Freizeit
Am Wochenende ist das Mittelalterfest Zug

Reise in eine Zeit ohne Hygiene und Handy

In Zug und Luzern wird dann und wann dem Mittelalter gefrönt. Wenn ein Mittelaltermarkt oder -fest angesagt ist, zieht das die Menschen an. Aber was ist die Faszination der Zeit vor Hygiene und den Menschenrechten?

Auch wenn der Aufbau bei unserem Besuch erst noch in Gang ist: Es ist schon am Freitagmittag spürbar, wie rund um die Burg in Zug am Zeitrad gedreht wird. Da stehen zwar viele moderne Kutschen, die den Lenker mit Explosionen im vorderen Teil des Gefährts in die gewünschte Richtung bewegen (auch: Autos). Aber aus dem Innern dieser Stahlrösser entnehmen die Händler, Gaukler und Musiker ihre mittelalterliche Ware. Felle, Schwerter und Schilde versetzen uns in die damalige Zeit.

Während ein Händler sein Zelt aufbaut, fragen wir uns, wie es wohl war, in der damaligen Zeit gelebt zu haben. Einen Computer gab es noch nicht. Wer ein «dringendes Bedürfnis» hatte, suchte vergebens nach Toilettenpapier und Hygieneartikeln. Gewürze waren den Oberen vorenthalten und allgemein waren Geschlecht und Status entscheidend, ob du Rechte hattest oder nicht.

Fazit: Es war eigentlich eine düstere Zeit.

Warum Leute für das Mittelalter brennen

Warum also wollen Menschen diese finstere Zeit leben und erlebbar machen? Wir treffen Remo Dörler, der sich seit rund 20 Jahren in der Mittelalterszene bewegt. Beim Mittelalterfest in Zug hat er als Marktchef alle Hände voll zu tun. Trotzdem gibt er uns einen Einblick in die Faszination dieser Epoche.

«Seien wir ehrlich: Wir verklären die Zeit sicherlich ein bisschen. Wir picken uns die schönen Dinge dieser Epoche raus», sagt er. Ohne Frauenrechte, Hygiene und die Annehmlichkeiten unserer Zeit will er schon nicht leben. «Das Mittelalter bietet Langsamkeit, Nachhaltigkeit und vor allem auch einen gewissen Verzicht auf Technik.» Das Entschleunigen sei für ihn wohltuend.

«Damals lebten die Menschen mit der Natur und nicht wie heute gegen die Natur.»

Remo Dörler, Marktchef Mittelalterfest Zug

Zusammenstehen war im Mittelalter wichtig. Und auch da könnten wir heutigen Menschen viel lernen. Genau dieser Zusammenhalt werde auch am Markt gelebt. «Wir haben Marktfahrer, die teilweise die gleichen Produkte verkaufen. Trotzdem halten sie zusammen und gönnen dem anderen seinen Erfolg», sagt Dörler.

Die Atmosphäre ist familiär und so wird Dörler von Marktfahrern freundschaftlich gefoppt, als wir ein Foto mit ihm machen – damit er auch wirklich schön lächelt auf dem Foto.

So sieht es aus, wenn in Zug das Mittelalter gelebt wird. Auf YouTube finden sich einige Einblicke in die vergangenen Veranstaltungen.

Die Moderne könnte einiges vom Mittelalter lernen

Wer sich auf die positiven und faszinierenden Seiten des Mittelalters konzentriert, findet etliche Punkte, von denen wir digitalisierten Menschen lernen könnten. Beginnen wir mit der Baukunst. Viele Burgen, Schlösser oder auch Strassen existieren nach wie vor, während ein modernes Haus heutzutage schon nach wenigen Jahren saniert werden muss.

Das Wertige der Ware kann von den Bauwerken auch auf die Kleidung übertragen werden. «Wenn ich beispielsweise einen Ledergurt hier auf dem Markt kaufe, dann hält dieser jahrelang», sagt Remo Dörler. Weiter hatten die Menschen einen viel engeren Kontakt zu Mutter Erde. «Damals lebten die Menschen mit der Natur und nicht wie heute gegen die Natur.»

Über 20’000 Besucherinnen erwartet

Nach einer pandemiebedingten Zwangspause heisst es am Samstag und Sonntag wieder «Seyed gegrüsst und tretet ein». Ohne Wegzoll, also ohne Eintritt, begrüsst das Fest seine Gäste. Das wohl grösste Mittelalterfest der Deutschschweiz zählte in den vergangenen drei Ausgaben je rund 20’000 Besucherinnen (zentralplus berichtete).

Neben dem Markt wird auch Musik aus dem 15. und 16. Jahrhundert in Zug erklingen. Die Helle-Barden singen von Gelagen, Kriegen und dem Leben von damals. Im Heerlager zeigt sich das Leben des Hochmittelalters um 1200, und im Söldnerlager sind Waffen und Rüstungen aus der Zeit des Spätmittelalters zu bestaunen.

Verwendete Quellen
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