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«Es gibt Angehörige, die den Tod nicht wahrhaben wollen»
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Die Zugerin Gaby Burch begleitet seit 10 Jahren Menschen in ihrem Sterbeprozess. (Bild: asc)

Porträt einer Zuger Sterbebegleiterin «Es gibt Angehörige, die den Tod nicht wahrhaben wollen»

8 min Lesezeit 08.01.2014, 06:01 Uhr

Gaby Burch ist seit 10 Jahren für den Verein Hospiz Zug als Sterbebegleiterin tätig. Für zentral+ berichtet sie von ihren Erfahrungen. «Der sterbenskranke Mensch spürt meistens, wenn es mit seinem Leben zu Ende geht», sagt die zweifache Mutter.

«Sterben ist sehr individuell», sagt die Zugerin Gaby Burch. Die 53-Jährige ist seit 10 Jahren für das Hospiz Zug tätig. Sie begleitet schwerkranke und sterbende Menschen. «Manchmal braucht es sehr viel, bis ein Mensch sterben kann. Umgekehrt kann der Tod auch schnell und überraschend kommen. Die Frage, warum einige Menschen sanft und friedlich sterben dürfen und andere leiden müssen, können wir Menschen nicht beantworten. Vielleicht hat die Art und Weise des Sterbens auch etwas damit zu tun, wie man sein Leben gelebt hat. Ich persönlich glaube, dass das Sterben auch eine Sache des Vertrauens ist.»

Gaby Burch sitzt in einem Zuger Café. Sie ist eine aufgeschlossene, fröhliche Frau, die oft und herzlich lacht. Die zweifache Mutter gehört zu einer Gruppe von 25 Freiwilligen, die im Auftrag von Hospiz Zug tätig sind. «Wir werden gerufen, wenn Angehörige an ihre Grenzen kommen. Wir unterstützen auch das Personal in Pflegeheimen und Spitälern», erklärt Burch. Die Freiwilligen wissen über die Familienverhältnisse, die Krankheit und das Alter des Patienten Bescheid. Sie sind zwischen 22 Uhr am Abend und 5 Uhr am Morgen für die sterbenskranken Menschen und ihre Angehörigen da.

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Angehörige erzählen ihr Leid

«Wer Sterbende begleitet, sollte Empathie und Lebenserfahrung mitbringen. Man muss gut im Leben stehen», weiss Burch. Sie leistete viele ihrer Freiwlligen-Einsätze bei den Patienten zuhause. Auf einen bevorstehenden Einsatz bereitet sie sich bewusst vor: «Ich achte darauf, dass ich mich abgrenze und keine Sorgen mitnehme. Beim Patienten daheim stelle ich mich vor und sage zu ihm, dass ich nun eine Nacht lang für ihn da sein werde», so Burch. Oft ergebe sich auch ein Gespräch mit den Angehörigen.

In erster Linie gehe es darum, ihnen zuzuhören. «Sie erzählen uns oft von sich und ihrem Leid, das sie erleben. Vielfach sind es sehr intime Sachen, die wir von ihnen erfahren. Es sind Erlebnisse, die ihnen schon lange auf dem Herzen liegen, die sie aber bisher nicht aussprechen konnten.» Vielleicht sei es für die Angehörigen einfacher, ihre Sorgen und Lebensgeschichten einer fremden Person zu erzählen. «Menschen in Trauer zu begleiten, ist sehr anspruchsvoll. Sie befinden sich in einer speziellen Lebenssituation, auf die sie sich nicht vorbereiten konnten. Wichtig ist dann vor allem, dass wir uns zurück nehmen und für sie da sind», erklärt die langjährige Sterbebegleiterin.

«Wir erleben immer wieder Angehörige, die den Tod nicht wahrhaben wollen.»

Gaby Burch hat in den 10 Jahren viele wertvolle Erfahrungen gesammelt. «Der sterbenskranke Mensch spürt meistens, dass es mit seinem Leben zu Ende geht», sagt sie. Schwieriger sei es manchmal mit den Angehörigen. «Wir erleben immer wieder Angehörige, die den Tod nicht wahrhaben wollen. Oft sind sie diejenigen, die klammern und nicht loslassen können.» Eine Aufgabe der Freiwilligen bestehe auch darin, zu spüren, ob der Tod in der Familie schon ein Thema sei.

