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Esoterik-Truppe verbreitet 5G-Panik an der Hochschule Luzern
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Denise Ulrich an einem Referat für die Foundation for Natural Science in Ulm 2017. (Bild: Screenshot Youtube/The World Foundation for Natural Science)

Gruppierung fiel in 90ern durch Antisemitismus auf Esoterik-Truppe verbreitet 5G-Panik an der Hochschule Luzern

5 min Lesezeit 1 Kommentar 12.09.2019, 14:07 Uhr

In den 1990er-Jahren hat die Neue Weltkirche des Christus in der Schweiz für Schlagzeilen gesorgt, Mitglieder wurden wegen judenfeindlicher Äusserungen angeklagt. Eine damit eng verbandelte Organisation lädt am Donnerstag in den Räumlichkeiten der Hochschule Luzern zum Referat über Mobilfunkstrahlung. Experten sehen den Auftritt kritisch.

«Wegen ihrer satanischen Gier zettelten die Juden den Zweiten Weltkrieg an, genauso, wie sie für den Beginn des Kommunismus verantwortlich waren.»

Dieses Zitat stammt nicht etwa von einem Exponenten aus dem braunen Sumpf, sondern von Peter Leach-Lewis (1938–2012), der wiederholt durch judenfeindliche Aussagen auffiel. Leach-Lewis war Gründer der Universalen Kirche (UK), heute Neue Weltkirche des Christus. Sektenexperte Hugo Stamm bezeichnete die UK einst als «esoterische, theosophische Gemeinschaft mit deutlich sektiererischen Merkmalen». Als Beispiele solcher Merkmale nannte er den Absolutheitsanspruch an ihre Lehre und die Fixierung auf Guru Leach-Lewis.

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Eine Distanzierung gab es nie

In der Schweiz sorgte die UK insbesondere in den 1990er-Jahren für Aufsehen, als der Europapräsident der UK mit Sitz im appenzellischen Walzenhausen wegen Rassismus gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft angeklagt war. Ausserdem wurde 1996 bekannt, dass der Rektor des Untergymnasiums Zug Mitglied der UK ist. Ihm drohte deswegen die Kündigung.

«Ehemalige Mitglieder berichten von der Verpflichtung zum Besuch von kostspieligen Veranstaltungen.»

Georg O. Schmid, Religionswissenschafter

Hans Stutz, Beobachter rechtsextremer und rassistischer Bewegungen, sagt, die Neue Weltkirche des Christus habe sich nie von den antisemitischen Äusserungen ihrer Exponenten distanziert – doch seien ihm seither keine solche Aussagen mehr aufgefallen. Ausserdem seien die damals in der Schweiz in die Schlagzeilen geratenen Personen nicht mehr präsent.

Der Religionswissenschafter und Leiter des Vereins Relinfo Georg O. Schmid erklärt, weshalb die Organisation trotzdem noch problematisch ist: «Die Gemeinschaft empfindet sich als ‹Gruppen-Avatar›, das heisst als Verkörperung Gottes für unsere Generation. Ehemalige Mitglieder berichten von ausgeprägtem Elitarismus, von der Verpflichtung zum Besuch von kostspieligen Veranstaltungen und von kritikloser Unterordnung unter die heutige Leiterin und Witwe des Gründers, Rita Maria Leach-Lewis-Vitelli.»

Neuheimer Gemeindepräsident ist Mitglied

Peter Leach-Lewis hat nicht bloss die UK gegründet, sondern auch «The World Foundation for Natural Science». Die beiden Organisationen teilen sich nach Angaben von Stutz auch dasselbe Hauptquartier in den USA – und das gleiche Weltbild. Dieses enthält teils krude Theorien, beispielsweise, dass Mikrowellennahrung Krebs erzeuge.

«5G-Panik ist im Bereich der Esoterik und alternativen Spiritualität weit verbreitet.»

Georg O. Schmid

Mitgliederzahlen gibt die Neue Weltkirche des Christus keine bekannt. «Während die Organisation in den 1980er- und 1990er-Jahren stark wuchs – sie profitierte von der damaligen Esoterikwelle und sprach esoterisch bewegte Menschen an – leidet die Gemeinschaft heute dem Vernehmen nach an Überalterung und Mitgliederschwund», sagt Georg O. Schmid.

Zu ihren besten Zeiten in den 90ern habe die Organisation in der Schweiz rund 200 Mitglieder gezählt. «Heute werden es wohl unter 100 sein», schätzt Schmid. Darunter seit vielen Jahren auch der Neuheimer Gemeindepräsident Daniel Schillig (CVP).

Europäischer Hauptsitz in Luzern

Während die Neue Weltkirche des Christus einen Sitz in Rotkreuz hat, befindet sich der europäische Hauptsitz der Natural-Science-Foundation in Luzern. Die Organisation schlägt diesen Donnerstag in der Leuchtenstadt einen weiteren Pfahl ein. Denn: Sie organisiert an der Hochschule Luzern ein Referat. Thema: «5G – wie schädlich ist Mobilfunkstrahlung? Der Einfluss auf unser Blut und Wasser. Brisante Erkenntnisse aus dem Labor.»

