«Wenn ich sehe, dass diese Frauen in Autos steigen und wegfahren, löst das bei mir Sorgen aus», sagt Annemarie Scheidegger.
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«Wenn ich sehe, dass diese Frauen in Autos steigen und wegfahren, löst das bei mir Sorgen aus», sagt Annemarie Scheidegger. (Bild: Andrea Schelbert)

Als Beraterin auf dem Luzerner Strassenstrich «Freier sind das Kapital der Sexarbeiterinnen»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 22.11.2013, 06:00 Uhr

Annemarie Scheidegger wird sich zukünftig für Sexarbeiterinnen im Strassenstrich einsetzen. «Zu erleben, unter welchen harten Bedingungen die Prostituierten arbeiten, ist fordernd. Diese Frauen kämpfen um ihre Existenz. Für mich sind das mutige Frauen», sagt die frühere Leiterin der Amtsvormundschaft Luzern.

Dunkelheit. Kälte. Ausharren, ohne ein warmes Dach über dem Kopf zu haben. Unter diesen Bedingungen arbeiten die Sexarbeiterinnen auf dem Luzerner Strassenstrich im Gebiet Ibach. «Es ist kein schönes Arbeitsumfeld. Die leicht bekleideten Frauen mit ihren langen, schönen Beinen warten in der Kälte auf ihre Arbeit. Ich finde, dass diese Frauen Ausserordentliches leisten», sagt Annemarie Scheidegger.

Diese Aussage erstaunt, wenn man bedenkt, mit welchem negativen Image die Prostitution oft immer noch behaftet ist. Doch Scheidegger hat ihre Meinung dazu geändert. «Als ich jünger war, dachte ich, was das bloss für Frauen seien, die ihren Körper verkaufen und warum sie dies tun», sagt sie. Heute wisse sie: «Das sind Frauen wie Sie und ich, besondere Lebensumstände haben sie dazu gebracht.»

Die frühere Leiterin der Amtsvormundschaft Luzern hat sich bereit erklärt, Freiwilligenarbeit auf dem Luzerner Strassenstrich zu leisten. Sie wird ab Mitte Dezember für das Projekt Hotspot (siehe Box) im Einsatz stehen. Was hat die 62-Jährige motiviert, sich für Frauen im Sexgewerbe zu engagieren? «Ich hatte viel Glück im Leben. Ich habe 35 Jahre lang gearbeitet und bin nun pensioniert. Für mich war klar, dass ich etwas von meinem Glück zurückgeben will», erklärt sie.

«Sexarbeit gehört zum Leben»

Pilotprojekt auf dem Strassenstrich

Das Projekt Hotspot ist ein professionelles Beratungsangebot für Sexarbeiterinnen (zentral+ berichtete). Das Pilotprojekt wird hauptsächlich von Kanton und Stadt Luzern finanziert. Geplant ist, dass ab Dezember 2013 im Gebiet Ibach zweimal pro Woche zwei Beraterinnern während drei Stunden auf dem Strassenstrich anwesend sind. Für die Beratung steht ein Baucontainer zur Verfügung, zu dem nur die Beraterinnen und die Sexarbeiterinnen Zutritt haben werden.

Den Frauen werden Kondome, Gleitmittel und Informationsbroschüren abgegeben. Sie werden über gesundheitliche Themen, Gewaltprävention, Sicherheit, Aufenthaltsbestimmungen und andere rechtliche Fragen informiert. Im gemeinsamen Gespräch will man herausfinden, welche Bedürfnisse und Anliegen die Sexarbeiterinnen haben.

Annemarie Scheidegger sitzt in ihrer modernen und stilvoll eingerichteten Wohnung in Gisikon. Sie offeriert einen Mangotee und Süssigkeiten. Ihr Zuhause bildet einen Kontrast zu ihrem künftigen Arbeitsumfeld. Doch die elegante Frau kennt keine Berührungsängste: «Sexarbeit hat es schon immer gegeben. Es ist ein Bedürfnis, welches aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken ist.»

