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«Es gibt Tage, an denen man nur heulen könnte»
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Daniel Bachmann im Paraplegikerzentrum Nottwil. Seit rund einem Jahr ist er hier in der Rehabiliation. (Bild: Walter Eggenberger)

Nach Unfall querschnittgelähmt «Es gibt Tage, an denen man nur heulen könnte»

7 min Lesezeit 22.06.2015, 11:57 Uhr

Nach einem Handball-Unfall war der Luzerner Daniel Bachmann gelähmt – wie durch ein Wunder konnte er aber wieder aufstehen. Dann schlug das Schicksal erneut zu: Ein schwerer Töffunfall vor einem Jahr zwingt ihn dazu, den Rest seines Lebens im Rollstuhl zu verbringen. Für ihn ist trotz aller Widrigkeiten klar: Sein Glas ist halb voll und nicht halb leer.

Er ist gross, sehr gross, sicher über eins neunzig. Das merkt man sofort, wenn man Daniel Bachmann trifft. Auch wenn er im Rollstuhl sitzt. Ein Stuhl, den ihn für den Rest seines Lebens begleiten wird. «Der Rollstuhl ist nicht das grösste Problem», sagt er und lacht. Seine Fröhlichkeit ist ansteckend – und mit Sicherheit echt. Da sitzt einer, dem das Schicksal übel mitgespielt hat, der aber gleichzeitig eine Zuversicht und Vitalität ausstrahlt, die beeindruckt.

Mit dem Rücken auf eine Sitzbank gefallen

Doch schön der Reihe nach. Der heute 40-jährige Spediteur spielte beim TV Muri Handball und bestritt 2001 ein Aufstiegsspiel für die Nationalliga B gegen Zofingen. «Weil so viele Zuschauer erwartet wurden, stellten sie entlang des Spielfeldes noch Sitzbänke auf», sagt Bachmann. Das sollte sich später verheerend auswirken. Bei einem Gegenstoss rannte er los und schaute nach hinten, um zu sehen, wie der Ball geflogen kommt. Dabei übersah er den herausstürmenden Torwart, prallte mit diesem zusammen und stürzte rückwarts über eine Bank.

Alle zwei Tage eine Querschnittlähmung

Leider kann es fast in jeder Situation passieren: Bereits eine kleine Unachtsamkeit kann zu einem folgenschweren Sturz führen – jeder zweite Tag endet bei einem Menschen in der Schweiz mit einer Querschnittlähmung. Die Unfallursache ist je zu einem Drittel ein Sturz, ein Unfall im Strassenverkehr oder ein Sportunfall. Am häufigsten passieren Unfälle mit Querschnittlähmung bei einem Autounfall, auf Rang zwei stehen Haushaltsunfälle, gefolgt von Töffstürzen, Badeunfällen, Skiunfällen, Velostürzen und Reitunfällen.

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil ist eine Spezialklinik für die Erstversorgung, Akutbehandlung, Rehabiliation und lebenslange Begleitung von Querschnittgelähmten. Das SPZ wurde 1990 eröffnet und stellt heute 145 Betten inklusive Intensivpflegestation zur Verfügung. Die Bettenbelegung beträgt 97 Prozent. 1'100 Personen aus 80 Berufen arbeiten heute im SPZ.

Fünf Monate lang war Daniel Bachmann danach zur Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Der 10. Brustwirbel auf Höhe des Bauchs war verschoben und gequetscht. «Ich wusste nicht sicher, ob ich je wieder laufen kann», sagt Bachmann. Aber gehofft habe er schon, schliesslich hatte er Glück, dass der Wirbel nicht gebrochen war. Nach drei Monaten fingen einzelne Muskeln wieder an zu reagieren, dann machte er mit Stöcken erste Gehversuche, und nach einem Jahr konnte er wieder selbstständig gehen. «Handball spielen ging ich nicht mehr, aber sonst war ich sehr glücklich, dass ich wieder auferstanden bin», erinnert Bachmann sich.

Luftveränderung in den USA

Nach diesem Schicksalsschlag brauchte Daniel Bachmann eine Luftveränderung und wanderte nach Los Angeles aus, wo er eine Stelle als Spediteur gefunden hatte. Schon bald lernte er seine heutige Frau kennen. «Es war beim Eishockeyspielen», sagt Bachmann. Die Equadorianerin brachte eine kleine Tochter mit in die Beziehung, die Daniel Bachmann schon bald in sein Herz geschlossen hat. «Sie ist meine Tochter», sagt er stolz.

