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Erst miserables Jahr, nun Ebikon: Luzerner Kinos unter Druck
  • Regionales Leben
von links: Pathé-Berater Brian Jones, Neugass-Betriebsleiter Frank Braun, Filmexperte Philipp Portmann und Moderator Beat Glur. (Bild: pze)

Super-Kino konkurrenziert auch Bourbaki Erst miserables Jahr, nun Ebikon: Luzerner Kinos unter Druck

6 min Lesezeit 1 Kommentar 01.02.2017, 10:52 Uhr

Wer soll sich all die Filme anschauen? Kitag und Pathé bauen 18 neue Kinosäle im Raum Luzern. Eine Grossoffensive in einer gebeutelten Branche. Pathé zieht in die Mall of Switzerland ein und will dort auch alternativere Filme zeigen – und wird damit zur direkten Konkurrenz für das Bourbaki. Die Betreiber sind sich über die Folgen noch nicht einig.

Der Neubad-Talk stand am Dienstagabend unter dem Motto «Die Kinobranche im Umbruch». Anlass dazu war die scheinbare Renaissance der Kinosäle: Die Kitag will das Maxx in Emmenbrücke um sechs Säle erweitern und Pathé plant ab Herbst 2017 zwölf neue Kinos in der Mall of Switzerland. Das führt faktisch fast zu einer Verdoppelung der Leinwände in Luzern.

Dabei schafft die Pathé-Kinogruppe, die sowohl Hollywood- wie Arthouse-Filme zeigt, eine neue Konkurrenz zur Maxx-Betreiberin Kitag und ebenso zum von der Neugass Kino AG betriebenen Bourbaki. Das wirft logischerweise Fragen auf. Die Talkrunde sollte beantworten, ob der Ausbau positiv für das Luzerner Kinopublikum sei oder ob es auch Verlierer gebe. Es stellt sich aber auch die Frage: Gibt es überhaupt eine Nachfrage nach 18 neuen Kinosälen? Dies war dann auch der grösste Diskussionspunkt.

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«Wenn Sie nur zwei Mal im Jahr für einen Kinofilm bezahlen, sind Sie über dem schweizerischen Durchschnitt.»

Beat Glur, Moderator

Pathé experimentiert in Ebikon

Der Moderator und Geschäftsleiter des Schweizerischen Verbandes der Filmjournalisten, Beat Glur, machte darauf aufmerksam: 2016 war ein miserables Kinojahr. Die Besucher blieben den Sälen fern. Wie er lakonisch zusammenfasste: «Wenn Sie nur zwei Mal im Jahr für einen Kinofilm bezahlen, liegen Sie über dem schweizerischen Durchschnitt.»

Multi oder Mini? Kino ist nicht gleich Kino

Es gibt drei Arten von Kinos: Einzelkinos, also ein Haus mit einem Saal, und sogenannte «Multi- und Miniplexe». Diese sind Institutionen mit mehreren Sälen. Ab acht Sälen gilt man in der Schweiz als «Multiplex»-Kino. Die Multiplexe werden aus Platzgründen oft in die Peripherie einer Stadt verlegt. Dort gibt es günstigeren Boden, Platz zum Bauen und oft einen guten Verkehrsanschluss.

So betreibt die Neugass Kino AG mehrere Miniplex-Kinos in Zürich und Luzern, während Pathé und Kitag sogenannte Multiplex-Kinos betreiben. Die Ballung der Säle an einem Ort hat einen entscheidenden Vorteil: Man kann mehr Filme mit kleinerem finanziellem Aufwand zeigen. So können die rückläufigen Zahlen (vorerst) kompensiert werden.

Davon betroffen war in der Runde hauptsächlich Brian Jones, Berater und früherer CEO der Pathé Kinos Schweiz. Die französische Kinogruppe betreibt sogenannte Multiplexkinos in der ganzen Schweiz (siehe Box). Jones versichert, die Pathé-Gruppe habe noch nie rote Zahlen geschrieben. Bisher verdient man also noch Geld im Kinogeschäft – aus diesem Grund baut Pathé enorm aus.

