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Expertin: Luzern unternimmt zu wenig für «seinen» Bahnhof
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Der Bahnhof Luzern ist ein Knotenpunkt im Bahnnetz, doch er gerät an seine Kapazitätsgrenzen. (Bild: zvg )

Kritik an Regierung – diese verteidigt sich Expertin: Luzern unternimmt zu wenig für «seinen» Bahnhof

5 min Lesezeit 2 Kommentare 31.05.2017, 09:59 Uhr

Luzern gerät beim öffentlichen Verkehr massiv ins Abseits. Für Pro Bahn Zentralschweiz sind daran auch die Luzerner Regierung und ihre Lobbyisten in Bern schuld. Selbst Ständerat Konrad Graber verliert den Glauben an die gleichzeitige Realisierung von Zimmerberg und Durchgangsbahnhof.

Nach der Kritik an Bern vom Donnerstag (zentralplus berichtete) folgen nun strenge Worte an die Luzerner Politik. Karin Blättler, Sektionspräsidentin Pro Bahn Zentralschweiz, sagt, Luzern werde beim öffentlichen Verkehr generell nicht genügend berücksichtigt: «Mit dem Neat-Tunnel verringern sich die direkten Verbindungen ins Tessin, und jetzt will man den Durchgangsbahnhof verzögern. Die Region Zentralschweiz gerät beim Bund ins Abseits.»

Dabei sei nicht nur das Bundesam für Verkehr (BAV) das Problem. Es sei bedenklich, dass gerade auch die Luzerner Regierung und ihre Lobbyisten in Bern diese Zahlen einfach so hinnehmen würden, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Sie wünschte sich, dass die Luzerner Politiker aktiver mit dem BAV kommunizieren würden.

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Ausserdem sei, laut Blättler, das «sture Festhalten am Zimmerbergbasistunnel II» seitens BAV, Bundesrat, Regierungen, Politikern und SBB eine Gefahr für den Tiefbahnhof – die halb so teure «Zimmerberg light»-Variante (maximal 1 Milliarde Franken) sei daher wichtig, um Mittel für den Durchgangsbahnhof lockerzumachen, denn zwei teure Projekte in der Zentralschweiz, das sei unrealistisch, so Blättler.

«Das BAV sägt den Durchgangsbahnhof in Eigenregie ab.»

Karin Blättler, Sektionspräsidentin Pro Bahn Zentralschweiz

Die hohen Kostenangaben würden die Chancen, dass der Durchgangsbahnhof für den Ausbauschritt 2030/2035 berücksichtigt wird, zudem gleich doppelt schmälern, glaubt Blättler: «Zum einen hat das Projekt durch die veröffentlichten Zahlen ein massiv zu schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Dieser Eindruck bleibt am Projekt haften, selbst wenn die Zahlen noch korrigiert würden. Zum anderen lässt es den Bahnhof alleine dastehen – so lassen sich keine politischen Mehrheiten für das Projekt gewinnen.» 

Andere Szenarien mit mehreren Projekten seien politisch mehrheitsfähiger – und dies nur aufgrund der Angaben des BAV. Ausserdem, wenn das BAV aufgrund seiner eigenen Einschätzung das Projekt Durchgangsbahnhof nicht vertieft analysiere, so würden es die Parlamentarier gar nie en détail zu Gesicht bekommen. «Das BAV sägt den Durchgangsbahnhof in Eigenregie ab», so Blättler, «und der Durchgangsbahnhof Luzern wird für das Parlament gar nie zum Thema.»

Robert Küng fühlt sich nicht alleine

Die Luzerner Regierung widerspricht: Regierungsrat Robert Küng lässt auf Anfrage ausrichten, man befände sich im Austausch mit Bundespräsidentin Doris Leuthard sowie Vertretern des BAV. «Dabei haben wir die Kostenschätzungen des BAV thematisiert und die Transparenz der Zahlen bemängelt», so Küng. Bezogen auf die Kosten sagt Küng, man gehe für das Kernprojekt nach wie vor von 2,4 Milliarden Franken aus. «Eine allfällige erste Etappe mit der Tieferlegung der Gleise von Ebikon her würde 1,8 Milliarden Franken kosten.»

«Das Ziel wird es sein, den Durchgangsbahnhof mindestens als ein vorfinanzierungswürdiges Projekt zu positionieren.»

Konrad Graber, CVP-Ständerat

Auf die Frage, ob er sich vom Bund im Stich gelassen fühlt, gibt es von Küng ein klares «Nein». Luzern stehe denn auch nicht alleine: «Die sechs Zentralschweizer Kantone stehen geschlossen hinter der Realisierung des Durchgangsbahnhofs als Teil des Ausbaus auf dem Korridor Luzern–Zug–Zürich.» Man fordere gemeinsam die Verankerung von Zimmerberg und Durchgangsbahnhof im nächsten Ausbauschritt.

SBB könnte Durchgangsbahnhof versenken

Dem Durchgangsbahnhof droht auch anderweitig Ungemach: Wie letzten Freitag bekannt wurde, planen die SBB den Viertelstundentakt zwischen Zürich und Luzern – ganz ohne Tiefbahnhof (zentralplus berichtete). Mit dem Projekt «Input SBB» könnten die Bundesbahnen, durch Harmonisierung des Bahnnetzes, die Kapazität um 40 Prozent erhöhen. Diese Pläne könnten den Durchgangsbahnhof obsolet machen.

