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«Es ist eine Schande für den Bahnhof»
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Täglich trafen sich die Stammgäste in der Bodega im Bahnhof Luzern auf ein, zwei Biere. (Bild: zvg)

Ende der Bahnhofbuffet-Tradition in Luzern «Es ist eine Schande für den Bahnhof»

7 min Lesezeit 5 Kommentare 29.12.2015, 15:10 Uhr

Mit der Schliessung der Bodega beginnt im Bahnhof Luzern eine neue Ära. Während alles auf Schick getrimmt wird, verlieren einfache Menschen ihr Netzwerk. Das passt nicht nur den ehemaligen Stammgästen nicht – auch von anderer Seite kritisiert man das Konzept der SBB.

Einer spielt mit der Handharmonika auf, ein anderer gibt mit zwei Löffeln in der Hand den Takt dazu. Und dann wird getanzt in der Bodega. Etwas Fröhlichkeit und Übermut kommen auf, trotz der Tristesse, welche die meisten im Lokal ob der Schliessung verspüren.

Es sind die letzten Stunden des beliebten Selbstbedienungsrestaurants im Untergeschoss des Bahnhofs Luzern. Wehmut macht sich breit. Und das nicht nur bei den Stammgästen. Werner Christen ist jedoch einer von ihnen, seit Jahren. «Da fällt ein ganzes Netzwerk von Menschen auseinander», sagt er. Er kam fast täglich nach dem Feierabend in die Bodega, trank mit den Männern und Frauen ein, zwei Biere. Und jetzt, wo geht man hin? «Es gibt nichts mehr im Bahnhof und im nahen Umkreis. Ich kann die Kollegen so nicht mehr treffen. Und das Tibits ist viel zu teuer.»

«Es gibt keine grössere Schweizer Stadt, die so arm dran ist wie Luzern.»
Bodega-Stammgast

Eine Frau aus Rothenburg – sie will ihren Namen nicht nennen – sagt es so: «Es ist eine Schande für den Bahnhof Luzern. Es hatte Gäste aus der ganzen Schweiz, die in die Bodega und früher ins Buffet im ersten Stock zum Essen kamen. Es gab Freundschaften so. Ich habe die asiatischen Teller geschätzt. Ohne Fleisch gab es dieses Essen für 12.50 Franken. Wo gibt es das noch? Und die Älplermagronen mit Apfelmus waren super.»

Ein Platz für Randständige und Banker

Doch warum eine Schande? «Es gibt keine grössere Schweizer Stadt, die so arm dran ist wie Luzern. In Bern hat es sieben Restaurants, auch einfache, in Zürich, Basel, Lausanne und Genf gibt es Buffets.» Die Bodega sei für alle da gewesen, sagt eine Frau, die früher hier im Service gearbeitet hat. «Randständige und Banker, alle hatten hier ihren Platz.»

«Es hat einfach keinen Platz mehr für das einfache Volk.»
Miryana, Bodega-Angestellte

Und Miryana, die seit 25 Jahren in den Luzerner Buffetbetrieben arbeitet, sieht die Folgen: «Die Leute werden ihr Bier halt auf der Strasse oder auf dem Bahnhofplatz trinken. Aber dort sind sie ja auch nicht erwünscht. Es hat einfach keinen Platz mehr für das einfache Volk.»

Die SBB arbeiten auf Abbruch: Die Bodega am Montagnachmittag, 15 Stunden nach der Schliessung.

Die SBB arbeiten auf Abbruch: Die Bodega am Montagnachmittag, 15 Stunden nach der Schliessung.

(Bild: zvg)

Neue Lokale sind zu teuer

Stadt erkennt das Problem nicht

Stadtpräsident Stefan Roth erklärt, die Verantwortlichen des Bahnhofs Luzern würden die Stadtverwaltung jeweils über ihre Pläne informieren. Für Gastro-Unternehmen sei die SBB zuständig. Weiter betont Roth, er könne sich vorstellen, dass die Stammgäste die Bodega in der ersten Zeit vermissen würden. Dennoch erklärt Roth:«Die gastronomischen Angebote in und um den Bahnhof sind so vielfältig, dass alle Gäste ein Lokal finden, in dem sie sich wohl fühlen.» Seine Wahrnehmung unterscheidet sich somit von derjenigen der Betroffenen.

