Fiese Pfiffe gegen Blue-Balls-Chef Urs Leierer
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Urs Leierer spricht vor einem Konzert. (Archivbild: Flavio Leone)

Zwei Konzerte – freches Publikum Fiese Pfiffe gegen Blue-Balls-Chef Urs Leierer

3 min Lesezeit 8 Kommentare 25.07.2019, 14:17 Uhr

Bei den Konzerten des diesjährigen Blue-Balls-Festivals wird das Publikum richtig laut. Doch in zwei Fällen nicht aus Freude – denn die Menschen pfiffen und buhten, als Festivalchef Urs Leierer die Bühne betrat. Ein Psychologe erklärt.

Ben Harper & The Innocent Criminals verbeugen sich nach gespieltem letzten Song vor dem Publikum. Und huschen hinter die Bühne.

Das Publikum aber will mehr: eine Zugabe. Die Stimmen werden lauter, die Hoffnungen auf einen zusätzlichen Song steigen. Dann betritt jemand die Bühne. Doch es ist nicht etwa Musiker Ben Harper, der da auf die Bühne läuft, sondern Festivalchef Urs Leierer.

Das Schreien wird lauter, verkommt zu einem Pfeifen: Das Publikum johlt und buht. Es ist ein eigentlich unverschämtes Zeichen, das sich die Masse am Dienstagabend beim KKL Luzern erlaubte.

In der Masse fehlt’s am Anstand

Ein Massenphänomen, sagt Psychologe Thomas Spielmann. «In der Masse reagieren Menschen anders. Sie verlieren ihren Anstand.» Der Mensch auf der Bühne wird nicht mehr als Mensch aus Fleisch und Blut wahrgenommen. Sondern er mutiert zur Sache.

Das Opfer: Festivalchef Urs Leierer. Es muss kein schönes Gefühl sein. Schliesslich will er jeweils nur die Leute ermuntern, im Schweizerhof weiterzufeiern.

Einerseits richten sich die Pfiffe wohl gegen ihn, weil er als Spielverderber wahrgenommen wird, welcher der Band den Stecker zieht.

Doch ein Besucher des Konzerts von The Cat Empire vom Samstagabend schildert, dass die Band drei Zusagen gespielt habe. Dennoch wurde Leierer danach ebenfalls ausgebuht, als er die Bühne betrat.

… und die Mitläufer johlen mit

«Der Mensch reagiert in der Masse nicht mehr als Einzelperson», erklärt Psychologe Spielmann. In der anonymen Menschenmasse fallen die Hemmungen, aber eben auch der Respekt vor anderen. «Es ist auch nicht das ganze Publikum, das das Gegenüber ausbuht», so Spielmann weiter. «Sondern es sind zwei bis drei Menschen, die mit dem Ausbuhen beginnen. Wenn es in der Masse zu wenig selbst denkende Menschen gibt, kommt es zum Mitläufereffekt: Die Masse tobt.»

Sich dessen bewusst, dass dieses Verhalten schlichtweg daneben ist, und man das Gegenüber damit auch verletzen könnte, sei das Publikum in dieser Situation nicht.

Leierer bleibt still

Wie die Situation für Urs Leierer war, wissen wir nicht. Der Festivalchef lud zentralplus zu einem persönlichen Treffen ein, sagte jedoch kurzfristig ab. «Aus produktionstechnischen Gründen», wie es heisst.

«Je nach dem, ob jemand ein totaler Profi ist und viel Herzblut hineingesteckt hat, bricht für jemanden die Welt zusammen – aber es kann auch an einem abprallen», so Spielmann.

Kritisiert wurde jedoch auch schon, dass das Blue-Balls-Festival nach aussen zu oft wie eine One-Man-Show von Leierer wirkt (zentralplus berichtete). Und das könnte Leierer zum Verhängnis geworden sein.

«Eine Selbstverständlichkeit», so der Schweizer

«Wenn das Publikum merkt, dass jemand um seine Aufmerksamkeit, seine Zuneigung und seinen Applaus buhlt, kann es kippen: Dann kann das Publikum seine Zuneigung zum Gegenüber total entziehen. Das, weil es sich benutzt fühlt, der Daumen geht nach unten», so Spielmann.

Gerade in der Schweiz sei die Gesellschaft von einer Bescheidenheit geprägt. Das fange schon in der Kindheit an, erklärt der Psychologe. Beispielsweise würde eine Mutter, die den ganzen Tag kocht, putzt und wäscht, auch nicht abends aufzählen, was sie alles geackert habe. Sie tue es einfach, ohne um Zuneigung zu buhlen. Und man möge sie und danke ihr, auch wenn man ihr das nicht jeden Abend sage.

Denn hinter dem Festival steckt auch ganz schön viel Arbeit. Für neun Tage Blue Balls bereitet sich Urs Leierer mit seinem Team 48 Wochen vor (zentralplus berichtete).