In der neuen Mall of Switzerland in Ebikon soll ein Multiplex entstehen, das mit neuster Technik ausgestattet ist. Damit will man sich von der Konkurrenz abheben. Weiter kündigt Pathé an, in Ebikon ein Imax installieren zu wollen. Dieses Kinoformat, das auf extragrosse Bilder spezialisiert ist, gibt es in Luzern bisher nur einmal, nämlich im Verkehrshaus.

Der Verkehr als Problem in Ebikon

Pathé plant also eine Offensive auf alle Sparten, die es in Luzern gibt. Ob die Leute dann auch kommen werden? Philipp Portmann, Filmexperte bei «Tele 1» und «Radio Pilatus», sagt: ja, aber. Zu Beginn würden die Leute sicher neugierig auf das neue Kinoangebot reagieren – mit der Zeit werde sich das Ganze aber einpendeln. Ein grosses Problem, welches noch nicht gelöst sei, sei dabei der Verkehr: «Wenn alles verstopft ist, so wie beispielsweise heute Abend, so werden sich einige überlegen, nicht den Blinker zu setzen und zurück in die Stadt zu fahren für den Kinobesuch.»

Jones räumte ein, der Verkehr sei ein Problem. Er machte darauf aufmerksam, dass Pathé nicht nur mit Publikum aus Luzern rechnet. Durch die Lage an der Autobahn liege mit 30 Autominuten auch Zug im Einzugsgebiet des neuen Kinos. Ausserdem wolle man in Ebikon in einer Testphase ausprobieren, sogenannte Arthouse-Filme – also alternative, künstlerische Filme, oft auch Schweizer Produktionen – zu zeigen. Zusätzlich wolle man auch ausprobieren, wie das Publikum auf Titel in Originalsprache reagiert. Auch hier: entgegen dem Trend. Rund 60 Prozent der Zuschauer ziehen die Synchronfassung der Originalversion vor, Tendenz steigend.

Bourbaki wenig beeindruckt vom Kinoriesen

Das Feld der Arthouse-Filme beherrscht bisher in Luzern ohne Wenn und Aber das Bourbaki-Kino. Das Viersaal-Kino zeigt künstlerische Filme und grenzt sich damit ganz bewusst von den Hollywood-Blockbustern der Kitag-Gruppe ab. Damit beliefern sie einen ganz bestimmten Nischenmarkt. Nun tritt mit Pathé ein finanzstarker Konkurrent auf die Bühne, nicht unweit von Luzern. Ist man im Kultkino davon beunruhigt?

«Wenn die Kinos in der Stadt verkümmern, verkümmert auch das Stadtleben ein Stück weit.»

Frank Braun, Geschäftsleiter Neugass Kino AG

Nein, sagt Frank Braun, Geschäftsleiter der Neugass Kino AG. «Wir wissen genau, was wir machen», so der Zürcher, «und unser Publikum weiss das auch.» Von den drastisch sinkenden Besucherzahlen seien sie zwar nicht ausgenommen, aber Arthouse-Kinos würden sich oft azyklisch verhalten. Das heisst, so Braun: «Entgegen dem allgemeinen Rückgang von zwölf Prozent hatte das Bourbaki im letzten Jahr ein Plus von neun Prozent erreicht.»

Die Zahlen seien aber zu relativieren, bei den Grossen wie bei den Kleinen, so Braun. Gebe es in einem Jahr nur zwei richtig erfolgreiche Blockbuster, so schnellen die Zahlen nach oben. Auch beim Bourbaki könne man einige wenige Filme nennen, die ganz entscheidend für die positive Bilanz mitverantwortlich sind. «Würden diese wegfallen, sähe es bei uns wahrscheinlich ähnlich aus», so Braun. Ein solcher Film sei 2016 beispielsweise der Regionalhit «Heidi» gewesen.

Kinos beziehen keine Subventionen

Ein wichtiger Streitpunkt war die Frage, wie sich Multiplexkinos in der Peripherie auf die Kinolandschaft der Städte auswirken. Pathé-Berater Jones ist sich sicher: Das Angebot wird durch die Multiplexe reicher, das Angebot vielfältiger. «Es werden nur wenige Kinos ihre Türen schliessen, auch wenn wir nach Ebikon kommen. Die meisten Kinos werden überleben», so Jones.

