Frauenmorde in Luzern: Wenn das Zuhause zur tödlichen Falle wird
  • Gesellschaft
Sich von einem Mann zu trennen, kann für Frauen tödlich sein. (Bild: Symbolbild Adobe Stock)

Gewalt in den eigenen vier Wänden Frauenmorde in Luzern: Wenn das Zuhause zur tödlichen Falle wird

5 min Lesezeit 4 Kommentare 16.06.2020, 05:01 Uhr

In Emmenbrücke ist am Sonntag eine Frau erstochen worden. Sie wurde nur 47 Jahre alt. Ihr Ehemann steht im Verdacht, sie getötet zu haben. Sollte sich dies bewahrheiten – es wäre kein Einzelfall. Tötungen von Frauen sind ein gesellschaftliches Problem.

Statistisch gesehen ist die eigene Wohnung einer der gefährlichsten Orte für eine Frau. Über die Hälfte der Tötungsdelikte in der Schweiz finden im familiären Umfeld statt. Die Familie sollte zwar ein sogenannter «Safe Space» sein, ein Ort der Geborgenheit. Die Realität sieht bisweilen aber anders aus, wie erst kürzlich eine neue UN-Studie gezeigt hat.

Tötungsdelikte innerhalb einer Familie oder Paarkonstruktion werden gerne als «Beziehungstat» oder «Familientragödie» bezeichnet. Als wäre das Schicksal und nicht die Täterin oder der Täter dafür verantwortlich, was geschehen ist. Dagegen wehren sich Frauenrechtlerinnen. Sie sprechen von Femizid oder Frauenmord und nennen damit die Taten beim Namen.

Hintergründe der mutmasslichen Tötung sind unklar

Am Sonntag ist in Emmenbrücke eine 47-jährige Serbin mit einem Messer schwer verletzt worden. Ihr Ehemann wurde verhaftet, weitere Hintergründe sind nicht bekannt (zentralplus berichtete). Klar ist nur: Der Polizei wurde kurz nach 13 Uhr ein Streit gemeldet. Als die Polizistinnen eintrafen, fanden sie nur die schwerverletzte Frau und ihren Ehemann in der Wohnung vor. Als der Rettungsdienst eintraf, war die Frau bereits tot.

Für den Ehemann gilt bis zur Verurteilung die Unschuldsvermutung. Über mögliche Motive zu spekulieren, wäre unangebracht. Ein Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt aber: Sollte sich der Verdacht bewahrheiten – der Fall würde sich in eine Vielzahl ganz ähnlich gelagerter Fälle in der Region einreihen.

  • Erst im April 2020 verschickte die Luzerner Polizei eine Medienmitteilung im fast gleichen Wortlaut. Eine Frau war mit einem Küchenmesser erstochen worden – ebenfalls in Emmenbrücke. Unter Tatverdacht steht ihr Sohn (zentralplus berichtete). Zu den Hintergründen ist auch hier nichts Weiteres bekannt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen noch.
  • Mehr weiss die Öffentlichkeit inzwischen über eine Bluttat, die ein zweifacher Familienvater 2016 in Littau begangen hat. Mit 15 Messerstichen stach der Mann seine 51-jährige Ehefrau vor dem Restaurant Ochsen nieder. Das Kriminalgericht machte als Motiv «eine Mischung aus Rache, verletztem Stolz, Wut und Eifersucht» aus – und verurteilte den Portugiesen wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren (zentralplus berichtete). Der Fall ist nun am Kantonsgericht hängig, weil der Beschuldigte in Berufung gegangen ist.
  • Eifersucht war auch eines der Motive eines Syrers, der 2014 seine Frau in Kriens auf brutale Art und Weise getötet hat. In Anwesenheit seiner beiden Kinder stach er ihr ein Messer in den Hals. Weil sie sich von ihm trennen wollte, sah der Täter die Familienehre in Gefahr. Das Bundesgericht hat erst kürzlich die Verurteilung wegen Mordes bestätigt. Er verbüsst nun eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren (zentralplus berichtete).
  • 2014, also im gleichen Jahr, kam es zu einem Fall, der bereits nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit geriet. Im Luzerner Obergütschquartier erschoss ein 69-Jähriger seine Ehefrau. Nach der Tötung meldete er sich telefonisch bei der Polizei und gestand die Tat. Noch bevor die Polizisten eintrafen, beging der Täter Suizid (zentralplus berichtete). Was den Schweizer zur Tötung seiner Ehefrau veranlasst hatte, ist bis heute unbekannt.
  • Ganz ähnlich lief die Tat eines 50-jährigen Serben ab, der wegen häuslicher Gewaltdelikte bereits vorbestraft war. Er schoss im November 2008 in Reussbühl auf seine Frau und richtete danach sich selbst. Der 14-jährige Sohn des Paares befand sich zur Tatzeit in der Wohnung.
  • In Erinnerung geblieben dürfte vielen auch der Fall der Frau, die 2004 in einer Unterführung in Sempach erstochen wurde. 13 Schnitt- und Stichwunden versetzte ihr der Ehemann, der ihr dort aufgelauert hatte. Zuvor hatte der Mazedonier sie jahrelang erniedrigt, bedroht und sexuell genötigt. Das Obergericht verurteilte ihn 2007 wegen Mordes zu 18 Jahren Freiheitsstrafe. Motiv der Tat: Das Opfer hatte sich von ihrem Mann trennen wollen.
  • Die Trennung hatte eine 37-jährige Jugoslawin bereits vollzogen, als sie 2002 von ihrem Ex-Mann erschossen wurde. Die beiden wollten sich zu einem Gespräch im Café Bajazzo treffen, das es damals im Maihofquartier gab. Dabei kam es zum Streit, der Ex-Mann zog eine Pistole.
  • Eine letzte Aussprache wurde auch einer 26-jährigen Dominikanerin zum Verhängnis. Ihr Ehemann erschoss sie 1996 nach dem Gespräch in Reussbühl aus nächster Nähe. Der damals 35-jährige Italiener flüchtete daraufhin in seine Heimat, wo er ein umfassendes Geständnis ablegte.

