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«Es ist schwierig, Kurier zu werden»
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Der Zuger Velokurier auf Achse: Seit 15 Jahren rasen die Kuriere über die Zuger Velowege. (Bild: zvg )

15 Jahre auf Achse «Es ist schwierig, Kurier zu werden»

4 min Lesezeit 18.08.2015, 10:00 Uhr

Man muss schon mithalten können, um beim Zuger Velokurier einzusteigen. Aber was ist eigentlich wirklich in den Paketen, die der Velokurier seit 15 Jahren in den Rucksack packt? «Manchmal sind sie noch warm», sagt einer, der es wissen muss.

Der Zuger Verkehr stockt, aber nicht für sie: In die Uniform gesteckt und aufs Velo gesetzt, jagen schon seit 15 Jahren Velokuriere durch die Zuger Strassen. Vorbei am Stau, von Firma zu Firma, transportieren geheime Dokumente und unbekannte Dinge in verschlossenen Paketen, von Labor zu Spital, von Firma zu Privatadresse.

«Manchmal sind die Päckchen noch warm», sagt Severin Haupt und lacht, «wir wissen nicht immer, was wir wirklich transportieren. Herzklappen, Implantate, Blut.»

Sie fahren bei jedem Wetter
Silvana Krieg, Velokurier
Silvana Krieg, Velokurier

Silvana Krieg fährt seit 2014 für den Zuger Velokurier.

Was ist dein bester Velokuriermoment?

Von Überraschung, Unglaubwürdigkeit und Freude geprägt: «Was?! Sie sind schon da...? Sind Sie tatsächlich mit dem Fahrrad gekommen? Ich habe soeben die Bestellung gemacht und den Hörer aufgelegt.» - Der Blick nach draussen, ob da wirklich ein Fahrrad steht, durfte natürlich nicht fehlen.

Was war die speziellste Lieferung, die du je gemacht hast?

Als Blutproben, Gebisse, Blumen und Post zum Alltag wurden...ein Paket von unmöglicher Grösse, welches nicht annährend in unseren grossen Anhänger passte.

Dein Geheimtipp für Velofahrer durch die Stadt Zug?

Die «roten Wellen» meiden und auf die «grünen» hoffen. Oder diesem ganzen Verkehr ausweichen und die vielen guten Radwege benutzen.

Erika Bütler, Velokurier
Erika Bütler, Velokurier

Erika Bütler fährt seit Ende 2009 für den Zuger Velokurier.


Was war die speziellste Lieferung, die du je gemacht hast?

Letzthin bekam ich den Auftrag, eine Hochzeitstorte zu liefern. Ich hatte in der Fantasie schon eine mehrstöckige Torte vor mir und als ich dann eine einstöckige Flache Torte plus Dekoration erhalten habe, da war ich schon ein bisschen beruhigter. Einzig die Pflastersteine in der Altstadt bereiteten mir Kopfzerbrechen. Die Gefahr, dass ich stolpern würde und mir die Kiste mit der Torte darin aus der Hand fällt, war doch gross. Als ich die Torte im Restaurant auf den Tresen stellen konnte, war ich ausgesprochen froh.

Was gefällt dir am Kurieren?

Die Freiheit, die Flexibilität, die Bewegung, die Abwechslung. Und ab und zu kriegt man einen Adrenalin-Kick ab. Man ist sein eigener Chef auf dem Rad, der Disponent gibt einem die Aufträge. Wie man die aber am besten und schnellsten abwickelt, ist einem selber überlassen. Und wenn man sich dann in Kürze einen «Masterplan» zurecht gelegt hat und dieser dann auch funktioniert und in erster Priorität auch schnell ist, dann ist das toll. Die Skala der Zufriedenheit und des Glückes bei diesem Job liegen sehr hoch.

Dein Geheimtipp für Velofahrer durch die Stadt Zug?

Am See entlang zu fahren finde ich persönlich am Schönsten. Am Allerschönsten ist es in einer warmen Sommernacht, wenn die Luft nach frisch geschnittenem Gras oder nach Schilf riecht.

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Denn der Velokurier schreibt sich nicht nur Geschwindigkeit auf die Fahne, sondern auch Diskretion. Severin Haupt und Armin Bühler sitzen in den Büros des Velokuriers in Luzern, die Disposition der Zuger Filiale findet hier statt. Die Aufträge kommen übers Handy an den Fahrer, die Dispo behält den Überblick.

Alles ausser Menschen

Bühler ist seit 15 Jahren dabei, genauso lange wie es den Zuger Velokurier schon gibt. Seit sieben Jahren ist er der Geschäftsführer über beide Abteilungen: Den Velokurier Luzern Zug. Haupt ist der Leiter fürs Marketing, drückt dem Autor ein Paar Velokurier-Socken in die Hand.