Es sei allerdings oft zu hören, dass die Frauen im Sexgewerbe keine Würde mehr hätten. Damit habe sie Mühe, erklärt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Natürlich würden die Sexarbeiterinnen eine Arbeit erledigen, von der man behaupten könnte, dass sie nicht viel Würde beinhalte. «Doch wenn man berücksichtigt, was diese Frauen für ihre Kinder und Familien leisten, dann dürfen wir nicht von unwürdig sprechen. Für mich sind das mutige Frauen.»

Freundschaften auf dem Strich

Viermal war Annemarie Scheidegger bereits zusammen mit Projektleiterin Birgitte Snefstrup im Gebiet Ibach unterwegs. Dank dieser Besuche konnte sie erste Eindrücke gewinnen. «Die Sexarbeiterinnen sind sehr freundlich. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass sie untereinander Freundschaften geschlossen haben. Es sind sehr anmutige Frauen. Wenn sie anders gekleidet wären, würde man nicht merken, dass sie im Sexgewerbe tätig sind», sagt Scheidegger.

Sie habe gesehen, wie sich die Sexarbeiterinnen im Gebüsch umgezogen hätten. «Es wurde gelacht, während sie ihre Strümpfe und hohen Schuhe angezogen haben. Mir ist aufgefallen, dass die Frauen sehr jung waren. Ich habe vor allem in heitere, und nicht etwa gequälte oder traurige Gesichter gesehen», betont die 62-Jährige. Sie sei aber jeweils nur bis 23 Uhr vor Ort gewesen.

Aber der finanzielle Druck, dem diese Frauen wegen der grossen Konkurrenz im Sexgewerbe ausgesetzt seien, findet Scheidegger enorm. «Immer wieder war von den Frauen zu erfahren, dass das Geschäft nicht mehr gut läuft. Die Freier handeln mit den Sexarbeiterinnen den Preis herunter. Es sind teilweise unverschämt niedrige Preise, die vereinbart werden.»

Kaum Verständnis für Tätigkeit

Annemarie Scheidegger hat nur wenige Freunde über ihre künftigen Einsätze auf dem Strassenstrich informiert. «Die meisten wissen nichts davon.» Als sie einmal einer nahestendenen Person von der nächtlichen Freiwilligenarbeit erzählt hatte, kam ein schlechtes Feedback: «Sie war sehr konsterniert, dass ich eine solche Arbeit mache. Doch mit dieser Meinung kann ich nichts anfangen. Für mich ist es nicht so, dass meine frühere Arbeit als Führungskraft wertvoller als diese Arbeit wäre.»

Auch ihre Tochter habe ihre Bedenken mitgeteilt, weil sie sich Sorgen um ihre Mutter mache. «Sie hat Angst, dass ich nicht mehr nach Hause komme, dass mir Gewalt angetan werde. Das ist verständlich. Doch ich glaube nicht, dass mir etwas passieren wird. Ich tue ja nichts Unüberlegtes.»

Nicht gegen Freier, sondern für Frauen

Es liege ihr auch fern, die Sexarbeiterinnen belehren oder zu einem Ausstieg aus dem Sexmilieu bewegen zu wollen. Ihr sei wichtig, dass Sexarbeiterinnen im geheizten Container einen warmen Tee oder Kaffee bekommen können. Die Verantwortlichen sind ausserdem auf der Suche nach einer Bäckerei, die Backwaren zur Verfügung stellt, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können. «Wenn die Frauen in Not sind oder Sorgen haben, sind wir eine Anlaufstelle. Wenn es ihnen schlecht geht, können sie das bei uns deponieren. Wir versuchen gemeinsam eine Lösung zu finden.» Sie hoffe, dass mit der Zeit durch Vertrauen Beziehungen aufgebaut werden können. Die Luzernerin betont, dass sie sich nicht gegen die Freier sondern immer für die Frauen engagieren werde. Sie weiss: «Die Freier sind das Kapital der Sexarbeiterinnen.»

