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Freiheits-Biker und betrunkene Grüne – und sonst?
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Stumm, skurril, ambitioniert: Wir haben in die Luzerner Wahl-Videos hineingeklickt. (Bild: Montage zentralplus)

Tops und Flops: Videos im Luzerner Wahlkampf Freiheits-Biker und betrunkene Grüne – und sonst?

6 min Lesezeit 2 Kommentare 26.09.2019, 05:00 Uhr

Kaum Videos – und wenn, dann dümpeln sie oft im zweistelligen Klick-Bereich: Der Luzerner Wahlkampf setzt immer noch auf Plakate statt Bewegtbilder. Immerhin: Die grosse Peinlichkeit bleibt aus. Und man findet Perlen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Nehmen wir’s vorweg: Die ganz grossen Fettnäpfchen bleiben aus. Aber leider auch die Glanzstücke. Dafür: viele mittelmässige Videos von Kandidaten für den National- und Ständerat. Kaum etwas, das hängenbleibt.

Der Kampf um einen Sitz in Bern spielt sich immer noch vorwiegend auf Plakatwänden und auf der Strasse ab. Ja, die Strasse: Auffällig viele Politikerinnen und Politiker fahren, rennen oder pedalen durch den Kanton.

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Bei den Leuten statt vor der Kamera, scheint die Devise zu sein. Wir haben uns trotzdem durch Videos von Luzerner Kandidaten geklickt.

Freiheit, Freiheit, Freiheit

«Ich geniesse die Freiheit, mit dem Töff in der Natur herumzufahren.» Den bemerkenswerten Satz sagt SVP-Nationalratskandidat Guido Müller im Video für die Unterliste der Motorradfahrer. Der ehemalige Fraktionschef im Kantonsrat, der die Wiederwahl im Frühling verpasste, ist Initiant der «LU-Biker-Liste», wie sie heisst.

Der dreiminütige Spot ist dominiert von Hard-Rock-Gitarre, heissen Öfen vor verhangenem Himmel und vom Wort Freiheit.

Freiheit und Easy-Rider-Feeling – das passt wie der Wurm in den Apfel. Und darum kommt im dreiminütigen Spot geschätzte 20-mal das Wort Freiheit vor. Entscheide selbst, ob der Biker-Clip dem offiziellen Sünneli-Song der nationalen SVP das Wasser reichen kann.

Wie bitte, FDP?

Die FDP stellt in einem Zweieinhalb-Minuten-Video ihre Kandidatinnen und Kandidaten für den Nationalrat vor. «Machen wir es möglich», heisst der Film mit gut 50 Klicks und damit fernab der Wahrnehmungsskala. Es ist halt nicht sehr originell, die Köpfe einfach vor die Kamera zu stellen. Wenn dann noch die Musik die Worte übertönt, gibt es keinen Grund, das anzuklicken.

Eine GLP-Stimme ohne Worte

Wieso nur klickt all diese Wahl-Videos kaum einer an? Zum Beispiel ein Video zugunsten der GLP-Kandidatin Riccarda Schaller. Im Video erhält sie eine stumme Stimme vom Plakat-Künstler Jonas Anderhub (Ohne Rolf).

«Mit Riccarda Schaller bekäme der Nationalrat eine sehr offene, faire und leidenschaftliche Politikerin», so Anderhub. Und: «… mit Sinn für Humor.» Wir sind total pro mehr Humor in der Politik und geben einen Daumen hoch für dieses Wahl-Video.

Die Orangen stehen auf Autos

Schauen wir mal bei der CVP vorbei. Was macht die dominante Partei im Kanton in Sachen Videos? Sie hämmert uns sprichwörtlich ihre Liste 5 ins Gedächtnis: Die 5 prangt auf Kühlerhauben und Türen von Autos. Ob das bei der anstehenden Klima-Wahl das richtige Sujet ist? Entscheide selbst.

Die 5

5 Tage für die Liste 5Die 5 ist zurzeit omnipräsent im Kanton. Nicht nur wegen den auffälligen Aufklebern, sondern auch wegen unseren fähigen Leuten auf der Liste 5. Für eine omnipräsente CVP in der Luzerner Politik also in 5 Tagen die Liste 5 unverändert einwerfen! 5️⃣🗳Die neue CVP – Wir bestimmen die RichtungInfos unter www.die-5.ch#die5 #liste5 #wahlenLU19 #neuecvp #wirbestimmendierichtung #cvp #kantonluzern

Gepostet von CVP Kanton Luzern am Dienstag, 26. März 2019

Für die Generation Smartphone

Fairerweise muss man erwähnen, dass die CVP auch ziemlich flott produzierte Facebook-Clips mit Kandidaten auf Facebook stellt. Im quadratischen Handyformat, mit Untertitel versehen und mit emotionaler Piano-Musik – wie man es für die Generation Smartphone macht. Leider wollte bisher trotzdem kaum jemand Leo Müller anklicken, wie er über Klimapolitik spricht:

