EV Zug: Ist Justin Abdelkader das entscheidende Mosaiksteinchen?
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Will in den Playoffs Vollgas geben können: Justin Abdelkader. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Vor dem Spiel gegen Bern EV Zug: Ist Justin Abdelkader das entscheidende Mosaiksteinchen?

7 min Lesezeit 08.03.2021, 05:00 Uhr

Zum dritten Mal in dreizehn Tagen trifft der EVZ auf den SC Bern. Es ist schon fast eine kleine Playoff-Serie. Diese Begegnung könnte den Zugern in den Viertelfinals tatsächlich drohen. Einer will dann zu 100 Prozent bereit sein: Justin Abdelkader.

Die Ausgangslage scheint vermeintlich klar zu sein vor dem sechsten Duell der Saison zwischen dem EVZ und dem SC Bern. Während die Zuger vier der fünf bisherigen Begegnungen gewannen, die Tabelle souverän anführen und satte 56 Punkte mehr auf dem Konto haben, kämpfen die 11.-rangierten Hauptstädter noch um einen Playoff-Platz.

Doch die Berner zeigten zuletzt klare Aufwärtstendenzen, trotz der 4:1-Niederlage im letzten Meisterschaftsspiel in Lugano. Zuvor hatte der SCB drei Siege aneinandergereiht, inklusive des gewonnen Cupfinals in der Dernière gegen die ZSC Lions (5:2).

Trotz einer bisher eher verkorksten Saison hat das Team von Trainer Mario Kogler also bereits einen Titel in der Tasche. Vor allem aber haben sie spätestens mit diesem Cupsieg vom vorletzten Sonntag einmal mehr den Beweis erbracht: Wenn es hart auf hart kommt, wenn es um die Wurst geht, dann sind die Berner auf den Punkt bereit.

Mögliches Wiedersehen in den Playoffs

Deshalb ist eines klar: Sollten es die Berner in die Playoffs schaffen, wird mit ihnen zu rechnen sein. Denken wir nur an die Saison 2015/16, als Bern mit Ach und Krach die Playoffs schaffte – um dann vom achten Platz nach der Qualifikation aus den Meistertitel zu holen.

Der EVZ dürfte also gewarnt sein, denn zum Playoff-Duell mit dem SC Bern könnte es durchaus auch diese Saison kommen. Die Erinnerungen an die jüngsten Playoff-Serien sind – aus Zentralschweizer Sicht – schmerzhafte: Final-Niederlagen 2017 und 2019.

«Schnäppchenpreis» könnte sich auszahlen

Um in der entscheidenden Phase der Meisterschaftsphase Teams wie dem SC Bern das Wasser reichen zu können, braucht es nicht nur viel Talent, sondern eben auch eine gewisse «Wasserverdrängung». Diesbezüglich könnte sich die Verpflichtung des erfahrenen NHL-Stürmers Justin Abdelkader zum «Schnäppchenpreis» noch als äusserst cleverer Schachzug von EVZ-Sportchef Reto Kläy erweisen (zentralplus berichtete).

Mit Abdelkader hat der EVZ wieder einen solchen Spieler mit sogenannter Wasserverdrängung in seinen Reihen. Der Amerikaner ist einer, der den Gegenspielern unter die Haut gehen kann.

Das war im letzten Heimspiel gegen Ambri wunderbar zu beobachten, als er den Ex-Zuger Tobias Fohrler aus der Fassung brachte oder als er Ambris Topscorer Dominic Zwerger permanent physisch und verbal bearbeitete.

Der Mann fürs Grobe

Abdelkader – mit der Erfahrung aus 803 NHL-Spielen – besticht nicht in erster Linie mit seinen Skorerwerten. Beim EVZ sammelte der Stürmer bisher in 3 Spielen zwei Assistpunkte. Seine Stärken liegen woanders: «Justin ist ein grosser, starker Spieler», weiss EVZ-Headcoach Dan Tangnes. «Vor allem aber bringt er eine gewaltige Persönlichkeit und eine beeindruckende Präsenz ins Team.»

«Er liebt es, die harte Arbeit zu verrichten, die dreckigen kleinen Dinge zu tun, quasi die ‹Drecksarbeit› zu verrichten.»

EVZ-Headcoach Dan Tangnes über Justin Abdelkader

Der 187 cm grosse und 97 kg schwere Amerikaner ist ein «Mann fürs Grobe», der dorthin geht, wo es weh tut. Er steht konsequent in den Slot vor dem gegnerischen Torhüter und ist dort fast nicht mehr wegzukriegen. Auf diese Weise war er auch an drei von fünf Toren gegen Ambri beteiligt.

«Er liebt es, die harte Arbeit zu verrichten, die dreckigen kleinen Dinge zu tun, quasi die ‹Drecksarbeit› zu verrichten», führt Tanges weiter aus, «und das macht ihm auch noch Spass!»

Über ein Jahr ohne Ernstkampf

Natürlich ist Abdelkader noch nicht auf seinem vollen Leistungsniveau. «Er braucht noch Spielpraxis, um sich vollständig zu integrieren und um auf sein Leistungsniveau zu kommen», erklärt der norwegische Coach, und «Wir dürfen nicht vergessen, dass er über ein Jahr keinen Ernstkampf mehr hatte.»

Seitdem die Detroit Red Wings im Oktober letzten Jahres den noch bis 2023 gültigen Millionenvertrag ausbezahlt hatten, war Justin Abdelkader ohne Ernstkampf und auf Klubsuche. «Die letzten paar Jahre waren hart in Detroit», erklärt Abdelkader, «Wenn du mehrheitlich verlierst, hält sich der Spass am Hockey irgendwann in rauen Grenzen.»