Schlimm findet die Luzernerin, wenn Frauen im Sexgewerbe mit Gewalt konfrontiert werden. «In ein Gesicht zu blicken, das Unsicherheit und Misstrauen ausstrahlt, macht mich traurig. Dass es Freier gibt, die gewalttätig werden, finde ich schrecklich. Ich will mir dieses Erschrecken behalten und mich nicht abstumpfen lassen. Offenbar haben wir in unserer Gesellschaft ein Problem mit der Gewalt.» Das sei ein äusserst bedenklicher Zustand.

Nach dem Überfall Ende Oktober, bei dem eine Sexarbeiterin von zwei Freiern geschlagen wurde, habe sie die Frauen vorsichtiger und wortkarger erlebt. «Ich hatte den Eindruck, dass sie aufmerksamer und weniger offen waren. Zwei oder drei Frauen haben gar nichts mehr gesagt.»

Es ist zu spüren, dass sie die Bilder und Erlebnisse vom Strassenstrich bewegen. «Zwischen dem Lesen über den Strassenstrich und dem Erfahren, was sich da abspielt, besteht ein grosser Unterschied. Wenn ich sehe, dass diese Frauen in Autos steigen und wegfahren, löst das bei mir Sorgen aus. Ich frage mich, ob sie wieder heil zurück kommen. Das zu beobachten würde ich als Herausforderung bezeichnen.» Niemand wisse, wohin die Frauen gefahren werden. «Man steht da und hofft, dass sie wieder zurück kommen.»

Zu erleben, unter welchen harten Bedingungen die Prostituierten arbeiten, sei fordernd. «Sie kämpfen um ihre Existenz. Sie arbeiten auf einem Areal, das eigentlich für solche Arbeit ungünstig ist. Ich denke dann auch an all die jungen Frauen, die das Privileg haben, einen gesellschaftlich anerkannten Berufsweg einschlagen zu können.»

«Frauen wie Sie und ich»

Voraussichtlich Mitte Dezember wird Annemarie Scheidegger ihren ersten Einsatz als Mitarbeiterin von Hotspot haben. Zuvor werden sie und die drei anderen freiwilligen Helferinnen von Projektleiterin Brigitte Snefstrup geschult. Was hat Annemarie Scheidegger von ihren ersten vier Besuchen im Strassenstrich gelernt: «Die Erkenntnis, dass diese Frauen wenig Akzeptanz erfahren und unglaublich mutig sind. Vermutlich führen sie ein gespaltenes Leben. Ich habe wahrgenommen, dass die Sexarbeiterinnen offene Seelen haben.»

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2 Kommentare
  1. horst seebold, 09.01.2014, 23:49 Uhr

    «Diese Aussage erstaunt, wenn man bedenkt, mit welchem negativen Image die Prostitution oft immer noch behaftet ist.

    Doch Scheidegger hat ihre Meinung dazu geändert. «Als ich jünger war, dachte ich, was das bloss für Frauen seien, die ihren Körper verkaufen und warum sie dies tun», sagt sie. Heute wisse sie: «Das sind Frauen wie Sie und ich, besondere Lebensumstände haben sie dazu gebracht.» »

    also Ich denke Frau Scheidegger versteht hier etwas falsch.
    wenn man «besondere Lebensumstände» hat – dann macht man noch lange nicht etwas freiwillg oder sogar zum spass.

    «Ich habe vor allem in heitere, und nicht etwa gequälte oder traurige Gesichter gesehen», betont die 62-Jährige. »

    was meinen sie warum die leicht bekleideten damen «heiter» sind ?
    meinen sie sie bekommen ein freier wenn sie gequält schauen ?

    meine meinung ist das sich unsere gesellschaft hier an sklaverei und menschenhandel beteiligt.
    und das mitten in der doch ach so schönen und behüteten zentralschweiz 🙁

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  2. Tonino Bucherinsky, 22.11.2013, 08:10 Uhr

    Vielen Dank für diesen ungeschminkten Einblick. Legen wir die Sonnenbrillen beiseite und gucken wir genauer hin.

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