«Wir haben den Zuger Kurier damals mit dem Sandwichkurier der Bäckerei Speck starten können», sagt er und schenkt Wasser ein, «heute transportieren wir alles Mögliche: Dokumente für Anwaltskanzleien, Laborproben für Spitäler, Visas für Botschaften, Blumen für die Liebenden, Pakete und Briefe aller Art.» Alles ausser Menschen und Tiere.

Ein Mal Kurier, immer Kurier

Die beiden sind fit, fahren auch selber immer noch ab und zu. Die Schicht dauert fünf Stunden, wer mitmachen will, muss zwei Testfahrten durch Zug bestehen, «muss schon nachmögen», sagt Bühler, «oder wenigstens das Potential haben, dass er oder sie irgendwann einmal mithalten kann.»

Die Zuger Kuriere sind möglichst die ganze Schicht auf Achse, das braucht Ausdauer. Und bildet eine verschworene Gesellschaft: «Wir haben fast keine Fluktuation», sagt Bühler.

«Es ist schwierig, ein Kurier zu werden. Und einmal Kurier, immer Kurier.» Der Zusammenhalt zwischen der Zuger und der Luzerner Truppe wird an Festen geschmiedet, wie bald beim Jubiläumsfest. 15 Jahre wollen gefeiert werden. Es war schwierig genug, den Zuger Velokurier aufzubauen.

Hartes Zuger Pflaster

Firmen als Kunden gabs zwar schon damals genug. Aber der Velokurier war völlig unbekannt. Die internationale Kundschaft musste sich erst ans Fahrrad gewöhnen.

«Wir bekommen in Zug viele englische Bestellungen», sagt Haupt. «Das passiert in Luzern nicht. Dafür ist in Luzern der Empfang ein wenig wärmer, die Luzerner identifizieren sich eher mit dem Kurier. In Zug ist er vor allem die schnellste Transportmöglichkeit.» Lässt jedes Auto stehen, radelt bis nach Oberägeri und bis nach Rotkreuz. Dahin so oft, dass sich das Team von Velokurier schon lange überlegt, dort eine Filiale zu eröffnen.

«Die Idee gibts schon eine Weile», sagt Bühler. «Der Zuger Velokurier hat ungefähr einen Drittel des Umsatzes wie in Luzern», sagt er. «Aber er wächst konstant. Und wir wollen auch noch weiterwachsen.»

Wer in Zug für den Kurier aufs Fahrrad steigt, hat hartes Pflaster vor sich. «Die Wege für Velofahrer sind in Zug schon etwas komplizierter als in Luzern», sagt Bühler. «Es gibt viele Velowege, die einfach aufhören, oder in Sackgassen enden. Aber wir finden immer unseren Weg, das ist ja das Coole beim Velokurieren.»

Ist noch was da von der Romantik?

Ganze Legenden haben sich um die Velokuriere gebildet. Fixie-Bikes und Verfolgungsjagden mit der Polizei, ein Thema beim Zuger Velokurier? Bühler lacht und sagt:«Unsere Kuriere halten sich natürlich an die Verkehrsregeln. Sonst gibts Konsequenzen.»

Aber ist noch was da von der Romantik? «Das ist eine gute Frage. Ich glaube schon, dass noch Romantik dabei ist. Allerdings haben wir auch ein Stück davon aus ökonomischen Gründen aufgegeben. Ein Fixie-Bike etwa fährt bei uns keiner.»

Es ist einfach nicht praktisch – mit dem Anhänger ohne Gänge den Zugerberg hinauf. «Und vor allem nicht sicher. Das geht einfach nicht.» Die Romantik liege woanders, sagt Haupt: «Bei jedem Wetter unterwegs sein, die optimale Route zu fahren und alles zu geben, das ist die Romantik.»

Und sie kommt auch aus der Bevölkerung: «Wenn das Wetter schlecht ist, wirst du bedauert, wenns schön ist, wirst du bewundert», sagt er und lacht. «Und wenn du dann nach der Schicht wieder hier ankommst, dann merkst du, das ist einfach ein fantastischer Job.»

 

15 Jahre Velokurier Zug
1988 hatten drei Leute in Luzern den ersten Velokurier-Dienst der Schweiz gegründet – heute hat der Velokurier Luzern Zug 40 Mitarbeiter. Im Jahr 2000 eröffnete der Velokurier seine Filiale in Zug. Für die täglich rund 230 Aufträge sind fünf Velos in Luzern, zwei Velos in Zug und für die Region Zentralschweiz zwei Autos unterwegs. Nationale Aufträge werden mit dem Netzwerk «swissconnect» verschickt.

 

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