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«Es geht nicht um sterbende Eisbären»
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Mit drei Särgen auf den Schultern zogen die Demonstranten Mitte September durch die Stadt. (Bild: les)

So tickt Luzerner Extinction-Rebellion-Gruppe «Es geht nicht um sterbende Eisbären»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 13.10.2019, 18:11 Uhr

Sie blockieren Strassen und riskieren Festnahmen: Die Aktivisten der Bewegung Extinction Rebellion setzen auf zivilen Ungehorsam, um die Klimapolitik zu verändern. Die Luzerner Gruppe betont: Krawalle wolle niemand.

Sie sitzen auf Strassen, blockieren Brücken und klettern auf Flugzeuge – das alles friedlich und für das Klima. Die Bewegung «Extinction Rebellion» (XR) – zu deutsch: «Rebellion gegen das Aussterben» – hat diese Woche für Schlagzeilen gesorgt. Besonders in London, Paris und Berlin legten die Aktivisten Strassenzüge lahm, dabei kam es auch zu zahlreichen Verhaftungen.

Die Reaktionen sind zwiespältig: Einerseits haben sich Tausende den Protesten angeschlossen, andererseits hinterfragen manche, ob dem Klima damit geholfen ist, wenn Lehrer, Mütter oder Krankenpfleger auf dem Weg zur Arbeit gestört werden. Die Bewegung, Ende 2018 in Grossbritannien gegründet, wird von vielen als radikal bezeichnet.

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XR polarisiert, weil sie den zivilen Ungehorsam als Mittel zum Erfolg beschwört. Darf man die Menschen im Alltag stören, um für eine politische Forderung einzustehen? Muss man gar?

Verzicht auf Plastiksäckli reiche nicht

Besuch im Barfüesser in Luzern. Die lokale Gruppe von XR Luzern hat am Freitagabend zum Vortrag eingeladen. Ein Dutzend Interessierte fand sich im Lokal in der Neustadt ein. In Luzern trat die Bewegung, abgesehen von einem Trauermarsch Mitte September, noch kaum in Erscheinung (zentralplus berichtete). In Bern gab es eine Aktion mit Kunstblut, in Zürich wurde die Limmat grün eingefärbt.

Viele Anwesende sind über 40-jährig, Familienväter und -mütter, berufstätig, besorgt. Vertreter von XR Luzern sprechen über Kippeffekte, den alarmierenden Bericht des Weltklimarates und ihre Kinder. Die Atmosphäre ist locker, es wird auch mal eine witzige Anekdote eingestreut. Die Botschaft hingegen ist deutlich: «Wir haben die moralische Pflicht, zu handeln», sagt Michael Bächtold. «Es reicht nicht, einfach einmal weniger zu fliegen oder Plastiksäckli aus den Läden zu verbannen.»

«Niemand will Krawalle.»

Michael Bächtold, XR Luzern

Anders als die «Fridays-for-Future»-Bewegung setzt XR nicht nur auf Demonstrationen oder Streiks, sondern geht einen Schritt weiter. Ein Aktivist von XR Luzern erzählt, wie er kürzlich bei einer Strassenblockade in Lausanne die erste Anzeige seines Lebens kassiert hat. Das nimmt der Luzerner in Kauf, wenn auch ungern, wie er anfügt. Denn die Aktionen von XR sollen bewusst stören. «Damit die Menschen sich fragen, wieso wir persönlich eine Verhaftung riskieren.»

Im selben Atemzug erwähnen die Aktivisten: Der Protest muss gewaltfrei bleiben. Es ist eines der zehn Prinzipien, denen sich die Bewegung verpflichtet. «Nicht, weil wir nette Hippies sind», sagt Michael Bächtold, «sondern, weil wir überzeugt sind, dass das der Erfolg versprechende Weg ist.» Von gewalttätigen Aktionen distanziere man sich klar. Sogar das Ausbuhen von Polizisten sei bei XR verpönt.

In Luzern spricht man zudem explizit nicht von einem Kampf, sondern vom Einstehen für das Klima. Allzu martialische oder aggressive Ausdrücke liegen der Gruppe fern. «Niemand will Krawalle. Die meisten von uns haben Familie und wünschen sich nichts mehr, als einen friedlichen Übergang in eine stabile Zukunft», sagt Bächtold, selber Familienvater und von Beruf Mathematiker.

In der Tradition von Mahatma Gandhi

Als Vorbilder bezeichnet Extinction Rebellion Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Rosa Parks. «Der zivile Ungehorsam hat als Kampfmittel eine lange Tradition», sagt Daniel Speich Chassé, Professor für Globalgeschichte an der Universität Luzern. «Die grossen Beispiele sind die englischen Suffragetten und ihr Kampf fürs Frauenstimmrecht und Mahatma Ghandi mit der Unabhängigkeit von Indien.» Allerdings weist er darauf hin, dass sich diese historischen Vorbilder in ganz anderen Systemen und Machtstrukturen bewegten, als die Schweiz sie aktuell vorweist.

«In der Schweiz stellt sich die Frage, ob es zivilen Ungehorsam braucht.»

Daniel Speich Chassé, Professor für Globalgeschichte

«In der Schweiz stellt sich die Frage, ob es zivilen Ungehorsam braucht. Die Bevölkerung kann ja mit Volksinitiativen relativ direkt ihre Anliegen einbringen», so Speich Chassé. Interessant sei zudem, wieso mit XR ein neues «Label» nötig sei, da Organisationen wie Greenpeace seit jeher auf zivilen Ungehorsam setzen.

