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Französisch für 30 Franken
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Sexarbeit ist in Luzern ein lukratives Geschäft – aber längst nicht nur auf dem Strassenstrich. Der grösste Teil der Geschäfte läuft «indoor» ab. (Bild: istockphoto)

Der zentral+ Rotlicht-Report: Teil 3 Französisch für 30 Franken

6 min Lesezeit 11.01.2014, 06:01 Uhr

Die Sexarbeit gilt als umsatzstarker Sektor. Mit einem geschätzten Jahresumsatz von bis zu 140 Millionen Franken setzt die Branche alleine im Kanton Luzern so viel um wie alle Geschäfte im Luzerner Bahnhof. Dabei gibt es grosse Unterschiede bei den Preisen, je nachdem, ob der Arbeitsplatz «indoor» oder «outdoor» ist. zentral+ beleuchtet in der heutigen Folge die wirtschaftliche Bedeutung für unsere Region. 

Zwischen 500 und 570 Frauen arbeiten im Kanton Luzern als Prostituierte. Dabei verteilen sich die Sexarbeiterinnen auf über 100 sogenannte Indoor-Etablissements wie Laufhäuser, Saunaclubs, Kontaktbars, private Studios und Massagesalons oder Cabarets. Und ein kleiner Teil – lediglich 15 bis 25 Frauen – verdienen ihr Geld «outdoor» auf dem Strassenstrich.

Grosse Preisunterschiede je nach Arbeitsort

Die Arbeitsbedingungen sowie die Dienstleistungen und Preise unterscheiden sich je nach Arbeitsort. In Bordellen, Saunaclubs oder privaten Massagesalons sind die Preise meistens festgelegt und – so zumindest die gängige Aussage – nicht verhandelbar. Auf den einschlägigen Webseiten der Etablissements werden die Frauen und ihre Leistungen wie auf einer Menu-Karte öffentlich präsentiert.

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Ein 30-minütiges Standardangebot mit Küssen, Geschlechtsverkehr in allen Positionen, Fein- und Ganzkörpermassage und Oralsex kostet in der Regel zwischen 100 und 200 Franken. Für Extras wie beispielsweise Analverkehr legt man nochmals 50 bis 100 Franken drauf. Dabei kann eine Sexarbeiterin für bis zu zwei Stunden gebucht werden, wofür ein Freier auch gerne mal 500 Franken oder mehr bezahlt. Die Frauen arbeiten unter relativ guten Bedingungen, sprich: in sauberen, warmen Zimmern und mit geregelten Arbeitszeiten.

Nicht so die Sexarbeiterinnen auf dem Strassenstrich. Dort bestimmen vor allem die Nachfrage und das Verhandlungsgeschick der Frauen den Preis. Aber auch die Uhrzeit sowie das Wetter haben einen Einfluss für wie viel Geld eine Frau ihre Dienste anbietet. «Ging man noch vor wenigen Jahren generell von einer 100-Franken-Note für eine Dienstleistung einer Outdoor-Sexarbeiterin aus, so haben sich die Preise in letzter Zeit teilweise sogar nach unten verschoben», sagt Marlies Michel, Geschäftsleiterin der Aids Hilfe Luzern. Die meisten Geschäfte würden direkt im Auto ablaufen und dauerten oft nur sehr kurz.

Tiefpreise auf dem Strassenstrich

In Sexforen tauschen sich Freier über ihre Erfahrungen aus, so auch auf dem Strassenstrich in Ibach. Der User «Thailover» schreibt beispielsweise: «Es gibt Zeiten, da bieten die Girls Französisch für 30 Franken an – zum Beispiel früh morgens, wenn es saukalt ist oder regnet.» Weitere Berichte bestätigen das Preisdumping am Strassenstrich.