Hospiz Zug

Das Hospiz Zug wurde 1992 als Freiwilligen-Organisation gegründet. Die 25 Freiwilligen begleiten schwerkranke und sterbende Menschen zu Hause, in Spitälern und in Heimen. Die Begleitung richtet sich nach den Bedürfnissen und Rechten der sterbenden Menschen und seiner Angehörigen. Hospizarbeit schliesst aktive Sterbehilfe aus.

Die Einsätze sind kostenlos. Der Verein Hospiz Zug deckt seine Kosten durch Mitgliederbeiträge und Spenden. Wer die Dienste von Hospiz Zug in Anspruch nehmen oder sich darüber informieren möchte, kann sich an die Einsatz- und Informationszentrale unter der Nummer 079 324 64 46 wenden. Weitere Informationen sind unter www.hospiz-zug.ch zu finden.

Die Erfahrung zeige, dass es manchmal ein paar Nächte brauche, bis die Familienmitglieder bereit für solche Gespräche seien. «Wir stellen auch vermehrt fest, dass eine der zwei Seiten die andere schützen will. Sie wissen genau, wo sie stehen, meinen aber, sie dürften nicht gemeinsam darüber reden. Wenn dies der Fall ist, versuchen wir zwischen den zwei Parteien zu vermitteln.» Es sei wichtig, dass Angehörige den Sterbenden die Legitimation geben, dass sie gehen dürfen. «Das kann einen Sterbeprozess enorm erleichtern.»

Erlaubnis, um zu sterben

Einem geliebten Menschen die Erlaubnis zu geben, sterben zu dürfen, sei nicht immer einfach. «Ich habe einen 93-jährigen Mann begleitet, der in der Terminalphase war. Der Mann war bereit zum Sterben, doch sein Grosskind wollte das überhaupt nicht wahrhaben», erzählt die Zugerin. Sie habe mit dem 22-Jährigen gesprochen und ihm erklärt, dass sein Grossvater nun schon so lange kämpfe und sich wünschen würde, sterben zu dürfen. «Ich sagte zu ihm, dass es schön wäre, wenn er seinem Grossvater eines Tages erlauben könnte, gehen zu dürfen. Er solle sich dafür Zeit lassen und werde spüren, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sei.»

Der junge Mann habe fest geweint und erwidert, dass dies überhaupt nicht gehe. Um 22 Uhr sei er nach Hause gegangen, doch bereits um 00.30 Uhr sei er wieder im Altersheim erschienen. «Er sass zu seinem Grossvater ans Bett und erklärte ihm, dass er sich darüber Gedanken gemacht habe. Du hattest ein langes und gutes Leben, du darfst nun gehen, waren seine Worte. Sein Grossvater konnte wenige Stunden später sterben.» Gaby Burch hält einen Moment inne. Sie lächelt, als sie an diese Situation denkt.

Sterbebegleitungen sind aber nicht nur schön. Damit sich Gaby Burch bei den Patienten wohl fühlt, nimmt sie immer eine Kerze und eine Wolldecke für sich mit. Nicht immer ist die Atmosphäre angenehm. «Manchmal spürt man eine Kälte, weil vielleicht sehr schwierige Familienverhältnisse vorhanden sind. Wenn der Tod eines Angehörigen naht, können innerhalb einer Familie auch plötzlich Machtspiele auftauchen. Man kann in dieser Situation ganz viel kaputt machen. Man wird dann enorm geprüft und muss neutral bleiben», sagt die 53-Jährige. Auch die Unruhe in der Wohnung oder der Geruch, den eine Krankheit zur Folge haben könne, seien manchmal unangenehm. «Begleitungen, bei denen ich nichts dazu beitragen kann, finde ich emotional schwierig. In solchen Situationen ist man schon sehr alleine und überlegt sich viel. Mittlerweile kann ich besser damit umgehen. Ich denke dann, dass es einen Grund gibt, warum ich da bin.»

Wunsch um 4 Uhr früh: Ein Bier bitte!

Gaby Burch erzählt auch von vielen Erlebnissen, an die sie sich gern erinnert. Besonders schön war für sie die Begleitung eines älteren Mannes. Zwar sagte der Arzt zur Frau, dass ihr Mann in der folgenden Nacht sterben werde. Doch es sollte ganz anders kommen: Das Team von Hospiz Zug hatte den Patienten nach dieser Aussage noch 4 Wochen lang betreut.