Luigi Burgener sitzt häufig mit einer Flasche Bier an der Bar. Wo geht er hin, wenn die Bodega dicht macht? «Ich weiss es nicht. Es gibt ja nichts mehr in dieser Richtung. Das war ein richtiger Treffpunkt hier. Man hat Kollegen getroffen, hat hier abgemacht, bevor man gemeinsam etwas unternommen hat.»

Burgener war 25 Jahre SBB-Kondukteur, später arbeitete er aus gesundheitlichen Gründen noch sieben Jahre bei einer Versicherung. Auch er weiss um Frauen und Männer, die regelmässig in der Bodega auftauchten und nach deren Schliessung grosse Mühe hätten, ein Lokal dieser Art zu finden, welches Essen und Trinken im Preissegment der Bahnhof-Restauration anbietet. «Das neue Bahnhöfli an der Pilatusstrasse neben der Bankgesellschaft ist teuer, genauso das Tibits am Ort des ehemaligen Buffets. Das ist für einen grossen Teil der Leute, die hier verkehrten, nicht mehr erschwinglich. Vielen wird buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen.»

Die Mietverträge liefen aus

Für Martin Schmidli, den Geschäftsführer der Bahnhof-Restauration, war schon vor Jahren klar, dass die sichtbaren Umstellungen in der Bahnhof-Gastronomie nicht an Luzern vorbeigehen würden. Konkret wurde die Sache im Herbst 2013. «Dann hatte das Buffet im ersten Stock seine letzten Tage. Und schon damals war bekannt, dass wir die Bodega im Untergeschoss Ende 2015 werden schliessen müssen. Die Mietverträge laufen aus.»

«Es ist legitim, dass der Eigentümer eines Gebäudes nach dem Ablauf des Mietvertrages seine Räume einem andern Zweck zuführen will.»
Martin Schmidli, Geschäftsführer der Bahnhof-Restauration

Doch hat man in den Verhandlungen mit der SBB je darüber geredet, was mit dem Verschwinden der Bahnhofbuffet-Tradition verloren geht? Nicht aus wirtschaftlicher, sondern aus gesellschaftspolitischer Perspektive? «Das müssen Sie die SBB fragen. Ich kenne diese Strategien nicht im Detail», meint Schmidli.

«Wir hatten ausserordentlich treue, langjährige Mitarbeiter. Auch hier unten im Bodega. Das ist ein gutes Zeichen für den Arbeitgeber», meint Schmidli weiter. Zur Schliessung der Buffetbetriebe sagt er: «Ich bin ein liberaler Mensch. Es ist legitim, dass der Eigentümer eines Gebäudes nach dem Ablauf des Mietvertrages seine Räume einem andern Zweck zuführen will. Ich kann das akzeptieren.»

Alles ist auf Schick getrimmt

 Im früheren Buffet und auch in der Bodega verkehrten bescheidene Menschen, die nach der Schliessung keinen solchen Ort mehr finden werden. Sie werden in gewissem Sinne heimatlos. Im alten Bahnhofbuffet gab es regelmässige Jassrunden. Es gab Frauen und Männer, die zu einem günstigen Preis einen Kaffee trinken oder einen Teller Pasta essen konnten.

Nach der Schliessung der Bodega gibt es im Umkreis des Bahnhofs kein Restaurant mehr, das diese Kundschaft aufnehmen und bedienen könnte. Alles ist auf Schick getrimmt, Fastfood oder Vegan, und die Preise sind selbst für den Mittelstand hoch. Im Bahnhöfli neben dem Globus, das mit seinem Namen den Anschein erwecken will, es sei diese Buffetbeiz, die es nicht mehr gibt, kostet das günstigste Glas Wein sieben Franken. Einen Teller Pasta sucht man vergeblich auf der Speisekarte.

«Es gibt kaum einen Ort mit dieser heterogenen Kundschaft wie im Bahnhof.»
Martin Schmidli

Für Martin Schmidli ist das Nostalgie. «Die Essgewohnheiten haben sich enorm verändert. Klar, es hat ein Verlust an Esskultur stattgefunden.» Hat es irgendwelche Kontakte mit der Stadt gegeben, bevor die Entscheide zur Schliessung der Bahnhof-Restauration gefällt worden sind? Er verneint. «Die Stadt war beim Bahnhof nie involviert, auch in der Vergangenheit nicht.» Ein Schlusswort für den Buffetwirt? «Ja sicher. Ich möchte unsern Gästen danken. Es gibt kaum einen Ort mit dieser heterogenen Kundschaft wie im Bahnhof.»

