«Es gibt die Angst vor leeren Hörsälen»
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Vorlesung der Universität Luzern: Ab September kann man hier auch Wirtschaft studieren.  (Bild: zvg) (Bild: zvg)

Umbruch bei Uni und Hochschule «Es gibt die Angst vor leeren Hörsälen»

6 min Lesezeit 04.05.2015, 14:14 Uhr

Heimisches Büro statt ferner Vorlesungssaal: Immer mehr Studieninhalte können von zu Hause aus bearbeitet werden. Auch an der Hochschule und an der Universität Luzern setzt man immer häufiger auf Online-Angebote. Mit unklaren Auswirkungen auf die Beschäftigten.

Die Bildungslandschaft ist in Bewegung. Kursplattformen und Youtube bieten mittlerweile Lernhinhalte zu allen möglichen Themen. Auch Universitäten folgen dem Trend und setzen vermehrt auf Videos. «Das Internet und die elektronischen Medien verändern den Lernprozess», sagt Walter Schmid von der Hochschule Luzern. Er ist Direktor des Departements Soziale Arbeit und koordiniert an der Hochschule Luzern übergreifend das Ressort «Lehre».

«Den alten Bibliothekskatalog braucht heute niemand mehr.»

Walter Schmid, Koordinator «Lehre» an der HSLU

Die Informationsbeschaffung, die Wissensvermittlung, das Lernen selbst – alles werde individueller. «Den alten Bibliothekskatalog braucht heute niemand mehr.»

Per Fernkurs zum Diplom

Inzwischen kommt man in Luzern auch ohne Vorlesungen zum Diplom. «Alternativ zum Präsenzstudium bietet die Theologische Fakultät der Universität Luzern seit Herbst 2013 das Bachelorstudium Theologie als Fernkurs an», erklärt Paul Richli, Rektor der Universität Luzern.

Nicht nur die Kursunterlagen könne man online herunterladen. Im Hinblick auf das Fernstudium seien einige Hörsäle für Podcasting eingerichtet worden. So könnten die Studenten sämtliche Vorlesungen jederzeit in Form von Podcasts zuhause oder unterwegs ansehen.

Zudem würden sich Dozierende und Fernstudierende auch zu anderen Veranstaltungen wie Seminaren oder Sprachkursen online treffen. Lediglich für die Eröffnungsveranstaltung, einzelne Anlässe und Prüfungen kämen die Studenten an die Universität. Laut Richli erfreut sich diese «Innovation» grosser Beliebtheit.

Hochschule ist der Uni eine Nasenlänge voraus

Noch weiter geht die Hochschule Luzern (HSLU). Sie setzt Multimedia-Tools auf Online-Basis schon länger in allen Fachgebieten ein. «Die Praxis der Arbeitswelt, mit der wir im regen Austausch stehen, verlangt das von uns», betont Walter Schmid von der HSLU.

Eine Sinn- und Kostenfrage

Wegen hoher Produktionskosten verzichtet man an der Uni und der HSLU auf das Angebot sogenannter «Massive Open Online Courses» (Moocs). Die Erfahrungen mit ganzen Online-Studiengängen würden ausserdem nur eine geringe Abschlussquote aufweisen. «Solche Moocs dienen vor allem Werbezwecken», meint Uni-Rektor Paul Richli. Vor allem grosse technische Universitäten, wie die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne, (EPFL) würden damit ihre Studiengänge international bewerben. Richli weist auf die Unterschiede der Schulen und Studiengänge hin. «Wir sprechen ein eher regionales und nationales Publikum an, für uns machen Moocs wenig Sinn».

Das sei an der HSLU halt schon anders als an der Uni, wo hauptsächlich Geisteswissenschaften gelehrt würden, meint Schmid. «Der praxisorientierte Ansatz der HSLU fördert per se den Einsatz moderner Tools zur Wissensvermittlung.»

Dabei reicht die Spannweite vom reinen Online-Kurs bis zum Einsatz modernster Software als didaktische Methode. Zu dieser Entwicklung trage das neue Informatik-Departement natürlich massgeblich bei, erwähnt Schmid.

Bei den Departementen Informatik, Design, Technik und Architektur ist dieser Ansatz besonders augenfällig. Aber auch in der Studienrichtung Wirtschaft bietet die HSLU ganze Online-Kurse und Online-Seminare an. Sogar ein webbasiertes Planspiel zum Thema Verkehrs- und Siedlungsplanung wird zu Lernzwecken eingesetzt.

Rolle des Professors im Umbruch

Ist das Internet also eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Professoren? «Nein», findet Paul Richli, Rektor der Universität Luzern. «Das Internet vermag gute Dozenten im Kontaktunterricht nicht zu ersetzen.» 

Dennoch geht die Entwicklung nicht spurlos am Lehrkörper vorbei. «Die Rolle des Dozenten verändert sich, das ist nicht von der Hand zu weisen», räumt Walter Schmid von der HSLU ein.

«Das Internet vermag gute Dozenten im Kontaktunterricht nicht zu ersetzen.»

Walter Schmid, Hochschule Luzern

«Die digitale Revolution betrifft vor allem die Instrumente zur Vermittlung der Lerninhalte, weniger den Stoff selbst.» Die neuen Technologien würden gezielt als Ergänzung eingesetzt. «Wir machen nicht jeden Gag mit, nur weil es modern ist». Die Qualität der Lehre stehe noch immer im Vordergrund. Und da müsse die Kompetenz im Umgang mit diesen neuen Instrumenten laufend sichergestellt und weiterentwickelt werden. «Nicht alle Dozenten sind digital gleich unterwegs», so Schmid.

