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ESAF dominiert und doch nicht gesiegt: Wie verdaut Joel Wicki das?
  • Sport
Augenblicke nach der Entscheidung: Joel Wicki ist bedient, Christian Stucki am Ziel seiner Träume angekommen. (Bild: swiss-image.ch/Photo Remy Steinegger)

Eine brutale Erfahrung für Sörenbergs Herkules ESAF dominiert und doch nicht gesiegt: Wie verdaut Joel Wicki das?

4 min Lesezeit 1 Kommentar 25.08.2019, 19:43 Uhr

Am Ende verkehrte sich alles, was vorher sportlich so wunderbar und spektakulär verlief, ins Gegenteil: Der Luzerner Fest-Dominator Joel Wicki lag nach 41 Sekunden des Schlussgangs rücklings im Sägemehl. Christian Stucki setzt damit seiner Karriere die Krone auf.

Was haben die Innerschweizer Schwinger bloss verbrochen? Warum ist ihnen das Schicksal derart übellaunig gesinnt?

Hoselupf

Es ist ein schier unfassbares Drama in acht Akten. Sieben davon liefen an diesem Wochenende ganz nach dem Gusto des Innerschweizer Gastgebers. Der Sörenberger Joel Wicki war das sportliche Gesicht dieses Fests. Die prägende Figur. Mit fünf Maximalnoten, einer 9,75 und einem Gestellten qualifiziert sich der 22-Jährige souverän für den Schlussgang.

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Wie eine Höchststrafe für den Dominator

Wicki hat 1,25 Punkte Vorsprung auf seinen 34-jährigen Widersacher Christian Stucki. Ihm reicht ein Gestellter, um die Sehnsucht von Tausenden Innerschweizer Schwingerfreunden endlich zu stillen. Sie heisst: endlich wieder König sein. Zum zweiten Mal nach 1986 und dem Zuger Harry Knüsel.

Es ist alles angerichtet. Doch der Traum platzt um exakt 17.00 Uhr. Der Stimmungskiller am Ende eines grossartigen Eidgenössischen im und ausserhalb vom Sägemehl. Wicki bezieht in einem der kürzesten eidgenössischen Schlussgänge der Geschichte eine bittere Niederlage. Seine Erste überhaupt, aber halt die Entscheidende.

«Chrigel hat sich den Königstitel verdient.»

Joel Wicki, Erstgekrönter

Es liest sich wie ein Hohn: Jetzt hat die Innerschweiz zwei Erstgekrönte, aber noch immer bloss einen König. In den Minuten, Stunden und vielleicht auch noch Tagen der Niederlage muss es sich anfühlen wie eine Höchststrafe.

Ein Drama wie 1989

Denn die Realität ist die Wiederholung eines Innerschweizer Dramas, das sich schon vor genau 30 Jahren abgespielt hat. Stans war damals Gastgeber, mit Geni «Schränz» Hasler stand der Fest-Dominator der Innerschweizer im Final gegen den damals 18-jährigen Berner Adrian Käser. Und was passierte? Die Innerschweiz musste sich mit dem ersten Ehrentitel eines Erstgekrönten abfinden.

Wie wird Wicki diese bittere Erfahrung verdauen? Kann er dieses Drama jemals aus seinem Schwingerhemd schütteln?

Wicki: «Der Stolz überwiegt»

Unmittelbar nach der riesigen Ernüchterung reagierte Wicki wie ein grosser Champion. In der mit über 56’000 Zuschauern grössten temporären Arena, welche die Schweiz je gesehen hat, sagte er gegenüber SRF: «Der Stolz überwiegt die Enttäuschung. Chrigel hat sich den Königstitel verdient. Ich gratuliere ihm von ganzem Herzen.» Schon nach der Entscheidung hat er Stucki sekundenlang umarmt.

Man sieht es den Gesichtern an, dass der Fest-Dominator Joel Wicki (links) nur zweiter Sieger hinter dem neuen König Christian Stucki wurde. (Bild: swiss-image.ch/Photo Remy Steinegger)

Er sei falsch gestanden beim wuchtigen Kurz von Stucki und danach gegen seine Masse eingeknickt, analysierte Wicki. Zum vierten Mal sind sich der 1,82 Meter und 107 Kilogramm schwere Herkules aus dem Sörenberg und der 1,98 Meter grosse und 145 Kilogramm schwere Koloss aus dem Bieler Seeland im Sägemehl gegenübergestanden. Gewonnen hat Wicki noch nie. Zwei Gestellte waren bislang das Höchste aller Gefühle.

Wie Wicki dem Schicksal die Stirn bietet

«Ich habe alles probiert und es leider nicht geschafft. Ich hoffe, dass es nächstes Mal klappt», sagte Wicki mit Blick auf das nächste Eidgenössische 2022 in Pratteln. Und als ob er der Wahrhaftigkeit des zweiten grossen Innerschweizer Schwinger-Dramas die Stirn bieten wollte, hielt er fest: «Für mich war es ein Riesenfest mit einem positiven Ende.» Wahrscheinlich hätte ihn der eine oder andere Zuschauer in diesem Moment am liebsten in die Arme genommen, um ihn zu trösten.

«Der Schock wird noch kommen.»

Jörg Abderhalden, dreifacher Schwingerkönig

Wicki hat mit 77,50 Punkten gleich viele wie der König. Er ist der Erstgekrönte. Er trägt zum ersten Mal in seiner Karriere Eichenlaub auf seinem Haupt. Er hat dem Fest seinen Stempel aufgedrückt. Und doch hat er den Königsfluch der Innerschweizer nicht bannen können. «Der Schock wird noch kommen», prophezeite Jörg Abderhalden, dreifacher Schwingerkönig und heutiger SRF-Experte.

Schwinger-Grand-Slam für Stucki

Mit Christian Stucki ist der wohl grösste Publikumsliebling im Schweizer Schwingervolk neuer König geworden. Legendär sein Kuss auf die Stirn von Matthias Sempach, als ihn dieser im Berner Schlussgang vor sechs Jahren in Burgdorf gebodigt hatte.

Nun ist er der erste König der Neuzeit geworden, der nach einer Schlussgang-Niederlage noch den Schwinger-Thron besteigen konnte. Und er ist mit 34 Jahren der älteste (bisher Matthias Glarner mit 31). Zudem ist die «Gmüetsmorä», wie die Berner den stets freundlichen und sanften Riesen nennen, der zweite Schwinger nach Abderhalden, der alle drei Schwingfeste mit eidgenössischem Charakter (ESAF, Unspunnen und Kilchberger) gewinnen konnte.

Trotzdem wird eine andere Geschichte vom Eidgenössischen in Zug noch länger in den Innerschweizer Köpfen nachhallen. Sie wäre besser niemals geschrieben worden.

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1 Kommentare
  1. Heinz Gadient, 26.08.2019, 18:38 Uhr

    Ich gönne Stucki den Titel – bloss hätte der “Wurf” im Schlussgang nicht zählen dürfen wie Bilder jetzt beweisen. Wicki lag nicht auf dem Rücken! Und: Hätte Orlik beim Gestellten gegen Stucki eine 9 erhalten, was einige Experten für richtig gehalten hätten, wäre er im Schlussgang gestanden. So hat hat das Schwingen, wie so oft, ein bisschen den Ruch des Gemauschelten. Immer schwierig wenn benotet und nicht gemessen werden kann.