Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
«Es geht bei BDSM nicht ums Peitschen, sondern das Zwischenmenschliche»
  • Gesellschaft
  • Sexualität
Teppichklopfer, Rohrstock, Dildo, Seile – quasi das «Mise en Place» einer BDSM-Session. (Bild: ida)

Im Luzerner Neubad wird wieder über Sex gesprochen «Es geht bei BDSM nicht ums Peitschen, sondern das Zwischenmenschliche»

6 min Lesezeit 06.12.2019, 14:00 Uhr

«BDSM» – oder kurz Sadomaso – das dunkle Liebesleben? Im Luzerner Neubad erhielt man einen Einblick in die für die meisten fremde Welt. Vom Orgasmus im Kopf und von Lust und Schmerz.

Wie stellt man sich einen «Dom» vor? Einen, der sich seit 30 Jahren in der BDSM-Szene bewegt, anderen Schmerzen zufügt und dabei Lust verspürt? Nun, vermutlich ganz anders, als es in der Realität ist. Genesis (das ist sein Pseudonym, er will der Öffentlichkeit nicht bekannt werden) ist ein Mann, geschätzt Mitte 50. Ganz in Schwarz gekleidet, runde Brille, sympathisches Auftreten.

Er traf in der Veranstaltungsreihe «6 x Sex» im Luzerner Neubad am Mittwoch auf Michaela Fuchs – blondes Haar, Side-Cut, ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet. Sie betitelt sich selbst als Beziehungsanarchistin und bewegt sich seit Jahren in der BDSM-Szene.

BDSM heisst so viel wie «Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism». All das, was viele von «Shades of Grey» zu kennen glauben. Sex mit Peitschen, Fesseln, Lack und Leder. Erniedrigt und geknebelt werden, wo Schmerz und Lust aufeinandertreffen. Durch das Gespräch führte Matthias Boss. Er ist angehender Psychotherapeut und organisiert die «6 x Sex»-Veranstaltungen im Neubad (siehe Box).

«Ich habe ein Fetisch für Ehrlichkeit.»

Michaela Fuchs, Beziehungsanarchistin

Das Spiel mit dem Schmerz ist insbesondere auch Kopfsache. «Es ist der Gehirnorgasmus», sagt Michaela Fuchs. Sie selbst sei in die BDSM-Szene gerutscht, weil sie glaube, dass die Welt ein Spielplatz sei. Und auf diesem könne man sich austoben.

Dadurch sei sie viel selbstbewusster geworden, habe gelernt, «Nein» zu sagen. Zu sagen, was ihre Bedürfnisse und Wünsche sind. «Ich habe ein Fetisch für Ehrlichkeit», sagt Fuchs. Nicht nur, wenn es um Sexualität geht – sondern in allen Bereichen ihres Lebens.

«Ich fühle jeden Schlag, jeden Schmerz mit. Geistig – nicht körperlich. Manchmal bin ich bachnass vor lauter Konzentration.»

Genesis, ein Dom aus der BDSM-Welt

Eine BDSM-Session sei etwas vom Schönsten, knüpft Genesis an. «Das Gegenüber zu sehen, wie es zittert, nicht mehr kann – und wie dann die Erlösung mit dem Schmerz kommt. Ich fühle jeden Schlag, jeden Schmerz mit. Geistig – nicht körperlich. Manchmal bin ich bachnass vor lauter Konzentration.» Ob er dabei selbst zum Höhepunkt komme oder nicht, sei Nebensache.

Die Beziehung zwischen der Person, die der anderen Schmerz zufügt (der «Dom») und derjenigen, die sich ihm unterwirft (die «Sub») sei das Wichtigste überhaupt. «Es geht in der BDSM-Szene nicht um Peitschen und Actions, sondern um das Zwischenmenschliche.»

Eine Session – eine gemeinsame Sache

Alles geschehe im Konsens. Beide Partner äussern ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse. Vor der sogenannten «Session» wird ein Safewort abgemacht. Wird es jemandem zu viel, wird das Wort gesagt – beide hören sofort auf.

«Ich bezeichne mich im Allgemeinen als Hedonist – der Spass an der Freude hat, gerne entdeckt und ausprobiert.»

Genesis

Man beobachte und «lese» den Partner während der Session, sagt Genesis. Wenn man unsicher sei, frage man einfach nach, ob alles in Ordnung sei.

Über die Veranstaltungsreihe «6 x Sex» im Neubad

Die Veranstaltungsreihe «6 x Sex» setzt sich zum Ziel, schambehaftete Themen auf den Tisch – oder in den Neubad-Keller zu bringen. Das sind die nächsten drei Veranstaltungen:

  • 8. Januar: Sexarbeit.
  • 5. Februar: Sex im Alter.
  • 4. März: Virtualität.

Dynamische Rollen

Die Rollen sind fliessend und können sich im Spiel dynamisch verändern, sagen Fuchs und Genesis. Er selbst habe die «masochistische Sub-Rolle» entdeckt – unterwirft sich dem Gegenüber auch mal gerne. Von Kategorisierungen hält er nichts: «Ich bezeichne mich im Allgemeinen als Hedonist – der Spass an der Freude hat, gerne entdeckt und ausprobiert.»

Er vergleicht eine Session mit einem Tanz, bei dem der Führer – der «Dom» – auch spüre, wenn das Gegenüber die Rollen wechseln möchte, die Zügel quasi in die Hand nehmen möchte.

