Wieso auch Frauen gegen das Frauenstimmrecht kämpften
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Silvia Hess ist freischaffende Historikerin, Projektmitarbeiterin des Historischen Museums und Dozentin an der Universität Luzern. (Bild: ida)

Luzerner Historikerin Silvia Hess zum 50-Jahr-Jubiläum Wieso auch Frauen gegen das Frauenstimmrecht kämpften

8 min Lesezeit 3 Kommentare 11.10.2020, 15:29 Uhr

Vor bald 50 Jahren nahmen die Luzerner Männer das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene an. Historikerin Silvia Hess erklärt, warum es auch anders hätte kommen können.

Gerade einmal 60 Jahre ist es her, als in Luzern Flugblätter verteilt wurden, in denen Frauen als «Hüterin des Hauses» und «die willkommene Mitarbeiterin des Mannes» betitelt wurden. Und gerade einmal 50 Jahre ist es her, als die Luzerner Männer Ja zum Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene sagten (zentralplus berichtete). Zehn Jahre davor waren sie noch dagegen.

Wir haben die Historikerin Silvia Hess, die an der Universität Luzern doziert, dazu befragt, was in diesen Jahren politisch und gesellschaftlich vor sich ging.

zentralplus: Silvia Hess, es gab Frauen, die an vorderster Front gegen das Frauenstimmrecht kämpften. Etwa im Bund der Luzernerinnen gegen das Frauenstimmrecht. Was waren das für Frauen, die sich vehement dagegen wehrten?

Silvia Hess: Die aktiven Gegnerinnen waren meist gut situiert und gebildet. Oftmals waren sie mit aktiven Gegnern verwandt oder mit ihnen beruflich verbunden. Präsidentin des Bunds der Luzernerinnen gegen das Frauenstimmrecht war Josefine Steffen-Zehnder. Sie war promovierte Historikerin, Mutter dreier Kinder und leitete das Studentenheim in Luzern. Sie muss eine gute Rednerin gewesen sein. Eine blitzschnelle Frau, die keine Angst hatte, vor anderen ihre Meinung zu sagen. Ihr soll es gefallen haben, wenn der Saal brodelte.

zentralplus: Die Gegnerinnen leisteten erbitterten Widerstand gegen eine «Verpolitisierung von Frauen», wie sie es nannten. Warum war Steffen-Zehnder so aktiv?

Hess: Sie war der Ansicht, Politik sei ein grobes Geschäft, in dem heftig diskutiert und beschimpft werde, Menschen sich zerstreiten könnten. Steffen-Zehnder wollte deshalb Frauen aus der Politik raushalten. Sie argumentierte, dass man Frauen davor schützen müsse, von Männern politisch unter Druck gesetzt zu werden. Ihr Engagement selbst stellte natürlich ein Paradox dar.

Jubiläumsfeier in Luzern

Am 25. Oktober feiert der Kanton Luzern 50 Jahre Frauenstimmrecht. Anlässlich dieses Jubiläums hat sich ein Verein gegründet. Zahlreiche Veranstaltungen finden in Luzern statt – unter anderem widmet auch das Historische Museum dem Thema eine Ausstellung und eine Theatertour.

Die Jubiläumsfeier findet am 21. Oktober im Hotel Schweizerhof Luzern statt. Mit dabei sind alt Nationalrätin Judith Stamm, Monika Fischer von «GrossmütterRevolution», Michelle Meyer, Co-Präsidentin der jungen Grünen Luzern und Gleichstellungsexpertin Lucia Lanfranconi von der Hochschule Luzern. Eintritt ist frei, Anmeldung ist erforderlich. Mehr Infos findest du hier.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Hess: Josefine Steffen war ein Beispiel dafür, dass Frauen sehr wohl im Gegenwind stehen, eine politische Meinung bilden und diese nach aussen vertreten können. Eine andere sehr aktive Gegnerin war Ida Monn-Krieger, die kurz vor der Abstimmung 1970 gestorben ist. Sie hatte Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen und verknüpfte das Frauenstimmrecht mit einem Unbehagen an der Moderne. Sie befürchtete, dass durch das Frauenstimmrecht jene Dinge, die ihrer Meinung nach der Gesellschaft Halt geben – allen voran Geschlechterrollen – wegbrechen würden.

zentralplus: Sahen die Frauen sich etwa als privilegiert an?

Hess: Die aktiven Gegnerinnen und Befürworterinnen waren einander auf den ersten Blick ähnlich. Es war nicht so, dass Konfession, Region oder finanzieller Hintergrund ausschlaggebend dafür waren, ob eine Frau zur Verfechterin oder Bekämpferin des Frauenstimmrechts wurde. Vielmehr waren es wohl persönliche Erfahrungen. Ob einem die strikte Trennung von Männer- und Frauenrollen Sicherheit gab oder ob man diese als ungerecht empfand, weil man beispielsweise nicht den Beruf ausüben konnte, den man wollte. Bei den Befürworterinnen waren aber auch viele ledige und berufstätige Frauen aktiv.

zentralplus: In Luzern war es eine Volksinitiative der Konservativen Volkspartei, einer Vorgängerin der heutigen CVP, die das Ruder herumriss und das Frauenstimmrecht in Luzern mehrheitsfähig machte. Es überrascht, dass das Anliegen ausgerechnet aus dem konservativem Kreis kam.

