Frauen in Luzerner Fasnachtszünften? Für ältere Herrenklubs stellt sich diese Frage nicht
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Ein Bild vor Corona: Der Fötzeliregen auf dem Kapellplatz mit dem Fritschipaar. (Archivbild: Emanuel Ammon/AURA)

Traditionelle Städter – auf dem Land ist man offener Frauen in Luzerner Fasnachtszünften? Für ältere Herrenklubs stellt sich diese Frage nicht

7 min Lesezeit 7 Kommentare 15.02.2021, 12:03 Uhr

Sie heissen Rudolf, Oskar und Hans und haben seit Anbeginn das Zepter als Zunftmeister in der Hand: Stadtluzerner Zünfte halten lieber an alten Traditionen fest, während diejenigen auf dem Land mehr und mehr Frauen den Zutritt gewähren. Vermutlich wird sich daran auch nichts ändern.

Stell dir vor: Ein Feuerschweif erhellt das Luzerner Seebecken, die Fasnächtlerinnen jauchzen, die Konfetti wirbeln durch die Luft, der Nauen nähert sich der Brücke: Fritschimutter und Zunftmeisterin zu Safran empfängt Schwester Fritschi. Sie brechen auf, zum Fritschibrunnen auf dem Kapellplatz. Der Fötzeliräge wird gezündet, und die Fritschimutter stimmt das Fritschilied an.

Ach, wäre da nicht dieses Corona. Oder diese Statuten, die da besagen: Die Zunft ist nur offen für Männer.

Denn in diesen heisst es: Die Zunft an der Reuss ist eine «Vereinigung von Männern».

Als Kandidaten für die Wey Zunft können «männliche Schweizerbürger mit gutem Leumund» aufgenommen werden, mindestens 25-jährig.

Männer in schwarzen Roben dominieren in den Luzerner Fasnachtszünften und -gesellschaften. Frauen, die das Zepter in die Hand nehmen? Undenkbar.

Eine Männerzunft – daran ändert sich nichts

Und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Die Wey Zunft, 1925 gegründet, nimmt auch bald 100 Jahre später keine Frauen auf. «Die Zunft wurde 1925 als reine Männerzunft gegründet und an der Tatsache, dass es sich bei der Wey Zunft um eine Männerzunft handelt, ändert sich bestimmt auch nichts», sagt Mediensprecher Till Rigert. Auch intern sei die Frauenfrage kein Diskussions- oder Streitpunkt.

«Bis dato hat sich keine Frau aktiv für einen Eintritt in die Zunft zu Safran interessiert.»

Marc Renggli, Zunftschreiber Zunft zu Safran

Ähnlich sieht es bei der Zunft zu Safran aus. Diese ging als Rechtsnachfolgerin der um 1400 gegründeten und aus der Bruderschaft zum heiligen Kreuz hervorgegangenen «Krämergesellschaft genempt zem Saffran» und «zem Fritschi» hervor. «Sie ist daher eine historische Zunft und keine reine Fasnachtszunft», schreibt Zunftschreiber Marc Renggli. Das Thema, Frauen aufzunehmen, sei bisher intern kein Thema gewesen und es gebe auch augenblicklich keine Bestrebungen dazu. «Bis dato – oder zumindest solange ich im Amt bin als Zunftschreiber – hat sich allerdings auch keine Frau aktiv für einen Eintritt in die Zunft zu Safran interessiert.»

Frauen sind gern gesehen – nur nicht als aktive Zünftlerinnen

Die Zunft zu Safran als auch die Wey Zunft betonen beide, wie wichtig ihnen das «Miteinander» mit Partnerinnen und Zunftfrauen sei. «Es kann nicht davon die Rede sein, dass die Frauen aus dem Zunftleben ausgeschlossen sind», so Zunftschreiber Renggli von der Zunft zu Safran. Die Frauen würden aktiv eingebunden werden, unter anderem als Fritschimutter und Zunftsratsdamen.

Auch die Wey Zunft führt diverse Anlässe durch, bei denen Frauen willkommen sind. «Unsere Zunft gilt bei den grossen Luzerner Fasnachtszünften und -gesellschaften als liberal und offen gegenüber Frauen. Wir schätzen das Engagement der Partnerinnen unserer Zünftler sehr. Unsere Partnerinnen und Frauen sind im Zunftleben integriert, ohne deswegen Mitglied der Zunft sein zu müssen.»

