Glenn Meier über seine tiefsten Abgründe

Ex-FCL-Trainer findet auf Weltreise zu sich selbst

Glenn Meiers Weltreise führte ihn und seine Freundin unter anderem zu einem indigenen Volk im Amazonas in Peru. (Bild: zvg)

Der ehemalige Trainer der FC Luzern Frauen, Glenn Meier, ging mit seiner Partnerin Jasmin Feller auf Weltreise. Dort haben sie ganz neue Seiten von sich selbst entdeckt.

Als Glenn Meier am 5. Juni 2021 mit den Frauen des FC Luzern Cup-Geschichte schreibt und gegen den FC Zürich 2:0 siegt, sind die Koffer bereits gepackt. Aber nicht die Koffer zu seinem nächsten Abenteuer als Trainer. In den letzten Monaten vor dem Cupspiel wuchs in Meier immer stärker das Verlangen, seinem Leben ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. «Für meine Mannschaft war es damals keine Überraschung, als ich ihnen verkündete, als Trainer aufzuhören.»

Damals lagen aufreibende und emotionale Tage hinter Meier. Diesen Prozess hat auch seine langjährige Freundin Jasmin Feller miterlebt. «Auch wenn Glenn an der Seitenlinie ruhiger wurde, habe ich gemerkt, dass da dieser Wunsch in der fussballfreien Zeit während Corona nach etwas Grösserem immer stärker wuchs.»

Zum Start gibt's zehntägiges Schweigen

Also beschlossen die beiden sämtliches Hab und Gut zu verkaufen, die Versicherungen und ihre Jobs zu kündigen. Im August 2021 startete ihr Abenteuer «Weltreise». Wie lange sie bleiben würden? Das sollte sich zeigen. Sie liessen sich von Gefühlen leiten und dem Vertrauen, dass das Leben ihnen schon sagen würde, wann es Zeit ist, zurückzukehren.

«Eine Woche zu schweigen, war unglaublich hart und gleichzeitig enorm bereichernd und genau der richtige erste Schritt, um diese Reise ins Unbekannte anzutreten.»

Glenn Meier

Die Reise beginnt in Deutschland. Dort lassen sich die beiden für zehn Tage in einem Landgasthof nieder. Während dieser Tage wird nicht gesprochen. Eine einzige Ausnahme bildet ein tägliches Gespräch mit dem Zen-Mönch, der sie in dieser Zeit begleitet. Die Seele soll Zeit erhalten, runterzufahren. Zu sich selbst zu finden. Der Alltag soll abgestreift werden. Glenn Meier blickt zurück: «Eine Woche zu schweigen, war unglaublich hart und gleichzeitig enorm bereichernd und genau der richtige erste Schritt, um diese Reise ins Unbekannte anzutreten.»

Der schwierige Ausbruch aus der Komfortzone

Mitte Juli landeten Glenn und Jasmin dann in El Salvador. Doch das neue Leben fällt Glenn zu Beginn schwer. Er benötigt vier Monate, bis sich sein Leben entschleunigt und auch seine Partnerin kämpft mit ähnlichen Herausforderungen. «In der westlichen Welt bewerten wir zu schnell und genau das führt dazu, dass wir Angst haben, unsere Komfortzone zu verlassen.»

Leider hätten viel zu viele Menschen Angst davor, diesen Sprung zu wagen. «Obwohl die Angst eine Illusion ist und nur in unserem Kopf existiert, hadern zu viele Menschen damit, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten. Doch spätestens nach einem Monat bei dem indigenen Volk der Shipibos in Peru wissen die beiden aus eigener Erfahrung, was es heisst, die Komfortzone zu verlassen.

Auf ihrer Weltreise begegneten den beiden wunderschöne Ausblicke. (Bild: zvg)

Dort, im Amazonas in der Nähe des Flusses Ucayalí, lernen sie unter anderem auf Internet, feste Nahrung und Körperkontakt zu verzichten. Und dort, zwischen Schlangen, Spinnen, Moskitos, Kakerlaken und hungrigen Jaguaren wurde ihnen erst recht bewusst, wie dunkel und angsteinflössend eine Nacht sein und wie wichtig das Gefühl von Gemeinschaft werden kann. «Stundenlang in einer Hängematte zu liegen und mit den tiefsten Tiefen seiner Seele kommunizieren zu müssen, das habe ich bei den Shipibos gelernt», erzählt Jasmin.

