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«Fortnite»-Wahnsinn: Das sagt der Experte zur Suchtgefahr des Games
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Es ballert, kracht und explodiert quasi nonstop beim Videogame Fortnite, das für viele Jugendliche ein absolutes «Must» ist. (Bild: woz)

Zuger Eltern sind wegen ausrastender Kids besorgt «Fortnite»-Wahnsinn: Das sagt der Experte zur Suchtgefahr des Games

5 min Lesezeit 17.11.2018, 11:49 Uhr

Der Hype um «Fortnite» kennt momentan keine Grenzen: Laut US-Hersteller Epic Games spielten im Juni dieses Jahres bereits 125 Millionen Aktive weltweit das beliebte Videogame. Das Suchtpotenzial scheint gross und Eltern sind beunruhigt über den Spielkonsum ihrer Sprösslinge. Marcel Küng von der Beratungsstelle punkto Eltern, Kinder & Jugendliche in Zug erklärt im Interview, ob die Ängste berechtigt sind.

«Unser 13-Jähriger sitzt fast jede freie Minute mit der Spielkonsole in der Hand vor dem Fernseher. Dauernd schwebt irgend ein martialischer Typ oder eine Frau mit der Knarre über eine futuristische Landschaft. Es knallt, kracht und explodiert nonstop», wie ein Zuger Elternpaar erzählt. Die «Fortnite»-Manie scheint für Eltern nicht einfach zu ertragen zu sein.

In einer Art Fachchinesisch würde sich der Junge über das Headset mit seinen Kameraden absprechen, mit denen er gerade per Handy verbunden sei und zusammen «Fortnite» spiele. «Ab und zu rastet er beim Zocken richtig aus, und seine Stimme überschlägt sich, weil das WLAN aussteigt. Oder weil er einen Zombie übersehen hat», so die Eltern weiter. Bei solchen Geschichten stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das noch im grünen Bereich?

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Videogames gehören heutzutage längst zum täglichen Brot von Heranwachsenden. Was sollen Eltern tun – streng sein und die Spielzeiten zeitlich eng begrenzen? Oder mit den Kindern über das Gamen sprechen und ihnen vertrauen?

zentralplus unterhielt sich über dieses Thema mit Marcel Küng, dem soziokulturellen Animator der Zuger Eltern- und Jugendberatungsstelle Punkto Zug.

zentralplus: Marcel Küng, ist «Fortnite» in Ihrer Fachstelle ein Thema?

Marcel Küng: Ja, das Spiel ist sehr beliebt und Eltern suchen bei uns Rat im Umgang mit ihren spielenden Jugendlichen.

zentralplus: Das glaube ich sofort. Was empfehlen Sie bezüglich Konsum des Games? Wie viele Stunden dürfen oder sollen die Jugendlichen spielen dürfen?

Küng: Jugendliche melden sich zu dieser Thematik selten selbst bei uns. Es sind vor allem Eltern, die sich Sorgen machen um die Mediennutzung ihrer Jugendlichen und Rat suchen. Anstatt einheitliche Zeitvorgaben zu machen und damit alle Jugendlichen gleich zu behandeln, empfehlen wir, dass Eltern mit ihren Jugendlichen gemeinsam Vereinbarungen erarbeiten. Da es bei Spielen wie «Fortnite» mit «Rundensystem» schwierig ist, genaue Spielzeiten einzuhalten, könnte auch eine gewisse Anzahl von Spielen vereinbart werden.

«Wer «Fortnite» spielt, muss stressresistent sein.»

Marcel Küng, soziokultureller Animator bei Punkto Zug

zentralplus: Wie problematisch ist das Spiel? Es spritzt bei den Schiessereien zwar kein Blut, aber es werden ja ständig Leute über den Haufen geschossen.

Küng: «Fortnite» lässt sich in zwei unterschiedlichen Spielmodi spielen: «Rette die Welt» und «Battle Royale». Im ersten Game müssen Spieler allein oder gemeinsam mit einem Team eine Basis in einer apokalyptischen Welt errichten und diese vor Zombies schützen. Im bekannteren und kostenlosen «Battle Royale»-Spielmodus starten 100 Spieler auf einer Insel. Sie treten alleine, zu zweit oder in Viererteams gegeneinander an. Es gewinnt der letzte Überlebende beziehungsweise das letzte überlebende Team.

zentralplus: Also spielt sich da eine Menge Gewalt ab?

