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Fliegt die SP in Zug aus der Stadtregierung?
  • Politik
Tritt Ende Jahr ab und geht dann auf Weltreise: Dolfi Müller, Stadtpräsident von Zug. (Bild: mam)

Nachfolger für Dolfi Müller gesucht Fliegt die SP in Zug aus der Stadtregierung?

7 min Lesezeit 2 Kommentare 25.09.2017, 05:14 Uhr

Mit dem Rücktritt von Zugs Stadtpräsident Dolfi Müller aus der Stadtregierung droht den Sozialdemokraten im kommenden Jahr ein Debakel. Die beliebteste SP-Politikerin ist nicht mehr in der Fraktion, und das Mehrheitswahlrecht macht den Urnengang zur Lotterie. zentralplus sagt, welche Überraschungen möglich sind.

Betrachtet man die Resultate der letzten Wahl in die Zuger Stadtregierung und nimmt an, dass alle Kandidaten ausser dem scheidenden Dolfi Müller nochmals antreten, ist das Verdikt klar: Die SP verliert ihren Sitz und die FDP gewinnt 2018 einen hinzu. Aber vielleicht erbt der neue SP-Kandidat – oder die neue SP-Kandidatin – auch einen Teil von Dolfi Müllers Sympathien und der härteste Kampf entbrennt zwischen den bürgerlichen Parteien CVP, FDP und SVP, die sich schon 2014 ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten (siehe Kasten).

Klar ist nur: Es sind viele Überraschungen denkbar. Das liegt im Wesentlichen am Majorz-Wahlsystem, das zum zweiten Mal zur Anwendung kommt. Bei der vorletzten Wahl galt noch Proporz. Die vereinigten Linken schafften es, mit drei von fünf Sitzen eine Mehrheit in der Stadtregierung zu erlangen. Damals konnten sich Kandidaten aus Parteien mit Listenverbindung noch unterstützen. Beim Mehrheitswahlrecht gibt es aber keine Listenstimmen mehr. Es zählt nur noch die persönliche Beliebtheit jedes Einzelnen und Kandidaten aus demselben politischen Lager klauen sich tendenziell die Stimmen weg.

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SP hat keine Jungen als Nachfolger von Müller aufgebaut

Das grösste Problem hat die SP. Die Partei ist seit Jahrzehnten in der Stadtregierung vertreten und stellt mit Dolfi Müller seit elf Jahren auch den Stadtpräsidenten. 2018 ist sie aber die einzige Partei, die keinen Amtsinhaber ins Rennen schicken kann. «Wir sind uns der Problematik mit dem fehlenden Bisherigenbonus bewusst», sagt SP-Präsidentin Karin Hägi, «und wir arbeiten daran.»

«Wir sind uns der Problematik bewusst.»

Karin Hägi, Präsidentin SP Stadt Zug

«Die SP hat das Ziel, dass künftig mindestens zwei Frauen in der Stadtregierung sind.» Sie selber schliesse nicht aus, dass sie kandidieren werde, sagt die Stadtparlamentarierin und Hochbauzeichnerin Karin Hägi. «Aber wir sind auch noch mit anderen Personen im Gespräch.»

Es gibt beliebtere Männer als Frauen

Bedeutet dies angesichts der Tatsache, dass die Bildungschefin Vroni Staub (CSP) gesetzt scheint und Eliane Birchmeier bei der FDP die schlechtesten Karten für eine Kandidatur hat, dass die Sozialdemokraten eine Frau für den Stadtrat aufstellen wollen? «Das habe ich so nicht gesagt», weicht Karin Hägi aus. Man treffe die Entscheidung wie vor vier Jahren im kommenden März. «Es besteht kein Grund, die Nomination vorzuziehen.»
 
Neben Karin Hägi ist auch die SP-Kantonspräsidentin Barbara Gysel – eine Kulturmanagerin und Poitikwissenschaftlerin – als Kandidatin vorstellbar. Die äussert sich aber nicht dazu und hat ohnehin das gleiche Problem wie Hägi: Es sind bei der städtischen SP nämlich noch zwei Männer zu finden, die bei den letzten Wahlen besser abgeschnitten haben.

