Freiwillige vor! So soll Mobility Pricing in Zug getestet werden
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Mit dem Mobility-Pricing sollen Staus zu Stosszeiten bekämpft werden. (Bild: Adobe Stock)

Bund will Pilotprojekte ermöglichen Freiwillige vor! So soll Mobility Pricing in Zug getestet werden

4 min Lesezeit 4 Kommentare 08.02.2021, 05:00 Uhr

Der Bundesrat will beim Mobility Pricing endlich vorwärtsmachen. Bereits zum zweiten Mal will der Kanton Zug ihm dabei unter die Arme greifen. Nun ist bekannt, wie man sich ein Pilotprojekt auf Zuger Boden vorstellt. Fest steht: Ein Nachbarkanton spielt darin eine zentrale Rolle.

In der Theorie funktioniert das Mobility Pricing. Die Idee dahinter ist mittlerweile bekannt: Wer zu Spitzenzeiten Strasse oder Schiene nutzt, soll dafür mehr bezahlen als zu Randzeiten. So könnten die Verkehrsspitzen gebrochen und Staus vermieden werden, da sich der Tagesverkehr besser verteilen würde.

Der Bund versucht schon seit Jahren, die Idee weiterzuentwickeln, stiess bisher aber auf wenig Interesse bei den Kantonen. Es war letztlich der Kanton Zug, der sich 2017 anerbot, bei einer rein theoretischen Wirkungsanalyse mitzumachen (zentralplus berichtete). 2019 wurde der Versuch durchgeführt.

Die Resultate des Versuchs am Reissbrett stimmten den Bundesrat zuversichtlich: «Mobility-Pricing kann dazu beitragen, Verkehrsprobleme zu lösen», heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung. Und weiter: «Damit Mobility-Pricing in der Praxis getestet werden kann, braucht es eine entsprechende rechtliche Grundlage.»

Mittlerweile hat sich das Interesse am Thema Mobility Pricing gesteigert: Mehrere Städte und Kantone wollen bei der Durchführung eines solchen Pilotprojekts mitmachen – darunter der Kanton Zug (zentralplus berichtete).

Aargau und Zug spannen zusammen

Der Bund hat die interessierten Kantone, Städte und Gemeinden im Herbst 2020 gebeten, ihre Projektskizzen und Ideen im Hinblick auf eine weitere Vertiefung zu präzisieren. Wie also stellt sich der Kanton Zug ein solches Pilotprojekt auf Kantonsboden konkret vor?

«Die vom Kanton Zug eingegebene Projektskizze basiert auf einer freiwilligen Teilnahme», sagt Baudirektor Florian Weber auf Anfrage. Weber führt aus, dass auch der Kanton Aargau ein solches Projekt eingegeben hat. Das kommt den beiden Nachbarkantonen jetzt zugute. «Der Bund sieht vor, die Projekte mit freiwilliger Teilnahme in einer gemeinsamen Machbarkeitsstudie voranzutreiben», so Weber.

Aufteilung in zwei Gruppen

Wenn der Bund grünes Licht gibt, werden Freiwillige aus den Kantonen Zug und Aargau in zwei Gruppen eingeteilt: «Die Mobilität der ersten Gruppe findet unter den heute geltenden Bestimmungen und Bedingungen statt. Die zweite Gruppe ist unter den Bedingungen des Mobility Pricings unterwegs», erklärt Weber.

Das Mobilitätsverhalten beider Gruppen soll mithilfe einer App erfasst und ausgewertet werden. Für die Teilnehmergruppe mit Mobility-Pricing-Tarifen sind die Ticket-Kosten zu Spitzenzeiten höher und ausserhalb der Spitzenzeiten tiefer. Wie genau die Umsetzung für Autofahrer aussieht, wird wohl noch zu definieren sein. In anderen Ländern, die ein Mobility-Pricing-System kennen, werden Fahrten etwa per GPS-Tracking erfasst.