Peter Leach-Lewis diente in Rhodesien den Kolonialtruppen des Vereinigten Königreichs als berittener Polizeioffizier.

Georg O. Schmid dazu: «5G-Panik ist im Bereich der Esoterik und alternativen Spiritualität, welchem die Neue Weltkirche des Christus angehört, weit verbreitet. So warnt ja etwa auch Christina von Dreien, die Trendesoterikerin unserer Tage, in recht schrillen Tönen vor 5G.»

Referenten verzichten auf Handys

Als Referenten treten Franz und Denise Ulrich auf. Nach Angaben des Veranstalters untersuchen sie im eigenen Labor den Einfluss von WLAN- und Mobilfunkstrahlung auf Versuchspersonen und Wasserproben. Hauptberuflich haben sie eine eigene Energieberaterfirma mit Sitz in Hohenrain.

«Das Problem sehe ich darin, dass die Hintergründe nicht offengelegt werden.»

Hans Stutz, Extremismusexperte

Denise Ulrich ist unter anderem auch als Geomantin tätig – Geomantie ist eine Form des Hellsehens. «Sie vertritt damit beruflich ein esoterisches Weltbild», erklärt Schmid. Auf die Nähe von Denise und Franz Ulrich zur Neuen Weltkirche des Christus angesprochen, sagt Schmid, dass beide deklarieren, auf Mobiltelefone und WLAN bewusst zu verzichten. «Damit zeigen sie zumindest eine Nähe zu Vorstellungen, wie sie die Organisation vertritt.»

Mangelnde Transparenz

Auch Hans Stutz stuft das Referat als «nicht sehr seriös» ein. «Es wird mit Ängsten gearbeitet. Sie stellen Mutmassungen als Fakten dar», sagt er.

«Weder Referent noch Thema haben mich veranlasst zu vermuten, dass es sich hier um Verschwörungstheoretikerinnen handeln könnte.»

Silvia Schmucki, Hochschule Luzern

Trotzdem ist Stutz nicht der Meinung, dass die Hochschule Luzern die Anfrage hätte ablehnen müssen. «Das Problem sehe ich vielmehr darin, dass die Hintergründe nicht offengelegt werden. Deshalb müssen Medien die Zusammenhänge aufdecken. Interessierte müssen wissen, wenn Sekten Befürchtungen für ihre Ziele nutzen wollen.»

Schmid sieht die Sache ähnlich: «Grundsätzlich sollen an Universitäten auch umstrittene und alternative Meinungen Platz finden. Wenn aber hinter einem Referat eine umstrittene und werbende weltanschauliche Gemeinschaft steht, ohne dass dieser Sachverhalt offen deklariert wird, dann scheint dies problematisch.»

Bei Bedarf wird im Internet recherchiert

Silvia Schmucki ist an der Hochschule Luzern für die Vermietung von Räumen an externe Kunden zuständig. Sie sagt: «Die Organisation ‹Natural science› ist mir nicht bekannt. Weder Referent noch Thema haben mich veranlasst zu vermuten, dass es sich hierbei um eine unlautere Gruppe von Verschwörungstheoretikerinnen handeln könnte.»

Im Gebäude am Inseliquai wird das Referat stattfinden.

Vermutet Schmucki Gäste, die den Hochschulgrundsätzen der Vermietung zuwiderlaufen, mache sie eine kleine Internetrecherche oder ich frage inhouse nach. «Wenn der vorgesehene Nutzungszweck die konfessionelle und parteipolitische Neutralität der Hochschule Luzern verletzt, lehnen wir Anfragen ab.»

Das Reglement werde zusammen mit der Reservationsbestätigung den externen Kundinnen zugestellt. Erfahrungsgemäss sei es häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar, wenn Organisationen und Institutionen «krude Weltanschauungen» vertreten, so Schmucki weiter. «Entsprechend ist die Grenze nicht messerscharf zu ziehen, wem wir unsere Räume zur Verfügung stellen und wem nicht.»

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 13.09.2019, 23:57 Uhr

    Der Artikel ist misslungen, da er den Eindruck erweckt, dass die Bedenken gegen die 5G-technologie vorwiegend von obskuren Sekten und Verschwörungstheoretikern gehegt werden. In Wirklichkeit gibt es hunderte von wissenschaftlichen Studien, welche diese elektromagnetische Strahlung als gefährlich erscheinen lassen. Der Bundesrat hat es unterlassen, eine Expertengruppe mit unabhängigen Wissenschaftlern einzusetzen, welche die mögliche Gefahr für Mensch und Natur untersucht. Solange diese Bedingung nicht erfüllt ist, muss ein Moratorium für 5G gelten!

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