SBB sieht andere Ansprüche

Die SBB verweisen auf Anfrage auf die Ansprüche der Kunden an das Gastronomieangebot in den grossen Schweizer Bahnhöfen, die sich in den letzten 25 Jahren massgeblich verändert hätten: «Weg von der klassischen Gastronomie hin zu einer schnellen Verpflegung.» Die SBB würden, den Reisenden im Bahnhof Luzern ein neues, attraktives Take-Away-Konzept offerieren – im Untergeschoss entstehen vier neue Take-Aways – und den Gastronomiebereich rundum erneuern und weiterentwickeln.

Werner Widmer, der kommerzielle Leiter des Bahnhofs Luzern, stehe für Fragen zum neuen Restaurationskonzept nicht zur Verfügung, schrieb Daniele Pallecchi, Mediensprecher der SBB.

«Das neue Konzept im Bahnhof Luzern schliesst eine Bevölkerungsschicht aus.»
Karin Blättler, Pro Bahn Zentralschweiz

Bahnhofkonzept der SBB ist «extrem einseitig»

Pro Bahn Zentralschweiz engagierte sich in den letzten Jahren immer wieder, wenn es um die Umbaupläne im Bahnhof Luzern ging. Karin Blättler ist die Präsidentin und hielt im Gespräch fest, Pro Bahn beurteile die neue Ausrichtung in den Bahnhofkonzepten der SBB als «extrem einseitig».

Die SBB hätten neben der kommerziellen Ausrichtung einen Grundauftrag gegenüber dem Steuerzahler. «Das auf Konsum ausgerichtete Konzept im Erdgeschoss des Bahnhofs Luzern war gegeben. Man will die Buffetgäste gar nicht mehr im Bahnhof haben. Die Medien haben es auch etwas verpasst, rechtzeitig, also vor Jahren nachzufragen, was im Bahnhof geplant sei.»

Karin Blättler betont auch, dass ein Bahnhof nicht nur Treffpunkt für Zugreisende sei, sondern auch ein Ort der Begegnung. Darum bräuchte es ein bedientes Restaurant. «Das Unternehmen SBB hat eine Verantwortung gegenüber der ganzen Bevölkerung. Das neue Konzept im Bahnhof Luzern jedoch schliesst eine Bevölkerungsschicht aus. Das ist so. Das einfache Volk kommt nicht mehr in den Bahnhof. Die Tibits-Gastronomie zieht ein anderes Publikum an. Zuvorderst stehen der schnelle kurze Imbiss, das kleine Getränk. Mit Kollegen verweilen und ein, zwei Biere trinken ist nicht mehr in.»

Stadtverwaltung nicht zuständig

Ist Pro Bahn in Kontakt getreten mit der Stadt? «Wir haben Stadtrat und Stadtarchitekt informiert, was im Bahnhof Luzern geplant wurde. Die Eingabe blieb ohne Folgen. Wir sind enttäuscht, dass es der Stadt und auch den Tourismus-Verantwortlichen egal ist, welche Angebote im Bahnhof für das Publikum bereitgestellt werden.»

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5 Kommentare
  1. G. Hauf, 30.12.2015, 16:53 Uhr

    Es ist wirklich eine Schande, was kundenfeindliche und emphatiearme Manager mit diesem Umbau anrichten. Und die Aussage des Stadtpräsidenten lässt vermuten, dass er sich schon ziemlich weit vom Volk abgehoben hat. Nur noch traurig !