Natürlich gibt es auch böse Zungen, die sagen: 1971 war ein Wahljahr.

Hess: Das erstaunt viele. Es gab Ende der 60er-Jahre einige Personen innerhalb dieser Partei, die sich stark fürs Frauenstimmrecht einsetzten. Die Konservative Volkspartei Luzern fusionierte 1970 mit der Christlichsozialen Partei. In diesem Sinne galt die Initiative für das Frauenstimmrechts als eine Art Beweis für das neue Selbstverständnis der Partei, die sich als modern und fortschrittlich präsentieren wollte. Natürlich gibt es auch böse Zungen, die sagen: 1971 war ein Wahljahr. Die Konservativen wussten, dass sie bei zukünftigen Wahlen punkten und insbesondere auf Stimmen der Frauen hoffen können, wenn sie die Partei sind, die dem Frauenstimmrecht in Luzern zum Durchbruch verhilft.

zentralplus: Inwiefern haben die 68er-Bewegung und die sexuelle Revolution den Diskurs übers Frauenstimmrecht beeinflusst?

Hess: Der Kontext der 60er-Jahre ist sehr wichtig. Es war eine Zeit des sozialen Umbruchs. Die 68er-Bewegung ist auch an Luzern und den Konservativen nicht spurlos vorbeigezogen. Gesellschaftliche Normen wurden in Frage gestellt. Das Ideal der Hausfrau und Mutter bekam Konkurrenz vom Bild der modernen, berufstätigen Frau. Es war Hochkonjunktur, viele Frauen waren auch im Dienstleistungssektor gefragte Arbeitskräfte. Das rüttelte an den traditionellen Geschlechterrollen.

zentralplus: 1960 stimmten die Luzerner Männer bei einer kantonalen Abstimmung noch deutlich gegen das Frauenstimmrecht. Weshalb brauchte es mehrere Anläufe?

Es wurde nicht darüber gesprochen, dass eine Frau schlicht an einem Sonntag einen Stimmzettel in die Urne wirft.

Hess: Die Debatte war damals emotional aufgeladen. Es wurde nicht darüber gesprochen, dass eine Frau schlicht an einem Sonntag einen Stimmzettel in die Urne wirft. Sondern es wurde bedrohlich an die Wand gemalt, was mit den Kindern passiere, wenn Frauen als Politikerinnen ausser Haus wären. In Realität gab es viele Frauen, die aus finanziellen Gründen arbeiten mussten, aber das Idealbild der Mutter und Hausfrau wurde 1959 und 1960 als starkes Gegenargument eingesetzt. Die Geschlechterrollen bestimmten, dass Frauen und Männer wie in zwei getrennten Welten leben sollten, wobei die Vorherrschaft bei den Männern lag. Die Frau wäre fürs Soziale und Häusliche verantwortlich, der Mann fürs Kulturelle und Öffentliche – und Politik galt somit als Männersache.

zentralplus: Nur zehn Jahre nach dem eidgenössischen Nein 1959 und dem Luzerner Nein 1960 nahmen die Luzerner Männer 1970 das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene an. Was ist in den zehn Jahren passiert, dass es einen derartigen Umbruch gab?

Hess: Es half sicher, dass das Anliegen von der Konservativen Volkspartei kam, der mächtigsten Partei, welche die Hälfte aller Kantonsratssitze innehatte. Das überzeugte vermutlich viele Männer, die zehn Jahre vorher Nein gestimmt hatten. Zudem konnten Frauenverbände auf verschiedenen Ebenen das Thema mehrheitsfähig machen. Die Frauenbewegung trat in den 60er-Jahren durchaus selbstbewusst auf. Auch die Zeitungen werden zur Meinungsbildung beigetragen haben: Alle Luzerner Zeitungen sprachen sich explizit fürs Frauenstimmrecht aus. Sie druckten auch das Foto einer Westschweizer Bundesratsgattin ab, die neben ihrem Mann an der Urne ihren Stimmzettel einwarf. Die Gegnerinnen des Frauenstimmrechts wurden in diesem Umfeld leiser. 1970 haben sie sich nur noch mit eins, zwei Inseraten in den Luzerner Zeitungen gemeldet.

zentralplus: Wie wegweisend war das Luzerner Ja, das vier Monate vor der eidgenössischen Abstimmung gefällt wurde, für das Schweizer Frauenstimmrecht auf Bundesebene?

Hess: Es war sicher ein wichtiger Vorentscheid. Nur einige Wochen vor der Luzerner Abstimmung lehnte man in St. Gallen das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene ab. Es überraschte folglich, wie deutlich sich die Luzerner dafür aussprachen.

zentralplus: Luzern war schweizweit der achte und in der Deutschschweiz der dritte Kanton, der das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene einführte. Zog Luzern einfach mit?