Urs Bertschi war schon bei den letzten Wahlen dabei

Zum einen ist da der beliebte Mittelschullehrer Louis Bisig, der aber mittlerweile 68 Jahre alt ist und andere Sachen als Politik im Kopf hat. Zum andern der Anwalt Urs Bertschi, SP-Fraktionschef im Stadtparlament und bei den vergangenen Wahlen neben Dolfi Müller zweiter SP-Kandidat für den Stadtrat.
 

Die SP nominiert erst in einem halben Jahr. Mögliche Kandidaten für den Stadtrat: Karin Hägi (links), Urs Bertschi, Barbara Gysel.

Die SP nominiert erst in einem halben Jahr. Mögliche Kandidaten für den Stadtrat: Karin Hägi (links), Urs Bertschi, Barbara Gysel.

(Bild: zvg)

 
Bertschi gibt sich bedeckt: «Ich warte mal ab, was unsere Parteileitung plant.» Natürlich sei er zu allfälligen Gesprächen bereit, sagt Bertschi.  Sein Abschneiden bei den letzten Stadtratswahlen hätte ihn nicht überrascht aber dennoch etwas enttäuscht. Der Majorz habe eben seinen Preis. «Vielleicht lehne ich mich aber auch als Präsident der Bau- und Planungskommission hin und wieder etwas weit aus dem Fenster», meint Bertschi, der sich wiederholt kritisch gegen grosse Bauprojekte in Zug geäussert hat. Dies aber sei seine Art, wenn es darum gehe, «die Interessen unserer Stadt zu vertreten». Dafür sei er ja auch gewählt.

Weibliche Alternativen

Im Majorz würden Leute in die Exekutiven gewählt, die in allen politischen Lagern eine hohe Akzeptanz besässen. Er aber wolle sich nicht verbiegen, so Bertschi. «Ein Stadtrat sollte auch die Interessen der Stadt selber im Auge behalten, nicht nur jene der Bauherren und Investoren.»
 
«Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster.»
Urs Bertschi, Fraktionschef SP Stadt Zug
Vielleicht wandert der zweite linke Sitz im Stadtrat ohnehin von der SP in die Fraktion der Alternativen. Dort sitzt eine heisse Kandidatin für alle erdenklichen Posten: die bekannte Buchhändlerin Susanne Giger, die bei jeder Wahl viele Stimmen macht. Giger war früher als parteilose Stadtparlamentarierin in der SP-Fraktion, bevor sie sich mit dem rechten Flügel der Partei verkrachte und nach einem Jahr Bedenkzeit in die Alternative Fraktion wechselte.

Astrid Estermann steht bereit

«Für die Exekutive bin ich nicht geschaffen», winkt sie ab. «In der Regierung gilt das Kollegialitätsprinzip. Da müsste ich Projekte wie den Stadttunnel vertreten – das ist für mich unvorstellbar.» Ohnehin sei sie mit ihrer neuen Buchhandlung beschäftigt, die sie an der St-Oswalds-Gasse eröffnet hat. «Ich muss erst mal schauen, dass der Laden zum Laufen kommt», sagt Giger. 
 

Astrid Estermann verzichtet auf Facebook. Sie setzt lieber auf den persönlichem Kontakt mit ihren Wählern.

Ist mit ihrem Engagement für die Gartenstadt präsent und würde gern Stadträtin werden: ALG-Gemeinderätin Astrid Estermann.

(Bild: zvg)

 
Eine Frau mit jahrelanger politischer Erfahrung, die für eine Kandidatur bereit wäre, ist indes die Sozialpädagogin Astrid Estermann. Die Gemeinderätin hat 2015 auch für den Nationalrat kandidiert und sie ist auch ausserparlamentarisch aktiv – setzt sich medienwirksam für den Erhalt der Gartenstadt ein. «Ich stelle mich zur Verfügung», sagt sie. «Aber natürlich muss ich auch noch nominiert werden.» Dies wird am 1. November der Fall sein, wenn die ALG auch noch gleich einen Präsidenten für ihre Stadtsektion wählt.
 