  2. Roger Baldinger, 30.12.2015, 14:56 Uhr

    Erstens mal Gut dass endlich so genau über die Verschlechterung des Neuen Bahnhofskonzept gesprochen wird Danke.
    Dann kann ich dem Bericht nur zustimmen.
    Es ist ein Armutszeugniss für die SBB,den Bahnhof in einer auch international nicht unwichtigen Destination sowie für die gesamte Regierung der Stadt Luzern,dass man nicht fähig ist ein für alle ansprechendes konzept zu erwirken und anstattdessen den Schwarzen Peter weiterzureichen.
    Was gibt es im Bahnhof noch für den Durchschnittsbürger?
    Was hat der Bahnhof zu bieten:
    – Ein Sushilokal- geht in Ordnung
    -Das Tibits-geht auch in Ordnung
    -das Cafe Spetacolo-nicht schlecht aber wirkt etwas kalt und kann schlecht als Treffpunkt wirken
    -Im EG einen Brezelkönig-geht in Ordnung
    -Ein Burgerking-geht in Ordnung
    -Ein Asiatischer Take Away-geht in Ordnung
    -Ein Kebapstand-geht in Ordnung aber ist schade dass nun auh die einfache Wurst dort unten geholt werden muss

    Aber ein gemütliches günstiges Lokal ist Fehlanzeige und im OG was neben dem Tibits vom entstehenden Cafe zu halten ist weiss ich nicht.

    Was ist in unmittelbarer Umgebung des Bahnhofs vorhanden:

    – Ein MC Donalds-geht in Ordnung
    – Ein Starbucks Kaffee.geht in Ordnung aber ist leider auch teuer
    – Das Roadhouse-Geht in Ordnung aber richtet sich eher an eine junge Gesellschaft
    – Dann folgen Hotels-das geht in Ordnung und ist sinnvoll aber nichts für einen gemütlichen günstigen Ausflug zum Essen
    -Der Pizzablitz-geht in Ordnung aber ist fast wieder zu weit weg vom Schuss genau wie der Erdem Kebap auch
    -Das Bahnhöfli-Eigentor ein Lokal für eher eine jüngere Kundschaft aber sucht sich die Kundschaft aus ist keine Option
    Der Globus mit Restaurant ok aber auch nicht für gemütliche Stunden…ausserdem Abends nach den öffnungszeiten keine wahre option
    -Dasselbe gilt für die Heini Konditorei nebst den öffnungszeiten lädt die Enge Bestuhlung auch nicht zum verweilen ein
    -Die Gastronomie im KKL vielseitig aber oberes Preissegment und nicht für jedermann
    -Das LUZ-Na Ja aber auch nicht optimal zum verweilen und nicht unbedingt für gemütliches Essen gedacht
    -Die Mensa im Bahnhof-nicht schlecht aber zuwenig bekannt für durchreisende
    Beim Inseli diverse Take Aways-nicht schlecht aber wieder zu weit weg
    Also zusammenfassend muss ich sagen ich vermisse ein gemütliches einfaches Lokal in der Umgebung vom Bahnhof und im Bahnhof.
    Es kommen vier Neue Take-Aways in den Bahnhof das finde ich grundsätzlich nicht schlecht aber es ist auch irgendwo eine verpasste Chance und am Ziel vorbeigeschossen.

    Herr Roth ich Bedaure Ihren Standpunkt aber teilen Sie uns doch via Zentral+ oder wie auch immer mit wo das Reisende und Einheimische in der Umgebung vom Bahnhof günstig und gemütlich verweilen können.

    Roger Baldinger

  3. Tobias Bjornsen, 30.12.2015, 10:29 Uhr

    Während dem Studium waren wir oft im Buffet und haben immer lustige Bekanntschaften gemacht. Es gab keinen vergleichbaren Ort, wo man so heterogen alle Schichten kennenlernte. Mindestens eine solche „Beiz“ dürfte sich ein Bahnhof mit dutzenden Imbiss-Shops leisten.

  4. Walter Gerhard Wyss, 29.12.2015, 18:06 Uhr

    Ausgezeichneter Artikel !

  5. Alois Ineichen, 29.12.2015, 16:33 Uhr

    Kann mich noch gut an den alten Bahnhof erinnern, als die sogenannten Randständigen, früher hiesen die anders, zB der Fadekari oder andere Originale sich an der Stehbar trafen. Das Glas Wein in der einen Hand und ein Wienerli in der Andren. Laut waren die schon, aber friedlich. Heute wird alles gleichgemacht. Gebt doch allen Menschen das Recht, sich zu verwirklichen. Mir ist ein solcher Mensch näher als einer , der sich durch Manipulationen und dergleichen finanziert. Und die Stadt sollte sich Schämen, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.