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Sind die Routiniers Schuld am Luzerner Kriechgang? FCL-Gentner: «Ich nehme mich nicht aus der Verantwortung»

Der 36-jährige Christian Gentner muss derzeit beim sportlich darbenden FC Luzern eine defensivere Rolle einnehmen – seinem Spielstil entspräche eine offensivere. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Mit dem 1:1 in Basel gab der FC Luzern vor Beginn der Nationalmannschaftspause ein Lebenszeichen von sich. Dennoch hat der Cupsieger im ersten Viertel der Meisterschaft noch keinen einzigen Sieg eingefahren. FCL-Routinier Christian Gentner (36) redet über Verantwortung, fehlendes Selbstvertrauen und seine eigene Rolle.

Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist jedoch ein Waisenkind, sagt ein geflügeltes Wort. An wem liegt es, dass der FC Luzern wenige Monate nach dem Cupsieg noch immer nicht in die Gänge gekommen ist?

zentralplus hat die FCL-Teamleader wie Captain Dejan Sorgic, Christian Gentner oder Holger Badstuber in die Pflicht genommen, auch wenn den beiden Bundesliga-Titanen nicht viel Zeit blieb, um sich an einen neuen Verein und eine neue Liga zu gewöhnen. Wir haben mit Christian Gentner über unsere Kritik geredet.

zentralplus: Christian Gentner, Sie haben in diesem Sommer von der Bundesliga in die Super League gewechselt und damit ihren ersten Job im Ausland angenommen. Auf welche Schwierigkeiten stiessen Sie bei Ihrer Akklimatisierung?

Christian Gentner: Eigentlich gab es kaum welche. Ich bin von den Teamkollegen super aufgenommen worden, auch wenn ich mich vom Alter her deutlich abhebe. Unterschiedlich ist die Art und Weise, wie hier Fussball gespielt wird und wie ich es mir von der Bundesliga gewohnt war. Das war mir zwar bewusst, aber manche Dinge sind nicht so automatisiert vom technischen Ablauf her, und auch von der Qualität der Spieler. Dabei geht es auch um Grundlagen, die du in der Nachwuchsausbildung in Deutschland mitbekommst und verinnerlichst. Der eine oder andere Spieler ist logischerweise nicht ganz auf dem Level der Bundesliga. Ich hoffte, dass das einfach schneller geht.

zentralplus: Die Saisonvorbereitung der Luzerner hinterliess aber einen vorteilhafteren Eindruck.

Gentner: Durch den Druck, der in der Vorbereitung nicht da war, ist uns alles ein bisschen leichter gefallen. Aber mit dem Saisonstart hat sich der eine oder andere schwer damit getan, mit dem Druck umgehen zu können. Das ist ein Grund, weshalb wir nicht den Saisonstart hinlegten, den wir uns selber erhofft hatten. Ernüchternd ist, dass die Euphorie nach dem Pokalsieg in Luzern verflogen ist.

«Wir haben nicht die Ergebnisse, und darum habe ich auch keine Argumente.»

zentralplus: Mit dem Renommée, das Sie und Holger Badstuber sich in Deutschland erworben haben, geht man davon aus, dass Ihr beide sofort in die Leaderrolle beim FC Luzern schlüpfen könnt. Inwiefern unterschätzt man als Aussenstehender diese Herausforderung?

Gentner: Zunächst gibt es eine Phase, in der du die Mitspieler und deren Verhalten auf dem Platz, die Vorgaben des Trainers und das ganze Drumherum kennenlernen musst. Ich bin nicht reingeprescht in diese Rolle als Teamleader. Weil ich von Anfang an gesagt habe, dass ich hierher gekommen bin, um die etablierten Stützen in der Mannschaft zu stärken. Ich muss nicht der zentrale Mittelpunkt sein. Aber ich weiss, dass der schlechte Saisonstart uns Bundesliga-Routiniers in den Fokus rückt und wir gegenüber der Öffentlichkeit in der Verantwortung stehen. Das ist kein Problem für mich, auf der anderen Seite verändere ich mein Naturell nicht.

zentralplus: Sie waren schon Captain des VfB Stuttgart. Was ist Ihr Naturell?

Gentner: Ich bewerte die Dinge intern, die ich sehe, und spreche sie an. Das habe ich auch die letzten Wochen so gemacht. Aber wir haben nicht die Ergebnisse, und darum habe ich auch keine Argumente. Das ist ein ganz normaler Vorgang.

zentralplus: In der Analyse des unbefriedigenden Saisonstarts kamen wir zum Schluss, dass die FCL-Routiniers auf dem Platz nicht in die Verantwortung gehen. Teilen Sie diese Meinung?

