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Es geht gar nicht um die Wurst
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Auch die Coop Mineralöl AG passt ihre Benzinpreise dem hohen lokalen Zuger Level an. (Bild: Mag)

24-Stunden-Shopping Es geht gar nicht um die Wurst

5 min Lesezeit 2 Kommentare 18.09.2013, 05:58 Uhr

Bratwürste rund um die Uhr – damit werben die Befürworter für liberalisierte Öffnungszeiten der Tankstellenshops. Dabei besteht bereits heute ein grosses Angebot an Einkaufsmöglichkeiten. Nicht weniger als 40 Shops hoffen in den Kantonen Zug und Luzern auch spät Nachts noch auf Besucher. Doch macht das Sinn? Selbst die Betreiberin der Coop–Tankstellen räumt ein, dass kein Bedarf über die bestehenden Betriebszeiten hinaus besteht.

An rund 30 Tankstellen im Kanton Luzern können Autofahrer nicht nur ihr Fahrzeug auftanken, sondern gleichzeitig im zugehörigen Shop verschiedene Trink- und Esswaren einkaufen. Und das auch spät am Abend. Bis um 22 Uhr ist es ohne Probleme möglich, frisches Gemüse, Back- und Teigwaren, ein Stück Fleisch, Chips und Getränke zu erhalten. Das Sortiment an den Tankstellen von Shell, Coop oder Avia ist breit. 

Überangebot in der Peripherie

Im Kanton Zug gibt es ungefähr zehn Tankstellenshops. Dies führt beispielsweise im kleinräumigen Zentralschweizer Kanton dazu, dass in der Chamer Peripherie rund um den Alpenblick mit Coop und zwei Migrolino-Filialen nicht weniger als drei Shops um späte Kunden buhlen – teilweise bis um Mitternacht geöffnet. In einem Umkreis von wenigen hundert Metern sind hier in der Nacht also mehr Geschäfte geöffnet als in der fünf Kilometer entfernten Stadt Zug. Und dies ausserhalb bewohnter Gebiete.

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Über die Kantonsgrenzen hinaus

Im Kanton Luzern müssen Verkaufsgeschäfte werktags um 18.30 Uhr schliessen, am Samstag um 16 Uhr. Die Gemeinden können zwei Abendverkäufe pro Woche bewilligen. Ausgenommen sind Bäckereien, Molkereien, Blumengeschäfte, Tankstellen, Apotheken und Kioske. Besondere Schliessungszeiten gelten für Geschäfte, die auf den Tourismus ausgerichtet sind. Verkaufsgeschäfte, die Tankstellen angegliedert sind und deren Fläche höchstens 100 m2  beträgt, müssen spätestens um 22 Uhr schliessen. Besondere Vorschriften gelten für das Gastgewerbe.

Liberaler sind die Regeln im Kanton Zug. Von Montag bis Freitag schliessen die Verkaufslokale hier spätestens um 19 Uhr, Samstags um 17 Uhr. Der Gemeinderat kann pro Woche einen Abendverkauf bewilligen. Wer noch etwas später einkaufen möchte, fährt über die Kantonsgrenze nach Sins AG. Dort lässt es sich Samstags eine Stunde länger einkaufen.

Es gibt Kantone, in welchen die Öffnungszeiten nicht durch Ladenschlussgesetze geregelt sind. In diesen Fällen gelten die Vorgaben des Bundes: Generell dürfen in der Schweiz Läden unter der Woche bis 23 Uhr geöffnet haben. Nachtarbeit (ab 23 Uhr) und Sonntagsarbeit sind grundsätzlich verboten und bedürfen einer Bewilligung. Reine Familienbetriebe sind nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt.

Dort ermöglicht die SBB wie auch in der Stadt Luzern in einer RailCity das Shopping an 365 Tagen im Jahr. Das vielfältige Einkaufsangebot wird daneben auch durch Shoppingzentren ergänzt, die in Luzern und Zug wöchentlich Abendverkäufe durchführen. Der Surseepark und die Stadt Zug tun dies am Donnerstag, das Emmencenter und der Pilatusmarkt am Mittwoch und Freitag jeweils bis 21 Uhr, die Herti am Freitag bis 20 Uhr und das Einkaufszentrum Zugerland am Freitag bis 21 Uhr. Es bestehen also mehr als genug abendliche Einkaufsmöglichkeiten in der Zentralschweiz. Wer muss da nach Mitternacht noch eine Bratwurst einkaufen? 