Diese Liste der Gewalttaten gegen Frauen ist nicht vollständig – und sie liesse sich weit fortsetzen, würde man all die Fälle einbeziehen, in denen die Opfer die Angriffe knapp überlebten. Die Zusammenstellung zeigt aber: Bei Frauenmorden handelt es sich oft um «Trennungstötungen», bei denen Männer die derzeitige oder ehemalige Partnerin töten. Das Motiv ist oft Eifersucht – in Kombination mit einem Besitzanspruch.

Einen Mann zu verlassen, kann für Frauen also tödlich enden. Der ähnliche «Modus operandi» der Fälle zeigt, dass es nicht reicht, die Taten als Familientragödien abzutun. Das hat auch die Luzerner Regierung erkannt. Nachdem sie die Ressourcen für die Prävention von häuslicher Gewalt vor drei Jahren massiv kürzte, stockt sie nun die Mittel wieder (etwas) auf (zentralplus berichtete).

Hier findest du Hilfe

Du bist selbst von Gewalt betroffen? Das Frauenhaus Luzern bietet gewaltbetroffenen Frauen – mit oder ohne Kindern – Schutz, Unterkunft und Beratung. Auch kannst du rund um die Uhr auf die Helpline 041 360 70 00 anrufen.

Die Opferberatungsstelle ist für Menschen da, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität beeinträchtigt worden sind. Zögere nicht, auf 041 228 74 00 anzurufen, wenn du Hilfe bei der Bewältigung einer bestimmten Situation brauchst.

Für Notfälle und Hilfe vor Ort ist die Polizei für dich da (Notruf-Nummer 117).

Wenn du als Mann selbst Gewalt ausübst und damit aufhören willst oder merkst, wie aggressive Gefühle in dir aufkommen, kannst du dich an Agredis wenden. Agredis bietet persönliche Gewaltberatungen an. Von Mann zu Mann. Telefonisch gibt’s über die Nummer 078 744 88 88 Unterstützung. Täglich von 7 bis 22 Uhr.

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4 Kommentare
  1. Villiger Guido, 16.06.2020, 12:25 Uhr

    Von diesen acht Mordfällen, sind sieben von Ausländern begannen worden, man sollte das schon ganz klar kommunizieren.

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    1. Redaktion Lena Berger, 16.06.2020, 14:33 Uhr

      Die Nationalitäten der verurteilten Täter werden im Bericht genannt. Ob das relevant ist, ist eine andere Frage. Eine statistisch verlässliche Aussage lässt sich anhand von acht Fällen kaum machen. Statistiken zur häuslichen Gewalt im allgemeinen zeigen, dass diese in allen Gesellschaftsschichten und auch in Schweizer Familien vorkommt. Ursache für die Tötungsdelikte dürfte demnach kaum der Ausländerstatus sein – zumal die Gruppe «Ausländer» ja eine ziemlich heterogene sein dürfte.

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  2. Andreas Peter, 16.06.2020, 10:06 Uhr

    «Tötungen von Frauen sind ein gesellschaftliches Problem.»
    Wohl eher ein parallelgesellschaftliches Problem.

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    1. Redaktion Lena Berger, 16.06.2020, 16:23 Uhr

      Die Statistiken zur häuslichen Gewalt zeigen ein anderes Bild. Nämlich, dass Gewalt gegen Frauen eben gerade nicht nur in einer gesellschaftlichen Schicht vorkommt.

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