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Ex-Kommunikationschefin von Robert Küng gibt fragwürdige Tipps
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Die Meinungs- und Pressefreiheit: In Luzern selbstverständlich, in Eritrea inexistent. (Symbolbild: Fotolia)

Expertin spricht von «Tabu» und «No-Go» Ex-Kommunikationschefin von Robert Küng gibt fragwürdige Tipps

6 min Lesezeit 1 Kommentar 19.03.2019, 10:01 Uhr

Die ehemalige Kommunikationschefin von Regierungsrat Robert Küng hat in ihrem privaten Blog eine Checkliste für die Medienarbeit publiziert. Diese enthält Ratschläge, die keineswegs dem Standard der Branche entsprechen. Entspricht diese Arbeitsweise dem beim Kanton Luzern üblichen Verständnis von Medienarbeit?

Wie geht eigentlich Medienarbeit? Unter diesem Titel gibt die ehemalige Kommunikationsverantwortliche des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements des Kantons Luzern Tipps im Umgang mit Journalisten. «Ruhig Blut. Meine Checkliste zeigt Ihnen, wie Sie Interviews vorbereiten, durchführen und nachbereiten», schreibt Mirija Weber, die von April 2016 bis im letzten Herbst beim Kanton tätig war, in ihrem Blog.

Was dabei auffällt: Die Ratschläge vermitteln teilweise ein Bild der Medienarbeit, das von einem ziemlichen Misstrauen geprägt scheint. So rät Mirija Weber zum Beispiel, Print-Anfragen schriftlich zu beantworten, «auch wenn der Journalist nicht erfreut sein wird». Oder sie empfiehlt, alle Zitate – samt Kontext sowie im Idealfall inklusive Titel und Zwischentiteln – zum Gegenlesen zu verlangen, selbst wenn man ohnehin schriftlich geantwortet hat. Ebenso zeigt sie auf, wo man Beschwerde einlegen kann, wenn man falsch dargestellt wird.

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Entspricht das dem Verständnis von Kommunikation, das man beim Kanton Luzern praktiziert? Diese Frage stellt sich insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass die Informationspolitik der Luzerner Verwaltung und Regierung immer wieder in der Kritik steht, etwa im Zusammenhang mit der Finanzpolitik («Strategie des Schweigens»), nach der Abstimmung zur Steuererhöhung im Mai 2017 oder aktuell wegen der Spange Nord (zentralplus berichtete).

Laut Expertin ein No-Go

Klar ist: Dem Standard in der Branche entsprechen Webers Grundsätze nicht. «Diese Ratschläge offenbaren ein ganz anderes Verständnis von Medienarbeit, als wir es vertreten», sagt Beatrice Brenner, Leiterin der Abteilung Kommunikation am Medienausbildungszentrum Luzern (MAZ). «Wir verstehen die Funktion des Mediensprechers so, dass es die Aufgabe ist, den Journalisten als Kunden so gut wie möglich zu bedienen.» Wenn die Verwaltung ihre Kommunikation nach den Grundsätzen im Blog von Weber gestalten würde, «wäre das sicher nicht ideal», so Brenner.

Tipps zur Vorbereitung (Screenshot):

Sie ist in diversen Punkten nicht einverstanden mit Mirija Weber. «Konkrete Fragen zum Vornherein schriftlich zu verlangen, ist zum Beispiel ein Tabu», sagt Brenner. Als Kommunikationsfachperson müsse man kompetent genug sein, um Fragen beantworten zu können, ohne den genauen Wortlaut im Vorfeld zu kennen. «Wenn man sattelfest ist, kann man auch seine Kernbotschaft glaubwürdig platzieren», sagt Brenner. «Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn ein Mediensprecher einfach seine Botschaften runterleiert und die Fragen gar nicht beantwortet.»

«Titel und Zwischentitel kontrollieren zu wollen, ist ein No-Go.»

Beatrice Brenner, Vize-Direktorin MAZ

Auch was Gegenlesen betrifft, vertritt das MAZ eine andere Linie als Mirija Weber. «Titel und Zwischentitel kontrollieren zu wollen, ist ein No-Go», sagt die stellvertretende Direktorin. Man habe das Recht auf das eigene Wort, was bedeutet, dass man die Richtigkeit der eigenen Aussagen prüfen könne. «Dabei darf man aber nicht inhaltlich in den Text eingreifen oder nachträglich noch die Kernbotschaft reinflicken», sagt Beatrice Brenner.

In anderen Punkten geht die Expertin mit der ehemaligen Mediensprecherin des Kantons Luzern einig. So etwa, dass im Vorfeld der Kontext abgesteckt werden sollte. Zudem hält Brenner fest, dass Unternehmen und Behörden naturgemäss das Interesse hätten, sich gut zu positionieren. Es gebe aber auch Situationen, in denen Betroffene zu einem Sachverhalt nichts sagen können. «Dann muss man das aber jeweils begründen und transparent machen.»

Weber kontert Kritik

«Die Fragen schriftlich zu verlangen, ist oftmals notwendig, um eine Anfrage koordinieren zu können – gerade in grösseren und multithematischen Organisationen», entgegnet die Autorin des Blogs, Mirija Weber. Sich aufgrund der zentralen Fragen auf ein Interview vorzubereiten, sei zudem legitim. «Und das Gegenlesen der Zitate und zitatumgebenden Elemente hilft beiden Seiten», findet sie. So könnten etwa unwillentlich verkürzte oder verzerrte Aussagen korrekt wiedergegeben werden – was auch im Interesse der Medien sein müsse.

«Eine Journalistin, ein Journalist kann und soll immer kritisch nachfragen.»

