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Frauen vereint: Damit sich die Wand schwarzer Anzüge lichtet
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Stehen für Frauenförderung ein (von links): Maria Pilotto (SP), Lisa Zanolla (SVP), Rosy Schmid (FDP), Claudia Bernasconi (CVP), Katharina Meile (Grüne), Claudia Huser (GLP). (Bild: zvg)

Netzwerk kämpft für mehr Politikerinnen in Luzern Frauen vereint: Damit sich die Wand schwarzer Anzüge lichtet

7 min Lesezeit 22.03.2018, 09:35 Uhr

Die Politik ist im Kanton Luzern fest in Männerhand: Seit drei Jahren sitzt keine Frau mehr in der Regierung, der Frauenanteil im Kantonsrat liegt bei rund 25 Prozent. Das will ein Netzwerk ändern – und holt dafür Bundesrätin Doris Leuthard nach Luzern. Auf die knallharte Tour will man hingegen verzichten.

Vor drei Jahren sorgte Luzern weit über die Kantonsgrenzen hinaus für Schlagzeilen – und zwar nicht von der schmeichelhaften Sorte. 2015 wählte das Stimmvolk eine reine Männerregierung; eine Konstellation, die man heutzutage nur noch in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Tessin antrifft.

Die Männer sind auch im Kantonsrat am Drücker. Bereits bei den Wahlen 2015 sank der Frauenanteil im Parlament auf unter 30 Prozent. Durch mehrere Rücktritte von Frauen – und nachrückende Männer – ist er inzwischen auf beinahe 25 Prozent gefallen. Heisst: Nur noch auf etwa jedem vierten Sitz im Kantonsrat sitzt eine Frau. In der Überzahl ist das weibliche Geschlecht in keiner Fraktion (siehe Grafik).

Davon haben einige Politikerinnen genug. Sie wollen mit mehreren Anlässen diese Entwicklung brechen. Ihr Ziel: Bei den kantonalen Wahlen im Frühling 2019 soll der Frauenanteil wieder steigen (zentralplus berichtete).

An vorderster Front der Gruppe Politik des Netzwerks «Frauen Luzern» mit dabei ist Claudia Bernasconi, CVP-Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin von Greppen.

zentralplus: Frau Bernasconi, mit einem überparteilichen Netzwerk wollen Sie mehr Frauen ins Regierungsgebäude bringen. Wie ist die Reaktion der Männer ausgefallen?

Claudia Bernasconi: Die meisten reagierten zuerst mit der Frage: Braucht es das? Doch viele stehen hinter uns, nicht zuletzt auch, weil das Thema zurzeit sehr aktuell ist. Zum Beispiel die Frage nach der Lohngleichheit, aber auch grundsätzlich das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

zentralplus: Und was entgegnen Sie? Wieso braucht es eine solche Initiative heutzutage noch?

Bernasconi: Vor 2014, als man im Kantonsrat noch für jede Abstimmung aufstehen musste statt einen Knopf zu drücken, erhob sich jeweils eine Wand voller schwarzer Anzüge (lacht). Das zeigt klar: Es fehlen definitiv Frauen, doch viele trauen sich Politik nicht zu.

«Frauenförderung darf kein linkes Thema sein.»

zentralplus: Ist das tatsächlich so – und nicht eher ein Klischee?

Bernasconi: Wenn ich in Greppen beispielsweise jemanden für eine Kommission suche, sagen Frauen oft: Das kann ich nicht. Männer hingegen fragen eher: Will ich das? Bei denen wird das Können gar nicht in Frage gestellt.

zentralplus: Hat es auch damit zu tun, dass Politiker und Politikerinnen stärker in der Öffentlichkeit stehen und sich angreifbar machen?

Bernasconi: Als Politikerin braucht man breite Schultern. Man muss lernen: Kritik bedeutet keinen Angriff auf die eigene Person, sondern auf das Amt. Da haben Frauen zu Beginn vermutlich mehr Schwierigkeiten. Aber man bekommt schnell eine dicke Haut. Und man darf auch Fehler machen.

Die Grafik zeigt den Rückgang des Frauenanteils im Luzerner Kantonsrat seit 2015:

 

 

 

zentralplus: Liegt es allein an den Frauen, die sich nicht trauen – oder auch daran, dass Politik als Männer-Business wahrgenommen wird?

