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Es gibt nicht die eine – doch auch nicht unendlich viele Wahrheiten
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Politikerin Korintha Bärtsch: «Es braucht kurze, prägnante Schlagworte, um wahrgenommen zu werden.» Links Moderator Hannes Oppermann. (Bild: Daniela Herzog )

Podium zu «Fake News» und postfaktischer Politik Es gibt nicht die eine – doch auch nicht unendlich viele Wahrheiten

5 min Lesezeit 26.11.2017, 18:25 Uhr

Am selbstausgerufenen «Tag der Wahrheit» machte sich das Luzerner Theater gemeinsam mit Vertretern aus Kunst, Wissenschaft, Politik und Journalismus auf die Suche nach der Wahrheit im postfaktischen Zeitalter. 

Steht die Wahrheit in Zeiten von Fake News und postfaktischer Politik auf verlorenem Posten? Was bedeutet überhaupt Wahrheit? Die Box des Luzerner Theaters stand am Samstag ganz im Zeichen dieser kontroversen Fragen.

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem offenen Seminar unter der Leitung von Christine Abbt, Professorin für Philosophie an der Universität Luzern. In ihrem einführenden Referat fokussierte sie auf die philosophische Tradition der Suche nach der Wahrheit. Diese sei gleichbedeutend mit der ständigen Kritik an ebendieser Suche.

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Es gehe darum, einerseits zu erfragen, was ist und was wir wissen können, und andererseits die Art und Weise des Fragens selber immer wieder kritisch zu überdenken. Inspiriert von einem kurzen Textausschnitt Bertolt Brechts über die Wahrheit, wurde anschliessend während fast zweier Stunden rege diskutiert.

Darüber, dass man die eine wirkliche Wahrheit niemals finde, waren sich alle einig. Es gehe viel mehr darum, sich in einem, allen zugänglichen, offenen und transparenten Diskurs immer wieder eine gemeinsame Wahrheit zu erarbeiten, ohne dabei relativistisch zu werden.

«Es braucht Engagement von jedem Einzelnen»

Dass dieses ständige Ringen um Wahrheit kein einfacher und bequemer Weg ist, wurde auch in der anschliessenden Podiumsdiskussion thematisiert. Moderiert vom leitenden Dramaturgen des aktuell in der Box aufgeführten Stücks «Der unzerbrochene Krug», Hannes Oppermann, diskutierten Prof. Dr. Christine Abbt, der MAZ-Studienleiter Beat Rüdt, die grüne Luzerner Grossstadträtin Korintha Bärtsch, der Spoken Word-Künstler Roland Jurczok und der Journalismusstudent Armin Stalder. Und zwar über die Bedeutung der Wahrheit in den unterschiedlichen Sphären Wissenschaft, Journalismus, Politik und Kunst.

 «So einen ehrwürdigen Journalisten, wie Sie ihn beschreiben, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.»
Roland Jurczok

In einer komplexen, medialen Welt brauche es von jedem Einzelnen ein persönliches Engagement, sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen. Die Meinungen über die Rolle des Journalismus gingen dabei etwas auseinander. Beat Rüdt anerkennt zwar eine Parteilichkeit von gewissen Zeitungen. Auf Oppermanns Vorschlag, alle müssten also mindestens zwei Zeitungen lesen, um diese Parteilichkeit zu umgehen, antwortete Rüdt jedoch etwas schönmalerisch, das sei die Aufgabe, die der Journalist schon erbracht hätte.

Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Christine Abbt, Beat Rüdt, Moderator Hannes Oppermann, Korintha Bärtsch, Roland Jurczok und Armin Stalder (v.l.).

Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Christine Abbt, Beat Rüdt, Moderator Hannes Oppermann, Korintha Bärtsch, Roland Jurczok und Armin Stalder (v.l.).

(Bild: Daniela Herzog)

Diese Aussage sorgt nicht nur für Schmunzeln im Publikum, sondern auch bei Roland Jurczok, der mit seinem Kommentar «So einen ehrwürdigen Journalisten, wie Sie ihn beschreiben, habe ich schon lange nicht mehr gesehen» die Naivität von Rüdts Aussage deutlich macht.