«Für eine fast 100-jährige Zunft stellt sich die Frage nach absoluter Gleichberechtigung weniger.»

Till Rigert, Wey Zunft Luzern

Dass es Zünfte gibt, die Frauen den Zugang verweigern, sorgt immer wieder auch für Kritik. Eine Studie der Universität Bern vom Juli 2020, welche die Basler SP in Auftrag gegeben hat, hält fest, dass dieses Aufnahmeverfahren gar verfassungswidrig ist: Zünfte, die Frauen den Zutritt verweigern, verstossen gegen den Gleichstellungsartikel der Bundesverfassung.

Das Gutachten habe sicher auch in der Wey-Zunft Beachtung bei einzelnen Zünftlern gefunden, so Rigert. Laut ihm gibt es einige, vor allem jüngere Zünftler, welche es sich vorstellen könnten, bei der Gründung einer Zunft in der heutigen Zeit die Geschlechterfrage anders zu regeln. «Für eine fast 100-jährige Zunft stellt sich die Frage nach absoluter Gleichberechtigung weniger.»

Bei nur einer Stadtluzerner Zunft gibt eine Frau den Ton an …

Doch es geht auch anders. Die einzige Stadtluzerner Fasnachtszunft, die Frauen an die Spitze lässt, ist die 1939 gegründete Zunft zum Dünkelweiher: Zunftmeisterin Antoinette Steck führte das Zepter im Jahr 2020 und hat für dieses Jahr für die Verlängerung zugesagt. Sie ist nach Ruth Eichmann im Jahr 2005 die zweite Frau, die das Zunftmeisteramt ausführt.

Wie Präsident Edi Scherer erklärt, handelte es sich bei der Zunft zum Dünkelweiher ursprünglich auch um eine reine Herrenvereinigung. Anfang der 90er-Jahre führte die Zunft eine Totalrevision der Statuten durch. Die Zunft, die im Obergrund zuhause ist, wollte zugänglich für alle werden und sich zu einer Familienzunft formieren. Seither steht schwarz auf weiss: «Alle Funktionsträger sind generell geschlechtsneutral, die Zunft steht allen Personen offen.»

«Ur-festgeschriebene Traditionen muss man nicht immer auf Biegen und Brechen umkrempeln, wenn man sie denn auch hinterfragen kann.»

Edi Scherer, Präsident Zunft zum Dünkelweiher

Das komme «zu 99 Prozent» gut an, so Scherer. Dass Frauen in den Männerdomänen aber keine Selbstverständlichkeit ist, damit wurde Zunftmeisterin Antoinette selbst konfrontiert: Sie wurde nicht ans traditionelle Gnagi-Essen eingeladen. Für die Zunft zum Dünkelweiher sei das jedoch «kein Thema» gewesen, auch die Zunftmeisterin nahm es sportlich. «Als Konter findet ja auch das Frauen-Gnagi-Essen statt», so Scherer.

Er habe Verständnis, dass reine Männerzünfte als solches bestehen bleiben, Männer unter sich sein wollen. «Ur-festgeschriebene Traditionen muss man nicht immer auf Biegen und Brechen umkrempeln, wenn man sie denn auch hinterfragen kann.»

… und auf dem Land gibt’s umso mehr Zünftlerinnen

Fährt man dann aufs Land hinaus, merkt man: Es geht definitiv auch anders. Was den Zutritt zu Fasnachtszünften anbelangt, gibt es einige Fasnachtszünfte auf dem Land, die fortschrittlich und offener gegenüber Frauen sind. Heidi Schwegler wurde von der Fleckenzunft zu Beromünster, die 1901 gegründet wurde, 1984 zur höchsten Fasnächtlerin ernannt. Das war ein Novum: Schwegler war im Kanton die erste Zunftmeisterin.