Konrad Graber: Zimmerberg und Tiefbahnhof «zu viel»

Auch CVP-Ständerat Konrad Graber scheint sich bewusst zu sein, dass es für den Durchgangsbahnhof Luzern eng werden könnte: «Das Ziel wird es sein, den Durchgangsbahnhof mindestens als ein vorfinanzierungswürdiges Projekt zu positionieren.» Denn: Zimmerberg und Durchgangsbahnhof in einem Ausbauschritt, so Graber, seien wahrscheinlich zu viel.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Kommissionen für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) ein Postulat eingereicht. Damit sollen verschiedene Eckwerte definiert werden, die auch dem Luzerner Durchgangsbahnhof helfen würden. So soll der Ausbauschritt 2030/35 12 Milliarden betragen, und es sollen in die Projektbewertung volkswirtschaftliche Aspekte wie Erschliessungsgrad, Engpassbeseitigung, Neztwirkung und Entwicklungspotenzial berücksichtigt werden. Daneben sollen der regionalpolitischen, grenzüberschreitenden und kantonalen Ausgewogenheit Rechnung getragen werden.

So soll die Strecke einst verlaufen, wenn der Tiefbahnhof gebaut ist.

So soll die Strecke einst verlaufen, wenn der Tiefbahnhof gebaut ist.

(Bild: zvg)

Besonders wichtig in der Petition: Sollte ein Grossprojekt nicht im Ausbauschritt 2030/2035 berücksichtigt werden, so soll es zur Vorfinanzierung freigegeben werden. So könnte sich der Kanton Luzern ein Hintertürchen für eine zeitnahe Umsetzung des Durchgangsbahnhofs offen lassen. Der Vorstoss wird am 15. Juni im Ständerat behandelt. Der Bund hatte im Februar verkündet, dass die Vorfinanzierung durch einen Sonderkredit der Kantone nicht gestattet sei.

«Äpfel mit Birnen verglichen»

Pro Bahn Zentralschweiz hat am Donnerstag das BAV kritisiert. «Wegen der hohen Kosten des Durchgangsbahnhofs ist es nicht möglich, ihn mit anderen Projekten zu kombinieren», erklärt Karin Blättler. Dabei seien die vom BAV kommunizierten Kostenangaben falsch: «Da werden die Kosten von Projekten mitgezählt, welche eigentlich die Zufahrtslinien nach Luzern betreffen.» Und das sei nicht fair: «Bei den anderen Projekten wird auch nur das Kernprojekt beziffert. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen», so Blättler.

BAV verteidigt Kosten

Beim Bundesamt für Verkehr verteidigt man die Zahlen. Florence Pictet nimmt auf Anfrage Stellung: «Die Projekte müssen so ausgestaltet werden, damit die Verbesserung ihre ganze Auswirkung entfalten kann und das System weiter funktioniert.» Beim Ausbau einer Linie oder eines Bahnhofs müsse man daher auch auf die Zufahrtsstrecken achten. «Wenn nötig, müssen diese ebenfalls entsprechend ausgebaut werden», so Pictet.

So seien in den Kosten der Projekte Durchgangsbahnhof Luzern, Bahnhof Stadelhofen Zürich und Zimmberg-Basistunnel II Kernprojekt und weitere Massnahmen mit inbegriffen.

Dem Vorwurf, dass das BAV den Durchgangsbahnhof Luzern benachteilige, widerspricht Pictet: «Nach der Bewertung der Vernehmlassung trägt der Bundesrat seine Vorschläge in seine Botschaft ans Parlament ein. Dieses entscheidet in der Folge darüber.» Selbstverständlich könne das Parlament die bundesrätliche Vorlage anpassen, beispielsweise ein Projekt streichen oder hinzufügen.

Hier geht es zum ausführlichen Interview mit Ständerat Konrad Graber zum Thema Durchgangsbahnhof und Vorfinanzierung.

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2 Kommentare
  1. Hansjörg Kaufmann, 31.05.2017, 13:46 Uhr

    Wir haben zu wenig Platz und Zeit!
    Wollen wir bis 2043 einen Tiefbahnhof der bis dann 3-4 Milliarden kostet oder in 10 Jahren sichere Verbindungen in alle Richtungen? Wollen wir in einem Hochwasser-Risikogiebiet Milliarden verbauen oder den Verkehr in der Stadt entlasten?
    Für Busse und den privaten Verkehr um den Bahnhof am See wird es täglich hektischer. Der neue Busknoten beim Bahnhof Emmenbrücke zeigt die Richtung in die es gehen soll. Wenn Luzern den Anschluss an das schweizerische Schienennetz oder die Internationale Nord-Süd-Verbindung in der Region ernsthaft behalten will, müsste ein finanziell und ökologisch realisierbares Bahnhof-Projekt im Raum Luzern Nord angestrebt werden. Eine Metroverbindung vom Bahnhof Luzern-Nord kombiniert einem Park&Rail Angebot aus dem Raum Sedel/Ibach mit Haltestelle Kantonsspital zum Bahnhof am See würde langfristig die Verkehrsprobleme auf der Schiene und Strasse lösen. Damit wären auch die voraussehbaren Rückstaus bei der Stadteinfahrt der Autobahn mit dem Projekt Parkhaus-Musegg vom Tisch. Der Innerschweiz wünschen wir Weitsicht für gute Verkehrswege und für den Durchgangsbahnhof bezahlbar am richtigen Ort.

  2. Marcel Sigrist, 31.05.2017, 13:19 Uhr

    Für einmal die Luzerner Zeitung (vom 31.Mai2017) lesen: http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/luzern/idee-der-sbb-wird-wenig-bringen;art9647,1038491 !!! Wer immer noch an den Durchgangsbahnhof glaubt, landet auf dem Abstellgleis.

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