«Es gibt ganz viele Menschen, die alles verloren haben»
  • Gesellschaft
Die Explosion zerstörte grosse Teile der Stadt. (Bild: zvg)

Nach Explosion in Beirut «Es gibt ganz viele Menschen, die alles verloren haben»

3 min Lesezeit 2 Kommentare 06.08.2020, 05:00 Uhr

Die gewaltige Explosion in Beirut forderte viele Todesopfer. Der Libanon war vorher schon durch Inflation, Regierungskrise und Corona gebeutelt. Deshalb müssten andere Staaten nun mithelfen, sagt Jessica Mor-Camenzind, die mehrmals pro Jahr mit ihrem Zuger Lebenspartner Matthias Luchsinger in das Land reist.

Am Hafen von Beirut ist es am Dienstag zu einer Explosion mit enormer Sprengkraft gekommen. Sie zerstörte grosse Teile der Stadt und tötete Dutzende Menschen. Tausende sind verletzt. Jessica Mor-Camenzinds Mutter ist Libanesin. Mit ihrem Lebenspartner, dem Zuger Matthias Luchsinger, reist sie regelmässig in ihre Heimat, um vor Ort zu helfen.

Jessica Mor-Camenzind ist Mitgründerin von Swiss4Lebanon.

zentralplus: Frau Mor, wie haben Sie vom Unglück in Beirut erfahren?

Jessica Mor: Unmittelbar nach der Explosion haben Freunde und Partnerorganisationen vor Ort per Whatsapp geschrieben. Ich versuchte sofort, meine Familie zu erreichen, doch das ging nicht. Die Situation war völlig chaotisch. Wir haben letzte Nacht nicht geschlafen, standen total unter Schock. Man weint, ist ohnmächtig.

zentralplus: Wie geht es Ihrer Familie, haben Sie das mittlerweile herausgefunden?

Mor: Meine Cousine wohnt direkt am Hafen. Sie wurde schwer verletzt ins Spital gebracht. Ihre Freundin, die mit ihr in der Wohnung war, hat es nicht überlebt. Sie starb. Ich habe viele Cousins und Cousinen im Libanon, die meisten von ihnen leben in Beirut. Ein grosser Teil meiner Familie wohnt zum Glück etwas ausserhalb, ihnen geht es gut.

zentralplus: Wie sieht die Lage generell in Beirut aus?

Mor: Ich habe gehört, die Stadt gleiche einer «Warzone», es sehe schlimmer aus als im Krieg. Ganz viele haben ihr Heim verloren. In Beirut leben die Menschen auf engstem Raum. Es gibt deshalb ganz viele Schicksale, die alles verloren haben. Man fragt sich: Was müssen diese Menschen noch alles ertragen?

Viele Menschen verloren beim Unglück ihr Zuhause. (Bild: zvg)

zentralplus: Was bedeutet dieses Unglück für die Libanesen?

Mor: Den Leuten ging es schon vorher nicht gut. Sie hungern, haben keinen Job und kein Geld. Und jetzt das. Die politische Situation war schon vorher schlimm, die Regierung ist sehr korrupt. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass auch ausländische Staaten helfen. Das Land ist bankrott, womit sollen die zerstörten Häuser wieder aufgebaut werden? Auch der Hafen, wo sonst die Hilfsgüter ankommen, ist zerstört.

Der Hafen von Beirut gleicht einem Trümmerfeld. (Bild: zvg)

zentralplus: Gibt es denn gar keinen Lichtblick?

Mor: Doch. Wir Libanesen sind Stehaufmännchen. Auf Social Media ist die Solidarität schon jetzt gross. Libanesen sind sehr familiär. Sie bieten jenen, die ihr Heim verloren haben, einen Platz in ihrem Zuhause an. Es wurde zum Blutspenden aufgerufen. Auch ich habe nach dem ersten Schock gleich begonnen, die Soforthilfe zu starten.

zentralplus: Wie helfen Sie?

Mor: Wir haben schnell entschlossen, Soforthilfe zu leisten. Auf unserer Internetseite haben wir bereits eine Spendenaktion gestartet. Wir wollen erstmal mit wesentlichen, einfachen Dingen helfen: Vorhänge, Blachen, Schutzhandschuhe, Trinkwasser. Wir sind ausserdem dran, Hilfe vor Ort zu organisieren. Es ist allerdings ein Tropfen auf den heissen Stein, deshalb ist die Hilfe anderer Staaten so wichtig.

zentralplus: Werden Sie jetzt schnellstmöglich nach Beirut reisen?

Mor: Wir wollten eigentlich im März runter. Doch da kam Corona. Dann haben wir die Reise auf September verschoben. Schweizer dürfen aber nicht einreisen – wegen Corona. Ich weiss aber auch: Mich braucht es jetzt hier in der Schweiz.

Der Wiederaufbau wird lange dauern. (Bild: zvg)
Zur Person

Jessica Mor-Camenzind ist Schweizerin mit libanesischen Wurzeln und wohnt in Zürich. Sie ist Mitgründerin verschiedener Hilfsorganisationen, darunter auch Swiss4Lebanon und Swiss4Syria. Die Mutter von zwei Kindern hat an der Hotelfachschule in Luzern studiert und war anschliessend im Marketing-Bereich tätig. Mehrmals im Jahr reist sie mit ihrem Lebenspartner Matthias Luchsinger in den Libanon.

Jessica Mor-Camenzind ist Mitgründerin verschiedener Hilfsorganisationen. (Bild: zvg)

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2 Kommentare
  1. Silvan Studer, 06.08.2020, 11:10 Uhr

    Ja, schlimme Sache.
    Aber eigentlich fand ich an Z+ bisher immer sehr angenehm, dass man sich auf regionale Themen beschränkt hat.
    Das ist trotz Frau Mor-Camenzind kein regionales Thema.

  2. Sandra Klein, 06.08.2020, 08:02 Uhr

    Danke für diesen Bericht! Ich bin erschüttert über dieses Unglück.

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