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Experten sind besorgt: In Zug wird ein weiterer Kunstrasen bespielt
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Die kritischen Stimmen in Sachen Kunstrasenplätze mehren sich. Ein neuer Kunstrasen wurde am Sonntag in Steinhausen eingeweiht. (Symbolbild: flickr/Patrik Tschudin)

Belastung für Böden, Wasser und Luft Experten sind besorgt: In Zug wird ein weiterer Kunstrasen bespielt

7 min Lesezeit 6 Kommentare 19.08.2019, 05:17 Uhr

Die Gemeinde Steinhausen weihte am Sonntag ihren neuen Kunstrasen ein. Es ist nicht der einzige im Kanton Zug: Mittlerweile haben die meisten Gemeinden mindestens einen Kunstrasenplatz. Ökologische Aspekte waren nie Thema. Die Bedenken aber wachsen und Experten werden unruhig. Denn durch Kunstrasen gerät Mikroplastik in die Umwelt.

Am Sonntag feierte die Gemeinde Steinhausen mit einem Fest die Eröffnung ihrer sanierten und erweiterten Sportanlagen Eschfeld. Mit zum Projekt gehört auch ein neuer Fussballplatz. Dieser ist ein Kunstrasenplatz. «Kritik hat es deswegen keine gegeben», sagt Pascal Iten, Abteilungsleiter Bau und Umwelt der Gemeinde Steinhausen. Es handelt sich um ein sogenannt «unverfülltes» Spielfeld (siehe Box).

Auch bei der Kantonsschule Zug gab’s einen Kunstrasen

Einen neuen Kunstrasenplatz konnte kürzlich auch die Kantonsschule Zug beziehen. Die neue Anlage diene als Ersatz des bisherigen Kunstrasenplatzes, erklärt der Zuger Baudirektor Florian Weber (FDP). «Dieser Platz hatte sich bewährt. Seine Lebensdauer war jedoch abgelaufen und musste deshalb ersetzt werden.»

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Ein Naturrasenplatz sei nie zur Debatte gestanden, weil ein Kunstrasenplatz wesentliche Vorteile aufweise: «Ein Kunstrasenplatz ist das ganze Jahr nutzbar, was angesichts der knappen Ressourcen von Vorteil ist.» Beim neuen Spielfeld an der Kantonssschule handelt es sich wie auch bei jenem in Steinhausen um einen sogenannt unverfüllten Kunstrasenplatz.

«Im Kanton Zug verfügen alle Gemeinden ausser Neuheim und Oberägeri über mindestens einen Kunststoffrasensportplatz», sagt Roland Krummenacher, Leiter des Amtes für Umwelt des Kantons Zug. Rund die Hälfte dieser Plätze seien verfüllt.

Ökologischer Aspekt war kein Thema

Rückblende: Am 30. März dieses Jahres fand in Hünenberg die offizielle Eröffnungsfeier für den neuen Kunstrasenplatz statt. Im Sommer des letzten Jahres hatte die Gemeindeversammlung diesem neuen Kunstrasenplatz mit nur gerade zehn Gegenstimmen deutlich zugestimmt.

Dabei ging es immerhin um einen Investitionsbeitrag von rund 764’000 Franken an die Gesamtkosten von 855’000 Franken. Der lokale Fussballclub musste nur den Restbetrag übernehmen.

«Die Umweltproblematik war mit keinem Wort erwähnt worden, auch nicht von den bekannten Umweltparteien.»

Guido Wetli, Gemeindeschreiber in Hünenberg

Guido Wetli, Gemeindeschreiber in Hünenberg, ist im Nachhinein über dieses klare Ergebnis selber etwas erstaunt. Kunstrasenplätze stehen nämlich seit einiger Zeit aus Gründen des Umweltschutzes in der Kritik. In Hünenberg sei der ökologische Aspekt kein Thema gewesen, weder im Vorfeld noch an der Gemeindeversammlung, sagt Wetli: «Die Umweltproblematik war mit keinem Wort erwähnt worden, auch nicht von den bekannten Umweltparteien.»

Grünliberale werden künftig ihre Bedenken einbringen

Die Unterstützung für dieses Kunstrasenprojekt sei damals sehr hoch gewesen, erinnert sich Jana Seinige von den Grünliberalen Hünenberg. «Die Nachhaltigkeitsfrage ist damals tatsächlich von niemandem thematisiert worden.» Parteiintern habe man diese Frage im Vorfeld allerdings durchaus besprochen.

