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«Es gibt keinen Zuger Kulturkuchen»
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Braucht es Kulturförderung? Kunst gibt es auch ohne sie, sagt Jacqueline Falk, die Kulturbeauftragte. Aber die Zuger wollen Kultur zu einem Teil ihres Lebens machen. Und können es sich leisten. (Bild: fam)

Jacqueline Falk im Interview «Es gibt keinen Zuger Kulturkuchen»

5 min Lesezeit 28.07.2014, 12:00 Uhr

Macht sie Kunst von oben? Die Kulturbeauftragte der Stadt Zug sagt: Das geht gar nicht. Und spricht darüber, weshalb aus Zug verschwinden muss, wer finanziellen Erfolg haben will. Und worin die Zuger Künstler besonders gut sind.

zentral+: Seit acht Jahren sind Sie schon die Kulturbeauftragte der Stadt Zug und haben in dieser Zeit viele erfolgreiche Plattformprojekte für Künstler umgesetzt. Zu viele, wurde moniert: Die Stadt mache Kultur von oben. Stimmt das?

Jacqueline Falk:  Kritik ist wichtig und gibt es immer. Ich glaube aber nicht, dass man Kultur von oben machen kann: Wo nichts da ist, kann man auch nichts erzwingen. Kultur ist absolut intrinsisch motiviert: Es gibt fast kein Geld dafür. Und in den meisten Fällen auch keinen Ruhm. Wer Kunst macht, der macht es, weil er oder sie das aus sich heraus machen möchte. Wir schauen, was da ist, und bieten für die Zuger Kulturschaffenden Plattformen – zum Beispiel Ausstellungs- und Auftrittsmöglichkeiten.

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Von gleicher Stelle kam auch die Kritik, dass wir zu viele Zwischennutzungen machen. Es entspricht der Kulturstrategie 2009-2014 und dem Kulturleitbild des Stadtrates, dass wir Zwischennutzungen ermöglichen. Man möchte Fälle wie das Theilerhaus vermeiden, das seit rund 25 Jahren leer steht. Und wir machen Zwischennutzungen ja nur in städtischen Liegenschaften, die sonst leer stehen würden. Wir wollen damit auch ein Vorbild sein für Private.

zentral+: Sie würden sich wünschen, dass es mehr Zwischennutzungen auf Eigeninitiative gäbe?

Falk: Ja, genauso wie jetzt etwa bei der Zwischennutzung «Chez Nussbaumer» des Vereins «Zwischenkult». Ich finde es höchst erfreulich, wenn solche Projekte von Kulturschaffenden gestartet werden. Meistens ist es aber so, dass Privatbesitzer lieber einen zahlenden Mieter haben, und den finden sie in Zug fast in jedem Fall.

zentral+: In Sachen Kunst läuft viel in Zug, die grosse Nase an der Wand des Hauses Zentrum ist nur ein Beispiel, Zwischennutzungen wie «Tom Bola» oder «Reactivate! Art in Public Space» machen die Stadt zur Ausstellung. Werden Sie damit wieder zur Kuratorin, die Sie früher waren?

Falk: Wir haben eine Jury und externe Kuratorinnen. In der Ankenwaage oder im Haus Zentrum luden wir viele Künstler ein oder bekamen Bewerbungen, aber eine eigentliche Auswahl machten wir nicht.

zentral+: Weshalb braucht eine Stadt wie Zug Kulturförderung?

Falk: Kunst gibt es auch ohne Förderung, etwa in armen Städten wie Buenos Aires, wo die Stadt Zug zusammen mit anderen 26 Städten der SKK ein Atelier hat. Die Zuger können und wollen sich aber Kulturförderung leisten, viele sind selber kulturell tätig oder wollen Kultur in ihrem Leben haben. Stadtpräsident Dolfi Müller hat nach seinem Amtsantritt eine neue städtische Kulturstrategie initiiert. Der Stadtrat hat diese Kulturstrategie abgesegnet und wir arbeiten das seitdem ab, das ist unser Auftrag.

zentral+: Hat sich viel verändert in den acht Jahren, in denen Sie Kulturchefin sind?