Bernasconi: Ja, das spielt auch eine Rolle. Es ist noch nicht selbstverständlich, dass eine Frau mitdiskutiert.

zentralplus: Sie sind seit sechs Jahren Gemeindepräsidentin, seit drei Jahren Kantonsrätin – begegnen Sie selbst solchen Vorurteilen?

Bernasconi: Als Gemeindepräsidentin erlebe ich es regelmässig. Viele sind gegenüber einer Frau deutlich kritischer und fragen: Kann die mit Bauherren diskutieren, versteht die etwas von einer Baubewilligung?

zentralplus: Wie gehen Sie damit um?

Bernasconi: (bestimmt) Ich weiss, dass ich es kann.

«Wenn es die nächsten 20 Jahre so weiter geht, müssen wir nochmals über eine Frauenquote reden.»

zentralplus: Sie wollen mehr Frauen in die Politik holen – mit welchem konkreten Ziel im Hinblick auf die kantonalen Wahlen im März 2019?

Bernasconi: Wir streben einen höheren Frauenanteil im Kantonsrat an und wollen wieder eine Frau in der Regierung.

zentralplus: Das klingt nicht nach einem radikalen Umbruch. Wieso verlangen Sie nicht eine konkrete Zahl? Eine «Frauenquote light» für den Bundesrat fand sogar im Ständerat Zustimmung – in Luzern wäre das angesichts der Zahlen doch noch viel dringlicher?

Bernasconi: Hätten wir eine bestimmte Quote zur Bedingung gemacht, wäre unser Netzwerk wohl nicht so breit abgestützt. Denn in diesem Punkt sind wir uns nicht einig. Persönlich bin ich nicht überzeugt von diesem Instrument. Wenn es die nächsten 20 Jahre so weiter geht, müssen wir aber nochmals über eine Frauenquote reden.

Bundesrätin in Luzern

Diesen Donnerstag findet im Hotel Schweizerhof ab 17.30 Uhr ein Podium von «Frauen Luzern – Politik» statt. Bundesrätin Doris Leuthard spricht über die verkehrstechnischen Herausforderungen im Kanton Luzern. Anschliessend diskutieren Grossstadträtin Korintha Bärtsch (Grüne), Stadträtin Manuela Jost (GLP), Nationalrätin Natalie Rickli (SVP) und die Unternehmerin Jasmin Stutz über das Thema.

Im August 2018 organisiert das Netzwerk zudem mehrere Workshops für Frauen, die sich für ein Mandat im Luzerner Kantonsrat interessieren.

zentralplus: Frauenförderung ist tendenziell eher ein linkes Anliegen. Nun engagiert sich ein überparteiliches Netzwerk für mehr Frauen in der Politik – wie ist das zustandegekommen?

Bernasconi: Vor rund zwei Jahren haben die heutige SP-Grossstadträtin Maria Pilotto und ich beschlossen: Auf die nächsten Wahlen hin brauchen wir mehr Frauen. Dann ging es erstaunlich schnell: Alle Parteien haben zugesagt. Das zeigt: Es ist eine breite Akzeptanz vorhanden für das Problem. Frauenförderung darf kein linkes Thema sein.

zentralplus: Selbst die SVP, deren Mutterpartei die eigene Frauenorganisation abschafft und die in anderen Kantonen Gleichstellungs-Fachstellen streicht, ist mit an Bord. Haben Sie damit gerechnet?

Bernasconi: Dass Lisa Zanolla mitmacht, freut mich sehr. Doch auch die SVP muss die Frauen abholen – schliesslich liegen dort 50 Prozent ihrer potenziellen Wählerschaft.

zentralplus: Wie wollen Sie jemanden von einem politischen Amt überzeugen, der sich sowieso nicht für Politik interessiert?

Bernasconi: Natürlich muss man Neugier mitbringen. Man muss gerne diskutieren und interessiert sein, etwas umzusetzen. Und da gibt es Frauen, die man damit nicht packen kann. Aber es gibt eben auch solche, die das mitbringen, aber nicht von sich aus den ersten Schritt machen. Dort wollen wir ansetzen.

zentralplus: Ob jemand auf eine Wahlliste kommt, hängt letztlich von den Wahlkampfleitern und Ortsparteien ab, also auch von Männern.