Mirija Weber, ehemalige Kommunikationsverantwortliche

Den Vorwurf, dass mit den schriftlichen Antworten einfach kritische Fragen umgangen werden sollen, lässt Weber nicht gelten. «Eine Journalistin, ein Journalist kann und soll immer kritisch nachfragen!» Das sei sowohl mündlich als auch schriftlich möglich. «Allerdings ist es nur fair, wenn die auskunftsgebende Person, gerade auf komplexe Fragen, reflektiert antworten kann.» Ihr sei jedoch bewusst, dass die Meinungen hierzu auseinandergingen.

In der Tat kritisieren Journalisten in der Schweiz immer wieder, dass kernige Äusserungen von Medienstellen nachträglich deutlich abgeschwächt werden und authentische Aussagen in bürokratischen Floskeln verwandel werden. Wie zentralplus aus eigener Erfahrung weiss, kommt das auch beim Kanton Luzern hin und wieder vor. Dass Regierungsräte und Verantwortliche der Verwaltung die Fragen zu einem Thema vorab schriftlich verlangen und ebenso antworten, ist zudem ebenfalls keine Seltenheit.

Mirija Weber war von Frühling 2016 bis Herbst 2018 verantwortlich für die Kommunikation des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements.

Mirija Weber war von Frühling 2016 bis Herbst 2018 verantwortlich für die Kommunikation des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements.

(Bild: ROB LEWIS PHOTOGRAPHY)

Mirija Weber hält indes fest, dass ihre Website ein persönliches Projekt sei und sie dort «aus persönlicher Warte und ohne jegliche Verbindung zu einer Organisation» über sprachliche, kommunikative und teils gesellschaftliche Themen schreibe. «Ausserdem liegt es mir fern, die Kommunikation des Kantons Luzern in den Medien zu beurteilen.»

Kanton Luzern will Blog nicht kommentieren

Mirija Webers Ratschläge für die Medienarbeit entsprechen im Grossen und Ganzen den Gepflogenheiten beim Kanton Luzern, heisst es dort auf Anfrage. Franco Mantovani von der Staatskanzlei hält fest, dass die Behördenkommunikation den Grundsätzen nach «aktiv, offen, kontinuierlich und sachlich» erfolge. Sie solle Transparenz schaffen, der Bevölkerung die Grundlagen für die politische Wissens- und Meinungsbildung liefern und das Vertrauen in die Behörden stärken.

«In Ausnahmefällen kann es aber Sinn machen, ganze Passagen gegenzulesen.»

Franco Mantovani, Staatskanzlei Luzern

Dass die Kommunikationsexperten beim Kanton Luzern hin und wieder auch schriftliche Aussagen oder ganze Textpassagen zum Gegenlesen einfordern, streitet er nicht ab. «Grundsätzlich halten wir uns an die Richtlinien des Presserates», sagt Mantovani. «In Ausnahmefällen kann es jedoch Sinn machen, ganze Passagen gegenzulesen, etwa für die Qualitätskontrolle bei komplexen Sachverhalten oder um zu prüfen, ob eine Aussage im richtigen Kontext verwendet wird.»

Je klarer eine Medienanfrage formuliert sei, desto präziser lasse sie sich beantworten, so Mantovani weiter. Deshalb werde teils auch um die schriftliche Einreichung von Fragen gebeten, gerade bei komplexen oder kontroversen Sachverhalten. Das dient seiner Meinung nach beiden Seiten: der Qualität der behördlichen Auskunft und der Qualität der Berichterstattung. Das Prozedere beim Gegenlesen sei indes immer auch Gegenstand der Verhandlungen zwischen dem betroffenen Journalisten und der Fachperson bei den Behörden.

Verschiebung zugunsten der Behörden

Entsprechend wichtig ist eine gute Beziehung, wie auch Mirija Weber in ihrem Blogeintrag betont. Beatrice Brenner vom MAZ sagt, dass die Unternehmenskommunikation in den letzten Jahren professioneller geworden sei. Gleichzeitig werden auf Seiten des Journalismus laufend Stellen abgebaut. «Da hat es eine Verschiebung gegeben, wobei insbesondere die Behörden im Vergleich zu früher in der Kommunikation besser ausgestattet sind.»

Auszug aus dem Blog zum Thema Autorisieren der Zitate (Screenshot):

Dass sich die Verwaltungen und Unternehmen deswegen häufiger hinter schriftlichen oder gar ausweichenden Antworten verstecken und weniger offen kommunizieren, würde Brenner aber nicht unterschreiben. Am MAZ werden sowohl Journalisten als auch Kommunikationsfachpersonen ausgebildet.

PS: Während Beatrice Brenner und Franco Mantovani telefonisch Auskunft gaben, hielt sich Mirija Weber – wenig überraschend – an ihre eigenen Vorgaben. Nachdem sie sich telefonisch über die Eckpunkte informierte, lieferte sie ihre Antworten schriftlich und wollte sie im Kontext des Artikels anschliessend noch gegenlesen.

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1 Kommentare
  1. Barbara Kopp Döös, 19.03.2019, 16:44 Uhr

    Es freut mich, dass der Kanton fähig Beamte wie Mirija Weber anstellt. Schade, arbeitet eine kompetente Person weniger beim Kanton. Was Mirija Weber empfiehlt, ist absolut normal. Ohne Grund wäre eine solche Empfehlung wohl nie geboren worden. Und dass der Auskunftgebende so verstanden werden will, wie er es andenkt, ist ja auch richtig und nötig. Wo haben da die Journalisten ein Problem? Sie können ja immer noch einen Kommentar dazu verfassen. Dabei ist dann auch ersichtlich, dass es sich um eine Meinung handelt.