«Es war schön, wieder zurückzukommen – ich habe die Arbeit vermisst»
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Flurina Gretener im Tattoostudio xXx an der Luzerner Zürichstrasse. (Bild: ida)

Luzerner Tätowiererin nach Corona-Lockdown «Es war schön, wieder zurückzukommen – ich habe die Arbeit vermisst»

6 min Lesezeit 10.05.2020, 12:00 Uhr

Früher noch im Gartenbau tätig, hat Flurina Gretener vor über sieben Jahren ihren Traum verwirklicht. Die Arbeit hat die 31-jährige Tätowiererin in den letzten sechs Wochen Lockdown vermisst. Dennoch nimmt sie aus der Krise etwas Positives mit.

«My flesh and blood» dröhnt es aus den Musikboxen. Vom «Muhammad Ali of Soul», Solomon Burke. Es riecht nach Räucherstäbchen, in der Ecke steht das Gefieder einer ausgestopften Eule. An den Wänden hängen Skizzen von Löwenzahn, Windröschen, einem Farnblatt, Totenschädel mit Blumen. Präparierte Schmetterlinge zieren den Schaukasten und schwarze, exotische Käfer.

Mittendrin sitzt Flurina Gretener und zeichnet einen Hirschen mit Alpenrosen. Immer wieder blättert sie in Natursachbüchern, die vor ihr liegen. Sie lässt sich Zeit.

Mit Fleisch und Blut hat Flurina Gretener viel zu tun. Ihre Arbeit geht unter die Haut. Es ist ein Moment, eine Begegnung, die für immer bleibt. Seit sieben Jahren greift sie im bekannten Tattoostudio xXx an der Zürichstrasse im Luzerner Maihofquartier zur Tätowiernadel.

Sechs Wochen lang war es jetzt ruhig da. Keine Tätowiermaschinen surrten, der Geruch von Desinfektionsmittel in der Luft war verflogen.

Die Arbeit fehlte ihr

Die letzten Wochen hat Flurina Gretener genossen. Sie hatte Zeit zu backen, zu zeichnen, zu malen und zu basteln.

Doch die Corona-Krise hat auch sie verunsichert. Damit war sie nicht alleine. Innert kürzester Zeit wurde ein Whatsapp-Chat unter Schweizer Tätowiererinnen und Tätowierern gegründet, zu dem heute über 100 Mitglieder gehören. News wurden darin ausgetauscht, Regeln, aber auch Ideen, um die finanziellen Einbussen ein wenig zu minimieren. So entstand das Projekt «Isolation Art Project». Die Idee dahinter ist ein Buch, in dem die Kunstwerke, die zu Zeiten des Lockdowns entstanden sind, gezeigt werden sollen. Dem geschaffenen Instagram-Account schlossen sich über Nacht mehr als 2’000 Follower an.

Seit letzter Woche nun dürfen Flurina Gretener und das Team des xXx Tattoostudios wieder Kunden empfangen. Darüber ist Flurina Gretener glücklich.

Die Arbeit hat Flurina Gretener gefehlt:

Schnecken sind ihre Lieblingstiere

Ihr Körper selbst gleicht einem Kunstwerk. Mit der Tätowiernadel zu Hause stach sie sich erst selbst eine Feuerwanze auf die linke Wade, blaue Schmetterlinge folgten. Bis heute sind viele mehr dazu gekommen. Ein grosses Drachentattoo ziert ihren Rücken. Die beiden Arme sind geschmückt mit Pilzen, Pflanzen – und Schnecken. Eines der Lieblingstiere von Flurina Gretener.

«Mein linker Arm ist eine Hommage an den Gartenbau», sagt die 31-Jährige, während sie sich mit ihrer rechten Hand über den Arm fährt.

Sie kannte 450 Pflanzen

Von klein auf war sie von Kobolden und Feen fasziniert. Von Künstler H.R. Giger und «Lord of the Rings» inspiriert, zeichnete sie skurrile Kreaturen, Monster, Ritterrüstungen. Auch im Unterricht griff sie lieber zu Bleistift und Papier. Ihr Deutschlehrer war es, der sie einst fragte, wieso sie nicht Tätowiererin werde.

Der Gedanke liess Flurina Gretener, damals 17 Jahre alt, tattoolos und punkig unterwegs, nicht mehr los. Dennoch entschloss sie sich, erst eine Lehre als Landschaftsgärtnerin abzuschliessen.