Oder auch zur Chronik der Böögenzunft Neudorf – 1935 gegründet – zählen sieben Zunftmeisterinnen. Die Törbelerzunft Uffikon – 1972 gegründet – ernannte vor zehn Jahren zum ersten Mal eine Frau als höchste Fasnächtlerin. Zunftmeisterinnen kennen unter anderem auch die Chräjezunft Entlebuch (1969 gegründet), die Pfyfferzunft Altishofen (1967 gegründet) sowie die Fischlizunft Rickenbach (1970 gegründet).

«Ich dachte ja erst, sie wollten meinen Mann fragen.»

Nadia Hofstetter, Zunftmeisterin Zieberlizunft Sigigen/Ruswil

Letztes Jahr brach eine weitere Zunft mit alten Traditionen: Die Zieberlizunft in Sigigen/Ruswil ernannte Nadia Hofstetter zur ersten Zunftmeisterin ihrer Zunft. Ihr Amt führt Hofstetter noch bis 2023 aus.

«Ich dachte ja erst, sie wollten meinen Mann fragen», sagt Nadia Hofstetter. Einige aus ihrem Umfeld meinten, dass die Zunfträte erst ihren Mann gefragt hätten. Und weil dieser dann nicht wollte, fragten sie kurzerhand seine Frau. «Wohl mit dem Hintergedanken, dass es doch nicht sein kann, dass sie wirklich eine Frau als Zunftmeisterin wollten.»

Doch das wollten die Zunfträte, sagt Peter Duss, der Präsident der Zieberlizunft. «Wir hätten auch wieder einen Zunftmeister gefunden, wenn wir das unbedingt gewollt hätten. Doch wir dachten: Es ist mal an der Zeit, dass eine Frau Zunftmeisterin wird!» Ihre heute 66-jährige Zunft war schon seit Beginn an offen für Frauen.

Hinterrücks fällt mal ein doofer Spruch

Aus der Bevölkerung – gerade auch von anderen Frauen – erhalte sie viel Support. «Vereinzelt hörte ich Stimmen von Männern anderer Zünfte – die nur offen für Männer sind – die es komisch finden, dass bei der Zieberlizunft eine Frau das Sagen hat», sagt Hofstetter. Doch diese kritischen Stimmen kennt sie nur vom Hörensagen. Niemand habe sich getraut, ihr das persönlich zu sagen.

«Natürlich mag es für einige gewöhnungsbedürftig sein, wenn bei uns seit 1955 immer ein Mann zuvorderst stand, was ja bei vielen anderen Zünften auch heute noch der Fall ist», sagt Peter Duss. «Aber Nadia wird seit Beginn von der Bevölkerung akzeptiert, sie führt das Amt mit sehr viel Freude aus und schlägt sich sehr gut.»

Für Nadia Hofstetter ist es eine besondere Ehre, die erste Zunftmeisterin zu sein. Wenn sie sich auch wünschen würde, dass auch andere, insbesondere grössere Zünfte, mit alten Traditionen brechen und auch Frauen Einzug gewähren würden. So hat sie denn die Frauenquote auch gleich zu ihrem Motto gemacht:

«Chäs ond Tanzbei schwenge
Frauequote id HÖCHI brenge.»

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7 Kommentare
  1. Ivan W, 16.02.2021, 21:44 Uhr

    Jedes Jahr um die Fasnachtszeit die selbe Leier in den Medien. Zünfte wollen keine Frauen, sind frauenfeindlich etc. etc.

    Es steht doch JEDEM Verein frei, seine Satzung so zu gestalten, wie er es will. Wenn eine Zunft aus Tradition keine weiblichen Mitglieder will, ist das doch Sache des Vereins. Was ist daran verwerflich oder falsch?

    Das eine linke Partei wie die SP einen Auftrag gibt, den Gleichstellungsartikel zu dieser Sache zu untersuchen, sagt eigentlich schon alles. Toleranz predigen aber im Gegenzug die Gleichstellungs-Keule schwingen, passt doch nicht ganz?

    Als Zünftler kann ich sagen, dass unseren Frauen sich noch nie beklagt haben, dass sie nicht beitreten dürfen. Es gibt sogar Anlässe, an denen die Zunft-Frauen ohne Männer unterwegs sind.