2009 kehrt die Familie in die Schweiz zurück und lässt sich in Buttisholz nieder. Schon bald entscheiden sich Daniel Bachmann und seine Frau, zusammen Töff zu fahren. «Bereits in jungen Jahren fuhr ich Motorrad», so Bachmann, «aber ich hatte aufgehört, weil ich das Mass nicht hatte.» In seinem jugendlichen Übermut ist er oftmals viel zu schnell gefahren – nach drei relativ schweren Unfällen war dann Schluss.

«Meine Frau und ich hatten beide grossen Spass, möglichst schnell Töff zu fahren.»

Daniel Bachmann, Paraplegiker

Nun versuchte er einen Neuanfang. «Zusammen mit meiner Frau wusste ich, dass ich vernünftig fahren werde.» Die Freude an der Geschwindigkeit konnten sie dennoch ausleben: Immer wieder gingen die beiden auf Rennstrecken, wo relativ sichere Rahmenbedingungen herrschen. «Wir hatten beide grossen Spass, möglichst schnell zu fahren.»

Zwei Monate Erinnerung gelöscht

So weit, so gut. Bis dann der 22. Juni letzten Jahres kam – der Tag, der Daniel Bachmanns Leben für immer verändern sollte. «Was ich jetzt erzähle, ist eigentlich aus meiner Erinnerung verschwunden.» Einen Tag vor dem Unfall bis zwei Monate danach: Alles, was da war, ist aus Bachmanns Gedächtnis gelöscht. «Ich weiss nur noch, dass am Tag vor dem Unfall die Firmung unserer Tochter war.» Die ganze Fussball-Weltmeisterschaft habe er verpasst, sagt er und grinst. «Ausser das Spiel Schweiz-Equador, daran kann ich mich erinnern. Meine Frau war für Equador, ich für die Schweiz.»

Allmählich konnte Daniel Bachmann rekonstruieren, was vor einem Jahr passiert war. Er ist am Morgen mit seiner Ducati 1198 sp losgefahren. Normalerweise nahm er seine «Hausstrecke»: über den Gotthard, Nufenen, Grimsel und Susten. «Aus irgendwelchen Gründen bin ich bereits in Wassen rechts abgebogen, Richtung Sustenpass.» Nach einem Weiler hatte er ein Wohnmobil vor sich, das wegen eines Velos sehr langsam unterwegs war. Daniel Bühlmann konnte den Velofahrer jedoch nicht sehen. «Ich schaute zurück, blinkte und setzte zum Überholen an», erzählt er. Genau in diesem Moment fährt das Wohnmobil auf die linke Spur, um das Velo zu überholen. Daniel Bachmann muss abrupt bremsen, das Vorderrad blockiert. Er stürzt und prallt mit dem Kopf voran mit voller Wucht in einen Granitpfeiler am Strassenrand.

Furchtbarer Unfall

Offennbar hatte Daniel Bachmann noch versucht, mit dem rechten Arm seinen Kopf zu schützen – der Arm wies 30 Brüche auf. «Der Ellbogen war nur noch Brei.» Zudem hatte Bachmann ein schweres Schädel-Hirn-Trauma – und diesmal waren die ersten sieben Brustwirbelkörper gebrochen. «Die Wirbelsäule wurde wie eine Handorgel zusammengeschoben», so Bachmann. Die Nerven wurden zum Teil zerrissen, darum gibt es diesmal keine Chance für eine Heilung.

«Der Ellbogen war nach dem Unfall nur noch Brei.»

Daniel Bachmann

Wäre der Helm nicht von so guter Qualität gewesen, dann wäre es wohl noch schlimmer gekommen. «Sie haben meiner Frau gesagt, dass sie kommen soll, um sich von mir zu verabschieden», erzählt Daniel Bachmann. Aber er hatte Glück: Der Luzerner überlebte den schweren Unfall. Zum zweiten Mal musste er in die Rehabilitation. In der ersten Zeit in Nottwil kämpfte Bachmann vor allem mit dem schweren Schädel-Hirn-Trauma und mit dem stark verletzten Arm, der unterdessen bereits acht Mal operiert werden musste.

Zeit des Leidens

Fünf Wochen lang lag Daniel Bachmann im Koma. «Dann habe ich zwei Wochen gebraucht, um zu merken, dass ich nicht in Las Vegas am Jassen bin, sondern hier in der Schweiz.» Daniel Bachmann lacht. Er weiss auch nicht, weshalb er diese Vorstellung hatte. Nach und nach kam der Aufwachprozess, bei dem ihm allmählich das Ausmass des Geschehenen bewusst wird. «Offenbar muss ich in dieser Zeit körperlich stark gelitten haben, hat man mir später erzählt. Zudem sei ich traurig gewesen. Aber daran kann ich mich nicht erinnern.»