Gleichwohl hält Daniel Speich Chassé fest: «Extinction Rebellion verschiebt die Diskussion und schafft Platz für machbare Forderungen. Was zuvor vielleicht noch als radikal galt, kann innerhalb des Systems dadurch plötzlich moderater wirken. Das ist eine wichtige Funktion.» 

Der Historiker erachtet es als wichtig, dass sich die Bewegung deutlich vom Ökoterrorismus abgrenzt und nicht radikal auftritt. Gerade in der Schweiz könnten wilde Aktionen mit allfälligen Sachbeschädigungen sonst dem Anliegen schaden.

Keine Zeit für eine Volksinitiative

Wieso reichen die Klimaschützer nicht einfach eine Initiative ein, um ihr Ziel zu erreichen? Diese Frage stellte auch ein Besucher am Anlass am Freitagabend in Luzern.

Für eine Volksinitiative zugunsten des Klimas sei es zu spät, antwortet Michael Bächtold. Es dauere Jahre bis zu einer Abstimmung, weitere Jahre, bis entsprechende Massnahmen zum Tragen kämen. Und: Die Vergangenheit zeige, dass etliche Petitionen und Demonstrationen es nicht geschafft haben, dass die Warnungen der Wissenschaft ernst genommen würden.

Manche kritisieren Extinction Rebellion als antidemokratisch. Verantwortlich dafür ist eine Aussage von Roger Hallam, einem der Mitbegründer von XR in Grossbritannien, wonach Demokratie irrelevant werde, wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handle.

Die Vertreter von XR Luzern wehren sich gegen dieses Etikett. Sie wollten keineswegs weniger, sondern mehr Demokratie, sagt Bächtold und verweist auf eine der drei Forderungen von XR: In sogenannten Bürgerversammlungen sollen per Losverfahren ermittelte Personen gemeinsam mit Wissenschaftlern politisch bindende Massnahmen beschliessen.

Extinction Rebellion lud am Freitagabend im Barfüesser in Luzern zur Diskussion.

Die zwei anderen Forderungen lauten: Sofortiges Handeln und die Wahrheit benennen. Dabei geht es XR darum, die Dimension der Klimakatastrophe richtig darzustellen. «Es geht – böse gesagt – nicht um sterbende Eisbären», sagt Bächtold. «Sondern um die Folgen von Dürren, Überschwemmungen und der daraus folgenden Massenmigration: Lange bevor bei uns die Gletscher geschmolzen sind, riskieren wir eine Wirtschaftskrise und einen gesellschaftlichen Zusammenbruch.» Wenn in Teilen der Welt wegen der Klimaerwärmung kein Leben und keine Landwirtschaft mehr möglich seien, drohe ein Kollaps drastischen Ausmasses.

Ob ihre Aktionen kontraproduktiv sein könnten, ist für XR Luzern daher die falsche Frage. «Es geht nicht darum, ob Menschen uns und unsere Aktionen ‹nett› finden – es geht um die Fakten. Und Fakt ist, wenn wir so weiter machen wie bisher, gehen wir zu grosse Risiken ein.» Demonstrationen könne man ignorieren, zivilen Ungehorsam nicht.

Gute Zusammenarbeit mit Klimajugend

Es scheint der grösste Unterschied zwischen den Gruppen XR und Klimastreik zu sein. Und einer, der die Wahrnehmung prägt. Da die brave Klimajugend, dort die radikale XR-Bewegung: Dieser Darstellung begegnet man öfters.

«Unser Ziel ist letzten Endes dasselbe.» 

Klimastreik Zentralschweiz

In Luzern betonen beide Seiten das gute gegenseitige Einvernehmen. «Wir haben grossen Respekt vor den jungen Menschen, die sich mit so viel Fähigkeiten und Engagement für die gleichen Ziele einsetzen», sagt Bächtold. Es habe auch bereits gemeinsame Aktionen gegeben, wie zum Beispiel den Trauermarsch, und man unterstütze auch den Klimastreik vom 18. Oktober in Luzern. Allerdings bleibe der Kern von XR ziviler Ungehorsam.

Klimastreik Schweiz solidarisiert sich auf Twitter mit XR:

«Unser Ziel ist letzten Endes dasselbe», betonen auch die Köpfe hinter Klimastreik Zentralschweiz. «Nur die Mittel unterscheiden sich teilweise.» In den Augen einiger Menschen würden auch die Schulstreiks und Klimademos das öffentliche Leben stören. Doch: «Ohne anzuecken kann man sich kein Gehör verschaffen.»

Immer wieder die Enkel

Im Barfüesser nähert sich die teilweise emotionale Diskussion nach über zwei Stunden dem Ende. Eine junge Kantischülerin, die den Klimastreik in Sursee mitorganisiert hat, ist nun überzeugt von der Dringlichkeit der Situation. «Ich weiss schon einiges über den Klimawandel, aber die präsentierten Fakten motivieren mich, mich noch stärker zu engagieren.» 

Ihr Vater, ebenfalls einer der Gäste bei XR Luzern, bezeichnet es als Privileg, gewaltfrei protestieren zu können, «ohne einen Knüppel über den Schädel gezogen zu bekommen». Beide sind überzeugt, dass sich der Blick auf den heutigen Protest in Zukunft wandeln wird. «Meine Grosskinder werden dereinst fragen, wieso sich nicht mehr Menschen dem zivilen Ungehorsam angeschlossen haben.» 

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1 Kommentare
  1. Roland Grüter, 14.10.2019, 14:16 Uhr

    Quatsch: Blockaden sind nicht friedlich!