenn ein Entscheid erst ein paar Jahre später durchgesetzt wird.»

Ein Absturz beim Gleitschirmfliegen, hier am Brunni ob Engelberg, gab dem Leben von Oliver Kuhn eine Wende. (Bild: zvg)

Querschnittgelähmt nach Gleitschirm-Absturz

Oliver Kuhn pendelt in seiner Küche von Kaffeemaschine zum Esstisch, er erzählt leidenschaftlich und serviert Espressi, er geht immer wieder hin und her. Man würde ihm nicht ansehen, dass er ein inkomplett Querschnittgelähmter ist. Inkomplett bedeutet, dass sein Rückenmark zwar verletzt, aber nicht ganz durchtrennt ist.

Er hat seit seinem Absturz im August 2018 mit dem Gleitschirm körperliche Einschränkungen, doch nach dem Unfall rappelte er sich schnell auf: Kuhn ging in Nottwil im Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ schon bald wieder mit Krücken und Rollator herum. «Ich litt extrem unter dem schnellen Muskelschwund, bekam Storchenbeine – dann habe ich aber wie vergiftet trainiert und erfuhr im SPZ eine grandiose Betreuung.» 

Er wollte schnell wieder ins normale Leben zurück, bewies grossen Willen. Und Oliver Kuhn hatte nie suizidale Gedanken, wie sie den einen oder anderen Querschnittgelähmten treffen. Diese schlittern meist zweimal in eine grosse Krise: gleich nach dem Unfall, und wenn sie dann aus dem geschützten Nottwiler Rahmen in die Welt der «Fussgänger» zurückkehren, wo sie aus dem Rollstuhl plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe mit ihrer Umwelt sind.

Glück im Unglück 

Oliver Kuhn hat Glück im Unglück gehabt, als er bei den letzten Flügen zur Brevetierung als Gleitschirm-Fluglehrer abstürzte. «Da kamen vier gravierende Fehler zusammen – ich weiss wirklich nicht, wie sich das so summieren konnte», sagt er. Kuhn, der meist Kontrollierte, der seinen Kopf stets beisammenhat, stürzte aus 20 Metern ungebremst in einen Hang. Aber heute fliegt er wieder, er führt gar weiterhin eine Gleitschirm-Schule in Dallenwil im Kanton Nidwalden.

Nüchtern schätzt er seine Lebenssituation ein; er deutet sie positiv. Der Unfall und seine halbjährige Rehabilitation brachten ihn wieder näher an seine Familie: «Der Genussteil im Leben wurde wieder grösser, ich war lange Jahre im Schnellzug der Medien unterwegs, habe viel gearbeitet.» Heute sieht er seine Kinder vermehrt, er hat sein Büro, die Medienmanufaktur, in einer alten Stumpenfabrik der Villigers ganz in der Nähe in Rickenbach eingerichtet, oft arbeitet er auch zu Hause. 

«Ich habe kein schlimmes Schicksal, da kenne ich ganz andere.»

Oliver Kuhn

Kuhn sieht zufrieden aus, wenn er sagt: «Ich habe kein schlimmes Schicksal, da kenne ich ganz andere.» Und dann spricht er von einer 26-jährigen Reiterin, die nach einem Sturz vom Pferd vom Hals abwärts gelähmt ist. Oder von einem anderen Mitpatienten in Nottwil, der nach einer MS-Erkrankung ebenfalls nur noch ein Leben im Rollstuhl führen kann. «Ich hingegen war ein Luxuspatient, und mir geht es heute doch wieder gut», sagt er. Und er kann ja schliesslich wieder laufen. 

Klar, seine vier Kinder und seine Partnerin, eine Lehrerin in Emmenbrücke, hätten anfangs schon sehr unter seinem Unfall gelitten. Aber der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Und heute kann Oliver Kuhn wieder viel lachen. Auch wenn er unterversichert war und sich grosse Angst um seine Zukunft machte. Doch SPZ-Ärzte machten sich für ihn stark.

Filme in der dritten Welt 

Heute berät und coacht Oliver Kuhn in seinem eigenen Medienunternehmen, er arbeitet zu 60 Prozent für den frisch lancierten Fernsehsender Blick-TV und hat noch Drittmandate. Etwa seit zehn Jahren jenes des Prix Caritas, das ihn einmal im Jahr in die dritte Welt führt, wo er Porträtfilme macht.

Immer wieder ist Oliver Kuhn in armen Ländern der dritten Welt unterwegs. (Bild: zvg)

Es sind in Ländern wie Uganda und Kolumbien, Kambodscha oder Nordirak, Jordanien und den Philippinen einerseits Einzelschicksale, aber auch ganze Dörfer, die von Stürmen und Heuschrecken heimgesucht werden. Kuhn: «Es trifft meist immer die Ärmsten.» Er begegnet dort Menschen, die mit ein bis zwei Dollars am Tag durchkommen müssen, «denen geht es nur darum, ihren Hunger zu stillen. Wie sollen die sich noch um Umweltschutz kümmern?»

«Wir leben doch im Paradies. Oder etwa nicht?»

Bei diesen Filmdrehs lerne er im Kontakt mit ganz einfachen Menschen Demut, erklärt Oliver Kuhn. «Und zwar finden diese Drehs meist dann statt, bevor ich dann zu Hause die Steuererklärung einreichen muss. Dann bin ich jeweils dermassen mit unserer Schweiz versöhnt, dass ich sagen kann: Wir leben doch im Paradies. Oder etwa nicht?»

Ein Leben im Paradies: Queen-Fan Oliver Kuhn in seiner guten Stube. (Bild: hae)

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