«Nach so langer Zeit bin ich richtig hungrig darauf, endlich wieder auf dem Eis zu sein und positive Emotionen zu erleben.»

Justin Abdelkader

Der Amerikaner aus Muskegon im Bundesstaat Michigan hat sich aber schon gut eingelebt in Zug. «Ich fühle mich je länger, je besser», sagt Abdelkader. «Nach so langer Zeit bin ich richtig hungrig darauf, endlich wieder auf dem Eis zu sein und positive Emotionen zu erleben.»

Von 2007 bis 2020 stürmte Justin Abdelkader für die Franchise aus seinem Bundesstaat Michigan, bestritt insgesamt 803 Spiele für die Detroit Red Wings (112 Tore, 153 Assists, 265 Punkte), mit denen er in seiner ersten Saison 2007/08 den Stanley-Cup-Gewinn feiern durfte. Es war der elfte Stanley-Cup-Sieg dieser traditionsreichen Organisation, die zu den «Original Six» gehört, den sechs Gründungsteams, welche die NHL erfanden und die Liga von 1942/43 bis zur Expansion 1967 ausmachten.

Grosse Geschichte bei den Detroit Red Wings

Bei den Red Wings durfte der 34-Jährige neben Clublegenden und NHL-Grössen spielen wie dem Torhüter Dominik Hasek, den Verteidigern Chris Chelios und Nicklas Lidström sowie den Stürmern Kris Draper, Pavel Datsyuk oder Henrik Zetterberg, der den Zugern aus der Saison 2012/13 noch in bester Erinnerung ist, als neben Damien Brunner, ebenfalls eine ehemaliger Linienpartner Abdelkaders, und Josh Holden in der Zentralschweiz für Begeisterung sorgten.

«Ich habe lange genug auf eine neue Chance in Nordamerika gewartet.»

Justin Abdelkader

Bei dieser Palmarès drängt sich die Frage geradezu auf: Wie gross kann die Herausforderung sein, von der grossen nordamerikanischen Hockeybühne in die kleine Schweiz zu wechseln? Davon will der sehr geerdet wirkende Routinier nichts wissen. «Ich habe lange genug auf eine neue Chance in Nordamerika gewartet», erklärt Abdelkader. Ausserdem hat er sich ausgiebig über seinen aktuellen Arbeitgeber informiert: «Der EVZ ist eine grossartige Organisation, mit einer tollen Philosophie und einmaligen Möglichkeiten und Strukturen, wie dem OYM.»

Nicht zuletzt aber kennt er zahlreiche Spieler, die in die Schweiz wechselten und zum Teil heute noch hier spielen. Wie zum Beispiel Brenden Perlini, der in seiner letzten Saison bei den Red Wings noch sein Linienpartner war und mit dem er sich am Dienstag gegen Ambri duellierte. «Brendan Perlini ist ein unglaublich talentierter Spieler, der viele Skills, Tempo und Zug aufs Tor mitbringt», lobt Abdelkader, «Er kommt in Ambri je länger, je besser in Fahrt, das freut mich für ihn.»

Die guten Referenzen von Henrik Zetterberg und Damien Brunner

Ganz besonders interessierten ihn natürlich die Meinungen seiner zwei ehemaligen Teamkollegen, die zudem auch eine Zuger Vergangenheit haben: die zuvor erwähnten Henrik Zetterberg und Damien Brunner, den sie in der NHL «The Blade Brunner» nannten, in Anlehnung an Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker von 1982 «Blade Runner».

Beide wussten ihm nur Gutes zu berichten von Zug und machten ihm einen Wechsel schmackhaft. «Ja, ich war in Kontakt mit Damien. Er liebte es hier, hatte eine sehr gute Zeit in Zug und meinte, das würde perfekt passen, wenn ich hierhin wechsle.»

Seine neuen Linienpartner beim EVZ heissen jetzt Nick Shore und Lino Martschini, mit denen das Zusammenspiel von Partie zu Partie besser läuft. «Ich denke, ich ergänze die Linie ganz gut», meint Justin Abdelkader und schwärmt: «Es macht Spass, mit den beiden zu spielen.»

Längerfristiges Engagement nicht ausgeschlossen

Der US-Amerikaner, der sein Heimatland an zwei Weltmeisterschaften vertreten durfte (2011/12 und 2013/14) – beim zweiten Mal sogar mit dem «C» auf der Brust – ist top motiviert, seine Fähigkeiten und seinen breiten Erfahrungsschatz beim EVZ voll einzubringen. «Ich bin hier, um zu helfen, will die Mannschaft unterstützen und mit gutem Beispiel vorangehen.»

Abdelkader kann sich sogar vorstellen, längerfristig in Zug zu bleiben, denn: «Wir haben eine tolle Truppe hier, es macht einfach wirklich Freude, mit diesem Team hier zu arbeiten.»

«Die Playoffs sind meine Art des Spiels!»

Justin Abdelkader

Vorerst aber gilt es für den 34-Jährigen, Schritt für Schritt zu gehen und rechtzeitig topfit zu werden. «Warten wir, wie es weitergeht» bleibt Abdelkader vorsichtig zurückhaltend: «Ich nehme es Spiel für Spiel.» Noch bleiben immerhin elf Spiele für den EVZ bis zum Ende der Qualifikation und dem Beginn der Playoffs, sofern sie denn stattfinden können.

Bis dahin soll der NHL-Veteran zu 100 Prozent bereit sein. «Wir brauchen Justin in Form für die Playoffs» betont der Coach Dan Tangnes. Und Justin Abdelkader brennt darauf, denn: «Die Playoffs sind meine Art des Spiels!»

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