Klar ist hingegen, dass insgesamt keine Mehreinnahmen erzielt werden sollen. «Das ‹System› von Mobility Pricing soll also in sich kostenneutral ausgestaltet werden», so Weber.

Praxistest wohl erst nach 2024

Der Weg bis zur praktischen Umsetzung ist noch ein langer. Vor Umsetzung der eigentlichen Pilotprojekte plant der Bund, eine Machbarkeitsstudie auszuarbeiten. «Diese soll ermöglichen, notwendige Abklärungen zu verschiedensten Themenbereichen zu treffen», führt Weber aus. Dazu gehören beispielsweise Perimeter, Teilnehmerkreis, Organisation, Datenschutz und Kosten eines solchen Pilotprojekts.

Die Machbarkeitsstudien sollen gemäss Bund bis 2022 vorliegen. Parallel dazu wird die gesetzliche Grundlage geschaffen, um solche Pilotprojekte überhaupt durchführen zu können. «Die gesetzliche Grundlage wird kaum vor 2024 in Kraft treten», schätzt Weber.

Aber was bringt’s?

Erst in einigen Jahren kann also getestet werden, ob Mobility Pricing sich in der Praxis bewährt. Der virtuelle Test in Zug von 2019 gibt guten Grund zur Annahme, dass dem so ist. Gemäss dem damaligen Hauptszenario kann das Verkehrsaufkommen beim motorisierten Individualverkehr (MIV) in den Spitzenstunden um 9 bis 12 Prozent reduziert werden, im öffentlichen Verkehr um 5 bis 9 Prozent. «Insgesamt resultiert damit eine deutlich spürbare Verringerung auf den überlasteten Strecken», hält Weber fest.

Nur: Funktioniert das auch in der Realität? Eine gross angelegte Studie aus den USA aus dem Jahr 2011 weist darauf hin. Sie beleuchtete den Ausbau von Strassen, Autobahnen und ÖV-Netzen in und um rund 390 US-Metropolen. Die Autoren kamen zum Schluss, dass weder ein Ausbau der Infrastruktur noch ein Ausbau des ÖV-Netzes grundlegend etwas an der Häufigkeit von Staus änderte – einzig das Schrauben an den Preisen bewirkte dies (zentralplus berichtete).

Kritiker des Mobility Pricing befürchten, dass eine Zweiklassengesellschaft entsteht, in der sich Gutbetuchte die Fahrt zur Spitzenzeit leisten können und andere abgehängt werden. Befürworter halten dem entgegen, dass man die Mobility-Pricing-Tarife vom Einkommen abhängig machen sollte.

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4 Kommentare
  1. Martin Gerber, 08.02.2021, 11:25 Uhr

    Die Mehreinnahmen, die der Bevölkerung belastet werden, werden wohl gleich wieder in einen Beamtenapparat investiert. Die einzigen, die jubeln werden, sind die Dienstleister, die die Anlagen auf den Strassen bauen dürfen und Autogaragen, die GPS Geräte einbauen respektive Software integrieren müssen.

  2. Gery Weber, 08.02.2021, 09:54 Uhr

    Pendler sollen also dafür bezahlen, dass sie zu den vom Arbeitgeber verlangten Zeiten arbeiten gehen können. Auf eine solche Idee, die arbeitende Bevölkerung zur Kasse zu bitten, muss man erst mal kommen…

  3. Andreas Peter, 08.02.2021, 09:34 Uhr

    Totaler Unsinn und viel zu aufwändig.
    Wer sich „freiwillig“ in den Stau stellt, hat wohl sowieso keine andere Option.
    Hier geht es nur wieder darum, mit viel administrativem Tamtam den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.
    Absolutes Nein.

  4. Lui Casutt, 08.02.2021, 09:25 Uhr

    Das Auto einmal mehr als Milchkuh für mehr Bundesfinanzen? NEIN!

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