Dann endlich war Daniel Bachmann wach und bei vollem Bewusstsein. Jetzt wurde ihm klar, was los war: Von der Brust an abwärts ist er komplett gelähmt. Einen grossen Teils seines Körpers spürt er nicht mehr. «Ich kann zum Beispiel nicht mehr schwitzen», erzählt er. So kann er die Temperatur nicht mehr ausgleichen und muss übermässige Hitze meiden. «Nur auf der linken Seite meines Kopfs schwitze ich noch – warum das so ist, weiss niemand.»

Entscheidend: Unterstützung der Familie

Wie verkraftet man einen solchen Schicksalsschlag? Wie lebt man mit der Gewissheit, nie mehr gehen zu können? «Ich habe von Anfang an unglaubliche Unterstützung von meiner Familie erhalten», sagt Bachmann. «Seit ich hier bin, ist jeden Tag jemand meiner Nächsten hier zu Besuch. Das ist enorm wichtig.» Hinzu kommt der Support der Pfegerinnen und Pfleger. «Schreiben Sie, dass Tilak und Andrea mir sehr geholfen haben, das waren wichtige Stützen.»

Daniel Bachmann fuhr vor seinem schweren Unfall leidenschaftlich gerne Motorrad. Zusammen mit seiner Partnerin unternahm er viele Töffausflüge.

Daniel Bachmann fuhr vor seinem schweren Unfall leidenschaftlich gerne Motorrad. Zusammen mit seiner Partnerin unternahm er viele Töffausflüge.

Zudem hat Daniel Bachmann während der Zeit in Nottwil andere Patienten kennen gelernt, ein paar davon werden Freunde fürs Leben bleiben. «Wir reden, lachen und weinen zusammen – das alles ist unbezahlbar», sagt er.

Seine Geschichte soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele mit einem ähnlichen Schicksal grosse Mühe haben, ihr Schicksal zu akzeptieren. Depressionen und Suizidgedanken sind häufig und es ist schwierig, sich damit abzufinden, den Rest des Lebens gelähmt zu sein.

«Freue mich auf meine Zukunft»

Das weiss auch Daniel Bachmann. «Ich war vorher schon eine starke, innerlich stabile Person. Das hilft mir heute.» Er hat die Gabe, nicht mit seinem Schicksal zu hadern. «Klar gibt es die Tage, an denen man nur heulen möchte.» Aber immer wieder schöpft er Kraft aus Gesprächen mit anderen Menschen und aus sich selber. «Für mich ist das Glas halb voll, nicht halb leer. Und: Es tönt blöd, aber ich glaube, dass es einfach so sein musste.» Diese Haltung hilft ihm, lässt ihn weiter Freude haben am Leben. «Ich muss ehrlich sagen: Ich freue mich auf meine Zukunft und bin gespannt, was noch kommt.»

«Es tönt blöd, aber ich glaube, dass es einfach so sein musste.»

Daniel Bachmann

Zuerst einmal möchte er alles tun, um absolut selbstständig leben zu können. Die Vorstellung, dass jemand ihn pflegen muss, passt ihm gar nicht. Er freut sich sehr darauf, ab dem 29. Juli wieder zu Hause zu sein. Auch wenn nicht alles einfach sein wird. «Wie ich schon anfangs erwähnte, ist der Rollstuhl noch das kleinste Problem.» Viel schwieriger sei es, das Blasen- und Darm-Managment in den Griff zu bekommen. Und die Sexualität? «Ich spüre ab meiner Brust nichts mehr, rein gar nichts», sagt er dazu nur. Aber zur Zeit sei das noch kein Thema, zuerst müsse er lernen, den simplen Alltag zu bewältigen.

Voller Tatendrang

Dass seine Frau weiter mit dem Töff herumfahren wird – das passe ihm gar nicht, sagt er und ginst. «Es stresst mich riesig, dass ich das nicht mehr mit ihr machen kann.» Aber auch hier hat Daniel Bachmann bereits eine Lösung: Quad, das Motorrad auf vier Rädern. «Das habe ich schon geplant.» Geplant ist auch noch anderes: Wieder arbeiten, mit seiner Familie leben – und eine Reise nach Australien. Daniel Bachmann ist voller Tatendrang. Da kann ihn nicht einmal der Rollstuhl aufhalten.

 

 

 

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