Vor der Peitsche kommt das «Kerzli»

Vor einem Treffen werde im Kopf ein Drehbuch geschrieben, sagt Genesis. «Schlussendlich finden davon nur etwa zehn Prozent so statt – der Rest ist Improvisation.»

Und Fuchs erzählt, wie sie zu Beginn eines «Spiels» quasi ein Mise en Place bereitmacht. Da stellt sie Sextoys, Fesseln, Seile, Teppichklopfer und Rohrstock bereit. Man spreche mit dem Partner über No-Gos.

Genesis erzählt weiter: «Zu Beginn der Session mache ich gerne etwas Romantisches. Ein Kerzli anzünden, Musik abspielen, mit einer Massage beginnen.» Es gehe bei BSDM darum, Kontraste zu setzen, mit den Sinnen zu spielen – ob von kalt zu heiss, von einer zärtlichen Berührung zu einem Klaps.

Bis es in eine «feine Session» übergehe, mit Fesselspielen oder dem «Spanking» – dem Schlagen auf Gesäss oder andere Körperteil. Im Mittelteil könne dann der Fantasie freien Lauf gegeben werden. Da kämen seine «Spezialitäten» zum Zuge.

Den Dildo im Mund, die Klammer an der Brustwarze

Einmal sei es darum gegangen, den «Oralverkehr einer Dame zu trainieren». Also habe er sie gebeten, einen «Knebel» – einen Dildo – in den Mund zu nehmen. Dieser sei mit einer Schnur verbunden gewesen, an der ein Gewicht hing. An Stellen ihres Körpers habe sie Klammern gehabt, die auch wieder über Schnüre mit dem Gewicht verbunden gewesen seien. Wenn sie den «Knebel» nicht mehr habe halten können, zog es ihr die Klammern runter – der Schmerz kam.

Genesis zeigt Bilder aus seinen Sessions. Nur schon beim blossen Anblick liess sich – insbesondere bei den weiblichen Zuhörerinnen – der Schmerz erahnen. Mehr als nur eine Zuhörerin wendete ihren Blick ab oder hielt sich die Hand vor Augen. Man sah Klammern eines medizinischen Tackers, mit dem ein Arzt eigentlich Schnittwunden zutackert, in einer Brust. Auf einem anderen Bild sah man Kanülen von Spritzen um eine Brustwarze.

Nach dem Peitschenschlag nimmt man sich in die Arme

Man dürfe die «Aftercare», quasi das, was nach der Session kommt, nie vergessen. Es soll beide Teilnehmer in die normale Welt zurückbringen. Man nimmt sich in die Arme, «zeigt der Person, dass sie in dem Moment die Wertvollste ist», sagt Genesis.

Das könne das Kuscheln danach sein, der Sex, ein Gespräch, die Zigarette danach oder ein gemeinsames Essen. Wenn man das nicht mache, könne man in ein psychisches Loch fallen. Das sei ihm selbst schon zwei Mal passiert. Genesis erklärt: «Wenn man gespankt (Anm. d. Red. geschlagen) oder dominiert wird, werden so viele Endorphine ausgeschüttet, bis die Drüsen leergepumpt sind.» Sind diese Glücksgefühle weg, kommt nach dem Hoch ein Tief.

Stigmas brechen

Dass Sex nicht wie in Hollywood-Filmen aussieht, wurde bereits schon an der ersten «6 x Sex»-Veranstaltung vor über einem Jahr klar. Michaela Fuchs sagte schon damals: «Lust ist dreckig, schwitzig. Mal laut, mal leise, klein und gross» (zentralplus berichtete).

«Durch die Veranstaltung konnten sich die Gäste ein neues Bild von dieser fremden Welt holen – oder aber sich bestätigen lassen.»

Matthias Boss, Veranstalter «6 x Sex»

Ursprünglich war der Plan – wie es der Name schon sagt – nur sechs Veranstaltungen im Neubad durchzuführen. Weil es aber noch viele schambehaftete Themen gebe und längst noch nicht alles gesagt wurde, entschieden sich Matthias Boss und das Neubad-Team, nochmals sechs Veranstaltungen zu lancieren.

«BDSM ist omnipräsent – nicht erst seit Shades of Grey», sagt Boss. Es sei ein tabuisiertes Thema, bei dem viele gleich Bilder, Stigmas und Stereotypen im Kopf hätten. In den Medien sei es immer wieder Thema, wodurch oftmals Stereotypen aufrechterhalten würden.

«Wenn’s mich geil macht …»

Durch die Podiumsdiskussion erhielt man als Laie Einblick in diese fremde Welt, in das scheinbar dunkle Liebesleben – dass doch so viele interessiert. Boss sagt: «Durch die Veranstaltung konnten sich die Gäste ein neues Bild von dieser fremden Welt holen – oder aber sich bestätigen lassen.»

Die Grenzen legt jeder für sich selbst fest – oder das, was Sex ist, oder «einen geil macht», wie Michaela Fuchs sagt: «Wenn’s mich geil macht, ist es für mich Sex. Dass nur Penis in Vagina Sex bedeutet, davon sind wir alle weggekommen – hoffe ich zumindest.»

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 600 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Wie viel ist Dir unabhängiger Journalismus wert?

Schön besuchst Du zentralplus. Für Dich gehen wir vor Ort, sind mitten drin und nahe dran. Doch ganz gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Um die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben, benötigen wir Deine Unterstützung. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

Schön besuchst Du zentralplus. Du verwendest einen Adblocker. Werbung ist für eine wichtige Einnahmequelle, die uns hilft, die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben. Denn gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

CHF