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Feuerwehr: Wenn Geld die Motivation killt
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Die Feuerwehrmänner und -frauen der Freiwilligen Feuerwehr Zug (FFZ). Als Zuger Ortsfeuerwehr leisten sie ihre Dienste für den Verein unentgeltlich. (Bild: Thomas Betschart)

Warum man in der Stadt Zug auf Sold verzichtet Feuerwehr: Wenn Geld die Motivation killt

5 min Lesezeit 19.07.2016, 15:57 Uhr

Stadtzuger Feuerwehrleute organisieren das Zuger Seefest, löschen Brände und sind als Erste vor Ort, wenn Hochwasser droht. Dafür erhalten sie allerdings keinen roten Rappen. Denn die Ortsfeuerwehr der Stadt Zug ist die einzig noch verbliebene im Kanton, die komplett auf Vereinsbasis funktioniert. Das soll auch in Zukunft so bleiben, sagt die Vereinsspitze – ansonsten würden ihnen die Leute weglaufen.

Sommerzeit ist Feuerzeit. In ihrem Stammgebiet, dem Feuerlöschen, sollte für die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Zug (FFZ) zurzeit eigentlich Hochsaison herrschen. Der bisherige Sommer wusste allerdings nicht mit Trockenheit und hohen Temperaturen zu überzeugen. Die Schläuche blieben grossmehrheitlich aufgerollt und kamen nur vereinzelt zum Einsatz – vorderhand zu Übungs- und Showzwecken. «Nicht umsonst nennen sich viele Feuerwehren heute Schadenwehr», sagt dazu Daniel Jauch, Kommandant der FFZ. «Rund 20 Prozent der Arbeit macht heute die Brandbekämpfung aus, 80 Prozent der Rest – Unterstützung des Rettungsdiensts, Seerettung, Verkehrsunfälle, Regen, Unwetter.»

Regen prägt auch den heutigen Tag. Kleine Tropfen prasseln auf das Feuerwehrgelände an der Ahornstrasse 10 in Zug. Der Platzwart dreht auf dem Putzfahrzeug seine Runden und hält das Areal in Schuss. Zwei Feuerwehrleute hantieren an einem Löschfahrzeug. Währenddessen sitzen wir drinnen, im Trockenen, bei einer Tasse Kaffee. Kommandant Daniel Jauch und FFZ-Vereinspräsident Roman Jenny erzählen, wie es kommt, dass die Stadtzuger Feuerwehr noch immer im Ehrenamt feststeckt.

20’000 Freiwilligenstunden

«Es stimmt, dass wir schweizweit eine der wenigen Feuerwehren sind, die auf Vereinsbasis, das heisst im Ehrenamt, funktioniert», eröffnet FFZ-Kommandant Jauch die Runde. Man sieht ihm an, dass er seine Uniform mit Stolz trägt. Und auch sein Blick ist erfüllt davon. «Wir sind die Ortsfeuerwehr für die Stadt Zug, für den Zugerberg und das südlich gelegene Oberwil. Unsere 160 freiwilligen Feuerwehrmänner und -frauen leisten sämtliche Dienste in diesem Bereich unentgeltlich – rund 20’000 Stunden Freiwilligenarbeit jährlich, zu jeder Tages- und Nachtzeit.»

FFZ-Vereinspräsident Roman Jenny (links) und Kommandant Daniel Jauch vor einem Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Zug.

FFZ-Vereinspräsident Roman Jenny (links) und Kommandant Daniel Jauch vor einem Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Zug.

