Krux mit den Namen der Produkte

Warum du in Luzern keine «vegane Cervelat» findest

Sally Künzler ist Sprachwissenschaftlerin und vegane Gastronomin. Mit kreativen Eigennamen für vegane Produkte ist sie bestens vertraut. (Bild: cbu / Adobe Stock)

Eine vegane Wurst, fleischloses Schnitzel und Chicken Nuggets ohne Chicken. Vegane Produkte sind zunehmend beliebt, nur die Namen sind ein Problem. Auch in Luzern.

Noch vor wenigen Jahren fristeten sie ein Nischendasein, heute sind sie selbst in Grossverteilern wie Coop oder Migros prominent in den Regalen platziert: vegane Produkte.

Seien es die Coop-Eigenmarken «Yolo» und «Karma», die Migros-Linie «V-Love» oder Produzenten wie das Zürcher Unternehmen «Planted Foods» mit Sitz in Kempthal – sie alle finden zunehmend mehr Abnehmer. Auch in Luzern wird die vegane Küche immer beliebter, wie zentralplus im Gespräch mit veganen Gastronominnen in Erfahrung brachte (zentralplus berichtete).

Bund gibt Richtlinien vor

Alles also im – man entschuldige den Kalauer – grünen Bereich? Mitnichten. Denn immer wieder gibt es Scherereien wegen der korrekten Beschriftung von veganen Produkten. Denn die Frage, was erlaubt ist, ist ein definitionstechnisches Minenfeld.

Im September 2021 hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ein Informationsschreiben verfasst, in dem Richtlinien und Kriterien aufgeführt sind. An diese haben sich Produzenten und Verkäufer bei der Benennung und Beschriftung ihrer Fleischalternativen zu halten. Daran orientieren sich auch die kantonalen Vollzugsbehörden. Denn für die definitive Durchsetzung dieser Regeln bei Restaurants und Produzenten vor Ort sind sie zuständig. Und die Luzerner Vollzugsbehörde musste im vergangenen Jahr gleich mehrere Verkäufer rügen.

Kanton Luzern musste Produkte rügen

«Im Rahmen unserer Kontrollen wurden neun vegane oder vegetarische Lebensmittel auf ihre Produktbezeichnung hin überprüft. Bei drei Kontrollen wurden Mängel festgestellt, welche beanstandet werden mussten», schreibt die Dienststelle in ihrem Jahresbericht 2021. Gerügt wurden Produkte, die im Detailhandel als «fleischlose Chicken Nuggets» oder «vegetarische Cervelat» verkauft wurden, wie der Luzerner Kantonschemiker Silvio Arpagaus auf Anfrage schreibt.

Warum sind solche Bezeichnungen problematisch? Werfen wir einen Blick in das Schreiben des BLV. Im Wesentlichen geht es um Täuschung oder Irreführung der Kundschaft.

«Täuschend sind namentlich Aufmachungen, Kennzeichnungen, Verpackungen und Werbungen, die geeignet sind, bei den Konsumentinnen und Konsumenten falsche Vorstellungen über Herstellung, Zusammensetzung, Beschaffenheit, Produktionsart, Haltbarkeit, Produktionsland, Herkunft der Rohstoffe oder Bestandteile, besondere Wirkungen oder besonderen Wert des Produkts zu wecken.»

Kurz gesagt: Eine potenzielle Kundin muss eindeutig erkennen, dass sie ein veganes Produkt kauft. Nun einfach bei jedem Produkt ein «veganes XY» auf die Verpackung zu hauen, reicht aber noch nicht. Denn nicht nur der Name, sondern auch die Aufmachung der Verpackung, Bildgestaltung und die Werbung des Produkts spielen eine entscheidende Rolle.

