Nur wenige Bauern verkaufen am Landsgemeindeplatz

Der Zuger Chriesimärt steckt in der Krise

Nicht alle wollen die runden, feissen Chriesi. Richtige Liebhaber wählen auch alte Sorten am Chriesimärt in Zug. (Bild: IG Zuger Chriesi)

Chriesi und Zug gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Dennoch hat es der jährliche Chriesimärt schwer, den es seit über 100 Jahren gibt. So schwer, dass ein Chriesibauer gar fürchtete, dass es mit dem Markt zu Ende gehe.

Die Zuger Tradition habe keinen Stellenwert mehr, befürchtet Daniel Rüttimann. Der Landwirt führt den Enikerhof in Cham. Unter anderem baut er dort rund 60 Kirschensorten an. Seit über 30 Jahren verkauft Rüttimann diese jährlich am Chriesimärt in Zug.

«Vor einem Jahr durften wir unsere Kirschen zwar nicht beim Landsgemeindeplatz, dafür bei der Metalli verkaufen.» Beklagen will sich Rüttimann darüber nicht, denn die Kunden kamen. «Doch stellten wir fest, dass das Klientel bei der Metalli ein ganz anderes war als das übliche beim Landsgemeindeplatz.» Will heissen: Knackige, grosse Kirschen waren gefragt. Die alten Sorten hingegen, etwa Sauerkirschen, liefen deutlich weniger gut.

Niemand übernahm den Lead beim Chriesimärt

Aktuell ist die Pandemie nur noch ein leises Surren in unseren Hinterköpfen. Man könnte daher meinen, dass der Chriesimärt am Landsgemeindeplatz also dieses Jahr wieder an Fahrt aufnehmen wird. Rüttimann sagt dazu: «Niemand wollte heuer die Verantwortung für den Markt übernehmen. Dieser wurde entsprechend blockiert.» Für Rüttimann, der seine Früchte jährlich während rund 3 Wochen in Zug auf dem Markt verkauft, ein herber Schlag.

«Wir sind darauf angewiesen, unsere Produkte am Chriesimärt verkaufen zu können.»

Daniel Rüttimann, Chriesi-Produzent

«Ich ging auf die Barrikaden und wehrte mich bei der Stadt sowie bei der IG Chriesi. Je länger je mehr haben wir mit der Kirschessigfliege zu kämpfen. Umso mehr sind wir in guten Jahren darauf angewiesen, unsere Produkte auf dem Chriesimärt verkaufen zu können.»

Dies insbesondere, weil Rüttimanns Angebot sehr vielseitig sei und auch die Nischen anspreche. «Viele unserer Sorten lassen sich nicht im Grosshandel verkaufen, sondern werden beispielsweise für die Konfi-Herstellung oder in der Gastronomie verwendet.» Ausserdem würde mit dem Ende des Chriesimärt eine über 100-jährige Tradition beendet, bedauert der Bauer.

Schon immer ein überschaubarer Markt

Der sogenannte «Chriesisturm», ein Anlass, bei dem «Kreti und Pleti» aus Gesellschaft und Politik mit Leitern bestückt durch die Altstadt rennen, lockt jeweils viele Zuger an und würde auch den Chriesimärt ankurbeln. «Doch», so gibt Rüttimann zu bedenken, «wird das Datum für den Chriesisturm jeweils etwa ein halbes Jahr vorher festgelegt. Eigentlich würde er den Auftakt bilden für den Markt. Da heuer die Kirschen jedoch früher reif sind, findet der Chriesisturm erst eine Woche nach Marktbeginn statt».

Er erzählt weiter: «Offenbar habe es ausserdem negative Rückmeldungen von Touristen gegeben, die den Markt von weit her besucht hätten. Scheinbar wurde sogar in China dafür Werbung gemacht.» Dies, obwohl der Zuger Chriesimärt schon immer überschaubar gewesen sei.

Das mit den Beschwerden stimmt, doch dazu später mehr. Das Hauptproblem ist nämlich das immer kleiner werdende Angebot. «Vielleicht standen vor vielen Jahren einmal sechs Anbieter auf dem Platz. In den letzten mindestens 10 Jahren waren wir jedoch nur 2 bis 3», sagt Rüttimann.