Seinige meint, in Zukunft würde man bei den Grünliberalen anders vorgehen: «Wir werden bei zukünftigen Projekten im Vorfeld die Frage der Nachhaltigkeit in Diskussionen mit anderen Parteien thematisieren und unsere Bedenken einbringen.»
 
Man habe damals beim Gemeinderat nachgefragt, erinnert sich Rita Hofer von den Alternativen-Grünen Hünenberg. Ein echter Rasenplatz sei vom Gemeinderat aber gar nicht in Betracht gezogen worden.

Wegen Kunstrasenfeldern gelangt Mikroplastik in die Umwelt

Die kritischen Stimmen in Sachen Kunstrasenplätze mehren sich jedoch. In Ostermundigen etwa forderten die Grünen den Gemeinderat vor ein paar Monaten auf, die Kosten – inklusive Umweltkosten – des Kunstrasens mit einem Naturrasenfeld zu vergleichen. «Die Kosten eines Kunstrasens für die Umwelt werden oft nicht kalkuliert», sagt der Biologe Martin Zabe-Kühn, der sich an seinem Wohnort Ostermundigen gegen das dortige Kunstrasenprojekt engagiert.

Für die Natur sei der Kunstrasen «eine Katastrophe», schrieb das deutsche Magazin «Der Spiegel» in einem Text vom letzten Oktober. Allein in Deutschland würden wegen der Kunstrasenfelder über 8’000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr in die Umwelt gelangen.

Kunstrasenplätze sind zwar im Unterhalt einfach: Sie müssen weder gemäht noch gedüngt werden und brauchen im Winter oder überhaupt bei schlechtem Wetter keine Schonung. Aus ökologischer Sicht aber stellen Kunstrasen ein Problem dar, weil sie dazu beitragen, dass Mikroplastik in die Umwelt gelangt.

Eine Studie des deutschen Fraunhofer Institutes vom Sommer 2018 ergab, dass wegen der Kunstrasenfelder bedeutende Mengen von Mikroplastik in die Umwelt gelangen. Drei Jahre lang hatten Forscherinnen und Forscher untersucht, woher der Mikroplastik stammt, der weltweit die Meere, die Seen, Bäche und Flüsse verschmutzt. Die Forscher des Fraunhofer Institutes hatten herausgefunden, dass Kunstrasenplätze bereits die fünftschlimmste Quelle von Mikroplastikemissionen darstellen.

Unverfüllte und verfüllte Kunstrasen

Als sogenannt «verfüllte» Rasen werden Kunstrasenplätze bezeichnet, die ein Gummigranulat benötigen, welches eine stützende Funktion aufweist. Zwischen die künstlichen Halme wird hier jeweils eine Art Einstreu, das sogenannte Infill, eingefügt. Die «unverfüllten» Rasen haben keine Füllung. Um dies zu kompensieren, stehen bei ihnen die Plastikhalme dichter beeinander als bei den verfüllten Rasen.

Eine Belastung für Böden, Wasser und Luft

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigt auf Anfrage, dass durch Benutzung, Abrieb und Verwitterung Mikroplastikteile von Kunstrasenplätzen in die Umwelt gelangen können. Auch wenn noch ein grosser Forschungsbedarf bestehe, so sei es doch unbestritten, dass durch die entsprechenden Mikroplastikemissionen eine Umweltbelastung von Böden, Wasser und Luft entstehe.

Heute sei das Vorhandensein von Makroplastik und seinen als Mikroplastik bezeichneten Abbauprodukten in der Umwelt ein viel beachtetes Thema, sagt Roland Krummenacher, Leiter des Amtes für Umwelt des Kantons Zug. Mikroplastik komme durch Verfrachtung mittlerweile an Orten vor, wo zuvor überhaupt kein Makroplastik jemals vorhanden war.

Ebenso sei bekannt, dass Mikroplastik in die Nahrungskette gelangt und dort von Organismus zu Organismus weitergegeben werde: «Neben den Themen Klimawandel, Feinstaub, Plastikmüll und Pflanzenschutzmittel gehört die Umweltbelastung mit Mikroplastik zu den aktuellen umweltpolitischen Themen.»