Gentner: Wenn Sie mir erklären, was Sie damit meinen, gebe ich Ihnen gerne eine Antwort.

zentralplus: Dass die Routiniers auf dem Platz die Reissertypen sind, dass sie ohne Wenn und Aber hinstehen und die Marschrichtung vorgeben. Weil das nicht der Fall war, fehlt dem FCL auch ein Stück weit eine Hierarchie.

Gentner: Dann müssen die Spieler miteinander reden, ob sie auch eine Hierarchie im Team vermissen. Aber dieses Vorangehen, wie Sie es genannt haben, drückt sich durch Tore, Vorlagen, Zweikampfwerte oder sonst irgendwelche Statistiken aus. Oder durch auffälliges Dirigieren von Mitspielern, damit die Besucher aufmerksam werden. Ich bin keiner, der durch Theatralik auffallen will. Wenn ich sehe, dass ein Verteidiger falsch steht, gehe ich zu ihm hin und mache ihn darauf aufmerksam. Das muss nicht jeder mitkriegen. Ich glaube nicht, dass ich mich aus der Verantwortung nehme. Es ist immer ein Problem der Darstellung oder Wahrnehmung, was Übernahme von Verantwortung ist. Hätte ich so gespielt wie jetzt, wir aber zwölf statt fünf Punkte geholt, wäre die Wahrnehmung eine andere gewesen.

zentralplus: Ist die Erwartungshaltung von aussen an Spieler Ihres Kalibers einfach zu hoch?

Gentner: Ich habe nicht das Gefühl, dass der gesamte Druck dieses Vereins auf mir liegt. Ich bin natürlich auf meine Mitspieler angewiesen und verbessere meine Position nur, wenn ich Leistung erbringe.

«Wir konnten nicht das nötige Selbstvertrauen aus den Ergebnissen ziehen. Das ist uns in den letzten Wochen zum Verhängnis geworden.»

zentralplus: Welches Zwischenzeugnis stellen Sie sich aus?

Gentner: Meine Leistungen waren mal mehr, mal weniger gut. Ich kann mit mir nicht zufrieden sein, weil der Teamerfolg fehlt. Wie die Erwartungshaltung an mich auch immer aussieht: Ich habe den eigenen Anspruch, dass ich erfolgreich sein will mit dieser Mannschaft. Dass es aktuell nicht so ist, ärgert mich. Aber es versetzt mich nicht in Panik. Wir arbeiten an den Dingen, die nicht so gut sind.

zentralplus: Was für Dinge?

Gentner: Wir haben es noch nicht geschafft, eine Balance in unserem Spiel zu finden. Dafür bin ich in meiner zentralen Rolle mitverantwortlich, dass wir das besser hinkriegen. Wir hatten keine derart gute Ausgeglichenheit, dass wir viele Torchancen kreiert hätten. Deshalb hat die Verteidigung zu viel zu tun gehabt und als Konsequenz daraus zu viele Fehler gemacht. Dafür trage ich in meiner Rolle eine Mitverantwortung.

zentralplus: Hatten Sie sich Ihren Wechsel nach Luzern einfacher vorgestellt?

Gentner: Nein, eigentlich ist es genau so gekommen, wie ich das erwartet habe. Ich mache das auch nicht nur von den Ergebnissen abhängig. Ich komme mit meiner Art und Weise, wie ich Fussball spiele, klar. Ich habe sämtliche Spiele gemacht, die meisten über 90 Minuten. Mein Fitnesszustand ist sehr gut. Dass wir nur fünf Punkte auf dem Konto haben, entspricht nicht meinem Ehrgeiz. Leider erzielten wir nicht die Ergebnisse, die wir hätten erreichen sollen, und konnten nicht das nötige Selbstvertrauen daraus ziehen. Das ist uns in den letzten Wochen zum Verhängnis geworden.

zentralplus: Wie konnten Sie das Team bislang unterstützen?