«Dinge selbstverständlich zu nehmen, ist einfach typisch schweizerisch», so Spielmann. Und das kann man gut finden – oder nicht.

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8 Kommentare
  1. Matthias, 28.07.2019, 22:10 Uhr

    Das Publikum bei Ben Harper war ein sehr kultiviertes/musikkundiges Publikum das schlicht und einfach frustriert war, dass ein hervorragendes Konzert nach 1.5 h auf dem Höhepunkt ohne Zugabe „abgebrochen“ wurde und dies sicher nicht wegen der Band. Dies war nicht gegen Herr Leierer gerichtet und dafür brauchen wir auch keine Psychologen um dies zu analysieren.

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  2. Marcel Moser, 26.07.2019, 16:21 Uhr

    Das Buhlen um Aufmerksamkeit hat seine Grenzen. Offensichtlich hat Herr Leierer diese Grenzen überschritten. Da braucht es eben ein bisschen ein «Gspüri» was der Besucher will. Offensichtlich geht das Herr Leierer ab. Das er aber seinem Kind so das Wasser abgräbt, indem er die Besucher verärgert, dass scheint ihm noch nicht klargeworden zu sein. Vielleicht stimmen halt die Besucher dann mit den Füssen ab.

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  3. Peter Wermelinger, 26.07.2019, 11:25 Uhr

    Es mag wohl auch einfach Besucher geben, die es extrem doof finden, wenn Leierer jeweils nach dem Konzert noch auf die Bühne latscht um Werbung für den Schweizerhof zu machen. Die Situaiton ist jeweils etwas peinlich. Wenn Leierers Freunde und vertrauten Personen ihm schon nicht sagen, dass er dies doch besser sein lässt (oder wahlweise einen guten Moderator/Moderatorin dafür engagiert), dann ist er halt selber Schuld.

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  4. Mike, 26.07.2019, 08:09 Uhr

    Ich bin eigentlich jeweils ziemlich erfreut über die Beiträge von zentral+, zumal es einen schönen Farbpunkt kontra dem Platzhirsch ist.

    Diesen Titel könnte man auch fast an Urs Leierer verleihen, wenn er jeweils kurz nach «Minimalprogramm» der Musiker im Luzerner Saal auf die Bühne tritt und als Spassbremse agiert. DAS sind dann die Momente, die mich von weiteren Blue Balls – Konzertbesuchen abhalten werden.

    Im Gegenzug brettert Glen Hansard im weissen Saal ein Set hin, das mit 150 Minuten schon fast Ausmasse von Bruce (Springsteen) hat.

    Aus der Geschichte gleich ein Massenphänomen à Lemminge zu machen, ist SEEEHR an den Haaren herbei gezogen, schade.

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    1. Mike, 26.07.2019, 09:32 Uhr

      .. dass er dann «aus produktionstechnischen Gründen» nicht für ein Interview zur Verfügung steht, schreit zusätzlich zum Himmel

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  5. Brunner Lukas, 25.07.2019, 21:03 Uhr

    Ich habe geklatscht, vor Freude gepfiffen und mich auf eine Zugabe gefreut. Ben Harper solo mit Gitarre, irgendsowas. Das sind oft die schönen Momente zum Schluss. Dann kommt Urs Leierer mit der achsobekannten Leier von wegen Party im Schweizerhof. Gerne hätte ich ihn gefragt, warum keine Zugabe möglich war. Auch ohne die Masse regts mich noch auf. War aber ein tolle Konzert…

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  6. rahel.estermann, 25.07.2019, 20:30 Uhr

    Ich war am Ben-Harper-Konzert, weit vorne, vierte Reihe – also mitten in den «Menschenmassen», wo die «Hemmungen fielen». Alle waren nett und zurückhaltend euphorisch, wie immer bei Musikkonzerten mit Schweizer Publikum. Alle wollten eine Zugabe – es gab schliesslich noch keine und eine ist einfach total üblich. Also applaudieren, schreien und pfeifen, bis Harper & Band zurück auf der Bühne sind (von buhen hab ich nichts gehört)! Die Hoffnung starb auch nicht, als Leierer auf der Bühne war (aber gleich danach, als Hintergrund-Musik anging).

    Hier gleich massenpsychologische Phänomene und einen pathologischen Umgang aller Schweizer mit selbstinszenierenden Promis zu diagnostizieren, ist ziemlich hanebüchen. Und das Ganze dann mit der Evidenz einer Einzel-Meinung vom letzten Samstag untermauern, ist auch noch journalistisch schlecht.

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  7. Besucherin, 25.07.2019, 17:22 Uhr

    Bei Cat Empire war einzig die Enttäuschung da, dass ihr bekanntester Song „Hello“ nicht gespielt wurde. Die Pfiffe galten also eher der Band und nicht Urs Leierer.

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