«Mit einem differenzierten, sachlichen Text erreicht man politisch nichts. Es braucht kurze knappe Schlagworte.»
Korintha Bärtsch

Zwischen polemischer Propaganda und sachlicher Differenziertheit

Genauso angriffslustig und überspitzt, wie sie ihre Parteiparolen gestaltet, tritt Korintha Bärtsch in die Diskussion ein: «Es ist nicht so, dass wir die Wahrheit suchen, wir haben sie schon gefunden.» Auf Oppermanns Nachfrage, wo sie diese denn gefunden hätte, erklärt sie ihren Begriff der Wahrheit im Sinne von Interessen der Partei, die man vertrete.

Mit einem differenzierten, sachlichen Text erreiche man politisch nichts, es brauche kurze, knappe Schlagworte, so Bärtsch. Christine Abbt kontert und nimmt Bärtsch dabei in die Pflicht: Nicht alle komplexen Sachverhalte könnten in einen kurzen, knackigen Satz verpackt werden, nur um potentielle Wählerinnen damit zu füttern. «Man hat eine Verantwortung dafür, welche Sprache man verwendet», so Abbt weiter. Bärtsch relativiert daraufhin ihre Aussage und gesteht, dass sie selber oftmals in einem Dilemma sei.

Podium ist selber in einer Blase

Schliesslich sind sich alle einig, dass es mehr Qualitätsjournalismus brauche und weniger oberflächliche, unreflektierte Newsmeldungen. Doch wer verhindere das dann, fragt eine konsternierte Stimme aus dem Publikum. «Wenn sich doch alle so einig sind, wieso gibt es dann diesen Trend hin zu Kurzmeldungen?». Das kritische Votum aus dem Publikum traf den wunden Punkt der Diskussion.

Interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer am offenen Seminar.

Interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer am offenen Seminar.

(Bild: Daniela Herzog)

In ihrem Gespräch schienen die Teilnehmenden nämlich blind dafür zu sein, dass ein Grossteil der Leute solche Shortnews nachfragen würden. Dabei merkten sie nicht, dass sie selber bereits in einer Art Filterblase sind und dabei einen wichtigen Aspekt in der Erarbeitung der Wahrheit vergassen, nämlich die ständige Konfrontation mit Fremden und Andersdenkenden, um tatsächlich mit anderen Positionen herausgefordert zu werden.

Vielleicht fehlte neben den vier vertretenen Sphären auch eine Vertretung der allseitig präsenten Ökonomie auf dem Podium.

Sphären überschneiden sich

Obwohl diese Sphären zwar einen jeweils eigenen Zugang zur Frage nach der Wahrheit hätten, könne man sie nicht eindeutig voneinander trennen, so Christine Abbt. Es gäbe immer wieder Überlappungen, Bespielungen und gegenseitige Provokationen.

Ein Paradebeispiel einer solchen Überschneidung fand sich dann auch in der anschliessenden Performance des Spoken Word-Künstlers Jurczok. Vor wenig Publikum überzeugte er nicht nur mit seinen rhythmischen und gefühlvollen Spoken Beat-Darbietungen, sondern bestach in seinem neuen Programm Jurczok 1001 auch mit ganz unterschiedlichen Darstellungsformen und irritierenden Brüchen.

Von Köppel-Parodie bis zum Buchpreis-Eklat

Von Köppel-Parodie über Shirt-Lyrik bis hin zum ungekünstelten Kommentar zum Buchpreis-Eklat war alles dabei. Jurczok gelingt es damit, das Publikum zu unterhalten und zum Denken anzuregen. Und gleichzeitig schafft er es, die aus den unterschiedlichen Sphären produzierten Wahrheiten elegant zu verbinden.

Es gibt nicht die eine Wahrheit und es gibt auch nicht unendlich viele Wahrheiten. Aber es gibt das gemeinsame Arbeiten an einer offenen und transparenten Wahrheit.

Spoken-Beat Performance von Roland Jurczok (Bild) zum Abschluss.

Spoken-Beat Performance von Roland Jurczok (Bild) zum Abschluss.

(Bild: Daniela Herzog)

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