«Der grösste Wunsch der Sterbenden ist aber meistens, dass sie keine Schmerzen haben.»

Eines Abends wartete seine Frau an der Tür und sagte zu Gaby Burch: «Sie glauben es nicht, mein Mann lebt immer noch!» Der Mann war sehr betagt und konnte nicht mehr aufstehen. Er bekam viel Besuch von seinen Kindern. «Für mich sah es so aus, dass er das genossen hat. Eines Nachts um 4 Uhr früh habe ich ihn gefragt, was ich ihm noch Gutes tun könnte. Er fragte mich, ob wir nicht zusammen ein Bier trinken könnten. Ich habe zwar Bier überhaupt nicht gern, doch ich ging für ihn eines holen», erzählt die Sterbegleiterin lachend. Der Patient habe sich sehr darüber gefreut. Burch findet es schön, dass solche Momente möglich sind. «Der grösste Wunsch der Sterbenden ist aber meistens, dass sie keine Schmerzen haben. Mit der heutigen Medizin kann man die Schmerzen nicht immer vollständig, aber gut bekämpfen.»

Sterben gehört zum Leben

Gaby Burch erklärt, dass es oft eine Phase gebe, in der Sterbende Angst vor ihrem Tod haben. Was kann man in einer solchen Situation tun? «Ich denke, dass man da einfach durch muss», sagt sie. Die Zugerin erzählt von ihrer Mutter, die sie nach einer schlechten Diagnose gefragt hatte: «Meinst du, dass das Sterben sehr schlimm ist»? Ihre Tochter erwiderte, dass sie ihr diese Frage nicht beantworten könne, jedoch ein tiefes Vertrauen hätte, dass sie gut sterben würde. «Dies hat sie beruhigt und ihr die Sicherheit gegeben, dass ich für sie da sein werde. Meine Mutter war Mitglied bei Exit und ich bin sehr froh, dass das kein Thema geworden ist. Exit wird für mich nie in Frage kommen. Das Sterben gehört für mich zum Leben», betont Burch.

Das Hospiz Zug will nicht mit Exit in Verbindung gebracht werden. «Wir begleiten im Sterben, aber nicht zum Sterben. Wir haben die Haltung, dass Sterben genauso wie die Geburt ein natürlicher Prozess ist. Ich persönlich finde es schade, wenn man sich nicht auf diesen Prozess einlassen kann. Ich verstehe aber, dass es Situationen gibt, in denen Exit eine Lösung sein kann», sagt Burch.

«Es ist ein grosses Geschenk für mich, diesen Moment erleben zu dürfen.»

Einige Menschen sind in der Anwesenheit der Zugerin gestorben. Sie hat jedoch nie den Anspruch, beim Zeitpunkt des Todes dabei zu sein. «Es ist ein grosses Geschenk für mich, diesen Moment erleben zu dürfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist aber sehr klein.» Die Sterbebegleiterin hat festgestellt, dass sich die Atmosphäre im Raum verändert, wenn ein Mensch stirbt. Wir öffnen dann das Fenster, damit die Seele den Raum verlassen kann.» Dies sei jedoch mehr ein symbolischer Akt.

Klar ist: Wer Sterbebegleitungen macht, gewinnt auch viel an Lebenserfahrung. «Ich bin reifer und achtsamer geworden», erklärt Gaby Burch. Sie setze sich intensiver mit ihrem Leben auseinander und achte darauf, dass sie ihre Bedürfnisse berücksichtige. «Ich habe keine Angst vor dem Sterben sondern eher davor, was im Falle einer Krankheit wäre. Ich verspüre Angst, wenn ich mir vorstelle, was ich zurücklassen müsste. Ich möchte schon noch leben. Auf gar keinen Fall möchte ich an einer Maschine sterben», gesteht die 53-Jährige. An ein Leben nach dem Tod glaube sie nicht. «Ich habe auch nicht vor, noch einmal auf die Erde zu kommen. Es ist mir aber wichtig im Leben, dass meine lieben Verstorbenen einen Platz in meinem Herzen haben. Sie geben mir Kraft.»

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