Flammeninferno am Bahnhof Luzern: Das geschah damals wirklich
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Nahaufnahme des Einsturzes der Bahnhofkuppel um 09.03 Uhr. (Bild: Staatsarchiv Luzern C 29/17)

Grossbrand vor 50 Jahren Flammeninferno am Bahnhof Luzern: Das geschah damals wirklich

6 min Lesezeit 3 Kommentare 31.01.2021, 05:00 Uhr

Bis heute ist nicht geklärt, warum der Bahnhof Luzern am 5. Februar 1971 in Flammen aufgegangen ist. Jahrzehntelang waren die Akten unter Verschluss. Aus gutem Grund. Denn Luzern ist damals nur ganz knapp an einer zweiten Katastrophe vorbeigeschrammt. Verursacht durch einen Unbekannten, der sich Lazarus nannte.

Wer war der Mann, der 1971 den Luzerner Bahnhof angezündet hat? Diese Frage will der LNN-Journalist Karl Beck im Oktober 1990 endlich klären. Um das Geheimnis zu lüften, plant er, die alten Akten der Staatsanwaltschaft durchzuforsten. Doch der Zugang bleibt ihm verwehrt.

Eine kleine Aktennotiz mit dem Titel «Presse-Probleme Bahnhof Brand» zeugt davon, welche Nervosität die simple Anfrage bei den Untersuchungsbehörden auslöste.

26.10.1990 – «Dürfen die Akten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?», steht darin. «Tel. Staatsanwalt R. Isenschmid (Nein)». Mit diesen wenigen Worten wird die Anfrage abgeschmettert.

Der Bahnhofbrand von Luzern jährt sich zum fünfzigsten Mal. Der Mann, der damals in Verdacht stand, ist längst gestorben und die Sperrfrist ist abgelaufen. Jetzt haben die Behörden keine Handhabe mehr, der Öffentlichkeit vorzuenthalten, was damals wirklich passiert ist.

zentralplus hat im Staatsarchiv Luzern die alten Akten durchgearbeitet. Und ist auf die Geschichte eines skrupellosen Erpressers gestossen, der das Leben der Luzerner Bevölkerung bedrohte, um an ein Vermögen zu kommen.

Das Unglück nimmt seinen Anfang auf dem Männerklo

Der Tag, an dem wenige Stunden später der gesamte Westflügel des Bahnhofs Luzern abrennen sollte, beginnt frostig. 1,3 Grad unter null liegen die Temperaturen. Es weht ein leichter Nordwind, als der Hilfsarbeiter Walter B. aufs Dach steigt. Tags zuvor hat er versucht, mit einem Stück Dachpappe ein Loch in der Regenrinne zu reparieren. Jetzt will er schauen, ob der «Kennel» dicht ist.

Beweisstücke: Dachrinnen nach dem Brand – eine davon war schon vorher beschädigt.

Das Wasser tropfte am Vortag bis hinunter ins Männerpissoir. «Ich wollt ‹öpe einisch Firabig› machen», wird B. später gegenüber der Polizei sagen. Nur knapp eine halbe Stunde werkelte er an dem Rohr herum: Mit einer Lötlampe erwärmte er das Dachpappenstück bis es weich wurde, legte es auf das Loch und verstrich die Masse mit einer Kelle.

Als er sich an diesem Morgen über die Rinne beugt, ist das Loch mit einer dicken Schicht Eis überzogen. Er holt Salz, um die Abläufe frei zu machen. Als er aus dem Dachmagazin rauskommt, kann er nur zwei Meter gehen – dann kommt ihm dichter Rauch von der Bahnhofplatzseite her entgegen. Aus der Richtung, wo das Loch im Kennel war.

Kurze Zeit später brennt der Bahnhof lichterloh. Ausgerechnet am Tag der Schutzpatronin der Feuerwehr, der heiligen Agatha. 300 Feuerwehrleute sind im Einsatz. Sie treten dem Inferno mit 19 Schlauchleitungen entgegen. Ohne Erfolg.

Um genau 9.06 Uhr stürzt die grosse Bahnhofskuppel krachend zusammen. An einen Wiederaufbau ist danach nicht mehr zu denken.

Kellner des Bahnhofbuffets gerät unter Verdacht

Hat Walter B. den Bahnhof unabsichtlich angezündet? Die Polizei hat ihn im Verdacht. Schnell kommt sie darauf, dass er seinen Chef zu einer Falschaussage bewogen hat. Der war nämlich tags zuvor ebenfalls kurz mit ihm auf dem Dach – verheimlichte dies aber zunächst.

In einem Gutachten wird die Theorie geäussert, dass bei den Reparaturarbeiten am Vortag Spinnweben, Staub und anderes brennbares Material unter dem Blech der Schadenstelle entzündet wurde. Ein mehrere Stunden schwelender Glimmbrand könnte dann zum Ausbruch des Feuers geführt haben.

Kurz nach der Katastrophe gerät noch ein zweiter Mann in Verdacht. Ein Angestellter des Bahnhofbuffets macht gegenüber den Ermittlern ebenfalls widersprüchliche Angaben. Und: Er ist wegen verschiedener Delikte vorbestraft. Unter anderem sass er wegen Irreführung der Rechtspflege und Versicherungsbetrug im Gefängnis. Nur: Welches Motiv sollte er haben, eine Brandstiftung zu begehen?