Meistens würde ein Winternaturrasen genügen

«Die Emissionen von Kunstrasenplätzen sind extrem und höchst besorgniserregend», sagt Eric Hardman. Er war bis 2015 Gesamtverantwortlicher aller staatlichen Sportanlagen in Basel und arbeitet heute als Geschäftsführer der Novoter, welche auf die Erstellung von Naturrasenplätzen spezialisiert ist. Der Ausstoss an Mikroplastik, der auf Kunstrasenplätze zurückzuführen ist, betrage rund 10 Prozent des Gesamtverkehrs, erklärt Hardman. Dieser Anteil sei extrem hoch. Allein wegen Kunstrasenplätzen gelange über eine Million Kilogramm nicht abbaubarer Kunststoff in die Umwelt. Dabei gäbe es Alternativen.

«In den meisten Fällen sind Kunstrasenfelder in der Schweiz aus ökologischer und ökonomischer Sicht ein kompletter Unsinn.»

Eric Hardman, Geschäftsführer Novoter

Aber die Kunstrasenindustrie arbeite halt mit Hochglanzprospekten und habe versierte Verkäufer, welche ihren Kunden jeweils das Blaue vom Himmel erzählen würden. «In den meisten Fällen sind Kunstrasenfelder in der Schweiz aus ökologischer und ökonomischer Sicht ein kompletter Unsinn.»

Für Hardman ist klar: In der Schweiz würde an sehr vielen Orten die Einrichtung eines Winternaturrasens völlig genügen. Ein gut unterhaltener Naturrasen benötige beispielsweise auch keine Pestizide. Die Wartung dieser Anlagen sei keine Hexerei und absolut machbar. In Bezug auf die unverfüllten Rasenfelder sagt Hardman: «Die Emissionen sind bei einem unverfüllten Kunstrasensystem sicher um einiges geringer. Der Abrieb der Kunstrasenhalme aber bleibt. Und dieser geht in die Umgebung respektive in die Umwelt.»

Keine Zahlen beim Luzerner UWE

Bei der Prüfung von Kunstrasenplätzen orientiere man sich in Bezug auf den Umwelt- und Gewässerschutz an den Empfehlungen des Bundesamtes für Sport, erklärt Werner Güggel, Abteilungsleiter beim Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern (Uwe).

Über die Anzahl Kunstrasenplätze im Kanton Luzern führe man keine Statistik.

Zu erwähnen sei auch, dass ein solcher Kunstrasenplatz bei der Produktion und der Entsorgung (Verbrennung) sehr hohe CO2-Werte auslöse. Ein Naturrasen hingegen entziehe der Umwelt grundsätzlich schädliches CO2.

Tage der verfüllten Anlagen gezählt

Die Tage der verfüllten Anlagen sind voraussichtlich so oder so gezählt. Niklaus Schwarz vom BASPO weist darauf hin, dass in der EU Bestrebungen im Gange sind, die Verfüllung der Plätze mit Kunststoffgranulat zu verbieten: «Gemäss der in Deutschland vorherrschenden Meinung ist die Frage nicht, ob das Granulat verboten wird, sondern nur, bis wann das Verbot in Kraft gesetzt sein wird.» Laut Schwarz wären unverfüllte und mit organischem Material wie Kork verfüllte Kunststoffrasen vom Verbot nicht betroffen. Derzeit läuft in der EU dazu eine entsprechende Vernehmlassung.

«Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass Mikroplastik in 10 bis 20 Jahren ein globales ‹Asbestproblem› darstellen wird.»

Martin Zabe-Kühn, Biologe

Es sei klar so, dass das Verbot zuerst die verfüllten Kunstrasenplätze treffen werde, meint der Naturrasenpromotor Eric Hardman dazu. «Ich denke aber, dass in fünf bis zehn Jahren auch die unverfüllten Kunstrasensysteme angezählt sein werden und eine hohe CO2-Steuer abbekommen werden.»

Grundsätzlich wird der Berner Biologe Martin Zabe-Kühn: «Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass Mikroplastik in 10 bis 20 Jahren ein globales ‹Asbestproblem› darstellen wird. Wir müssen das ja nicht sehenden Auges zulassen und die Lösung unseren Nachfahren aufbürden.»