Bernasconi: Ich glaube nicht, dass eine Partei Nein sagt, wenn eine Frau kandidieren will. Politik lernt man nirgends, sondern nur in der Praxis.

Kantonsrätin Claudia Bernasconi will Frauen motivieren, in die Politik einzusteigen.

Kantonsrätin Claudia Bernasconi will Frauen motivieren, in die Politik einzusteigen.

(Bild: jal)

zentralplus: Was machen Frauen in der Politik besser als Männer? Oder ist das eine blöde Frage?

Bernasconi: Ich glaube nicht, dass Frauen bessere Politik machen, aber sie tun es anders. Eine Frau diskutiert anders, findet andere Lösungen und hat einen anderen Hintergrund, den sie mit einbringt. Dieses Denken braucht es in der Politik, da dadurch bessere Entscheide entstehen.

zentralplus: Das Podium am Donnerstag mit Bundesrätin Doris Leuthard gibt den Startschuss für Ihre Kampagne (siehe Box). Wieso gerade ein so komplexes Thema wie Verkehr?

Bernasconi: Wir haben bewusst eine Debatte gewählt, die in Luzern von Männern dominiert wird. Im Kantonsrat ist in der entsprechenden Kommission keine einzige Frau drin. Dabei sind wir Frauen täglich konfrontiert mit dem Verkehr, das betrifft uns genauso. Am Podium wollen wir zeigen, dass selbst in diesem vermeintlichen Männerthema problemlos kompetente Frauen mitreden können.

zentralplus: Seit der Nicht-Wahl von SP-Kandidatin Felicitas Zopfi 2015 wird der Kanton Luzern von fünf Männern regiert. Wie wollen Sie es schaffen, diese Männertruppe zu sprengen?

Bernasconi: Grundsätzlich wählt das Volk die Regierung. Aber es braucht eine gute Auswahl. Jetzt haben wir mit Robert Küng einen Rücktritt. Es wäre schön, wenn eine Frau kandidieren würde. Denn ich bin überzeugt: Stimmt die Auswahl, wird Luzern wieder eine Frau in die Regierung wählen.

«Uns wird man nicht in schwarzen Kleidern sehen.»

zentralplus: Doch bislang haben innerhalb der FDP nur Männer ihr Interesse am freien Sitz angemeldet.

Bernasconi: Ja, das ist bedauerlich. Doch diesen Prozess müssen wir den einzelnen Parteien überlassen. Wir unterstützen eine Frauenkandidatur, sehen es aber nicht als unsere Aufgabe, Druck aufzusetzen.

zentralplus: Sie werden also nicht protestieren, wenn die Parteien kaum Frauen für den Regierungsrat nominieren?

Bernasconi: Nein, uns wird man deswegen nicht in schwarzen Kleidern sehen (lacht). Wir können den Frauen lediglich aufzeigen: Der Weg steht euch frei – gehen müssen sie ihn aber selber.

zentralplus: Machen Sie es sich damit nicht etwas einfach? Studien zeigen ja, dass Frauen oft beim letzten Schritt hin an die Spitze stehen bleiben – Stichwort gläserne Decke.

Bernasconi: Daran zweifle ich, gerade auch in der Wirtschaft. Nehmen wir als Beispiel Doris Russi Schurter, Verwaltungsratspräsidentin der Luzerner Kantonalbank. Sie wird sogar angegriffen, weil sie zu erfolgreich ist. Oder Verena Briner, die neue medizinische Direktorin auf dem Bürgenstock. Es gibt viele fähige Frauen, die es schaffen. Das zeigt: Man muss nicht an den Strukturen feilen.

zentralplus: Auch innerhalb Ihrer Partei, der CVP, gibt es Nachholbedarf: Zwei Regierungsräte, der Parteipräsident, der Fraktionspräsident – alles Männer.

Bernasconi: Ja, Frauen sind in der CVP eher im Vize-Bereich tätig. Aber ich bin sicher: Wenn einer unserer Männer zurücktritt, stehen fähige Frauen bereit.

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