Als Abschluss ihres einmonatigen Aufenthalts bei dem indigenen Volk dürfen sich die beiden bei einer Zeremonie das erste Mal wieder in die Arme nehmen. Besonders war die Berührung auch deshalb, weil sie als spirituelle Hochzeit der beiden gefeiert wurde. Diese Hochzeit wurde von einer Schweizerin gefilmt, deren Bekanntschaft die beiden später wieder zurück in die Schweiz bringen sollte.

Plötzlich sind die beiden auch Business-Partner

Nach dem Abenteuer in Peru geht es weiter nach Costa Rica und Nicaragua. Dort beschäftigt Glenn nebst der Frage, wohin die Reise als Nächstes führen soll, auch die Frage nach seinem Buch. Monate zuvor hat er nämlich ein Buch geschrieben, das beim Verlag war und gedruckt werden sollte. Allerdings fühlte sich das für Meier nicht mehr richtig an. «Heute existiert derart viel Wissen, aber dieses wird nur selten in die Tat umgesetzt.»

Jasmin Feller bei einer Zeremonie im peruanischen Amazonas. (Bild: zvg)

Auf der Reise entschliesst er darum, mit der Veröffentlichung des Buches zu warten und stattdessen das gesammelte Wissen in ein Projekt umzuwandeln. Glenn spürt aber, dass er dieses Projekt nicht alleine zum Erfolg bringen kann. Also fragt er Jasmin um Hilfe. Sie willigt ein und die beiden entwickeln über sechs Monate das «Championsprojekt».

«Ich musste lernen, Glenn in seinem Schmerz alleine zu lassen, damit er alleine einen Weg aus seinem Schmerz findet.»

Jasmin Feller, Partnerin von Glenn Meier

Ziel des Projekts ist es, die Menschen zu animieren, aus eigener Kraft zu handeln. So sollen sie mehr Selbstbewusstsein, Selbstliebe und Klarheit aufbauen und wieder mehr Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.

Die Zusammenarbeit als Business-Partner ist für beide heute eine enorme Bereicherung, aber auch die bisher grösste Herausforderung in ihrem Leben. Auf der Weltreise haben sie gelernt, dass der Partner oder die Partnerin oft der Spiegel zu den dunkelsten Abgründen seiner selbst werden kann und ein Spiegel dessen, wovor man sich am meisten fürchtet. «Genau diese Herausforderung macht es aber auch so spannend, mit Jasmin zusammenzuarbeiten.»

Auch für Jasmin hat die Weltreise neue Türen zu Glenn geöffnet. Vor allem als sie merkte, wie sehr ihr Partner litt: «Ich musste lernen, Glenn in seinem Schmerz alleine zu lassen, damit er alleine einen Weg aus seinem Schmerz findet.»

Reisen «hin zu» etwas und nicht «weg von» etwas

Mittlerweile sind die beiden wieder zurück in der Schweiz. Sie arbeiten bei Naturetec, einem neuen Gesundheitszentrum in Rotkreuz. Den Kontakt dazu kam über die Schweizerin zustande, die sie im Dschungel Perus kennengelernt hatten. Jasmin stellt dort ihr langjähriges Wissen als Zykluscoach zur Verfügung und unterstützt Frauen dabei, stolz auf ihre Weiblichkeit zu sein. Genauso wie sie es in den lateinamerikanischen Ländern lehrte.

Und Glenn Meier? «Ich habe mich vorerst einmal für ein Jahr gebunden und führe das Championsprojekt regelmässig bei Naturtec durch.» Und solange der Drang nicht vorhanden ist, einen weiteren Sprung ins Unbekannte zu wagen, bleiben die beiden in der Schweiz. «Denn wie gut wir es in der Schweiz haben, das dürfen wir auch nie vergessen.»

Zum Reisen sagt Glenn heute: «Zu reisen, um etwas aus dem Weg zu gehen, ist der falsche Ansatz. Reisen soll ein Weg hin zu etwas sein und nicht die Flucht vor etwas.» Weise Worte eines Mannes, der vor zehn Jahren über diese Entwicklung gelacht und sie wohl für total schwachsinnig erklärt hätte.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Glenn Meier und Jasmin Feller
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