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6 Kommentare
  1. Martin Strupler, 12.09.2019, 11:39 Uhr

    Es ist nicht so, dass kritische Stimmen zu Kunstrasen in der Innerschweiz bisher fehlten! Wir haben 2010 bereits für die Gemeinden Baar und Zug je ein Gemeindesportanlagenkonzept (GESAK) erstellt und darauf hingewiesen, dass keine zusätzlichen Kunstrasen notwendig seien – und Alternativen vorgeschlagen. Sehr detailliert wurde die Problematik im GESAK Schwyz anfangs dieses Jahres dargestellt.
    Nur wollte das bisher vielerorts niemand hören, weil der Kunstrasen für die Klubs “bequem” ist.
    Das ändert sich jetzt. Nur zu hoffen, dass das Pendel jetzt nicht zu sehr in die Gegenrichtung ausschlägt, denn in gewissen Situationen (vor allem in dicht besiedelten Städten) und bei fehlenden Alternativen – mobile Kunstrasen, Winter-Spielfeld, Intensivierung des Naturrasen-Unterhalts – macht unverfüllter Kunstrasen gelegentlich wirklich Sinn.

  2. Ch. Reuteler, 19.08.2019, 17:30 Uhr

    Habe heute bei unserer Gemeinde nachgefragt wieso wir einen Kunstrasen gebaut haben und keinen Winterrasen. Die Gemeinde liegt im Baselbiet. Die Gemeinde verwies auf den Rat eines Experten mit diesem Zitat: “Der Kunstrasen ist bei jedem Wetter bespielbar, vorallem im Winter”.
    Das war übrigens der gleiche Experte Hardmann wie im Bericht.
    Genau mein Humor:-)

  3. Thomas Marti, 19.08.2019, 11:48 Uhr

    Der sogenannte Experte Eric Hardmann verkauft gemäss seiner Homepage Rasenheizungen für Naturrasen. Was ein Co2 Debakel ist, Rasen im Freien zu heizen. Somit ist seine Meinung ja nicht abhängig und neutral. Leider verschmischt der Autor viele Zahlen und Fakten. So hat laut dem Fraunhofer Institut der Schuhabrieb auf unseren Sohlen den höheren Eintrag an Mikroplastik in die Umwelt. Apropo Naturrasen auf diesem Niveau: Könnt ihr belegen das er eine bessere Oekobilanz hat? (Stichort 1500 to Rasenerde aus Deutschland, Dünger, 45x mähen, Sanden, aerifizieren, Planzenschutz,etc).

    1. Carlo Schuler, 19.08.2019, 13:53 Uhr

      1) Herr Hardman ist Auskunftsperson. Sein beruflicher Hintergrund wird im Text klar deklariert.
      (2) Im Text werden keine Zahlen und Fakten “vermischt”.
      So rangiert – anders als von Herrn Marti behauptet – der Schuhabrieb in der Fraunhofer-Studie an 7. Stelle [109 g/(cap a)], der Abrieb von Kunstrasenplätzen aber bereits an 5. Stelle [131.8 /(cap a)] (Fraunhofer Studie, Bartling et al., Kunststoffe in der Umwelt (..), Oberhausen, Juni 2018). Das ist – vor dem Hintergrund der Frage der jeweiligen “Notwendigkeit”, der möglichen Alternativen und der Verbreitung – bemerkenswert.
      Carlo Schuler

    2. Eric Hardman, 19.08.2019, 15:10 Uhr

      Sehr geehrter Herr Marti

      1) Bitte lesen sie zuerst unserer Homepage richtig. Dann würden Sie feststellen, dass wir weltweit die erste energiesparende Rasenheizung entwickelt haben, welche über 80% Energie einspart! Übrigens Rasenheizungen sind in der obersten Liga Pflicht und kein Wunsch. Wussten Sie übrigens, dass es heute möglich ist, nur mit Grundwasser eine Rasenheizung zu betreiben! Absolut Co2 frei und nur mit der Wärme aus dem natürlichen Boden! Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gerne einmal erklären wie das funktioniert!
      2) Ja ich kann Belegen, dass der Naturrasen eine viel bessere Ökobilanz aufweist, als der Kunstrasen. Vor elf Jahren haben Experten (unter anderem auch ich) aus beiden Lagern die “Ökobilanz für den Vergleich der Umweltauswirkungen von Natur und Kunstrasenspielfeldern” verfasst. Dort ist wissenschaftlich nachgewiesen worden, dass der Kunstrasen gegenüber dem Naturrasen hinsichtlich der Ökobilanz massiv viel schlechter abschneidet! Sorry, aber das sind “Fakten” Hier für Sie zum Herunterladen : https://we.tl/t-J9BZ0EQbKg

  4. Beat Fähndrich, 19.08.2019, 11:24 Uhr

    Schon wieder eine Einengung unseres Aktionsradius’. Aber Dank für die Wissensvermittlung.