Lazarus fordert 100’000 Franken

Die letzten Glutnester sind kaum gelöscht, da entsteht ein neuer Verdacht. Bei der Kreisdirektion trifft ein anonymes Schreiben ein. Mit Maschine geschrieben und unterzeichnet mit Lazarus. Er fordert 100’000 Franken in nicht neuen und nicht laufend nummerierten 1000er-, 500er-, 100er- und 50er-Noten. «Wenn sie einen Trick versuchen, brennt in der gleichen Sekunde, in der ich etwas ahne, der nächste Bahnhof. Aber diesmal besser», heisst es im Erpresserbrief.

Die Geldübergabe sollte in der Telefonkabine an der Hirschmattstrasse stattfinden. Doch der Brief traf erst ein, als die Frist dafür bereits verstrichen war. Was würde nun passieren?

Zwei Tage später trifft in der Redaktion des «Blick» in Zürich ein weiteres Schreiben ein. «Dies ist meine letzte Warnung», schreibt Lazarus. «Wenn sie auch nicht ernst genommen wird, kann sich die SBB demnächst von den Toten einer Explosion in irgendeinem Bahnhof oder eine Zugentgleisung irgendwo in der Schweiz gratulieren lassen», heisst es im zweiten Erpresserbrief. Nun werden 150’000 Franken gefordert, die ein «Blick»-Reporter übergeben soll. Ansonsten müsse auch die Redaktion mit einem Bombenanschlag rechnen.

Eine brennende Zigarette neben den Benzinfässern

Der Erpresser bekommt kein Geld. Und macht knapp zehn Tage später ernst. Der Holzboden des Magazingebäudes des SBB-Fahrleitungsdienstes bei der Neustadtstrasse in Luzern wird mit Rohöl übergossen, Arbeiter finden einen ebenfalls in Öl getränkten Wattebausch und daneben eine abgebrannte Zigarette. Offensichtlich sollte sie das Rohöl in Brand setzen.

Vor dem Magazingebäude waren verschiedene Fässer aufgestellt mit Petrol, Rohöl und Benzin. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Brandanschlag gelungen wäre. Neben den Fässern, leicht verdeckt vom Schnee, findet die Polizei ein Fläschchen ohne Verschluss. Es ist beschriftet mit «Lazarus» und zwar mit dem gleichen Klebestreifen wie der Erpresserbrief an die Kreisdirektion Luzern.

Der Erpresser taucht nie wieder auf

Nach diesem Vorfall verschwindet Lazarus plötzlich. Er meldet sich nie wieder, weder in Luzern noch in Zürich. Die weiteren Ermittlungen der Polizei ergeben, dass der Brand des Bahnhofs «mit Sicherheit nicht mit dem unbekannten Erpresser und Brandstifter im Zusammenhang steht», wie es im Untersuchungsbericht heisst. «Offensichtlich hat dieser Mensch den Grossbrand zum Anlass genommen, um Unruhe bei SBB-Betrieben zu verursachen.»

Wer aber ist dann für das Flammeninferno verantwortlich? Ganz kann die Frage nie geklärt werden. Brandstiftung schliessen die Ermittler letztlich aus. Dem Hilfsarbeiter Walter B. lässt sich keine Fahrlässigkeit nachweisen.

Es könnte genausogut ein Elektrobrand gewesen sein. Ein Experte des Starkstrominspektorates stellt fest, dass die elektrischen Installationen am Bahnhof zum grössten Teil veraltet waren. Die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen sind seit Jahren nicht mehr durchgeführt worden, weil der zuständige Kontrolleur überlastet war.

Letztlich stellt das Amtstatthalteramt die Untersuchung ein. Wie beim Brand der Kapellbrücke halten sich auch in diesem Fall einige Gerüchte bis heute. Aber immerhin kann sind die Akten nun öffentlich zugänglich – und einige Geheimnisse aus dem Amtsstuben können so gelüftet werden.

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3 Kommentare
  1. Andreas Peter, 31.01.2021, 14:46 Uhr

    Schön, aber was ist daran so brisant, dass man es 50 Jahre unter Verschluss halten muss?
    Ist es vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit?

  2. Remo Genzoli, 31.01.2021, 07:59 Uhr

    danke für den spannenden beitrag mit interessanten erkenntnissen, die gerüchteküche hat ja wild gebrodelt. ich erinnere mich bestens an den brand. wir sassen damals in der kanti alpenquai im geschichtsutnerricht, als plötzlich jemand eine starke rauchentwicklung richtung bahnhof bemerkte und schon waren alle am fenster.
    der alte bahnhof mit seiner hohen, halligen und ehrwürdigen kuppel ist mir auch noch präsent, ebenso das jahrelange provisorium bis zum neubau.

    1. Peter Bitterli, 31.01.2021, 21:30 Uhr

      Schade, dass solche gewichtigen Zeit- und Kronzeugen jetzt allmählich aussünnen, ob nun mit oder an Kleinschreibung.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.