(Bild: pbu)

Gleichzeitig ist die FFZ die einzige Stützpunktfeuerwehr im Kanton Zug. Alles, was in diesen Aufgabenbereich fällt, also zum Beispiel technische Hilfeleistungen, Öl- und Chemiewehr, Einsätze auf Nationalstrassen und Schiene sowie Unterstützung der Gemeindefeuerwehren, ist besoldet. Jauch, nunmehr im sechsten Jahr FFZ-Kommandant, stellt seine Tasse zur Seite und breitet eine Karte des Kantons Zug auf dem Tisch aus: «In Zug gibt es inklusive Stadt elf Ortsfeuerwehren», sagt er und zeigt mit einem Kugelschreiber auf die einzelnen Gemeinden. «Die Männer und Frauen bei den Ortsfeuerwehren sind alle besoldet – mit Ausnahme der Stadt Zug.»

Die FFZ lebe von diesem Umstand, meint Vereinspräsident Jenny. «Kameradschaft ist das Wichtigste», fügt Kommandant Jauch an und wartet gleich mit einem Beispiel auf: «Viele Jahre haben wir uns an der Zuger Messe präsentiert. Ob für den Standaufbau oder die Besucherbetreuung vor Ort – wir hatten immer genug Freiwillige.»

Sold? Ich bin dann mal weg …

Roman Jenny, seit Anfang 2016 FFZ-Vereinspräsident, greift in die Traditionskiste: «Die Freiwillige Feuerwehr Zug existiert seit 1879. Erstmals genannt wird sie gar 1863. Das ehrenamtliche Konstrukt hat also eine lange Tradition.» Das sei mit ein Grund dafür, dass die FFZ auch heute noch so funktioniere. Dieses System stosse überdies auf breite Akzeptanz. Immer wieder sei vereinsintern darüber diskutiert worden, die Feuerwehrmänner und -frauen doch zu besolden. Das Ergebnis war stets dasselbe. «Wenn wir einen Sold bezahlen würden, wäre die Motivation nicht mehr in gleichem Ausmass da», sagt Jenny und setzt hinter das Gesagte unmissverständlich einen Punkt, indem er einen grossen Schluck aus seiner Tasse nimmt.

«Die Motivation würde sich abflachen, wenn Sold bezahlt würde.»

Daniel Jauch, Kommandant FFZ

Besoldung als Motivationskiller? Diese Gleichung erscheint in ihrer Richtigkeit zumindest fragwürdig. Aber auch Daniel Jauch zeigt sich überzeugt von ihr: «Vielleicht nicht heute und nicht morgen. Aber spätestens übermorgen würde die Motivation abflachen», sagt er. «In unserer letzten Strategieplanung wurde diese Frage in die Runde geworfen. Einige äusserten sich ganz klar: Wenn ich besoldet werde, dann höre ich auf.» Stolz, Kameradschaft und Dienst an der Allgemeinheit, dafür seien sie in der Feuerwehr. Aber nicht alle.

Denn Jauch macht keinen Hehl daraus, dass es auch solche gäbe, die den Sold mit Handkuss annehmen würden. Wenn man aber komplett von der freiwilligen Basis auf ein besoldetes Verhältnis umstellen würde, dann hätte das unerwünschte Folgen für die FFZ.

Nur gut 20 Prozent aller Aufgaben der FFZ fallen in den Bereich der Brandbekämpfung.

Nur gut 20 Prozent aller Aufgaben der FFZ fallen in den Bereich der Brandbekämpfung.

(Bild: zvg)

Spiel mit dem Feuer

Ein rein besoldetes Verhältnis, sozusagen eine Berufsfeuerwehr, wäre der falsche Weg, meinen die beiden unisono. Man habe dafür ohnehin zu wenig Einsätze. Als Stützpunktfeuerwehr rücken sie im Jahr rund 300-mal aus. «Aufwand und Ertrag würden bei einer Berufsfeuerwehr nicht übereinstimmen», konstatiert Jauch. «In der Stadt Zürich sind es 1500 bis 2000 Einsätze jährlich. Wir könnten den ganzen Talkessel von Zug zusammennehmen und kämen noch immer nicht auf 1000 Einsätze.»

«Die Rekrutierung stellt eine grosse Herausforderung dar.»