FDP strotzt vor Kraft, CVP ist eine Wundertüte und SVP kann Spielverderber sein

Die FDP hat mit der Kandidatur von Karl Kobelt fürs Amt des Stadtpräsidenten den Wahlkampf bereits eröffnet. Und ausserdem hat die wählerstärkste Stadtzuger Partei angekündigt, dass sie den zweiten Stadtratssitz zurückholen will, den sie an die SVP verloren hat (zentralplus berichtete). Mit Karl Kobelt, Stefan Moos und Eliane Birchmeier hat sie gleich drei Kandidaten für den Stadtrat. Ob sie mit einem Zweier-Ticket antritt oder gar drei Sitze anpeilt, wird man nach der Nominationsversammlung von kommendem Donnerstag wissen.

Gefährdet ist am ehesten der Sitz von CVP-Stadtrat Urs Raschle, der 2014 nur 45 Stimmen Vorsprung auf den überzähligen FDP-Kandidaten Stefan Moos hatte. Trotzdem sollte sich auch die SVP nicht zu sicher wähnen. 2014 profitierte ihr Stadtrat davon, dass er gleichzeitig auch noch gegen Dolfi Müller ums Stadtpräsidium kämpfte und so Stimmen von eingefleischten Bürgerlichen aus andern Lagern mitnahm.

Wicki könnte Kobelt die Wahl zum Stapi vermiesen

Jetzt aber würde eine SVP-Kandidatur die Wahl eines bürgerlichen Stadtpräsidenten gefährden. Denn neben Kronfavorit Karl Kobelt will die Christlichsoziale Vroni Straub Stapi werden. Sie ist profiliert, machte bei den letzten Wahlen beinahe so viele Stimmen wie Kobelt und ist auch für viele Mitte-Wähler als Stadtmutter gut vorstellbar. (Als Stadträte sind sowohl Kobelt wie auch Straub aufgrund ihres guten Abschneidens bei den letzten Wahlen gesetzt.)

Fehlende SVP-Stimmen könnten Kobelt also die Wahl zum Stapi kosten. Auf der andern Seite hat die SVP keine Aussicht, den Stapi zu stellen – das hat Wickis Kandidatur vor vier Jahren gezeigt. Zuvor hatte die Partei es jahrelang nicht geschafft, in die Stadtregierung zu kommen, obwohl sie einen grossen Wähleranteil hat. Dennoch: Ob sie mit einem zweiten Kandidaten zur Wahl in die Stadtregierung antritt und ob Wicki trotzdem wieder Stapi werden will, steht gemäss Parteipräsident Philip C. Brunner noch nicht fest – nominiert wird Anfang November.

Ein zweiter Spielverderber – nicht im Rennen ums Stadtpräsidium, aber beim Einzug in die Stadtregierung – könnten die Grünliberalen sein. Sie werden einen eigenen Kandidaten für die Stadtratswahlen aufstellen, auf den sie sie voraussichtlich Ende Oktober festlegen, wie Gemeinderat Stefan Huber auf Anfrage sagte. 2014 hatte die GLP-Vertreterin Michèle Kottelat zwar keine Chance, gewählt zu werde, aber sie verbuchte einen Achtungserfolg. Diese grünliberalen Stimmen werden auch 2018 den Kandidaten von anderen Parteien fehlen. Am ehesten gehen sie der FDP ab, aber auch SP und Alternative sind davon betroffen.

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2 Kommentare
  1. Astrid Iten, 29.09.2017, 13:32 Uhr

    Dass der Herr Mathis recht hat, zeigt das Schweigen der SP Zug. Kein Aufschrei. Dolfi Müller kann man nicht ersetzen. Die Zuger Sozialdemokraten haben eben wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Sie vertreten schon lange den reichen Teil der Mittelklasse, die Lehrer, die Beamten, die Architekten und Freiberuflichen, auch wenn sie kämpferische Parolen rausgeben.

  2. Michel Ebinger, 25.09.2017, 12:27 Uhr

    Wenn die SP eine echte linke Wirtschaftspolitik machen würde und sich nivht den Bürgerlichen anbiedern, dann müsste sie keine Angst haben, aber weshalb soll ich SP wählen, wenn sie die gleichen Neoliberalen Slogans schwingen wie die anderen bürgerlichen Parteien

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