Hess: Es gab eine Art Dominoeffekt. Die Westschweizer Kantone galten als Pioniere, die Waadtländer haben sich bereits 1959 für das Frauenstimmrecht ausgesprochen. 1966 hat Basel-Stadt als erster Deutschschweizer Kanton das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene angenommen – damit war das Eis gebrochen. Luzern wollte nicht als rückständig dastehen. Es war absehbar, dass sich das Frauenstimmrecht bald eidgenössisch durchsetzen wird. Von einer Pionierleistung Luzerns würde ich nicht gerade sprechen. Denn es brauchte in Luzern viel Überzeugungsarbeit.

zentralplus: Hätte es denn auch anders kommen können?

Hess: Ja, das hätte es. Das Frauenstimmrecht hätte schon Jahrzehnte davor eingeführt werden können. Erste Versuche gab es in Luzern 1918. Damals stellte der Luzerner Stadtrat dem Stadtparlament den Antrag, die passive Wählbarkeit von Frauen auf kommunaler Ebene einzuführen. Das wurde aber abgelehnt.

Als ein Bundesrat in den 30er-Jahren sein Amt seinem Nachfolger übergab, soll er diesem gesagt haben, die Unterlagen fürs Frauenstimmrecht seien übrigens in der mittleren Schublade rechts.

zentralplus: Und später?

Hess: Auch in den 20er-Jahren gab es schon viel Sympathien und Aufschwung für das Frauenstimmrecht. In vielen europäischen Staaten wurde es in dieser Zeit eingeführt. In der Schweiz reichten 1929 Frauenverbände, die Sozialdemokratinnen und die Gewerkschaften eine Petition für das Frauenstimmrecht ein – mit einer Viertelmillion Unterschriften. Das war ein Rekord. Der Bundesrat versorgte die Petition aber in der Schublade und behandelte Anliegen unter ferner liefen. Als ein Bundesrat in den 30er-Jahren sein Amt seinem Nachfolger übergab, soll er diesem gesagt haben, die Unterlagen fürs Frauenstimmrecht seien übrigens in der mittleren Schublade rechts. Auch darf man nicht vergessen: Zur Zeit der Jahrhundertwende waren es nicht nur Frauen, die vom Stimmrecht ausgeschlossen wurden.

zentralplus: Welchen Männern wurde das Stimm- und Wahlrecht denn verwehrt?

Hess: Zum Beispiel waren verarmte Männer oder Männer, die strafrechtlich verurteilt waren, vom Stimmrecht ausgeschlossen. Bis 1874 waren alle Angehörigen von nichtchristlichen Religionsgemeinschaften ohne Stimmrecht. Um 1900 waren nur knapp 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung stimmberechtigt.

zentralplus: Wir haben bereits über bekannte Gegnerinnen des Frauenstimmrechts gesprochen. Wer zählte zu den Pionierinnen?

Hess: Zum Beispiel Josi Meier, die spätere Ständerätin, oder – etwas weniger bekannt – die Luzernerin Margrit Liniger-Imfeld. Letztere hat später nie ein politisches Amt eingenommen. Als ungefähr 30-jährige Frau war sie an einem Vortrag übers Frauenstimmrecht und es hat sie reingezogen. Sie trat der liberalen Frauengruppe Luzern bei und setzte sich aktiv fürs Frauenstimmrecht ein. Sie war eine streitlustige Frau, die traute, sich zu exponieren. Ihr Mann unterstützte sie, indem er sich mehr um die Kinderbetreuung kümmerte, als das damals üblich war.

zentralplus: Wie traten die Befürworterinnen vor der Abstimmung 1970 auf?

Hess: Die Befürworterinnen und Befürworter versuchten mit viel Charme, die befürwortenden Männer zu mobilisieren. Sie verteilten Zündhölzer, Autoaufkleber und Nelken. Ihre Abstimmungspropaganda wirkte eher brav, aber optimistisch und fröhlich gestimmt. In der Kampagne stand der grosszügige und zeitgemässe Mann im Fokus, der den Frauen das Stimmrecht quasi schenken solle. Damit waren sie erfolgreich.

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3 Kommentare
  1. Andreas Peter, 11.10.2020, 17:01 Uhr

    Was hat es gebracht?
    Die Politik ist irrationaler, populistischer, bauchgefühliger, spaltender, teurer und unberechenbarer geworden.
    Siehe A. Merkel in Deutschland.
    @Medien: Statt sich an Trump abzuarbeiten, könnte man einmal den Fokus auf all die Katastrophen von Frau Merkels Politik setzen. Aber das ist wohl aus den unterschiedlichsten Gründen eine „heilige Kuh“ für die Medien.

    1. B Suter, 11.10.2020, 17:43 Uhr

      Ist das wirklich ihr Ernst? Bei all den spaltenden, irrationalen, populistischen Männern die heute in der „politischen Klasse“ ihr Unwesen treiben, geben Sie den Frauen die Schuld?

    2. Remo Genzoli, 12.10.2020, 17:24 Uhr

      so ne seich…..*kopfschüttel*

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Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.