Dem widersprach Braun. Er glaubt, Multiplexe schaffen keinen neuen Markt, es finde nur eine Umschichtung statt. Das heisst, die Kinos innerhalb der Städte verlieren ihre Kundschaft. Dies führe dazu, dass die alternativen Stadtkinos schliessen müssten – wie es beim Markteintritt von Pathé in Bern der Fall war, wie Moderator Glur einwirft. Dort schlossen seit der Eröffnung des Pathé-Multiplex ausserhalb von Bern bereits drei Stadtkinos. Braun sieht damit das kulturelle Treiben der Städte in Gefahr: «Wenn die Kinos in der Stadt verkümmern, verkümmert auch das Stadtleben ein Stück weit.»

«Wenn wir ökonomisch denken müssen, kommen wir zu Lösungen, auf die wir sonst nicht gekommen wären.»

Frank Braun, Geschäftsleiter Neugass Kino AG

Es gilt aber festzuhalten: Weder Pathé noch die «künstlerischen» Neugass-Kinos beziehen Subventionen. Die Kinos finanzieren sich noch selber. «Und das ist gut so», findet Braun, «wenn wir ökonomisch denken müssen, kommen wir zu Lösungen, auf die wir sonst nicht gekommen wären.» Die Subventionen würden «an der Kinotüre stoppen». Das heisst: Die ganze Phase der Erschaffung eines Films sei subventioniert, nur die Vorführung im Kino erhält keine staatlichen Mittel.

Einen Lichtblick, da sind sich die Diskussionsteilnehmer einig, gibt es: Es werden immer mehr Filme produziert. Das führe dazu, dass sowohl Pathé wie auch Neugass immer mehr Filme ablehnen müssen. Es gäbe schlicht nicht genügend Strukturen, um all die Werke zu zeigen.

«Nichts ersetzt einen Kinobesuch.»

Brian Jones, Berater Pathé Kinos Schweiz

«Video on Demand» wird zum Problem

Film-Experte Portmann macht zum Schluss auf ein Problem aufmerksam, das die ganze Kinowelt hart treffen könnte: Die rasche Veröffentlichung von Hollywood-Blockbustern über das Internet. Die sogenannten «Videos on Demand», also das legale Streamen von Filmen ab Plattformen wie Amazon oder Netflix, wird in Hollywood als Markt immer beliebter.

Portmann sagt: «Wenn ein Film zwei Wochen nach Kinostart bereits zu Hause legal im Internet gestreamt werden kann, wird das für die Kinos zum Problem.» Dies klingt eher nach einer Herausforderung für die offensiv investierenden Pathé-Kinos. Jones wehrt sich zugegebenermassen etwas plakativ, wenn er sagt: «Nichts ersetzt einen Kinobesuch.»

Kitag blieb dem Abend fern

Von der Kitag-Gruppe war kein Exponent bei der Diskussion mit von der Partie. Das Neubad liess verlauten, die Betreiberin der Kinos Maxx, Capitol und Moderne sei der Meinung, sie könne nichts Neues zur Diskussion beitragen. Der Abend hat gezeigt: Die Stimme der Kitag-Gruppe wäre sehr wohl interessant zu hören gewesen. Denn für sie wird die Pathé-Gruppe zur ernsthaften Konkurrenz, gerade bei den Blockbustern. Und mit der Mall of Switzerland bietet Pathé ein «Rundumerlebnis» mit Shopping und Verpflegungsmöglichkeiten. Ob das Maxx-Kino da dagegenhalten kann, wird sich zeigen.

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1 Kommentare
  1. Mario Robrev, 01.02.2017, 15:37 Uhr

    In der Überbauung Unterfeld in Baar/Zug, über die bald abgestimmt wird, ist auch ein Multiplex Kino geplant, weshalb ich mir daher nicht sicher bin ob die Zuger dann in Zukunft wirklich 20 – 30 Minuten fahren nach Ebikon.