Leo Müller über Politiker und Klimapolitik

Erfahre, was unser Nationalrat Leo Müller von sich und anderen Politikern wünscht und erfahre von ihm, warum es eine umfassende Klimapolitik braucht.#teamorange #wirhaltendieschweizzusammen #liste5 #cvp #wahlenCH19

Gepostet von CVP Kanton Luzern am Freitag, 20. September 2019

Ständeratskandidatin Andrea Gmür verrät hingegen, wo sie so richtig Kraft tanken kann (Spoiler: in der freien Natur) – und erntet dafür ordentlich viele Klicks:

Yoga und Alkohol hilft den Grünen

Kommen wir zu den Grünen, die wohl aktivste Partei in Sachen Videos. Ein bisschen Geschmacksache ist das Werbevideo eines Kandidaten der Unterliste «Unternehmer*innen für eine grüne Wirtschaft». Yoga-Lehrer und Politiker Pascal Portmann sagt im Clip, wieso jedes Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz erstellen sollte.

Nun, er sagt es nicht nur, sondern unterstreicht es mit Streck- und Dehnübungen. Er faltet das Wort «Gemeinwohl» zu einem Papierflieger – 13 Menschen wollten das bisher sehen.

Weitere Kandidatinnen der Grünen platzieren ihre Botschaften in zwar authentischen Facebook-Videos, aber da hat uns die suboptimale Tonqualität weiterklicken lassen – auf die Seite der Jungen Grünen. Sie nehmen sich das populäre Format von «Watson» zum Vorbild: Das angesäuselte Ablästern, im Original genannt «Wein doch».

Die Jungpartei traut sich hier, einfach mal Luft abzulassen – gegen grosse Autos, das Militär oder Nicht-Wähler. Das ist gut produziert, authentisch, zuweilen recht lustig und es wird angeklickt:

"Wein doch" – Jona Studhalter über Autofahrer

"Ond nochether stönd eifach nonstop die schiss Chärre im Wäg"- Jona J Studhalter

Gepostet von Junge Grüne Kanton Luzern am Donnerstag, 19. September 2019

Nachtrag: Just nach Erscheinen des Artikels haben die Grünen einen professionellen Wahl-Endspurt-Spot veröffentlicht. Den wollen wir euch nicht vorenthalten. «Für uns ist Klimaschutz kein Trend, sondern Tradition», sagt darin Ständeratskandidatin Monique Frey – und macht den Planeten sauber:

Für einen Wandel in Bern

Die Klimkrise ist die grösste Herausforderung für die Schweiz und die ganze Welt – dennoch wird in Bundesbern nicht gehandelt. Aber Du kannst etwas dagegen tun: Mit deiner Stimme für die GRÜNEN am 31. Oktober machst Du den politischen Wandel möglich. Für heute und die nächsten Generationen. 🌎 #Klimawahl2019 💚 #GrünGewinnt Weitere Infos: https://klimawahl.gruene-luzern.ch/

Gepostet von Grüne Luzern am Donnerstag, 26. September 2019

Bundesrat Maurer verhilft zum viralen Hit

Auch Franz Grüter rührt auf Youtube mächtig die Werbetrommel für seine Ständeratswahl – in Sachen Quantität ist er der absolute Sieger. Niemand kann mehr Tutorial-Videos präsentieren als der Internet-Unternehmer. Das SVP-Logo fehlt in den Spots interessanterweise gänzlich, dafür ist dramatische Blockbuster-Musik nicht zu sparsam eingesetzt.

Grüter hat mit der umstrittenen Unterstützung von Bundesrat Ueli Maurer einen regelrechten viralen Hit gelandet – zumindest für Luzerner Polit-Verhältnisse: über 20’000 Klicks.

Da kann der amtierende Ständerat Damian Müller nicht mithalten, der ja alles andere als ein Anfänger in Sachen Social Media und Videos ist. Seine Filme sind zwar sehr aufwendig produziert, trotzdem will auf Youtube kaum jemand seine Botschaften sehen:

Haller zeigt uns Willisau

Auch SVP-Kandidat Dieter Haller hat einen stimmigen Clip nahe beim Volk produziert. «Wir alle sind rüüdig stolz auf unseren Kanton», sagt er. In den gut drei Minuten (30 Klicks) zeigt Haller, dass er’s mit Güselmännern genauso kann wie mit jassenden Bauern.

Im pittoresken Städtchen Willisau zeigt und sagt er, was ihm wichtig ist. Und weil er wirklich alle – «ob jung oder alt, aus der Stadt oder vom Land» – ansprechen will, hat er noch eine Version für die Stadtbevölkerung von Luzern gedreht (18 Aufrufe).

