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«Es ist an der Zeit, die Gesetze zu hinterfragen»
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Die einen feiern die Musik, andere fühlen sich davon gestört. (Bild: Emanuel Ammon/AURA, Symbolbild)

Kultur und Lärm in Luzern «Es ist an der Zeit, die Gesetze zu hinterfragen»

6 min Lesezeit 07.09.2014, 14:00 Uhr

Der Festival-«Sommer» neigt sich dem Ende zu, die Wiesen genesen, die Nachbarn werden ruhiger. Da stellt sich die Frage: Wie sah es diesen Sommer mit Nachtruhestörungen und Lärmklagen bei kulturellen Veranstaltungen aus?

Die Musik dröhnt die ganze Nacht. Der Beat hämmert, Leute johlen, an Schlaf ist nicht zu denken. Der Griff zum Telefon liegt nahe: 117 wählen und diesem Radau ein Ende bereiten. Doch wie sieht es auf der Seite der Veranstalter aus? Wie gehen die mit dem «Lärm» um?

«Es ist jedes Jahr ein Thema», sagt Marcel Bieri, Leiter des B-Sides-Festivals auf dem Sonnenberg. Und damit steht er nicht alleine. «Klagen gibt es immer. Egal welche Bewilligungen von der Stadt bestätigt wurden. Und die Polizei ist immer vor Ort», sagt auch Daniel Glur, Mitorganisator des Gratis-Festivals «Funk am See», welches jeweils auf der Lido-Wiese stattfindet. Und genau so geht es dem Betriebsleiter der Zwischennutzung im Neubad, Dominic Chenaux: «Trotz Bewilligungen für Verlängerungen hatten wir öfters die Polizei im Haus.» Denn die Vorgaben sind schwammig: «Wir haben die Auflage, dass wir auf die Nachbarn Rücksicht nehmen. Damit werden unsere Bewilligungen eigentlich hinfällig, wenn sich diese beschweren», erklärt Chenaux.

«Wir hatten massive Einschränkungen der Zwischennutzung hinzunehmen und unser Betriebskonzept wurde stark angepasst. Dies führt auch zu grossen finanziellen Einbussen und die Massnahmen sind zudem mit einem finanziellen und personellen Mehraufwand verbunden.» Gerade Konzerte und Partys, welche einen grossen Teil des Umsatzes generieren würden, mussten eingeschränkt werden. Und diesen Sommer war es vor allem auch das Public Viewing für die WM, welches nur sehr beschränkt möglich war. Chenaux persönlich empfindet die Auflagen als sehr hart.

«Es ist an der Zeit, die Gesetze zu hinterfragen und das öffentliche Interesse einer ganzen Stadt mehr zu gewichten, als das Interesse von Einzelpersonen.»
Edina Kurjakovic, Geschäftsleiterin der IG Kultur Luzern

Edina Kurjakovic, Geschäftsleiterin der IG Kultur Luzern sieht Handlungsbedarf bei der Gesetzeslage: «Ich sehe eigentlich keine Entwicklung im Umgang mit Lärm. Die Gesetze und Verordnungen bestehen seit Jahren und sind nicht zeitgemäss. Die Stadt und die Menschen entwickeln sich stetig. Es ist an der Zeit, die Gesetze zu hinterfragen und das öffentliche Interesse einer ganzen Stadt mehr zu gewichten, als das Interesse von Einzelpersonen.» Als Beispiel nennt sie eines der grössten Aushängeschilder Luzerns. «Wenn ein Blue Balls-Festival beim Pavillon um 22 Uhr mit der Musik aufhören muss, dann kann ich das nicht verstehen. Ist das noch zeitgemäss?», hinterfragte sie bereits beim Antritt ihres Amtes (zentral+ berichtete).

Ganz objektiv

Unter objektive Lärmbelastung fällt nach dem Amt für Umwelt und Energie Luzern lediglich der Schienen-, Strassen- und Luftverkehr. Was die Menschen aber meistens stört, sind andere Menschen. Fast 20 Prozent der Bevölkerung fühlte sich nach der letzten Studie des Bundesamtes für Umwelt durch Geräusche von spielenden Kindern, Gartenrestaurants und Brunnen gestört.

«Wenn selbst Kinderlachen am Tag zu laut ist, sollte man eventuell den eigenen Umgang mit Lärm überdenken.»
Dominic Chenaux, Betriebsleiter Neubad

Chenaux kann ein Lied davon singen: «Leben im Quartier und spielende Kinder sind einigen Nachbaren ein Dorn im Auge.» Es handle sich dabei oftmals um die gleiche Person, die sich an die Polizei wende. Kurt Graf, Sprecher der Luzerner Polizei, weiss, dass es sich nicht selten um die selben Personen handelt, die sich bei ihnen beschweren. «Wenn selbst Kinderlachen am Tag zu laut ist, sollte man eventuell den eigenen Umgang mit Lärm überdenken», findet Chenaux.