Faktor Nummer 1: Verpackung

Die Coop-Marke «Yolo» beispielsweise verwendet einen speziellen Trick. Sie nimmt den untersagten Begriff – also das Wort Fleisch – auf die Packung, streicht ihn jedoch durch und ergänzt ihn mit einem «unverfänglichen» Pendant. Aus dem Chicken-Burger wird so der Crispy Burger und aus dem Tomaten-Mozzarella-Sandwich das Sandwich Caprese. Klingt massiv besser als die offizielle Produktbeschreibung, die auf der Coop-Website steht: «Sandwich mit Tomate und veganer Alternative zu Frischkäse».

Produkte der Coop-Eigenmarke «Yolo» streichen das «Fleischwort» durch.
Produkte der Coop-Eigenmarke «Yolo» streichen das «Fleischwort» durch. (Bild: Leserreporter)

Wie steht’s um eine «Kalbswurst auf Sojabasis»? No-Go. «Vegane Fischstäbchen»? Nope, auch verboten. «Veganes Rindsvoressen?» Zonk. Sobald das Tier genannt wird, hat auch Tier im Produkt zu sein.

Aber Moment, was ist denn mit «planted chicken», einem der Bestseller des boomenden Zürcher Unternehmens «Planted Foods», das auch in Luzern verkauft wird? «Wir unterstehen der Schweigepflicht und können uns zu konkreten Produkten nicht äussern», heisst es seitens des Kantonschemikers.

Firmen-Mitgründer Christoph Jenny äusserte sich diesbezüglich im vergangenen August gegenüber SRF: «Bei der Namensgebung ging es uns darum, dem Konsumenten möglichst klar zu zeigen, was für ein Produkt er vor sich hat.» Eine Täuschung liege nicht vor, da klar ersichtlich sei, dass es sich um ein zu 100 Prozent veganes Produkt handle. Wir werfen einen Blick auf die Frontseite der Verpackung und sehen mehrere Hinweise, dass es sich um ein pflanzliches Produkt handelt. Müsste also selbst dem eiligsten Einkäufer auffallen.

Steht zwar «Chicken» drauf, ist aber nicht drin. Ein Produkt des Zürcher Unternehmens «Planted Foods AG».
«Chicken» steht zwar drauf, ist aber nicht drin. Ein Produkt des Zürcher Unternehmens «Planted Foods AG». (Bild: cbu)

Faktoren 2: Namensrechte

Dann gibt es noch die Sache mit den Namensrechten. Die Käsesorten «Sbrinz» oder «Gruyère» beispielsweise sind geschützte Namen, weil sie auf eine spezifische Region oder Herstellungsart hinweisen.

Findige Namenskreationisten könnten jetzt auf die Idee kommen, einen phonetisch ähnlichen Namen zu verwenden und ihren veganen Käse beispielsweise unter dem Namen «Vruyère» in die Regale zu stellen. Ist aber auch verboten, da eine Verwechslung oder ein Tippfehler vorliegen könnte.

Und der Begriff «Käse» hat bei veganen Alternativen gemäss Bund grundsätzlich nichts verloren, denn dieser ist als Produkt aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch definiert.

Restaurants werden kreativ – im Rahmen der Möglichkeiten

Ein ziemliches Geraffel also. Wie gehen vegane Restaurants damit um? Im veganen Restaurant «Mairübe» am Bundesplatz in der Stadt Luzern kocht man zwar – abgesehen von ihrem «Hot Dawg» – nicht mit gekauften Fleischersatzprodukten, wie uns Mitinhaberin Sally Künzler auf Anfrage erklärt. Gerügt wurde die «Mairübe» vom Kanton im Jahresbericht nicht, dennoch muss sich das Lokal mit der Thematik auseinandersetzen, damit das auch so bleibt.

Dabei macht die «Mairübe» auf allen Kanälen klar, was hier gekocht wird. «Es ist auf unserer Website, auf der Speisekarte, in unserem Logo, auf den sozialen Medien und mit der riesigen Beschriftung am Schaufenster überall klar ersichtlich, dass wir 100 Prozent vegan kochen», so Künzler, die mit ihrem Mann Phil seit Sommer 2021 im «Meyer Kulturbeiz» die «Mairübe» betreibt (zentralplus berichtete).