Trotzdem, so ist auch Schmid der Meinung, werde das Internet die Präsenzveranstaltung nie ganz abschaffen können. «Der persönliche Kontakt und Austausch unter den Studenten und mit den Dozenten wird immer sehr wichtig bleiben.» Gerade im Bereich der praxisbezogenen Weiterbildung – einem wichtigen Aufgabenbereich der HSLU also – würde das von allen Seiten auch sehr geschätzt.

Grenzen werden aufgehoben

Allerdings würden die Grenzen zwischen den Unterrichtsformen zunehmend verwischt, sind sich sowohl Richli als auch Schmid einig. Die Zukunft gehöre wohl einer Mischform, dem sogenannten «blended learning». Bei dieser didaktischen Form wechseln sich Präsenzlernen und Phasen von Online-Lernen ab. 

«Es gibt hie und da Angst vor leeren Hörsäälen.»

Wolfgang Schatz, akademischer Direktor «Lehre und Forschung» an der Universität Luzern

«Die technischen Hilfsmittel und didaktischen Konzepte dazu stehen allen Dozenten zur Verfügung», erklärt Wolfgang Schatz, akademischer Direktor und zuständig für Lehre und Forschung an der Universität Luzern. Die Nutzung sei unterschiedlich und noch eher gering. Schatz erwähnt, dass sich nicht jeder Dozent damit anfreunden könne, seine Vorlesungen aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen (siehe Box). «Es gibt hie und da Angst vor leeren Hörsälen.»

Nutzen wird in Frage gestellt

Bevor man weitere Pilotversuche, unter anderem mit Podcasts, plane, wolle man erst die Erfahrungen mit dem Fernstudium Theologie genau auswerten, verrät Richli. «Auf eine flächendeckende Einführung von Online-Learning aber verzichten wir.»

Die Frage, ob man sich mit der Modernisierung des Lehrbetriebs schwer tue, verneint der Rektor der Universität Luzern. «Die strukturierten Studiengänge erlauben «distance learning» schon heute.» Richli zufolge ist eine durchgehende Anwesenheit bei den meisten Lehrveranstaltungen schon lange keine Voraussetzung mehr für einen erfolgreichen Abschluss.

Im Falle des Theologiestudiums seien die Podcasts ein «adäquates Mittel», um Interessenten anzusprechen. Dieses Angebot komme den «Quereinsteigern und Spätberufenen», die das Studium auf dem dritten Bildungsweg anpacken, speziell entgegen. «Damit reagieren wir auf die Veränderungen im kirchlichen Umfeld.»

Zögerliche Annäherung

Vorerst begnügt man sich mit kleinen Schritten. Gemäss Richli steht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät die Einführung der elektronischen Prüfungen am Computer bevor.

«Zu einer guten Ausbildung gehört weit mehr als reine Wissensvermittlung.»

Wolfgang Schatz, Universität Luzern

Es scheint, als schreite die digitale Revolution in Luzern auf leisen Sohlen voran. «Wir sehen keinen Zeitdruck aus Wettbewerbsgründen», so Richli. Und weil man im Bereich der Lehrveranstaltungen keine Platzprobleme habe, dränge sich auch eine Erweiterung des Schulzimmers in den digitalen Raum nicht auf.

Die Möglichkeit, aus der Ferne einen Abschluss zu machen, sei für die Universitäten noch nie problematisch gewesen, bestätigt Wolfgang Schatz, akademischer Direktor und zuständig für Lehre und Forschung an der Universität Luzern. «Fernuniversitäten gibt es schon seit 200 Jahren.»

Die alte Idee der Fernuniversität erhalte nun durch den technischen Fortschritt neuen Aufwind, sagt Schatz. Solche Studiengänge würden aber die Ausbildung an einer «richtigen» Universität oder Fachhochschule nie ersetzen, sondern seien ein Angebot für eine spezielle Zielgruppe. «Zu einer guten Ausbildung gehört weit mehr als reine Wissensvermittlung.»

Podcast-Verbot im Jusstudium

An der rechtswissenschaftlichen Fakultät ist man kein Fan von Podcasts. Studenten, die Vorlesungen ins Netz stellen, drohen seit Herbstsemester 2013 happige Sanktionen bis hin zum Ausschluss.

Probleme mit dem Datenschutz

Der Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät, Felix Bommer, begründete dies gegenüber Radio «3Fach» damals mit dem Datenschutz: «Entsprechende Bestimmungen besagen, dass, wenn die Einwilligung des betroffenen Dozenten nicht vorliegt, solche Aufnahmen unzulässig sind.»

Eine Gefahr für die Lehre

Allerdings will auch die Fakultät selbst ihren Studenten keine Podcasts anbieten, obwohl die technischen Voraussetzungen dafür vorhanden sind: «Wir befürchten, dass dies zu langweiligen und trockenen Vorlesungen führen würde», so Bommer damals. Überdies könnten vereinzelt Hörsääle leer bleiben.

Es gäbe sicher einen Bedarf für Podcasts, da diese die Flexibilität und Selbstständigkeit der Studenten erhöhen würden, räumt Uni-Rektor Paul Richli ein, betont aber: «Unsere Professoren geniessen Lehrfreiheit und können Anekdoten erzählen, was sie vielleicht zurückhaltender tun würden, wenn es Podcasts gäbe.» Und: «Dann werden kritische Inhalte, Aussagen und Diskussionen unterlassen, die für die Lehre wichtig, aber nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt sind.»

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