In diesem Punkt appelliert auch die Luzerner Polizei an den gesunden Menschenverstand. Reagieren müsse man jedoch trotzdem: «Wenn wir einen Anruf erhalten, dann gehen wir vorbei», so Graf und ergänzt: «Bei Nachtruhestörungen ist die Situation schnell klar. Bei anderen Beschwerden ziehen wir im Zweifelsfalle einen Experten bei, welcher Messungen durchführt.» Behörden und Justiz müssen dabei immer im Einzelfall beurteilen und dementsprechend Massnahmen verfügen. Im Neubad teilen die Massnahmen die Nachbarschaft. «Viele der Nachbarn halten sich gerne bei uns auf und verstehen nicht, dass wir Terrasse und Gartenbeiz um 22 Uhr schliessen müssen. Und dies wegen einer oder zwei Personen, die sich gestört fühlen.»

Vorgaben für Veranstalter

Für Veranstaltungen mit Beschallungen über 93 Dezibel gilt eine Meldepflicht. 93 Dezibel sind ungefähr verlgeichbar mit einem vorbeifahrenden Lastwagen. Bei dieser Lautstärke müssen Angaben zum Ort, Kontakt, Standort des Mischpultes etc. gemacht werden. Der Veranstalter muss über ein Messgerät verfügen, um den Schallpegel zu überwachen.

Bei einer Veranstaltung, die länger als drei Stunden dauert, muss der Schallpegel überwacht und auch aufgezeichnet werden. Ausserdem müssen Lokale bei einer solchen Veranstaltung eine ruhige Ausgleichszone zur Verfügung stellen und das Publikum über den Schallpegel informieren.

Das B-Sides sorgt deshalb vor: «Wir treffen uns immer zirka einen Monat vor dem Festival mit der Polizei in Kriens, um das Vorgehen zu besprechen», erklärt Bieri. Grosse Befürchtungen hat er trotz gelegentlicher Klagen nicht: «Ich glaube nicht, dass die Polizei uns den Stecker nach zehn Jahren rausziehen würde wegen ein paar Lärmklagen. Das gäbe ziemliche Diskussionen.» Dann würde man grundsätzlich über Festivals im Sommer diskutieren müssen. «Wir sind ja nicht das einzige», so Bieri.

Marco Liembd vom Kultur-Fussballturnier Kick’n’Rush kennt die Problematik: «Schlussendlich gibt es aber eine Grenze: Will man veranstalten, gibt es ein Mindestmass an Lärmemissionen. Wird dieses auf Stadtboden nicht länger toleriert, laufen wir Gefahr, unser Zentrum in einen friedhofähnlichen Ort zu verwandeln, wie es zum Beispiel die Zuger Altstadt ist.»

Dialog für Toleranz

«Man kann schon festhalten, dass mit dem Verschwinden der alternativen Kultur aus dem Stadtkern auch die Akzeptanz gleichschreitend abnimmt», findet Liembd. Dazu schneidet Kurjakovic das Thema Tradition an: «Die traditionellen Anlässe scheinen schon viel mehr Spielraum zu erhalten. Auf welchen Grundlagen dies basiert, ist mir nicht ganz klar.» Sie frage sich, wie es zu dieser Einteilung komme und wer diese bestimme. «Ab wann fällt man in den Bereich ‹traditionell›?»

«Man kann schon festhalten, dass mit dem Verschwinden der alternativen Kultur aus dem Stadtkern auch die Akzeptanz gleichschreitend abnimmt.»
Marco Liembd, Mit-Organisator des Kick’n’Rush

Liembd ist trotzdem guter Dinge: «Unser letztes Treffen mit der Stadt verlief sehr konstruktiv.» Klar sei, dass ein solch grosses Turnier wie Kick’n’Rush nicht ohne Lärmbelastung von sich gehen könne. «Wir haben nun der Stadt einen Kompromiss vorgeschlagen, indem wir auf eine Beschallung am Sonntagmorgen verzichten. Nun hoffen wir, dass die Nachbarschaft dieses Entgegenkommen als solches auch wahrnimmt und am Nachmittag das eine oder andere Auge zudrückt.»

Einsatz bei der Nachbarschaft

Die Veranstalter arbeiten für die Akzeptanz der Anwohner mit verschiedenen Mitteln. «Wir haben ein Sorgentelefon eingerichtet, wir führen Schallmessungen durch und sind offen für den Dialog mit der Nachbarschaft», erklärt Chenaux vom Neubad.

Und auch das B-Sides sucht seit dem ersten Jahr den Dialog. «Das beinhaltete bisher spezielle Infozettel, Plakate, Inserat in den Gemeindezeitungen, Brief an die Quartiervereine sowie an die Behörden», so Bieri und ergänzt: «Wir erhalten auch immer positives Feedback von Anwohnern. Sie finden es genial, was wir auf die Beine stellen und sagen auch, dass man den Trubel für ein Wochenende in Kauf nehmen kann. »

Kurjakovic empfiehlt den Anwohnern, die Kultur selber zu erleben. «Ich denke, es ist notwendig zu wissen, was vorgeht, woher der ‹Lärm› stammt. Wenn man die Ursache wirklich kennt, kann man besser damit umgehen.» Gegenseitiges Verständnis solle die Lösung sein. Wenn man auswähle, dass man in der Stadt leben möchte, dann solle man in Kauf nehmen, dass es laut sein könne und Geräusche von überall her kämen. «Sei dies von Autos, den Menschen, durch Baulärm oder die Kultur.»

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