Gentner: Ich war noch nie der Spieler, der den Ball genommen hat und sechs Spieler ausdribbelte. Ich versuche, die Spieler um mich herum besser zu machen mit meiner Erfahrung. Versuche, im Training Hinweise zu geben und die Teamkollegen in technischen Details besser zu machen. Das ist die Art und Weise, wie ich Fussball spiele. Und davon wusste der Verein, bevor er mich geholt hat. Ich habe nicht den Eindruck, dass man mit mir sehr unzufrieden ist, zumindest wurde mir das bislang nicht so vermittelt.

zentralplus: Wie sehen Sie Ihre Rolle auf dem Platz grundsätzlich?

Gentner: Weil die Ergebnisse nicht stimmten, hat mich der Trainer ab und zu ausgewechselt, weil er mich gerne in einer defensiveren Rolle gesehen hätte, um mehr Stabilität reinzubringen. Von meinem Naturell her würde ich lieber offensiver agieren. Trotzdem habe ich vollstes Verständnis für die Sicht des Trainers. Wir haben es miteinander abgesprochen, dass ich momentan mehr in der Absicherung und im Aufbauspiel tätig bin als dass ich in die torgefährlichen Räume vorstosse. Das ist unserer aktuellen sportlichen Situation geschuldet, kann sich aber im Verlauf einer langen Saison wieder verändern.

«Die Art und Weise, wie wir Fussball spielen wollen, basiert auf viel Selbstvertrauen.»

zentralplus: Warum ist es sportlich beim FCL so gekommen, wie es ist?

Gentner: Im Nachhinein betrachtet war das YB-Spiel ein kleiner Knackpunkt. Es war ein Spiel mit offenem Visier, es ging hin und her. Das kannten wir zwar aus der Vorbereitung gegen kleinere Teams auch. Aber da ging es gut für uns aus, weil wir viel riskiert und viele Torchancen kreiert hatten. In St. Gallen bewiesen wir zwar Moral, haben aber über weite Strecken ein schwaches Spiel abgeliefert. Unser Selbstvertrauen hat in der Hinsicht gelitten, weil wir krasse Eigenfehler in unserem riskanten Aufbauspiel hatten. Aus gleichem Grund haben wir auch in Genf auf die Fresse gekriegt.

zentralplus: Und das Selbstvertrauen schwand zusehends.

Gentner: Genau, es hat schwer gelitten. Doch die Art und Weise, wie wir Fussball spielen wollen, basiert auf viel Selbstvertrauen. Wir sind nicht der FC Bayern mit lauter Zauberern, die problemlos mit Druck umgehen können. Wir haben im Zuge dieses Saisonstarts den Moment verpasst, um uns auf die Basics zu konzentrieren, um uns auf ein Grundgerüst zurückfallen lassen zu können. Einen guten ersten Schritt in die richtige Richtung haben wir in Basel gemacht. Im Nachhinein hätte ich mir früher gewünscht, dass wir das erkennen und uns in diese Richtung verbessern können. Noch sind wir in einer Phase, in der wir es korrigieren können. Alles, was wir in Basel auf den Platz gebracht haben, muss Grundvoraussetzung für die nächsten Wochen sein.

zentralplus: Diese kompaktere Spielausrichtung hat den FCL in der letzten Saison erst zum Ligaerhalt und danach zum Cupsieg getragen.

Gentner: Darüber haben wir teamintern in letzter Zeit viel gesprochen. Die Anpassung ist ja auch kein Hexenwerk, sondern unserer Situation geschuldet. Da wir nicht viel Selbstvertrauen haben, gilt es, die Grundlagen zu verbessern. Und dann bewegen wir uns, YB und Basel mal ausgeschlossen, auf einem Level wie die anderen sieben Liga-Konkurrenten.

zentralplus: Besteht nach dem guten Auftritt in Basel die Gefahr, dass der Glaube existiert, es komme mit dem FCL sportlich schon gut?

Gentner: Das kann ich jetzt beantworten, wie ich will. Letztlich werden allerdings die nächsten Ergebnisse Ihre Frage beantworten. Uns hätte ein Sieg in Basel unheimlich gut getan. Wir haben das erste Viertel der Meisterschaft absolviert, ohne ein Spiel gewonnen zu haben, und das nagt an den Spielern.

zentralplus: Worauf liegt in der Nationalmannschaftspause der Fokus im FCL-Training?

Gentner: Auch in Basel gab es drei, vier Situationen, in denen uns der Gegner hätte bestrafen können. Darum haben wir intensiv daran gearbeitet, dass das Verhalten der Abwehrketten noch kompakter und die Abstimmung untereinander noch besser wird. Und wir haben das Verteidigen von Standards, was bislang ebenfalls ein grosses Problem war, eingeübt.

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