Für Birgitte Snefstrup, langjährige Sozialarbeiterin auf dem Luzerner Strassenstrich ist das Thema heikel. Zu den konkreten Angebotspreisen möchte sie sich nicht äussern, da sie den sonst schon harten Konkurrenzkampf unter den Frauen nicht noch weiter anstacheln wolle. «Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass die Preise in den letzten fünf Jahren sicher nicht gestiegen sind», so Snefstrup.

Kontaktbars, in denen sich die Sexarbeiterinnen zunächst für eine kurze Zeit mit ihren Freiern unterhalten, sich zu einem Getränk einladen lassen und dann das Geschäftliche in einem Zimmer im Haus abwickeln, gelten als Mischform zwischen Clubs und Strich. Zwar arbeiten die Sexdienstleisterinnen auch hier unter verhältnismässig guten Bedingungen. Jedoch sind die Preise für gewöhnlich verhandelbar und vom Verhandlungsgeschick der Frauen, ihrer Attraktivität und der momentanen Nachfrage abhängig. Zwischen 100 und 150 Franken bezahlt ein Freier in der Regel für eine halbe Stunde. Länger dauere ein Akt nur selten.

Nur drei bis vier Prozent arbeiten auf der Strasse

Obwohl der Strassenstrich das allgemeine gesellschaftliche Bild der Sexarbeit prägt und bestimmt, arbeiten lediglich drei bis vier Prozent aller Prostituierten in Luzern auf der Strasse. «Der Grossteil der Sexarbeit findet diskret und unsichtbar hinter verschlossenen Türen statt. Aber die Frauen auf dem Strich sind sichtbar», sagt Marlies Michel.

Licht ins Dunkel soll folgende Tabelle bringen und aufzeigen, welche Form von Sexarbeit im Kanton Luzern angeboten wird und wo, wie viele Frauen tatsächlich arbeiten:

Arbeitsort Stadt Luzern Restlicher 
Kanton
Anzahl 
Sexarbeiterinnen
Sexarbeiterinnen
in Prozent 
Private Studios/
Salons 
62 19 225 – 240  45 – 48 %
Clubs/Saunaclubs 1 9 75 – 85 15 – 17 % 
Kontaktbars 8 7 150 – 170 30 – 35 % 
Cabarets 2 1 25 – 30 Tänzerinnen
(bieten grundsätzlich
keinen Sex an) 
5 – 6 % 
Strassenstrich 1 15 – 25  3 – 4 %

Quelle: Gesetzesentwurf des Kantonsrats über die Sexarbeit (Januar 2013)

So viel Umsatz wie alle Geschäfte im Bahnhof Luzern

Schätzungen zufolge arbeiten schweizweit etwa 14’000 Frauen als Sexarbeiterin. Ungefähr 350’000 Männer sollen mindestens einmal im Jahr die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen. Für den gesamten Schweizer Markt an Sexdienstleistungen wird von einem Umsatz von 3,5 Milliarden Franken ausgegangen. Auch wenn die Zahlen nur auf groben Schätzungen beruhen, da die Branche generell sehr diskret und verschwiegen ist sowie die Club- und Bordellbetreiber ihre Zahlen nur selten offen legen: die Dimensionen sind gewaltig. Und die Tendenz ist steigend.

Neues Prostitutionsgesetz kommt

Der Regierungsrat hat 2011 Grünes Licht für die Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage für die Regelung der Prostitution im Kanton Luzern gegeben. Die Gesetzesbotschaft ist in Vernehmlassung. Danach erfolgen Beratungen in den Kommissionen und im Kantonsrat.

Vom Begriff Prostitution wird Abstand genommen. Aufgrund der Wortherkunft impliziert er öffentliche Preisgabe und ist negativ besetzt. Mit der Umbenennung von Prostitution in Sexarbeit wird der Aspekt der Erwerbstätigkeit ins Zentrum gerückt, also das Aushandeln und Erbringen von sexuellen Dienstleistungen gegen Entlöhnung.