Phil und Sally Künzler bieten am Bundesplatz einen veganen Mittagstisch an. (Bild: cbu)

Bekannte Namen helfen bei der Auswahl

Bei rechtlich geschützten Begriffen gebe es nichts zu rütteln, findet die studierte Sprachwissenschaftlerin Künzler. Und für Neubenennungen habe sie Verständnis, «wenn nicht auch kreative Varianten wie Vayo statt Mayo, oder Creme fresh statt Crème fraîche ein Problem wären.»

«Als Restaurant ist man darauf angewiesen, dass die Speisekarte Gäste zum Vorbeikommen animiert.»

Sally Künzler, vegane Gastronomin und Sprachwissenschaftlerin

Sally Künzler weiter: «Gerade für neue Konzepte und Sachen braucht es ja auch immer neue Begriffe. Dass wir also auf Bekanntes zurückgreifen, um Neues zu benennen, ist normal.» Oft gehe es auch nicht darum, etwas nachzutäuschen, sondern den Gästen einen Eindruck zu vermitteln, was sie bei dem Produkt erwartet. Und seien wir ehrlich, unter «Creme Fresh» kann man sich eher etwas vorstellen als unter «weisser Dip mit Kräutern».

Letzteres steht auch sinnbildlich für ein anderes Problem: Appetitanregend liest sich sowas nicht. «Als Restaurant ist man darauf angewiesen, dass die Speisekarte Gäste zum Vorbeikommen animiert.» Und es sei wichtig, dass sich die Gäste beim Lesen auch etwas unter dem Gericht vorstellen können. Gerade wenn man kreativ koche, wie das in der «Mairübe» der Fall ist.

Der «Etikettenschwindel» ist allgegenwärtig

«Es scheint vor allem um verarbeitete Ersatzprodukte zu gehen, bei denen schnell von Irreführung die Rede ist», sagt Künzler. Allerdings haben auch zahlreiche «herkömmliche» Produkte durchaus irreführende Bezeichnungen: Im Hot Dog gibt es kein Hundefleisch, im Fleischkäse keinen Käse und Meeresfrüchte sind keine Früchte.

Und von der Pflanzenwelt wollen wir gar nicht erst reden, denn da gibt es mit Fleischtomaten, Ochsenherztomaten und Löwenzahn genügend Beispiele von «Etikettenschwindel».

Augen auf bei der Essenswahl

Letztlich, so findet Künzler, ist alles eine Frage der Transparenz zum Schutz der Konsumentinnen. «Und die Transparenz kann unserer Meinung nach mit qualifizierten Zusätze wie ‹Soja› oder ‹vegan› erreicht werden.» Und der bereits erwähnten eindeutigen Deklaration und Bewerbung des Lokals selbst.

Umständliche Namensschöpfungen wie das «Sandwich mit Tomate und veganer Alternative zu Frischkäse» machen die Sache zwar rechtlich hieb- und stichfest, schiessen womöglich aber übers Ziel hinaus.

Und selbst wenn mal aus Versehen ein veganes Produkt auf dem Teller landet, lohnt sich eine Kostprobe. Viele vegane Produkte sind absolut einen Versuch wert. Und das sagt einer, der hin und wieder eine Wurst auf den Grill haut. Eine mit Fleisch.

Verwendete Quellen
  • Informationsschreiben 2020/3.1 des BLV
  • Schriftlicher Kontakt zu Sally Künzler, Sprachwissenschaftlerin und vegane Gastronomin
  • Jahresbericht 2021 der Dienststelle Lebensmittelkontrolle
  • Schriftlicher Austausch mit Dr. Silvio Arpagaus, Kantonschemiker
  • Website des Verbands Swissveg.ch
  • Bericht des SRF
  • Produkt-Website Coop
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