Falk: Die Kulturschaffenden haben leichteren Zugang zu unseren Dienstleistungen als früher, sie haben weniger Berührungsängste. Was wir machen ist eigentlich vor allem das: Wir bauen Hindernisse ab, die für die Kulturschaffenden demotivierend sind.

zentral+: Zug bringt nicht viele international bekannte bildende Künstler oder Musiker hervor, was ist der Anspruch der Zuger Kulturförderung?

Falk: Sicher nicht, dass Kassenschlager produziert werden, wie die Schweizer Filmförderung das versucht hat. Unser Anspruch ist, dass wir die Künstler vernetzen. Denn was der Kulturszene fehlt, ist eine starke Lobby. Wir unterstützen die Leute dabei, ihre Interessen zu formulieren, Vereine zu gründen und ihre Ideen umzusetzen. Die Wahu!-Bar in der Galvanik etwa ist ein wunderbares Projekt: Da organisieren Musiker eine Bühne für andere Musiker. Oder die Kunstpause, an der immer wieder neue Künstler entdeckt werden können. Solche Projekte unterstützen wir entweder finanziell oder indem wir ihnen beratend zur Seite stehen.

zentral+: Weshalb muss die Stadt so etwas anbieten?

Falk: Die Zuger Stadtverwaltung hat eine Tradition der Offenheit und der Bürgernähe, das soll auch in der Kultur so sein: Man kann jederzeit mit der Verwaltung Kontakt aufnehmen. Kann uns anrufen und seine Idee mitteilen. Wir helfen dabei, die Idee zu verwirklichen, indem wir den Leuten etwa sagen, wie sie Gesuche schreiben müssen, wie sie sich organisieren können, um mehr Gewicht zu bekommen.

zentral+: Muss man zum Kulturkuchen gehören, um die Unterstützung der Stadt zu bekommen?

Falk: Es gibt keinen Kulturkuchen, oder besser: Er wird immer wieder durchbrochen und neu aufgemischt. Natürlich gibt es Leute, die etwas mehr den Durchblick haben über unsere Prozesse, weil sie bei etablierten Institutionen und Vereinen arbeiten und oft mit der öffentlichen Hand tun haben. Aber es können alle Kulturschaffenden an uns gelangen, und wir tun auch viel dafür, dass die ganz jungen Künstler unser Angebot überhaupt wahrnehmen.

zentral+: Gibt es Bereiche, in denen die Zuger Kulturschaffenden besonders gut sind?

Falk: In der Musik, würde ich sagen. Das liegt an den fantastischen Musikschulen der Stadt, fast jeder Jugendliche lernt ein Instrument. So entstehen sehr gute Bands.

zentral+: Trotzdem bringen sie es auf dem Schweizer Parkett meist nicht besonders weit.

Falk: Ja, aber was ist Erfolg? Kultur ist Lebensqualität, und wenn es in Zug Konzerte gibt mit guten Bands, und es sind Leute da, die sie gerne hören, dann ist das Erfolg. Wenn ein Künstler national und international professionellen und finanziellen Erfolg haben will, dann muss er aus Zug weg.

zentral+: Starke Worte für die Kulturchefin der Stadt. Ist das nicht frustrierend?

Falk: Überhaupt nicht. Umso schöner, wenn sie nachher wieder zurückkommen. Michael Elsener ist ein gutes Beispiel: Er ist ein erfolgreicher Komiker, der auf eignen Beinen steht – er ist nicht auf Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen. Elsener ist ein grosses Talent und hat seine Nische gefunden.

zentral+: Was ist Ihr grösster Erfolg als Kulturchefin der Stadt Zug?

Falk: Die Galvanik. Sicher. Dass es geklappt hat mit dem Wiederaufbau- und Neubau nach dem Brand. Aus dem kleinen Verein ist mittlerweile eine anerkannte Institution geworden. Die Galvanik geniesst einen starken Rückhalt.

zentral+: So viele Zwischennutzungen, Projekte, Chancen, die Sie packen wollen. Haben Sie nicht schlicht zu viel Energie für die Stadt?

Falk: Nein, gar nicht, und: Zu viel Energie kann man gar nicht investieren. Das Spannende an Zug ist die Basis: Es sind so viele Leute da, die sich ehrenamtlich kulturell engagieren wollen. Da kann viel entstehen. Und diese vielen Projekte und Plattformen, die sind aufwändig zu organisieren, aber die Zusammenarbeit und Netzwerke, die da zwischen den Kulturschaffenden und der Bevölkerung entstehen, sind wirklich toll.

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