Die IG Chriesi will den Fokus künftig auf den Chriesisturm legen. (Bild: Andy Busslinger)

Zu wenige Produzenten, damit der Märt als Markt gilt

Das findet auch der zuständige Stadtrat Urs Raschle problematisch. «Wir sind von der IG Chriesi informiert worden, dass es heuer zu wenige Chriesibauern gibt.» Um als Markt zu gelten, brauche es mindestens 5 Anbieter. «Wir haben nun festgelegt, dass es auch mit 4 geht. Sind es weniger, braucht es gemäss Reglement eine Sondernutzungskonzession. Diese ist, verglichen mit den Preisen für Marktfahrer, sehr hoch», so der Zuger Sicherheitschef.

Als ehemaliger Direktor von Zug Tourismus habe er natürlich Verständnis für die Chriesibauern. «Trotzdem müssen die Abläufe korrekt vonstatten gehen.» Raschle betont, dass die Stadt nie Werbung gemacht habe für den Chriesimärt. «Wir sind keine Tourismusorganisation. Darum ist es für uns wichtig, dass die IG Chriesi auch weiterhin in Charge ist.» Raschle habe sich jedoch klar geäussert, dass er auch für eine Erweiterung des Marktes offen wäre. «Also etwa, wenn man beim Chriesimärt auch Kirsch oder Kirschtorten verkaufen würde.»

Zwiebeln sind keine Chriesi

Peter Hegglin, Präsident der IG Chriesi, gibt zu Bedenken: «Vor über 10 Jahren hat die IG Chriesi versucht, den bisherigen Markt attraktiver zu gestalten. Man sah als Beispiel den Zibelemärit, der jährlich Tausende nach Bern zieht.» Die Rechnung ging nicht auf.

«Chriesi sind reif, wenn sie reif sind.»

Peter Hegglin, Präsident IG Chriesi

«Zwiebeln kann man im Gegensatz zu Chriesi lagern. Letztere muss man sofort essen. Ausserdem sind sie reif, wenn sie reif sind.» Es wurde in den letzten Jahren überregional Werbung gemacht für den Anlass. Die Touristen kamen und fanden 2, 3 Stände vor. «Entsprechend waren sie konsterniert über den kleinen Markt und beschwerten sich bei uns», sagt Hegglin.

Chriesisturm ist der neue Star

Viel eher sei die Realität, dass Landwirte nur die Kirschen, die sie nicht ab Hof verkaufen können, an den Markt bringen. Das reiche aber nicht für einen attraktiven Markt. «Wenn das Bedürfnis der Produzenten nicht da ist, machen wir auch nicht mehr aktiv Werbung dafür», so der ehemalige Landwirt und Mitte-Ständerat. Man müsse sich eben den Begebenheiten anpassen.

Gemäss Hegglin sei nicht zur Debatte gestanden, den ganzen Chriesimärt abzuschaffen, aber zu reduzieren. «Nach konstruktiven Gesprächen mit allen Beteiligten ist die IG aber bereit, weiterhin die Bewilligungen für den Markt einzuholen und den Markt auch in den Chriesisturm zu integrieren», sagt Hegglin.

«Der Chriesisturm wird unser Hauptengagement darstellen.»

Peter Hegglin, Präsident IG Chriesi

Der Fokus der IG liege klar auf dem Chriesisturm in der Altstadt: «Dort möchten wir ein grosses Angebot haben und auch die Produzenten sollen sich zeigen können. Der Chriesisturm soll auch in Zukunft stattfinden. Er wird unser Hauptengagement darstellen.» Die IG prüfe, ob sie den Anlass so beibehalten oder allenfalls noch vergrössern möchte.

Heuer genügend Produzenten

Der diesjährige Chriesimarkt scheint jedenfalls gerettet zu sein. Rüttimann sagt dazu: «So wie es aussieht, schaffen wir es, dass jeden Tag 4 Anbieter vor Ort sind.» Der Märt wird damit offiziell zum Markt. Auch wenn es diesbezüglich naturgemäss einige Unsicherheiten gebe. «Einer der Bauern hat jetzt bereits Kirschen und weiss nicht, ob er nächste Woche noch welche hat.»

Heuer also behält das Chriesi seinen Stellenwert in Zug. Ab kommendem Montag findet der Chriesimärt während der Arbeitstage jeweils von 15 Uhr bis 18 Uhr statt. Am Montag, dem 20. Juni, am Mittag, rennt Hinz und Kunz beim Chriesisturm um die Wette.

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Peter Hegglin
  • Telefongespräch mit Urs Raschle
  • Telefongespräch mit Daniel Rüttimann
  • Website IG Chriesi
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