Küng: Gewalt spielt in «Fortnite» klar eine Rolle, da diese jedoch in einer Fantasy-Welt stattfindet und kein Blut dargestellt wird, ist das Spiel von PEGI und der USK ab 12 Jahren freigegeben. Wer «Fortnite» spielt, muss stressresistent sein und mit Niederlagen umgehen können.

zentralplus: Und wenn sie es nicht sind? Was können Eltern dann tun?

Küng: Es lohnt sich, Jugendliche zu begleiten und bei Bedarf zu unterstützen. Eltern sollen ihre Sorgen betreffend Gewaltverherrlichung durchaus mit den Jugendlichen besprechen. Es reagieren nicht alle Jugendlichen gleich auf solche Spiele.

«Der Suchtbegriff wird inflationär verwendet»: Marcel Küng ist soziokultureller Animator bei der Beratungsstelle Punkto Zug.

«Der Suchtbegriff wird inflationär verwendet»: Marcel Küng ist soziokultureller Animator bei der Beratungsstelle Punkto Zug.

(Bild: Roberto Conciatori Photographer SBf)

zentralplus: Welches Suchtpotenzial hat das Spiel aus Ihrer Sicht?

Küng: Wer «Fortnite» spielt, kann viel Zeit in das Spiel investieren. Einerseits, weil man sich ständig verbessern möchte, andererseits aufgrund des ausgeklügelten Belohnungssystems mit täglichen und wöchentlichen Herausforderungen. Wenn Freunde im Umfeld das Spiel auch spielen, gehören Gespräche darüber zur Tagesordnung.

«Jugendlichen fehlen bei Entzugserscheinungen notwendige Ressourcen, um sich anstehenden Herausforderungen zu stellen.»

zentralplus: Das klingt ja schon fast nach sozialem Umgang miteinander in der persönlichen Isolation …

Küng: Spieler können durch ihre Fähigkeiten Bestätigung und Respekt im Umfeld erhalten, genauso wie der beste Sportler in der Klasse. Wer viel spielt, ist jedoch nicht gleich abhängig. In meiner Wahrnehmung wird der Suchtbegriff im Zusammenhang mit Games etwas inflationär verwendet.

zentralplus: Worauf sollten Eltern dann achtgeben, um sicher zu sein, dass ihr Filius nicht süchtig ist?

Küng: Eltern sollten folgende Signale ernst nehmen, wenn sie mehrere davon gleichzeitig und über einen längeren Zeitraum bei ihren Jugendlichen beobachten: Wenn sie sich beispielsweise aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen oder mehr konflikthafte Beziehungen haben.

zentralplus: Gibt es weitere Suchtmerkmale?

Küng: Wenn sie neben den vorher genannten Auffälligkeiten zudem auch noch andere Hobbys oder Freizeitbeschäftigungen vernachlässigen. Wenn die schulischen Leistungen abfallen und wenn die Spielzeit ständig zunimmt – beim Versuch, weniger zu spielen. Und wenn Entzugserscheinungen auftreten. Jugendlichen fehlen dann notwendige Ressourcen, um sich anstehenden Herausforderungen zu stellen, und das Spiel erhält dann eine zu wichtige Rolle in ihrem Leben.

«Videospiele sind fester Bestandteil der Jugendkultur unserer Zeit.»

zentralplus: Sind schon Eltern zu Ihnen gekommen, die gefragt haben, was sie mit ihren «Fortnite» spielenden Kindern tun sollen?

Das ist «Fortnite»

Fortnite (vom Englischen: «fortnight», zu deutsch «vierzehn Tage»), ist ein Survival-Spiel, das von People Fly und Epic Games entwickelt wurde und durch einen kostenlosen, auf dem «Battle Royale»-Genre basierenden, Stand-Alone-Modus, «Fortnite Battle Royale», seine Popularität erlangte. Das Spiel erschien am 25. Juli 2017 weltweit ausser in China.

Küng: Ja, der Umgang mit digitalen Medien, nicht nur mit Games wie «Fortnite», ist für viele ratsuchende Eltern eine Herausforderung. Das Beratungsteam von Punkto Zug unterstützt sie bei Konflikten sowie bei der Lösungsgestaltung mit ihren Jugendlichen.

zentralplus: Welchen Raum nehmen Videospiele heutzutage generell aus Ihrer Sicht im Alltag von Jugendlichen ein?

Küng: Über zwei Drittel der Schweizer Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren geben in den letzten acht Jahren laut einer Studie an, zumindest hin und wieder zu gamen. Bei den 12- bis 13-Jährigen liegt der Anteil bei über 80 Prozent. Videospiele sind eben beliebt und fester Bestandteil der Jugendkultur unserer Zeit.

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