Ein «wahnsinnig schöner» Beruf, wie Flurina Gretener heute sagt. «Ich lernte, meine Umwelt anders wahrzunehmen, und es prägt mich sehr in meiner heutigen Arbeit.» Früher war alles einfach grün. Bis sie durch ihren Beruf 450 Pflanzen erkennen und benennen musste.

Flurina Gretener zeigt eine Zeichnung, die sie während des Lockdowns gemalt hat. Ein Ziegenschädel mit Heilpflanzen. Spitzwegerich gegen trockenen Husten, Sonnenhut, der die Abwehrkräfte stärkt, und Knoblauch, der eine antibiotische Wirkung hat, wie die Künstlerin weiss:

Auch heute weilt sie gerne in der Natur, geht wandern und geniesst die Stille in den Bergen. «Und wenn ich keine Zeit habe, fehlt es mir.»

Die Tattoos geben ihr Selbstbewusstsein

Für Flurina Gretener ist das Tätowieren eine Herzensangelegenheit. Das sagt sie nicht, man spürt es, wenn sie über ihre Arbeit spricht, ihre Skizzen zeigt und von den vielen Begegnungen erzählt.

Für sie sind Tattoos nicht einfach Schmuck. Sondern etwas Spezielles, eine Art, sich auszudrücken, und etwas, das ihr Kraft gibt. «Ich war früher ein eher zurückhaltender Mensch. Als ich begonnen habe, mich zu tätowieren, gab mir das viel Selbstbewusstsein. Es sind Tattoos, durch die ich meine Persönlichkeit ausdrücken kann.»

Mit 18 Jahren vereinbarte sie Termin für ein Backpiece

Sie selbst stiess auf Koss’ Namen, als sie als Jugendliche nach Tätowierern googelte. Nachdem sie seine Arbeiten sah, wusste sie: Das will sie auch können. «Seine Tattoos haben mich umgehauen. Ich wusste: Ich muss mich von ihm tätowieren lassen.» Und so vereinbarte sie gleich mit 18 Jahren einen Termin bei ihm – dazumal hatte er noch längere Wartezeiten.

Nachdem die Gärtnerlehre abgeschlossen war, rückte für Flurina Gretener der Wunsch des Tätowierens wieder in den Vordergrund. Sie zeigte Rob Koss ihre Skizzen. Er gab ihr Tipps, was sie besser machen kann. «Ihm muss wohl imponiert haben, dass ich mir seine Tipps so zu Herzen nahm. Und er spürte, wie sehr ich das alles wollte.»

Sie verbrachte viel Zeit im Tattoostudio, sass in der Ecke, arbeitete an ihren Skizzen, nahm mal das Telefon ab. Koss gab ihr Aufträge, Rosen, Schädel zu zeichnen. Und er gab ihr Skizzen, die sie mit dem Fineliner nachfahren konnte. «Bestimmt 100 Mal habe ich die nachgezeichnet», sagt Flurina und lächelt. So ergab sich, dass sie Lehrling im xXx Tattoostudio wurde und von Koss das Handwerk lernte.

Das Libellentattoo ist das wichtigste

Auch wenn Flurina Gretener viele und grosse Tattoos hat – das kleinste, das sie besitzt, ist das wichtigste. Es ist eine einfache Libelle, auf dem rechten Daumen. Immer, wenn sie zeichnet, sieht sie diese. Es ist ein Tattoo, das ihr Rob Koss stach, nachdem Flurina Greteners Mutter verstorben war.

«Sie war wohl mein grösster Fan, kommentierte all meine Bilder auf Instagram und stand immer hinter mir», sagt Flurina Gretener. «Sie mochte Libellen.»

Neues Kapitel beginnt in Zürich

Zu ihrer Mutter hatte sie eine enge Beziehung. Durch sie hat sie auch seit langem den Wunsch, nach Zürich zu ziehen. Ihre Mutter war Stadtzürcherin, viel war Flurina mit ihr in der Stadt unterwegs. Es ist eine Sehnsucht in ihr, eine Verbindung zu Zürich, die sie nur schwer in Worte fassen kann. Ein Stück Heimat, Geborgenheit, wenn sie da ist. Vor kurzem ist sie nun nach Zürich gezogen, Ende Mai verlässt sie das xXx Tattoostudio. Mit drei Tätowierern wird sie im privaten Studio an der Birmensdorferstrasse 377 arbeiten.

«Ich freue mich sehr. Es ist Zeit für ein neues Kapitel», sagt Flurina Gretener. Auch wenn es ihr nicht leicht fällt, das Studio von Rob Koss zu verlassen. Sie hat viel Zeit an diesem Ort verbracht.

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