Roman Jenny, FFZ-Vereinspräsident

Die Feuerwehr, der Verein. Und dies in Zeiten, in denen allenthalben das Vereinssterben beklagt wird. Ist das Bild, das Jenny und Jauch zeichnen, nicht etwas gar rosa? Ist das nicht ein Spiel mit dem Feuer (der geneigte Leser entschuldigt das schlechte Wortspiel), wenn man am Vereinskonstrukt festhält und damit riskiert, dass künftig die Mitglieder ausbleiben? Stell dir vor, es brennt und keiner geht hin.

Der Verein FFZ

Die Freiwillige Feuerwehr Zug ist als Dachverband organisiert. Ihr unterstellt sind drei Löschzüge und vier Korps sowie Ehrenmitglieder und die Jugendabteilung. Ausser der Jugendfeuerwehr sind allesamt als eigenständige Vereine organisiert, mit eigenem Vorstand und eigenen Rechnungsrevisoren. Die einzelnen Mitglieder sind zugleich Mitglieder des Dachvereins. Dort gibt es einen Gesamtvorstand, dem zurzeit Roman Jenny vorsteht. Die FFZ zählt momentan 160 Mitglieder, davon sind rund 10 Prozent Frauen.

Die FFZ leistet allgemeine Schadenwehr bei Ereignissen, die rasche und grössere Hilfe erfordern. Sie ist gleichzeitig kantonale Stützpunktfeuerwehr, Öl- und Chemiewehr. In diesen Belangen unterstützt sie die Feuerwehren im Kanton Zug. Im Jahr 2015 wurden insgesamt 257 Einsätze verbucht. Der wichtigste Vereinsanlass ist neben der Generalversammlung das Zuger Seefest, welches die FFZ seit 1969 organisiert und durchführt.

«Ich würde nicht gleich von einem Problem sprechen. Aber es ist richtig, auch bei uns stellt die Rekrutierung eine grosse Herausforderung dar», sagt Jenny. Die Fluktuation betrage rund zehn Prozent. Mit Veranstaltungen wie dem Zuger Seefest, der Zuger Messe oder dem Tag der offenen Tür wolle man die Präsenz in der Bevölkerung hoch halten und auf diese Weise «am Ball bleiben». Geld als Lockmittel werde aber auch in Zukunft nicht nötig sein, so seine Überzeugung.

Alarm, Alarm

Die Tassen wurden zwischenzeitlich leer getrunken, übrig bleibt der Kaffeesatz. Die Essenz, sozusagen. Trotz des hoch gehaltenen Vereinslebens sei das, was die FFZ letztlich ausmache, das Feuerlöschen, meint Jauch. Bevor wir uns allerdings vertiefter auf philosophische Gedankengänge begeben können, werden wir abrupt unterbrochen. Plötzlich erfüllt Hektik den Raum. Ein Brandalarm schallt durchs Gebäude.

Sekunden später finden wir uns in der Einsatzzentrale wieder. «Automatischer Brandalarm», sagt Jauch. Ein Löschfahrzeug und eine Autodrehleiter werden ausgesandt. Mehrere Pager piepsen um die Wette. Noch ist nicht klar, was genau geschehen ist. Doch nach nur fünf Minuten stehen die ersten fünf Freiwilligen bereit. Sie warten. Dann gibt Jauch Entwarnung: «Falschalarm. Ein Brandmelder wurde durch den Rauch von Teerarbeiten ausgelöst.»

Brandalarm in der Einsatzzentrale: Zwei Fahrzeuge rücken unverzüglich aus.

Brandalarm in der Einsatzzentrale: Zwei Fahrzeuge rücken unverzüglich aus.

(Bild: pbu)

Auch das gehört zum Vereinsleben bei der FFZ. Die Freiwilligen werden wieder entlassen, damit sie ihrer Hauptberufstätigkeit nachgehen können. Die Feuerwehrmänner sind so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Bis zum nächsten Alarm.

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