Bratwürste – längst legalisiert

Das überparteiliche Arbeitskomitee «Ja zum Arbeitsgesetz» wirbt für die Abstimmung vom kommenden Sonntag provokativ mit genau diesem Produkt – der Slogan lautet «Bratwürste legalisieren». Bereits heute können Tankstellenshops von Montag bis Sonntag mit einer Bewilligung 24 Stunden geöffnet haben. Allerdings dürfen die Betreiber nur ein Bistro führen. 24 Tankstellen verfügen aber über eine separate Bewilligung und betreiben einen Shop mit dem normalen Warenangebot, rund um die Uhr. So zum Beispiel die Autobahnraststätten im Luzernischen Neuenkirch.

Dies soll neu auch für alle anderen Tankstellenshops an Hauptverkehrswegen – eine schwammige, vom Bundesgericht konkretisierte Definition – möglich sein. Der tägliche Pendlerverkehr zwischen naheliegenden Ortschaften, der Agglomerations- und der Ortsverkehr gehören nicht dazu. Wie viele Tankstellen dies betrifft und wie viele von den neuen Regelungen gebrauch machen würden, ist unklar. 

Bei migrolino variieren die zu später Stunde gewünschten Produkte je nach Standort. «Tendenziell werden vor allem Frischprodukte wie Brot, Früchte, Gemüse und Milch nachgefragt», erklärt Marie-Louise Baumann und fügt an: «Oft werden bei migrolino auch Getränke und Fertigprodukte, zum Beispiel Pizza, eingekauft.» Sabine Schenker, Leiterin Marketing bei Coop Mineralöl AG, erklärt, dass neben Benzin vor allem Backwaren, Getränke und Artikel aus den Frische-Angebot gefragt seien. Daneben sind bekanntlich auch Zigaretten und alkoholische Getränke beliebt.

Sicherheit für die Polizei kein Thema

Im Zusammenhang mit langen Öffnungszeiten von Tankstellenshops gibt nicht zuletzt die Sicherheit vor Ort Anlass zu Diskussionen. Marcel Schlatter, Sprecher der Zuger Polizei bestreitet, dass die Sicherheit rund um die Tankstellen ein Thema sei. Bei Restaurants und Takeaway-Ständen sehe die Situation ähnlich aus. Zwar beklagten sich Anwohner über Lärm. «Ein Gewaltproblem besteht aber auch da nicht», ist Schlatter überzeugt.

Dieser Darstellung widersprechen verschiedene Informanten. Ein Besuch bei der Shell-Tankstelle in Cham spätabends weckt denn auch kein besonders grosses Sicherheitsgefühl. Vor dem Shop stehen grössere Gruppen jüngerer Männer, die ankommende Kundinnen unverhohlen mustern. Die Eingangstüre in den Shop ist verschlossen und videoüberwacht, die Türe wird erst nach längerer Zeit von der Kasse aus geöffnet – und bei Betreten der Ladenfläche umgehend wieder verschlossen. Gefühlte Sicherheit – auch beim Personal – ist das nicht.

Tankstellen als Sammelplätze

Auch die Luzerner Polizei will in diesem Zusammenhang nichts von aussergewöhnlichen Vorfällen wissen. Laut Informationschef Kurt Graf würden gelegentlich Einbruch- und Ladendiebstähle stattfinden. Ihre Anzahl bewege sich aber im Durchschnitt. In diesem Punkt widerspricht er einer Aussage des Geschäftsleiters des Luzerner Gewerkschaftsbundes, Marcel Budmiger. Dieser meint: «Während Betrunkene meist nur unangenehm sind, häufen sich bei Tankstellenshops gerade wegen der langen Öffnungszeiten auch Raubüberfälle.» Graf räumt zwar ein, dass es in Zusammenhang mit den langen Öffnungszeiten vorkomme, dass Jugendliche von ihren Sammelplätzen bei Tankstellen oder Shoppingcenter weggeschickt werden müssten. «Doch markante Änderungen haben wir keine festgestellt», so der Informationschef.