#TeamHäsu rennt

Was machen eigentlich die Sozis? Von den Jungsozialisten kam bis jetzt enttäuschenderweise gar nichts Aufsehenerregendes in Sachen Bewegtbild. Anders die Mutterpartei. Run, Hasan, Run: SP-Kantonsrat Hasan Candan ist in den Mobilitäts-Wettstreit durch die Gemeinden eingestiegen. Die SVP fährt mit dem Car, Damian Müller und Andrea Gmür haben je einen Piaggio-Dreiräder umgebaut, Monique Frey pedalte mit dem Velo durch alle Gemeinden – und Candan? Er joggt.

Alle 83 Gemeinden im Kanton will der Nationalratskandidat bejoggen. Eine Woche hat er hinter sich, dazu hat er ein Video online gestellt, in dem er, nun ja: rennt. «Für Luzern und das Klima gehe ich eine Extrameile»:

Lustiger – und in Sachen Reichweite weit erfolgreicher – sind aber seine Clips auf Facebook unter dem Hashtag #TeamHäsu:

In 4 Wochen, also am 31. März, sind Wahlen und ab Morgen flattern die Wahlunterlagen in den Briefkasten! Wenn sich mein Name 2x auf der Liste 3 wieder finden würde, dann Danke ich dir vielmals für deine Unterstützung❤️#TeamHäsu

Gepostet von Hasan Candan am Sonntag, 3. März 2019

Flyer filmen statt drucken

Zum Schluss noch dies: In einem Video wird ein PC-Bildschirm gezeigt, auf dem jemand durch die FDP-Seite scrollt. Sollte man sowas nicht besser sein lassen?

Das Beispiel stammt von FDP-Kandidatin Priska Hafner. Sie zeigt wohl den Bildschirm, weil sie sympathischerweise auf Flyer verzichtet. Stattdessen pflanzt sie Bäume.

«Die Unmenge Papier für Wahlwerbung landet meist unangeschaut im Papierkorb und nervt.» Stimmt, nur gilt das auch für gewisse Videos.

Mit Mut zu Neuem, konsequent und nachhaltig verzichte ich, Nationalratskandidatin Grosswangen, absichtlich auf zusätzliche Werbemittel, wie z.B. Flyer und Götti-/Empfehlungskarten. Denn die Unmenge Papier für Wahlwerbung landet meist ungeschaut im Papierkorb und nervt. Statt dessen pflanze ich, zusammen mit Luzernerinnen und Luzernern, Co2-bindende Hochstammobstbäume, um ein nachhaltiges Zeichen für Landwirtschaft, Klima und Umwelt zu setzen. Eine nachhaltige Investition in die Zukunft statt Müll zu produzieren.Fakten zu einem Baum:- Ertragserwartungen Äpfel180-250 kg /BaumBirnen 200-300 kg /BaumKirschen 30-100kg /BaumZwetschgen 30-100 kg /Baum- Bäume als nicht endende Quelle an Nahrung , Lebensraum , Klimaregulator und Erholungsort, Brenn und Baumaterialökologisch wichtiger Lebensraum wichtige Nahrungsquelle für Bienen, Hummel und Vögelkulturell stark verankertes LandschaftelementFörderung der Biodiversitätbinden und speichern CO2, filtern Staub und Partikel aus der Luft erhöhen die Luftfeuchtigkeit und erbringen damit eine Kühlleistung.Interesse: http://priska-hafner.berta-digital.ch/baum/Als vielseitige Arbeitnehmerin und vierfache Mutter begegnen mir täglich politische Entscheidungen, die ich kritisch hinterfrage. Ich setzt mich ein für:1. Bildung die fordert und fördert: Bildung ist unser Rohstoff. Er sichert uns und unseren Kindern die Zukunft.2. Intakte Landwirtschaft, Klima und Umwelt: Gute Rahmenbedingungen für eine produzierende Landwirtschaft nach ökologischen Grundsätzen schonen die Umwelt und trägt dem Klimawandel Rechnung.3. Vereinbarkeit Beruf und Familie: Gute Rahmenbedingungen für KMU und die Wirtschaft sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sichern Arbeitsplätze, erhalten wertvolle Fachkräfte und ermöglichen neue, zukünftige Lebensentwürfe.Es braucht Frauen und Mütter in Bern, die die Rahmenbedingungen der Politik hautnah miterleben und den Mut aufbringen zu handeln. #esgrüessli Priska#priska_hafner_in_den_Nationalrat, 2x auf deine Liste. Danke.

Gepostet von Priska Hafner am Montag, 23. September 2019

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2 Kommentare
  1. rahel.estermann, 26.09.2019, 13:14 Uhr

    “Ständeratskandidatin Monique Müller”? So würden wir Grüne uns nie bei der FDP anbiedern. 🙂

    1. Redaktion Jonas Wydler, 26.09.2019, 14:03 Uhr

      Wird Zeit, dass der Wahlkampf eine Ende findet … wir sind schon ganz konfus 🙂 Natürlich haben wir den Fehler korrigiert, danke für den Hinweis.