    Und übrigens: Es steht jeder Frau frei, selber eine (Frauen-) Zunft zu gründen. Versuche hat es meines Wissens schon gegeben. Wieso es nur beim Versuch blieb…ein Schelm der böses denkt.

  2. Sala Miri, 15.02.2021, 13:21 Uhr

    Die Männerzünfte sind nicht einfach Plauschvereine, sondern wichtige Netzwerke. Wirtschaftliche, soziale und politische Netzwerke. Diese Netzwerke müssen auch Frauen zur Verfügung stehen. Wir leben jetzt im 21. Jahrhundert, alle Menschen müssen die gleichen Rechte und Zugang zu Ressourcen haben. Und Zünfte sind wichtige Ressourcen!!! Diese Statuten sind veraltet und nicht mehr gerechtfertigt.

    1. Mannen Zünftler, 15.02.2021, 14:43 Uhr

      Die Müttervereine sowie der Kafi-Plausch im lokalen Dorfbistro sind auch Netzwerke! Mit den heutigen Voraussetzungen gibt es genügend Möglichkeiten, wirtschaftliche sowie politische Netzwerke ausserhalb der Zünfte aufzubauen. Ein Recht auf soziales Netzwerk für Frauen in einem Männerverein ist mir nicht bekannt! Ich bin auch für Gleichberechtigung, aber ich wehre mich gegen die Erwartung, dass jede Männergemeinschaft auch für Frauen offen sein muss! Es gibt Momente bzw. Kreise, wo man ganz gerne unter sich ist und auf Frauen verzichten kann. Zudem sind die „unter der Hand“ vergebene, wirtschaftliche Aufträge heutzutage, zu Zeiten von öffentlichen Ausschreibungen, eher überschaubar.

  3. Mannen Zünftler, 15.02.2021, 12:28 Uhr

    Es gibt gewisse Dinge, die funktionieren einfach besser ohne Frauen! Es gibt nichts nervtötenderes als das ewige Gejammer, dass irgendwo irgendetwas aufgrund von Traditionen den Männern vorenthalten ist. Vielleich boomen genau deshalb die Zünfte akuell so. Viele Männer schätzen die Zeit unter gleichgesinnten ohne die Szenen und Dramen der Frauen. Frauen können jedem Mütternverein beitreten (wo es übrigens auch keine Männer gibt) oder gerne ihre eigenen Zunft gründen…….

    1. Eine Frau, 15.02.2021, 14:05 Uhr

      Ach, was sind wir Frauen für nervtötende Wesen, deren einziger Lebenssinn im Gebären und Erziehen anderer nervtötender Wesen besteht. Wie können wir uns bloss anmassen, an wirtschaftlichem Netzwerken oder gar an der Politik beteiligt sein zu wollen. Da stünde uns doch immer unsere hysterische Gebärmutter im Weg. Happy 50-Jahre Frauenstimmrecht!

      Ich wünsche Ihnen ein stressfreies Leben – möglichst ohne Frauen darin.

    2. CScherrer, 15.02.2021, 15:40 Uhr

      Man gönnt es den Zünftler, dass diese unter sich bleiben können. Gar keine Frage! Unterlassen werden sollten frauenfeindliche und homophobe Kommentare. Im Wissen, dass die Zünfte zum Teil rückständige Rituale haben, ist Schweigen angebracht.

    3. Gruesse vom Einhorn Schlachthaus, 16.02.2021, 13:56 Uhr

      Nun, es wurde bereits mehrfach festgestellt, dass z.B. das Interessenkonglomerat die „Milchjugend“ o.ä. an gewissen Veranstaltungen/Partys lieber unter sich bleiben wollen. Deswegen ist doch der Tatbestand der „Heterophobie“ längst nicht erfüllt. Oder doch? Aufgrund ausgewiesener Partikularinteressen? Oder erst gerade kürzlich (2020) im Rest. Parterre – leider weiss ich nicht mehr exakt, was der Anlass des Treffens war – jedenfalls waren Männer explizit nicht erwünscht. Die Ausgrenzung nahm man selbstverständlich und mit viel Sendungsbewusstsein in Kauf, hat diese sogar sehr offensiv kommuniziert. Wo also ist der Unterschied zum Zunftwesen und der hier behandelten Frage?

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