Die Kritik des Luzerner Gewerkschaftsbundes (LGB) an den spätabendlichen und nächtlichen Arbeitsbedingungen betrifft jedoch nicht nur die Sicherheit. Die Arbeitsbedingungen im Verkauf seien heute oft schlecht, so der LGB in einem Positionspapier zum 24-Stunden-Shopping. Budmiger weist auf die triste Stimmung in den mit Kunstlicht gefluteten Verkaufsshops hin und behauptet: «Im Avia-Shop der Autobahnraststätte Neuenkirch arbeitet zwischen 18.30 Uhr abends und 9 Uhr morgens jeweils nur eine Verkäuferin, in anderen Tankstellenshops sieht es kaum anders aus. An eine WC-Pause ist so nicht zu denken.» Avia war für eine Stellungnahme diesbezüglich nicht erreichbar.

Bei migrolino wird in der Personaleinsatzplanung in den Abendstunden besonders darauf geachtet, dass immer mindestens zwei Mitarbeitende im Shop tätig sind. Weiter werden die Mitarbeitenden in speziellen Schulungen mit den notwendigen Verhaltensregeln vertraut gemacht. Dazu gehören die visuelle Kontrolle der Aussenzone einer Filiale. Zudem sind «die Arbeitsbedingungen im Verkauf schon heute oft schlecht.»

24-Stunden-Gesellschaft bereits Realität?

Budmiger befürchtet auch, dass mit der Annahme der Arbeitsgesetz-Vorlage die Nachtarbeit nicht mehr als gesetzliche Ausnahme deklariert würde. Dadurch könnte das betroffene Personal nicht mehr mit Lohnzuschlägen rechnen. «Nachtarbeit sollte auf wirklich nötige Arbeiten wie in Spitälern, Polizei oder Kraftwerke beschränkt sein. Der Verkauf von Tiefkühlpizzen morgens um drei Uhr gehört aber sicher nicht dazu», ist er überzeugt.

Besteht denn überhaupt ein Bedürfnis, rund um die Uhr einzukaufen? Selbst die Coop Mineralöl AG bezweifelt dies. Gemäss Sabine Schenker, Leiterin Marketing, würden die langen Öffnungszeiten von den Kunden sehr geschätzt. Sie fügt aber an: «Die 24-Stunden-Öffnungszeiten gibt es bei Coop Pronto nicht und ist bei unseren selbstständigen Shop-Unternehmern kein Bedürfnis.» Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) geht im Gegensatz dazu davon aus, dass die 24-Stunden-Gesellschaft mittlerweile die Realität darstellt.

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2 Kommentare
  1. Daniel Huber, 19.09.2013, 22:53 Uhr

    Dann muss man mir einfach mal erklären, weshalb es offenbar zu einem Menschenrecht zählen soll, morgens um 2 Uhr eine Tiefkühlpizza einzukaufen. Um diese zuzubereiten, benötige ich ja auch einen Backofen. Und neben dem habe ich in der Regel einen Tiefkühler mit Pizzen… es gibt wohl bürokratische Hürden, die meine Freiheit deutlich stärker einschränken.

  2. Alexander Limacher, 18.09.2013, 08:51 Uhr

    «Es geht gar nicht um die Wurst»
    Selbstverständlich geht es um die Wurst am 22. September. Es geht einzig und alleine darum, die bürokratische und unsinnige Sortimentsbeschränkung aufzuheben. Nichts anderes. Es geht weder um Arbeitsbedingungen für das Verkaufspersonal (sind ja sowieso im Laden) noch um die 24- Stunden-Shopping-Gesellschaft.

    Warum soll ich als Kunde in so einem Shop eine im Bistro zubereitete Pizza kaufen dürfen, eine TK-Pizza allerdings wird mir verwehrt? Dummfug auf der ganzen Linie – und dies will die Teilrevision korrigieren. Nichts anderes.