Zu den Umsatzzahlen im Kanton Luzern gibt es keine Informationen. Macht man jedoch eine einfache Rechnung und bricht die Zahlen auf die 500 bis 570 Sexarbeiterinnen in Luzern herunter, erhält man zumindest eine grobe Vorstellung über die wirtschaftliche Dimension der Sexarbeit in Luzern: zwischen 100 und 140 Millionen Franken Umsatz dürfte die Branche so jährlich generieren – so viel wie beispielsweise in allen Geschäften am Luzerner Bahnhof in einem Jahr umsetzt.

Esther Imfeld von der Aidsprävention im Sexgewerbe (APiS), betont jedoch: «Von diesem Geld sehen die Sexarbeiterinnen nur einen kleinen Teil. Dabei finanzieren sie oftmals ihre Kinder oder ihre Familien im Ausland.» Viel bleibe den Frauen dabei nicht übrig. Der Grossteil des Umsatzes gehe an die Betreiber der Clubs und Bars – und nicht zuletzt auch an Zuhälter, so Imfeld.

Die vielen Profiteure der Sexarbeit

Wie die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) auf ihrer Webseite schreibt, profitieren in der Schweiz sehr viele Menschen und Branchen von der Prostitution – auch solche, von denen man es nicht denken würde: «Von der Sexindustrie leben nicht nur Geschäftsinhaber und Investoren, sondern auch Barkeeper, Sicherheitspersonal, Taxifahrer, Anwälte, Ärzte, Agenturen und Heiratsvermittlungen.» Zudem hat sich mit dem Internet ein weiteres Einnahmefenster aufgetan, das sich an den unzähligen Onlineplattformen mit einschlägigen Angeboten von Sexdienstleistungen widerspiegelt.

Auch Immobilienbesitzer würden laut der FIZ ihren Anteil am Kuchen abgreifen. Einerseits würden ungenutzte Wohnungen und Gewerbeflächen zu Arbeitsplätzen für Sexarbeiterinnen umgewandelt. Andererseits stiegen die Mietpreise für die Wohnungen der Prostituierten stetig. Für eine Prostituierte sei es sehr schwer eine Wohnung zu bekommen, weshalb sie sich oftmals auf überteuerte Mietpreise einlassen müsse. Das bestätigt auch Birgitte Snefstrup: «Die Unterkünfte für die Sexarbeiterinnen werden immer teurer und die Schere zwischen Ein- und Auskünften geht immer weiter auseinander.»

Schliesslich profitieren auch die Printmedien von der Sexarbeit. Das Geschäft mit Kleinanzeigen ist ein lukrativer Zweig im Inserateverkauf und hat dementsprechend auch hohe Preise, wie Birgitte Snefstrup weiss: «Ein Sexinserat ist teurer als andere, gewöhnliche Inserate. Wenn zum Beispiel jemand sein Velo in der ‹Neuen Luzerner Zeitung› zum Verkauf anbietet, kostet diese Anzeige viel weniger als die der Sexarbeiterin.» 

Aids Hilfe Luzern

Das Angebot APiS (Aids Prävention im Sexgewerbe) der Aids Hilfe Luzern richtet sich vorwiegend an ausländische Sexarbeitende, denn 90 Prozent dieser Frauen sind Migrantinnen. Es handelt sich hier um ein nationales Angebot, welches in 16 Regionen der Schweiz durch Partnerorganisationen der Aids Hilfe Schweiz finanziert und umgesetzt wird. Die Aids Hilfe Luzern arbeitet mit Leistungsvereinbarungen der Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden und Uri.

APiS basiert auf dem Mediatorinnenprinzip. Die Mediatorinnen sind Frauen mit Migrationserfahrung und einem ähnlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund wie die Sexarbeitenden.

Der vierte Teil des zentral+ Rotlicht-Reports widmet sich der männlichen Prostitution. Zwei Callboys berichten im Interview über ihre Erfahrungen.

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